Sterben und Tod sind in der Medizin alltäglich, für die Angehörigen sind es aber immer maximale Ausnahmesituationen und absolute Wendepunkte in ihrem bisherigen Leben. Das gilt auch für das erwartete versterben eines schwer Kranken. Der Tod eines nahen Menschen kann sogar fest im
Leben stehende Personen komplett aus der Bahn werfen. Das ist auch in Ordnung so und verständlich. Im Rettungsdienst erlebt man das immer wieder, auch Inden unterschiedlichsten Ausprägungen. Von einem #Notarzteinsatz, bei dem es wirklich außergewöhnlich war, möchte ich erzählen.
Wir werden zur Mittagszeit alarmiert zu einer kollabierten Person. Der Einsatzort befindet sich in unmittelbarer Nähe der Wache, so, daß wir sehr schnell vor Ort sind. Vor dem Esstisch, auf dem ein halb gegessenes Mittagessen steht, liegt ein etwa 70 Jahre alter Mann am Boden.
Die Ehefrau berichtet, er habe d n ganzen Vormittag Rückenschmerzen gehabt und sei jetzt während des Mittagessens plötzlich vom Stuhl gekippt.
Der Patient atmet nicht und hat keinen Puls, so daß wir umgehend mit der Reanimation beginnen. Die aufgelöste Ehefrau räumt derweil um
uns herum das Mittagessen ab. Während ich den Patienten intubiere, sagt sie mit zittriger Stimme "Wenn Sie gleich fertig sind, sagen Sie meinem Mann bitte, daß ich ihm Erdbeeren zum Nachtisch mache? Die mag er nämlich gerne." und geht halb wankend in die Küche. Wir sind nicht
genug Leute,um jemanden für sie abzustellen, da wir noch mit der Reanimation beschäftigt sind. Der Patient bleibt trotz unserer Maßnahmen weiter asystol. Von meiner Position am Kopf des Patienten kann ich sehen, wie die Ehefrau beginnt, an der Spüle Erdbeeren abzuwaschen.
Sie wirkt ein wenig durcheinander, und dieser Eindruck verfestigt sich,als sie beginnt,die Erdbeeren mit einem kleinen scharfen Messer zu schälen. Sie versucht die Erdbeeren zu schälen,als wären es Kartoffeln oder Äpfel und legt anschließend die zerfetzten und matschigen Reste in
eine Schüssel. Ich mache mir Sorgen um ihre geistige und seelische Verfassung, und daß die Reanimation ihres Mannes nicht so aussieht, als würde sie erfolgreich enden, steigert meine Sorgen um so mehr. Immer wieder bittet Sie uns, ihm eine Frage zum Nachtisch zu stellen oder
etwas auszurichten, einmal kommt sie hinein und sagt fast tadelnd "Ach Gott, sie sind ja immer noch nicht fertig mit ihm. Nicht das die Erdbeeren noch kalt werden..." und geht wieder hinaus. Eine so ausgeprägte Verdrängung der Notfallsituation habe ich bis dahin bei Angehörigen
noch nicht erlebt. Leider bleiben unsere Reanimationsmaßnahmen erfolglos und wir stellen sie nach einer guten halben Stunde ein,da nichts was wir versucht haben irgendeinen Effekt hatte. Wir vermuten auch, daß die Ehefrau schon vor unserem Eintreffen in ihrem Schockmodus war und
eventuell eine gewisse Zeit vergangen ist bevor sie den Notruf betätigen konnte. Ich nehme die Ehefrau beiseite und versuche ihr die Todesnachricht zu überbringen. Sie reagiert ganz merkwürdig und fragt, wie lange das denn jetzt dauern würde, ob ihm denn nicht kalt würde da am
Boden er läge ja schon eine ganze Weile da, nicht daß er sich wieder eine Erkältung hole, er sei da ganz empfindlich. Sie ringt ganz offensichtlich mit ihrer Fassung, ihre Sprache ist ganz zittrig und sie scheint die Nachricht zwar verstanden zu haben, will sie aber nicht an sich
ranlassen. Eine Nachbarin klingelt an der Tür, eine sehr gute Freundin, wie sich herausstellt. Sie ist schockiert und will die Ehefrau in den Arm nehmen und trösten. Die lacht sie aber fröhlich an, und fragt, ob sie Erdbeeren möchte. Verwirrt schaut die Nachbarin mich an. Wir
setzen die Ehefrau ins Wohnzimmer und ich erkläre der Nachbarin die Situation. Sie sucht mir die Nummer der Tochter heraus, und ich informiere diese und bitte darum, zu kommen. Jetzt wo die Familie informiert ist, dauert es nicht lange, bis mehrere Angehörige auftauchen und
versuchen, trotz des eigenen Schocks und der Trauer, die seltsame Reaktion der Ehefrau zu verstehen. Diese sitzt auf dem Sofa, umgeben von ihren Kindern und Geschwistern und entspannt merklich. Erstaunlicherweise wirkt die Entspannung aber in die andere Richtung, sie findet also
nicht zurück in die Realität, sondern scheint sich bewusst in ihre Scheinwelt fallen zu lassen, in der ihr Mann noch lebt, aber unverantwortlicherweise im Esszimmer auf dem Boden eine Erkältung riskiert. Uns ist sie dankbar für die Hilfe. Ich erkläre den Angehörigen die Reaktion
als eine traumatische Stressreaktion. Sie möchten sie weiter selbst betreuen, nehmen aber dankbar das Angebot an, bei Besonderheiten jederzeit den Rettungsdienst wieder anrufen zu können. Der Hausarzt und der Pfarrer kommen noch vorbei. Manchmal sind starke soziale Bindungen in
die Gemeinde und Nachbarschaft ein großes Privileg, daß das Leben im eher ländlichen dem Leben in einer Großstadt voraus hat.
Ich denke oft an diesen Einsatz, denn das außergewöhnliche Verhalten der Frau im Sinne einer akuten Stressreaktion war ziemlich eindrücklich. Ich nehme es
oft als Maßstab dafür, Leute, die in besonderen Situationen Stressreaktionen zeigen, zu beruhigen und ihnen klar zu machen, daß ihre Reaktion normal und angemessen ist. Stresssituationen machen immer etwas mit uns, und das ist okay und normal. Wir sind halt auch nur Menschen.

