Die Kultusministerkonferenz #KMK hat am 5.8.21 nahezu unbemerkt zwei "Studien" zur Frage Covid-19 und Schulen veröffentlicht. Was es damit auf sich hat, wird hier betrachtet.

Achtung, das hier wird ein Rant.
Es fällt auf, dass die Studien (Plural!) im November 2020 in Auftrag gegeben worden sein sollen. In den Dokumenten wird auf die Studiendatenbank PROSPERO verwiesen, wo die Studie registriert wurde.
Auftrag: November 2020
Start: 8. Januar 2021
Registrierung: 20. Januar 2021
So weit, so komisch. Eine nachträgliche Registrierung einer Studie ist nicht State-of-the-Art in der Wissenschaft, Studien sind prospektiv zu registrieren.

Sponsor der Studie ist die KMK, durchgeführt wird sie vom Helmholtz Zentrum für Infektionsforschung @Helmholtz_HZI.
Durchgeführt werden soll die Studie (Singular!) als "Rapid systematic review of systematic review", als eine Meta-Review mit vereinfachtem Vorgehen ("Rapid").

Die Suche nach Evidenz wurde am 8.1.21 durchgeführt, eine Suchstrategie findet sich bei PROSPERO nicht.
Die Datenextraktion wird im Überblick beschrieben, ebenso die sog. "Qualitätsbewertung", das "Risc of BIAS assessment", das mittels AMSTAR 2 vorgenommen wird. Allerdings wird die Bewertung abweichend von AMSTAR vorgenommen - ungewöhnlich. bmj.com/content/bmj/35…
Nun also zu den "Studien", die auf der Homepage der KMK aufgetaucht sind. Vorneweg:
Es handelt sich hierbei NICHT um Studien! Es handelt sich lediglich um Projektberichte. Auffällig: Als Autoren taucht neben dem @Helmholtz_HZI auch die Universität Köln auf- in welcher Rolle?
Es handelt sich also um 2 Studien-Zwischenberichte, von Januar 2021 (30 S.) und März 2021 (48 S.).

In diesen Zwischenberichten wird rein narrativ der Arbeitsgang und "Ergebnisse" beschrieben. Die Dokumente entsprechen alleine in der Art der Darstellung KEINER Studie.
Es fehlen sämtliche Elemente einer systematischen Darstellung der Arbeit:
- keine Ein- /Ausschlusskriterien der Quellen
- keine Suchstrategie
- keine Darstellung analog PRISMA
- keine nachvollziehbare Bewertung der Studien
- keine Datenextraktion
- und mehr...
Dem Kundigen ist klar: diese Berichte sind KEINE Studien. Sie waren so nie zur Veröffentlichung vorgesehen. Die KMK weiß das anscheinend nicht, oder ihr ist es egal, denn dieses Online-stellen schadet zum Teil dem @Helmholtz_HZI.
Aber weiter. Im Januar-Bericht (der Bericht wurde als PDF am 16.7.2021 erstellt) wird auf S. 7 der PDF darauf verwiesen, dass eine erste Suche bereits am 16.11.2020 stattgefunden hat.

Also deutlich VOR der Registrierung der Studie.
Die Recherche UND die Analyse der Treffer fand VOR dem 8.1.21 statt. In der Zeit zwischen 11/20 und 1/21 müssen Konkretisierungen im Vorgehen zwischen Helmholtz und KMK stattgefunden haben.
Die Registrierung der Studie erfolgte also erst, NACHDEM die gefundenen Treffer analysiert worden waren. Das kann man so machen bei epidemiologischen Arbeiten, es ist aber ungewöhnlich, und weckt den Anschein einer Interessengeleiteten Arbeit.
Im Abgleich mit PROSPERO ergibt sich, dass die Helmholtz-Studie sich auf publizierte Daten von Juli 2020 bis spätestens 8. Januar 2021 bezieht, und eher ein engeres Zeitfenster betrachtet, wenn die Analyse der gefundenen Studien bis zum 8.1.21 schon fertig gewesen sein sollte.
Die Sinnhaftigkeit diese Arbeit muss an dieser Stelle bereits hinterfragt werden, da sich die Helmholtz-Studie somit auf KEINE aktuelle Evidenz zu DELTA beziehen KANN.
Aussagen zum Verlauf bis Oktober 2020 können gleichwohl gemacht werden.
Zwischenfazit: Die zwei von der KMK veröffentlichten Dokumente sind KEINE Studien. Es sind vom @Helmholtz_HZI erstellte Zwischenberichte an den Auftraggeber, die wahrscheinlich nie zur Veröffentlichung vorgesehen waren. Die KMK brüskiert hier das @Helmholtz_HZI.
Die entsprechenden Anhänge, die das Helmholtz_HZI mitgeliefert hat, wurden übrigens auf jeden Fall aus dem März-PDF-Dokument abgetrennt. Von der KMK.
Jetzt zu den Inhalten der Berichte.

