Ein #Impulsvortrag zum Thema #Digitalisierung, ursprünglich gehalten im Rahmen der Road to #Hochschulvision, einer Reihe von Werkstattgesprächen der Fachschaften der Fakultät 09 (Geschichts- und #Kunstwissenschaften) der #LMUMünchen – als #Thread. (0/26)
Disclaimer: Was folgt, richtet sich an ein geisteswissenschaftliches Publikum und ist stark geprägt durch meine persönlichen Erfahrungen in den #DigitalHumanities, speziell in der digitalen #Musikwissenschaft, wo ich seit 2015 arbeite. (1/26)
Der Begriff #Digitalisierung ist abgeleitet vom lateinischen Wort „digitus“ = „Finger“, vgl. etwa dwds.de/wb/digital .
Finger kann man zur Darstellung von Information nutzen. Mit einem Finger kann ich bereits zwei Zustände unterscheiden: ☝️ = 1, ✊ = 0. (2/26)
Indem man mehrere dieser 1/0-Zeichen aneinanderreiht, erhält man bekanntlich ein Stellenwertsystem, das Binärsystem, und kann auf naheliegende Weise alle natürlichen Zahlen darstellen: ulthryvasse.de/index.html
✊☝️✊✊☝️✊✊✊ steht etwa für die Zahl 72. (3/26)
Findige Leute haben sich in den 60ern außerdem überlegt, dass die Zahl ✊☝️✊✊☝️✊✊✊=72 auch für den Buchstaben H stehen könnte: de.wikipedia.org/w/index.php?ti…
Also: Codierung von Buchstaben ist ebenfalls kein Problem – solange man sauber standardisiert (passiert nicht immer). (4/26)
Was für Buchstaben geht, sollte auch für viele andere Dinge funktionieren: Die Idee der #Digitalisierung ist, die zu modellierende Wirklichkeit geeignet durch Zahlen abzubilden. Was macht man etwa mit so einem Audiosignal, also von einem Mikrofon gemessenen Schallwellen? (5/26) Waveform eines kurzen Audiosamples, dargestellt als Kurve
Antwort: Man misst die Auslenkung der Membran, die diese Schallwellen aufgezeichnet hat beziehungsweise reproduzieren soll (Membranmikro bzw. Lautsprecher), in regelmäßigen Abständen und erhält eine Folge von (natürlich irgendwie zweckmäßig genau gerundeten) Zahlen. (6/26) Waveform des gleichen Audiosamples wie in Tweet 5/26, zusät
Macht man das 44.100-mal pro Sekunde, kann das menschliche Ohr das digitale nicht mehr vom analogen Signal unterscheiden: en.wikipedia.org/w/index.php?ti…
Für zig Arten von Information und Artefakten gibt es inzwischen solche bewährten Codierungsverfahren. (7/26)
Nicht immer sind diese Verfahren verlustfrei, und manchmal stellt sich heraus, dass sie verlustbehafteter waren als gedacht. Etwa beim von #dkriesel entdeckten Bug in Xerox-Kopierern, der 8 Jahre lang zu unkontrollierbar ausgetauschten Zeichen beim Scannen führte. (8/26) Folie aus einem Vortrag von David Kriesel beim 31. Chaos Com
(Der #31c3-Vortrag von #dkriesel über die technischen Hintergründe, sozialen Auswirkungen und richtigen Kommunikationsstrategien im Zusammenhang mit diesem Fehler ist übrigens immer noch absolut sehenswert und verdammt unterhaltsam: media.ccc.de/v/31c3_-_6558_… ) (9/26)
Absolute „Verlustfreiheit“ (nach welchem Maßstab denn?) ist ohnehin selten das Ziel von #Digitalisierung. Vielmehr soll durch geeignete Abstraktion die als wesentlich empfundene Information abgebildet werden. Quasi wie auch die traditionelle #Philologie vorgeht. (10/26)
Selbst eine #DigitaleEdition wie die #Fontane-#Notizbücher, deren Transkriptionen äußerst diplomatisch sind, erfasst ja nicht jede genaue Schreibweise eines Buchstabens, und gibt die Maße, etwa für Einzüge, auch „nur“ auf Millimeter genau an: fontane-nb.dariah.eu/edition.html?i… (11/26)
Worauf ich mit diesen Beispielen hinaus will: „Die“ #Digitalisierung gibt es nicht! Digitalisierung ist ein Prozess, der ausgestaltet wird. Den Ihr aktiv mitgestalten könnt! Der wie andere Prozesse wissenschaftlich-kritisch begleitet werden kann! Nein, nicht KANN. MUSS!! (12/26)