• • •

Missing some Tweet in this thread? You can try to force a refresh
 

Keep Current with Emergency doc

Emergency doc Profile picture

Stay in touch and get notified when new unrolls are available from this author!

Read all threads

This Thread may be Removed Anytime!

PDF

Twitter may remove this content at anytime! Save it as PDF for later use!

Try unrolling a thread yourself!

how to unroll video
  1. Follow @ThreadReaderApp to mention us!

  2. From a Twitter thread mention us with a keyword "unroll"
@threadreaderapp unroll

Practice here first or read more on our help page!

More from @Dr_Emergencydoc

5 Aug
In der Medizin sollte immer der Patient im Mittelpunkt stehen, alle sollten gemeinsam daran arbeiten. Leider gibt es gerade in Deutschland ein ausgesprochenes Hierarchiedenken, fehlende interprofessionelle Zusammenarbeit und Geltungsdrang, was sogar offen in Mobbing münden kann.
Ich kam vor 21 Jahren in mein zweites Drittel als Medizinstudent im Praktischen Jahr, daß ich in der Inneren Medizin machte. Der mir zugeteilte Stationsarzt mochte mich nicht und tat alles mich zu mobben und fertig zu machen. Ich wich dem dadurch aus, daß ich mehrere Nachtdienste
in der Woche machte, um am nächsten Tag frei zu haben, was in natürlich noch mehr gegen mich aufbrachte, weil ich dadurch nicht mehr als billige Blutentnahme-Kraft zur Verfügung stand. Ich war im gesamten Kollegium eher unten durch, nur drei Ärzte kamen gut zurecht mit mir.
Read 11 tweets
24 Jun
Ich habe heute mal nach langer Zeit wieder was für euch getestet. Zusammen mit @DatFussel habe ich mich an den Kanne Brottrunk gewagt. Jeder kennt ihn, im Supermarkt stehen wir alle ehrfürchtig und angewidert zugleich davor und wundern uns, wer so etwas widerliches wohl kauft.
Ich will nicht zuviel verraten, aber damit liegt man im Prinzip gar nicht so verkehrt. Auf Esoterik- und Fanseiten wird dem Trunk alles mögliche an Heilwirkung zugeschrieben, bis hin zur Fähigkeit, Opfer von Strahlenunfällen wie in Tschernobyl zu heilen. Natürlich ist das Unsinn.
Brottrunk wird vom Hersteller für alles mögliche angepriesen, inklusive Aquarienzusatz, Pflanzenzusatz im Garten, Badezusatz und ähnliches. Es wird immer wieder der Zusatz "wohlschmeckend" verwendet. Dieser ist im Übrigen genauso wie die behaupteten Heilwirkungen unzutreffend.
Read 10 tweets
30 May
Wenn bei uns jemand in eine Notlage gerät, dann gibt es zunächst einmal keine Grenze, was den Aufwand zur Rettung angeht. Es wird alles aufgeboten, was nötig und verfügbar ist. Manche Patienten wundern sich, wenn auf einmal zehn oder zwanzig Personen mit mehreren Fahrzeugen vor
ihnen stehen, der Grund ist schlicht, daß bei uns ein Menschenleben etwas zählt, trotz aller Bestrebungen, das Gesundheitswesen unter rein wirtschaftlichen Gesichtspunkten zu betreiben. Typische Einsatze mit hohem Personal- und Technikbedarf sind schwere Verkehrsunfälle.
Von einem solchen Einsatz erzähle ich euch jetzt. Wir werden in einer milden Dezembernacht alarmiert zu "PKW gegen Baum". Als wir eintreffen, sehen wir eine Mittelklasse-Limousine, die frontal gegen den Baum einer alleeartigen Schnellstraße geprallt ist. Das Fahrzeug ist stark
