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5 May, 18 tweets, 3 min read
Die Aussage: "In der Schule lernen die Kinder das, was sie eben nicht 'automatisch' ohnehin lernen",
die darauf folgende Frage: "Was soll das sein?" —
das wär EINE der Leitfragen für Schulentwicklung.
(Beachte das "soll"!)
Ernsthafte Antworten würden dazu führen, dass die Schule
• bescheidener wird, sich nicht für ALLES in der Sozialisation verantwortlich machen lässt,
• einen Bereich hat, in dem sie selbstbewusst gegenüber den Familien auftreten kann.
Eine andere Leitfrage (die das "soll", s.o., angeht) ist:
"Was bedeutet 'Allgemeinbildung' hier&heute?"
Zusammensetzung von Joghurt?
Don Carlos?
Parallelenaxiom?
Tibetanische Gebets-Mandalas?
Elektronen im Magnetfald?
Reichsdeputationshauptschluss?
Klavierspiel?
Welche Inhalte sind so wichtig, dass jeder Bewohner dieser Republik dazu gezwungen werden muss?
[Ich war selber Lehrer. Ich kann für jedes Thema in Nullkommanix eine flammende Begründung schreiben, warum das aber nun wirklich unverzichtbar ist.
Das kann es nicht sein!]
Wie gehen wir damit um, dass die Schüler nach kurzer Zeit Inhalte wieder vergessen haben?

[Wohlbemerkt: Das ist eine Reaktion, die der geistigen Gesundheit dient. Wenn jedes Thema der Schule den Verstand intensiv berühren würde, die Person ergriffe, wenn also der Unterricht
so funktionierte, wie er eigentlich soll, müssten wir nach der Zeugnisausgabe die Schulbusse gleich ins nächste Irrenhaus fahren lassen.
Man kann als Lehrer das Problem von sich weg halten, wenn man schwurbelt: "Bildung ist das, was übrig bleibt, wenn man den Rest vergessen hat."
In Abwandlung eines Spruchs aus einem zusammengebrochenen System:
"Wir tun so, als würden wir euch bilden und ihr tut so, als ob euch das interessiert."
(Allerdings bestimmen wir nebenbei noch über Lebenschancen!)
— rant off!]
Zurück zur "Allgemeinbildung":
Das Bildungsziel war mal der ideale kaiserliche Marineoffizier, später in einem Landesteil die umfassend gebildete sozialistische Persönlichkeit.
Und jetzt?
Jedes Individuum soll seine individuellen Talente individuell entwickeln?
Der Lehrer ist dazu der "Coach" [Sportmetapher, wir lieben das! Alles ist Bundeliga!]
Die Schule ist Service-Provider?
Und das soll Kinder für eine demokratische Gesellschaft *bilden*?
Wer ist in diesem Konzept von "Schule als Dienstleister" eigentlich der Kunde? Die Eltern?
Das Kind als im Auftrag der Eltern zu formendes Rohmaterial?
Sind "Schule" und "Bildung" eine betriebswirtschaftliche "Investition in das Humankapital"? (Jeder investiert in seine Ich-AG, deshalb kann dafür logischerweise auch Geld verlangt werden; okok: im Interesse der Wirtschaft sorgt der Staat für eine gewisse Grundbildung.)
Kurz ist der Schritt von
"Investition ins Humankapital"
zu:
"Formen von Menschenmaterial"?