Die im Januar-Bericht dargestellten Daten beziehen sich nur auf 2 Wochen (!). Die Aussagen sind somit nur eingeschränkt verwertbar. es fehlen u.a. Angaben zur Korrelation der Daten mit präventiven Maßnahmen in Schulen (Risikoadjustierung).
Die bedeutendste Aussage findet sich auf S. 27 der PDF: die Korrelation zeigt ein Risikosignal (mehr aktive Fälle) für die Lehrer im Vergleich zur Normalbevölkerung.
Im März-Bericht findet sich die klare Aussage, dass Schulschließungen effektive Maßnahmen zur Eindämmung der Epidemie sind - mit einer Reduktion der Übertragung in der Bevölkerung von bis zu 62% (S. 7 der PDF)
Am 29.1.2021 hat das @Helmholtz_HZI eine Aktualisierung der Recherche vorgenommen und weitere Analysen durchgeführt. Es wurde die Übertragung in Schulen untersucht. In 4 von 7 Studien wurden Risikoerhöhungen für die Lehrer um den Faktor RR 1.2-4.4 gefunden, in anderen nicht.
Anhand von Daten aus Schweden (!) wird gezeigt, dass das Infektionsrisiko für Lehrer an offenen Grundschulen mit RR 1.1 (0.9-1.3) erhöht war, während es an geschlossenen Schulen mit RR 0.7 (0.5-1) erniedrigt war.

Noch deutlicher:
Das Risiko von Lehrern, sich in geöffneten Grundschulen zu infizieren, war nach Angaben der Helmholtz-Autoren mit OR 2.01 (1.52-2.67) doppelt so hoch wie für Lehrer im Distanzunterricht (S. 16 PDF) Auch Daten aus anderen Ländern zeigen, dass offene Schulen das Risiko steigern.
So viel erstmal bis hierher. Die Arbeit des Helmholtz_HZI adressiert viele Verbesserungspotenziale, um das Geschehen an den Schulen für die Schüler, Lehrer und alle Schulangestellten (und mittelbar wohl auch für die Familien der Schüler...) zu verbessern.
Meiner Ansicht nach wurde die Studie zu spät beauftragt. Ferner wird deutlich, dass ein Datenmonitoring gerade an Schulen und die Durchführung geeigneter Querschnittserhebungen bislang weitestgehend unterblieben ist. Das ist ein sträfliches Versagen der KMK und aller KM.
@ #KMK warum werden nur Stücke der Studien veröffentlicht? @Helmholtz_HZI nicht bei so einem wissenschaftlich unwürdigen Schauspiel mitmachen, sondern schnell alle Daten veröffentlichen.
Die KMK kennt die Risiken und lässt eine Durchseuchung an den Schulen zu.
Die betrachteten Daten umfassen einen zu kurzen Zeitraum, es fehlen Korrelationen mit präventiven Maßnahmen, und die betrachtete Evidenz ist zu alt. Was ist in Bezug auf Delta los? Wir wissen es nicht.
Es wird klar, dass die KMK schon spätestens Anfang 2021 über die Risiken v.a. für Lehrer informiert war.

Bis heute aber fehlen effektive Maßnahmen, u.a. #HEPA_Luftfilter in ALLEN Klassenräumen.
PROSPERO-Registrierung: crd.york.ac.uk/prospero/displ…
Studienbericht Januar 21: kmk.org/fileadmin/Date…
Studienbericht März 21: kmk.org/fileadmin/Date…
Das @Helmholtz_HZI sollte hier sehr zügig für eine Klarstellung sorgen. Es handelt sich hier NICHT um "die Studie". Die Studie ist ein Meta-Review als Rapid oder Umbrella-Review durchgeführt, das ist o.k.
Da Tatsache, dass die KMK das unvollständig veröffentlicht und Teile der Dokumente abtrennt, ist peinlich. Die #KMK schadet hier dem Ansehen des @Helmholtz_HZI.
Die wichtigsten Fragen sind aber:

Warum war die KMK so lange untätig?
Seit wann wusste die KMK von den erhöhten Risiken v.a. für Lehrer?
Und warum wird bis heute das Notwendige zu deren Schutz nicht getan?
Und weiter:

Selbst, wenn inzwischen viele Lehrer geimpft sind, können sie sich mit Delta infizieren und dieses weitergeben - an SuS, an die eigenen Kinder, an jeden anderen.
Das Nicht-Handeln der KMK und aller KM ist unfassbar Verantwortungslos.

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18 Jan
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30 Oct 20
Liebe Follower, könnt ihr den Artikel bitte verbreiten? Der macht übrigens klar, wie lausig die Wirtschaftskompetenz vieler Leute ist, die derzeit von "Aber die Wirtschaft!!1!11!!" reden.

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