Read 20 tweets
9 May
Zum heutigen #Muttertag muß ich daran denken, daß meine Mutter immer ziemlichen Druck wegen meiner schulischen Leistungen ausübte. Nie war etwas gut genug. Ich hatte mir ein neues Fahrrad gewünscht, als ich in der 9. Klasse war, weil mein 24er mir inzwischen zu klein war. (1/7)
Sie versprach mir, eins zu kaufen, wenn ich eine 1 schreiben würde. Naja, ihr erratet es bestimmt: ich brachte eine 1 mit nach Hause, aber die war nicht gut genug, weil es kein Hauptfach war, dann brachte ich in Mathe eine 1 mit, aber die reichte auch nicht, es sollte noch (2/7)
eine sein, ich brachte noch eine mit, dann sagte sie, sie habe nie eine 1 in einer Klausur, sondern im Zeugnis gemeint.
Irgendwann brachte ich mein Halbjahreszeugnis mit nach Hause und präsentierte es ihr in der Praxis (die im selben Haus lag, in dem wir wohnten). Auf dem (3/7)
Read 7 tweets
30 Apr
Die schrecklichen Morde in einer Behindertenwohneinrichtung in Potsdam schockieren mich, auch wenn sie wenig überraschend kommen. Wer, wie Rettungsdienstpersonal, oft in Pflegeheimen für behinderte oder alte Menschen ist, wird immer wieder konfrontiert mit der dortigen Situation:
Vernachlässigung bis hin zur Verwahrlosung, Fixierung durch Gurte, Wickeln oder vor Tischen festgestellten Rollstühlen, PEG-Sonden, Windeln oder Urinkatheter bei Menschen,nur damit Zeit gespart wird, nicht weil dies medizinisch-pflegerisch nötig wäre, Gespräche über, nicht mit
den Bewohnern. Die Liste ließe sich endlos fortsetzen, und es ist billig, die schlechte personelle und finanzielle Ausstattung von Pflegeeinrichtungen dafür verantwortlich zu machen. Die Entscheidung, Menschen zu quälen, stundenlang in vollen Windeln liegen zu lassen oder nur
Read 8 tweets
4 Apr
Stellt Dir vor, Du bist ein Kind, vielleicht 9 oder 10 Jahre alt. Du sitzt in der Schule und sollst getestet werden. Weil sich aber alle si große Sorgen darum machen, was das mit Deiner Seele macht, wenn Du das einzige positiv getestete Kind bist, wird auf den Test verzichtet.
Leider bist Du aber trotzdem infiziert, aber weil Dich keiner testet, bleibt das unbemerkt.
In der Folge steckst Du alle 25 Kinder in Deiner Klasse an, zusätzlich 3 Lehrer. 2 der Lehrer tragen es in andere Klassen und ehe man sich versieht, sind 85 Kinder und 9 Lehrer positiv.
Alle tragen es nach Hause in die Familien und schnell steigt die Zahl der Betroffenen auf über 300 Personen. Das ganze fällt nur auf, weil eine Mutter als Krankenpflegerin regelmäßig auf der Arbeit getestet wird und so kommt alles raus.
Mehrere Wochen später blickt man zurück:
Read 7 tweets

Did Thread Reader help you today?

Support us! We are indie developers!


This site is made by just two indie developers on a laptop doing marketing, support and development! Read more about the story.

Become a Premium Member ($3/month or $30/year) and get exclusive features!

Become Premium

Too expensive? Make a small donation by buying us coffee ($5) or help with server cost ($10)

Donate via Paypal Become our Patreon

Thank you for your support!

Follow Us on Twitter!

:(