Ich habe mich häufig gewundert, warum ich als Patient so schnell Termine bekomme und dann meist eine Diagnostik, die ich als übertrieben empfinde.

Es ist kein Zufall, das weiß ich jetzt.
Es liegt an meiner privilegierten Position als promovierter Arzt, als Mann und als Weißer.
Die Psychologin mit arabischen Wurzeln, die trotz schwersten Schwangerschaftserbrechens keine Krankschreibung erhält.

Der Ergotherapeut mit osteuropäischem Nachnamen und Armparese, der vom Hausarzt ohne Diagnostik als "Hypochonder" bezeichnet und nach Hause geschickt wird.
Die armenische Krankenpflegerin, die mit Haushaltschemikalien im Auge und stärksten Schmerzen beim Augenarzt ohne Untersuchung abgewiesen wird.

Der "mediterran" aussehende Lehrer, der trotz kardialer Beschwerden & Schlappheit nach Infekt drängeln muss, um EKG & Labor zu bekommen
Wenn ich zum Arzt gehe, bekomme ich meist das volle Programm. Ultraschall, Röntgen, Labor, Facharztüberweisungen.

Gemeinsamer Nenner: Ich brauche nicht lange danach fragen, und die Untersuchungen sind meist ohne auff. Befund. Ich bin gesetzlich versichert.

Es liegt am Privileg.
Es ist ein ungeheures Privileg, selbst Arzt zu sein. Sprechstundenhilfen finden meist ein zeitnahes freies Terminchen. Kolleg*innen sind meist sehr freundlich, interessiert, nehmen sich Zeit, nehmen mich ernst. Finde ich prima. Kaum vorstellbar, dass es nicht allen Pat. so geht.
Es ist scheinbar auch ein Privileg, ein männlicher Patient zu sein. Jeder weiß ja: Männerkörper funktionieren stets und zuverlässig. Keine störenden Hormonschwankungen, keine Überempfindlichkeit, kein Schwangerschaftsgedöns.
Natürlich ist es (nicht allein) als Patient ein großer Vorteil, einen deutschen, regional verwurzelten Namen zu haben, und ein als "deutsch" gelesenes Erscheinungsbild. Mein Migrationshintergrund? Fällt nicht auf, so lange Bart nicht zu lang und Besonnung nicht zu intensiv sind.
Dass man als nicht-deutsch gelesener Mensch im Gesundheitssystem einen großen Nachteil hat, ist inzwischen Allgemeinwissen: Die Begriffe Morbus mediterraneus, Morbus Balkan, Morbus Bosporus uvm. sind nichts anderes als pseudowissenschaftlich klingende rassistische Schimpfwörter.
Diese Probleme sind Einzelfälle, doch gibt es eine Regelmäßigkeit. Die übergroße Mehrheit der ärztlichen Kolleg*innen behandelt nach bestem Wissen & Gewissen. Ich bitte Sie, sich diesen Thread dennoch zu Herzen zu nehmen und Privilegien & Benachteiligungen zu reflektieren.
Dieser Thread richtet sich an Pat., die aus o.g. Gründen weniger oder gar nicht privilegiert sind im Gesundheitssystem. Teilt eure Erfahrungen, seid hartnäckig, vertraut euren Instinkten. Besteht auf Diagnostik, Krankschreibungen, Überweisungen. Wechselt notfalls die Behandler.
Diesen Thread widme ich dem anlass- und ergebnislosen Augenultraschall im Winter 2019/20, der mir die Ungleichverteilung der medizinischen Ressourcen im wahrsten Sinne vor Augen geführt hat.

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2 Jun
"Wir haben das Medikinet unseres Kindes vor 3 Monaten abgesetzt. Die alten Probleme haben sich allmählich, nach Wochen und Monaten wieder eingestellt. Kann das am Medikament liegen?"

