"Wir müssen lernen, damit zu leben." Es ist die Kunst der Konservativen, Dinge als 'unveränderlich' darzustellen, um einen Wandel zu verhindern.

Diese lange erprobte Strategie kann bei vielen Menschen kindliche Bewältigungsmuster triggern und Hilflosigkeit auslösen.

Ein Thread.
Der Klügere gibt nach.
Reden ist Silber, schweigen ist Gold.
Kinder sollte man sehen, aber nicht hören.

Nachgeben und schweigen, sich fügen, Gehorsam und Demut zeigen: diese Verhaltensmuster wurden Kindern traditionell abverlangt und durch eine autoritäre Übermacht erzwungen.
Im Zentrum des konservativen Autoritarismus stehen weder Argumente, sachliche Erwägungen, Interessenausgleiche oder Gleichwürdigkeit.

Im Zentrum steht die Autorität an sich, in Gestalt von Familienvätern, Staatenlenkern, Religionsgründern, spirituellen Wesen. Sie entscheiden.
"Wir müssen lernen, damit zu leben": Mit dem Virus, mit sozialer Ungleichheit und Armut, dem Hochwasser, den Stürmen, den Dürren ...

Der Kern dieser weichen Formulierung ist hart: Füge dich. Sei bescheiden. Vertrau auf die höhere Ordnung. Begehre nicht, was dir nicht zusteht.
Sich in eine höhere Ordnung fügen, Demut zeigen vor Autorität, Gott gehorchen: dies ist wieder sehr gefragt.

Unter dem mitteralterlichen DEUS VULT zogen Kreuzritter zum Töten aus. Heute weht der Leitspruch wieder auf christlich-nationalistischen Fahnen.

gefira.org/de/2017/11/15/…
Die christlich-göttliche Autorität hat in vielen osteuropäischen Ländern längst großen Einfluss auf politische Entscheidungen gewonnen, in USA ohnehin. Armin Laschet ist in erzkatholischen Männerbünden sozialisiert und durch sie politisch aufgestiegen.

Es gehört zum Wesen der patriarchalen Autorität, dass "Milde und Gerechtigkeit" nur jene erfahren, die nicht die Autorität in Frage stellen. Dies ist klar an den süßlichen Worten zu sehen, die Trump seinen Loyalisten gegenüber ausspricht, ungeachtet ihres sonstigen Verhaltens.
Armin Laschet ist ein prototypischer Vertreter christlich-autoritativer Strukturen. Wir haben ihn oft "milde & gerecht" erlebt, etwa wenn er in Gummistiefeln, mit warmen Worten und weichem Gesicht, Trostreden halten will. Seine Härte wird deutlich, wenn man ihn in Frage stellt.
Für die Wirksamkeit konservativer Argumente ist es nicht länger nötig, Probleme kleinzureden (zB "es gibt keinen Klimawandel, keine Armut usw.").

Es genügt nun, diese Probleme als unabänderlich, unausweichlich darzustellen. Dies löst Reflexe von Lähmung, Angst, Unterwerfung aus.
Im Umgang mit Klimawandel und Ungerechtigkeit erfahren wir Angst und Hilflosigkeit. Diese Hilflosigkeit wird durch autoritative Kommunikationsmuster der Politik bewusst getriggert und kann zu Passivität führen, zu der Unterwerfung, die viele Kinder früh im Leben lernen mussten.
Es war in den letzten Jahrzehnten bewusste Wahlkampfstrategie der Konservativen, durch Triggern dieser seelischen Reflexe einen Dunst der Unabänderlichkeit, Alternativlosigkeit und Lähmung über das Land zu legen.

Sie nennen es "asymmetrische Demobilisierung".
Wie in konservativen Kreisen über linke Spitzenpolitiker:innen gesprochen wird, erinnert mich an das neidvolle Raunen der Spießereltern am Gartenzaun: "Sieh nur, was die Nachbarin wieder trägt! Wie wichtig sie sich nimmt! Und wie die beiden miteinander umgehen, so schamlos!"
Angst und Hilflosigkeit im Angesicht von Naturkatastrophen kann man nicht ablegen. Es mag ein Trost sein, dass wir zusammenstehen, dass Fürsorge, Hilfe, Mitgefühl real sind und dass die Zivilgesellschaft lebendig und solidarisch ist und bleibt.
Wie kann die durch konservative Kommunikationsstrategien künstlich erzeugte Hilflosigkeit abgestreift werden?
Durch Vertrauen auf die nachkommende Generation, die wacher, informierter, zupackender ist als jede Generation vor ihr. Vertrauen muss offen ausgesprochen werden. Tut es.
Eines lehrt die Geschichte - konservative Positionen sind seit Jahrtausenden auf dem Rückzug. Egal, wie sehr darauf herumgetrampelt wird: Es wächst grün auf den alten Steinen.

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14 Jun
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12 Jun
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10 Jun
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18 May
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10 Apr
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