Warum streben wir überhaupt an, alles in Zahlen zu übersetzen? Weil sich Zahlen viel „leichter“ und nach abstrakten Regeln verarbeiten lassen im Gegensatz zu amorphen Objekten. Diese Idee hat bereits Gottfried Wilhelm #Leibniz umzusetzen versucht: commons.wikimedia.org/w/index.php?ti… (13/26)
Heutzutage ist die Verarbeitung von Zahlen irrsinnig schnell und effizient möglich. Daher liegt es nahe, Computer auch in den #Geisteswissenschaften einzusetzen. Wie man diese Methode (?!) nennen soll, darüber lässt sich streiten. Computergestützte Geisteswissenschaft? (14/26)
Ohne hier die Problematik des Begriffs ausrollen zu wollen: Das Modewort ist natürlich #DigitalHumanities. Aber wo beginnen „digitale Geisteswissenschaften“ eigentlich? (Es folgen Ideen nach einem Impulsreferat von @BarbaraWiermann auf der #gfmhalle2015.) (15/26)
Bei der Quellenerschließung, der #Digitalisierung schlechthin, die bereits wissenschaftliche Begleitung braucht? Bei der weiteren Abstraktion durch #DigitaleEdition? Beim digitalen #Publizieren (Man denke an die vielen Diskussionen beim Thema #OpenAccess!)? (16/26)
Oder sollte sich der Fokus eher auf die „genuin digitale“ Forschung richten, die digitale Artefakte als Grundlage hat, diese mit computergestützten Verfahren analysiert und transformiert und damit Arbeiten ermöglicht, die früher sehr aufwändig oder gar undenkbar war? (17/26)
Im Licht der inzwischen 3 #Corona-Semester kann man gleich hinzufügen: Wo gehört eigentlich die #DigitaleLehre hin? Auch hier hat man ähnliche Einordnungsprobleme: Betreiben wir nur „digitalisierte“ Lehre oder ist das gar ein Feld, das sich eigens zu beforschen lohnt? (18/26)
Klar muss sein: #Digitalisierung führt zu einer veränderten #Wissenschaftskultur, die uns alle betrifft, ob wir mit digitalen Methoden arbeiten wollen oder nicht. Beispiel Publikationskultur: Stichworte #OpenAccess, #OpenScience, #OpenData – (19/26)
mit Hilfe des Internets einen einfacheren Zugang zu Literatur und Forschungsdaten zu schaffen und einzufordern; die Möglichkeiten der Vorabveröffentlichung und des #OpenPeerReview auszunutzen, die eigene Forschungsarbeit für die Gesellschaft transparenter zu gestalten. (20/26)
Beispiel #Arbeitskultur: Stellenausschreibungen wie aktuell web.archive.org/web/2021051014… verlangen neuartige Qualifikationen. #Teamarbeit und #Interdisziplinarität sind selbstverständlich, denn oft durchblickt niemand alle Aspekte eines digitalen Projekts alleine. (21/26)
(Technikstellen in öffentlich geförderten deutschen Projekten sind nicht unbedingt die attraktivsten, die man mit den verlangten Qualifikationen bekommen könnte. 2/3-#Teilzeit, #Befristung, #WissZeitVG, Vergütung nach TV-L E 13 sind lächerlich für #FullStack-Aufgaben.) (22/26)
Beispiel #RSE/#RSEng (Research Software Engineering): Die eingesetzte #Forschungssoftware muss genauso wissenschaftlichen Standards unterliegen wie die restliche Forschungsarbeit. Mit @RSE_de gibt es inzwischen einen Verband für das Thema in Deutschland. (23/26)
Und die neueste Entwicklung im europäischen Raum: Der Aufbau von #Infrastruktur zur nachhaltigen Vernetzung gewonnener #Forschungsdaten. Stellvertretend: Die #NFDI und das für die #Geisteswissenschaften interessante Konsortium #NFDI4Culture, angelaufen Ende 2020. (24/26)
(… das trotz aller #NFDI-Bürokratie bereits erste Resultate vorweisen kann, aber in der aktuellen #Datenstrategie der #Bundesregierung bundesregierung.de/resource/blob/… nicht einmal erwähnt wird. Hier müssen wir Geisteswissenschaftler*innen dringend für unsere Fächer lobbyieren!) (25/26)
Soweit ein paar meiner Meinungen zum (zu) viel beschworenen Begriff der #Digitalisierung und seiner Bedeutung für uns als in den #Geisteswissenschaften Forschende. Danke fürs Anhören – beziehungsweise Lesen! (26/26)
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