Ein Thread über Missverständnisse, Kurz- und Langzeitwirkungen der medikamentösen ADHS-Therapie.
Die ADHS-Therapie mit Stimulanzien (z.B. Medikinet, Ritalin) ist mit Vorurteilen behaftet. Viele Eltern fürchten eine solche Behandlung. Gleichzeitig höre ich von vielen nach Behandlungsbeginn: "Hätten wir gewusst, wie sanft und gut das wirkt, hätten wir es früher versucht."
Zu Beginn einer medikamentösen ADHS-Therapie ist die Situation oft verfahren. Schule wird als überfordernd erlebt, es viele Misserfolge, das Kind erwartet Kritik, bewertet sich selbst negativ, Arbeitsverhalten ist oft deutlich beeinträchtigt. Oft liegen die Nerven blank.
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18 May
Die Dauer einer psychotherapeutischen Behandlung durch die vergebene Diagnose zu limitieren (#RasterPsychotherapie, wird gerade von BMG geplant) wird dazu führen, dass Behandlungen enden müssen, ehe es eine Heilung gegeben hat. Vieles bleibt dann ungeklärt und schmerzhaft.
Z.B. ahnen nur wenige Patient*innen mit komplexer PTBS vor Behandlungsbeginn, dass sie diese Erkrankung haben. Viele wissen nicht, dass es sie gibt. Sie kommen mit Depressionen, Ängsten, Beziehungsstörungen in die Behandlung. Sie sind auf lange, haltgebende Therapien angewiesen.
Werde ich als Therapeut gezwungen, aufgrund der anfangs gestellten Diagnose meine Therapie in ein stark limitiertes Stundenraster zu zwängen, herrscht Eile in der Therapie. Beziehungsaufbau, sanftes Aufdecken, Phasen der Erholung und der Ressourcenstärkung bleiben auf der Strecke
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10 Apr
"Jugendliche leiden unter den Maßnahmen ebenso wie unter der Pandemie."

Wer diesen Satz sagt, meint häufig: Wenn wir die Pandemie schon nicht beenden können, lasst uns wenigstens die Maßnahmen lockern, damit es den Jugendlichen besser geht.

Das ist ein Fehlschluss.

Ein Thread.
Es ist falsch anzunehmen, dass es jungen Menschen allein dadurch besser geht, wenn man sie unter der laufenden Pandemie wieder in Schulen & Vereine schickt.

Junge Menschen sind nicht ohne Mitgefühl, Verantwortungsbewusstsein, einen Sinn für Gefahr und Risiko. Ganz im Gegenteil.
Was jungen (und älteren) Menschen zusetzt, ist Angst um die eigene Gesundheit - Angst, Familie und Freunde anzustecken. Sorge um Eltern & Großeltern. Schuldgefühle, wenn man keinen Abstand gehalten hat. Überforderung aufgrund der übergroßen Verantwortung. Angst vor der Zukunft.
Read 15 tweets
9 Apr
Hinter der krawattigen Onkelhaftigkeit des Ministerpräsidenten verbirgt sich eine Rhetorik der Desinformation.

Gleich im ersten Tweet verwendet er das Wort "schuldig" und markiert damit die Gegenseite. Eigene Schuld & Verantwortung für das Geschehen wird so geschickt abgestreift
@MpStephanWeil suggeriert, die Gegenseite handele uninformiert, belegt dies mit scheinbar unbeantworteten Fragen, fordert "viele Antworten".

So verkehrt er die Lage ins Gegenteil: Tatsächlich handelt er selbst ja entgegen wissenschaftlicher Erkenntnisse und Expertenempfehlungen.
Seine eigene Position markiert @MpStephanWeil mit unscharfen Buzzwords: "verlässlich, konsequent, umsichtig". So stellt er die Gegenseite als "unverlässlich, inkonsequent, kurzsichtig" dar. Diese Vokabeln beschreiben die Pandemiepolitik, für die er verantwortlich ist, jedoch gut.
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24 Mar
Der heutige Tag stellt für mich eine Zäsur dar. Das Versagen der Corona-Politik von Bundes- und Landesregierungen macht es notwendig, diese nicht allein zu kritisieren, sondern unmittelbar in Verantwortung zu nehmen für die erheblichen gesundheitlichen Folgeschäden.

Ein Thread.
Als Arzt führe die Patientenbehandlungen auf wissenschaftlicher Grundlage durch und strebe stets bestmögliche leitliniengerechte Behandlungen an.

Nicht weniger als das erwarte ich von der Pandemie-Politik: eine wissenschaftsbasierte, durch Daten belegte Strategie wie #NoCovid.
Ich bin Kinder- und Jugendpsychiater. Ich habe keine frühzeitige Impfung erwartet und stehe gern hinter Kolleg:innen aus Notaufnahme, Rettungsdienst, Innerer Medizin zurück. Doch auch meine fehlende Impfung hat einen Preis für Patientenversorgung, den ich hier klar benennen werde
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24 Mar
Unionsparteien fallen innerhalb von 7 Wochen bundesweit von 37% auf 26%.

n-tv.de/ticker/Union-s…
Ein tolles Lob für die Kanzlerin von der Präsidentin des Verbandes der Automobilindustrie, Hildegard Müller.

Müller war 1998-2002 Vorsitzende der Jungen Union. Von 2005 bis 2008 war sie als Vertraute von Merkel Staatsministerin im Bundeskanzleramt.

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