Was also ist das verbindliche Ziel, auf das "die Schule" hinarbeitet. Es kann nicht der Marineoffizier sein, es kann aber auch nicht die Zurichtung der "Zöglinge" für die Wirtschaft sein.
[Angeregt durch R.Redecker, 1997:]
Eine Republik muss jede neue Generation befähigen, sich an der Regelung der gesellschaftlichen Fragen zu beteiligen. DAS ist der Bereich, der kein Selbstläufer ist. DARAUS ergeben sich sehr konkrete Aufträge für die allgemeinbildende Schule:
Ich kann das [ich finde, nur scheinbar] provozierend zusammenfassen:
Wir jammern über viele unserer Politiker.
Jede stelle sich den im Gemeininteresse idealen Parlamentarier vor!
DAS ist das Menschenbild, auf das wir in der Schule hinarbeiten sollten.
Welche Qualifikationen,
welche Werte braucht der/die?
Ich fange mal an:
• Sich in andere Menschen und Lebenswelten hineinversetzen. Deshalb: Literatur.
• Verstehen, was ein Argument von einer Behauptung unterscheidet. => Sprache&Logik
• Grundlegende Kenntnisse der WELTgeschichte?
• Was ist "Natur-Wissenschaft" (wichtiger als Detailkenntnisse über xy.)
• Grundlegende Strukturen der Mathematik (da muss man aber begründen, was Details über Winkelfunktionen oder Schnittlinien von Ebenen bringen sollen).
• Fremdsprachen. …
Bitte fortsetzen
Vermeiden eines Missverständnisses:
Ich meine nicht, dass man "NaWi" abstrakt unterrichten kann. "Was ist Ph/Bio/Ch" lässt sich nur exemplarisch an gut gewählten Fällen unterrichten.
Und ein FACH "NaWi" ist so sinnvoll wie ein Fach "Fremdsprachen", mit E,F,Sp gleichzeitig.

• • •

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3 May
Bemerkungen zu "ich denke selbst":
Im Mittelalter war es gefährlich vorhandenes Wissen zu korrigieren, das galt als "Hoffart", war eine Todsünde: "Wie kommst du kleiner Wicht dazu, die großen Denker der Vergangenheit kritisieren zu wollen."
Der Ausweg aus dieser Blockade war
eine sehr schöne bildliche, bescheidene Vorstellung:

Wir sind alle Geistes-Zwerge.
Wir können aber manchmal weiter sehen als die Geistes-Riesen der Vergangenheit, weil wir auf deren Schultern stehen.

Ich habe immer versucht, dieses Bild mit folgender Ergänzung zu vermitteln:
1. Vielleicht sind die Geistes-Riesen der Vergangenheit ebenfalls Zwerge auf den Schultern von Riesen. Wir stehen also nicht einfach auf einigen Riesen, sondern auf einer Pyramide zugegebenermaßen sehr unterschiedlich großer Zwerge.
2. Wer für sich alleine so vor sich hin denkt,
Read 6 tweets
3 May
Zum Dualismus (in der NaWi):
In der Geschichte der NaWi hat sich durchgängig gezeigt, dass "Dualismus" stets ein Zeichen dafür ist, dass ein zugrunde liegender Zusammenhang nicht klar war. Mit "Dualismus" wurde außerdem viel mystisiert.
Leitfrage "Was IST Licht" (aus meinem Unterricht).
Kurzer Abriss:
Huygens ≈1690 vermutet, das Licht eine Wellenerscheinung ist. Brechung und Beugung lassen sich gut damit erklären.
Newton ≈1690 vermutet, dass es Teilchen sind. Wie sonst könnte es durchs Vakuum fliegen?
Newton setzt sich durch, OBWOHL er Brechung … schlecht erklären kann.
ca 1800: Young et al ZEIGEN experimentell EINDEUTIG: Licht ist Welle
ca 1850: Maxwell: Licht ist eine elektromagnetische Welle
Die Vorstellung "Welle" setzt sich durch.
Aber: WAS "wellt" sich da im Vakuum?
Read 8 tweets
23 Mar
Wir wählen unser Leitungspersonal durch allgemeine und geheime Wahlen aus.
Also: Wir bekommen Personen, die Wahlen gewinnen können — wie auch immer.
Wir sehen aber gerade: Wir bekommen nicht unbedingt Personen, die das Land gut regieren können.

Das ist ein Problem, auch wenn
es keine(?) Erfahrungen mit besseren Alternativen der Personalauswahl gibt.

So weit handelt es sich um eine allgemeine Frage mit repräsentativer Demokratie.

Zu einer Systemfrage UNSERER Form von Demokratie wird das Problem zusätzlich, weil die Bundesländer in mehr als 40 Jahren
eingebläut bekommen haben, dass sie gegeneinander um Wirtschaftsinteressen konkurrieren müssen. Das ist den Ministerpräsidenten in inzwischen in die DNA übergegangen. Das führt zu der allfällig beobachtbaren Profilierungssucht. Die sind gezwungen, die Welt durch die Brille einer
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