Weil letztens wieder ein "Verbot" der Leiharbeit in der Pflege aufkam, habe ich mir hier jetzt mal Gedanken gemacht, warum ich meine 3,5-4,5k netto als Zeitarbeiter auf Intensivstation verdiene: Erstens arbeite ich in einem "high-care" Bereich, habe also die Verantwortung für
kritisch kranke und intensivpflichtige Patient*innen. Ich bin als Zeitarbeiter flexibel und finde mich schnell in neuen Situationen und auf neuen Stationen zurecht. Ich kann inzwischen 5 verschiedene Beatmungsgeräte, 3versch. Perfusorsysteme, 4 versch. Monitorsysteme,
2 CVVHD-Dialysegeräte, Defibrillatoren etc. bedienen, kenne die meisten Medikamente, die man auf Intensiv braucht, nebst Wirkweise, auswendig. Kann, auch wenn mein Fokus auf internistischen Patienten liegt, die meisten Patienten betreuen, kann in Notfällen sicher agieren und
gut mit Ärzt*innen und Pflegekräften zusammenarbeiten. Ich bilde mich ständig fort und erhalte auch über meine Firma diverse Weiterbildungsmöglichkeiten, die wir auch nutzen können/müssen. Das einzige was mir fehlt ist die Fachweiterbildung - da muss ich noch einen Weg finden,
die auch so über die Zeitarbeit machen zu können. In der Klinik, in der ich aktuell tätig bin, arbeiten 7-8 Leiharbeiter auf ITS, die meisten Vollzeit. Ohne uns könnte man die Station dicht machen, weil es so gut wie kein erfahrenes Personal gibt. Auch kommen keine Bewerbungen
von erfahrenen Pfks rein. Ergo - würde man Zeitarbeit verbieten, würde man auf der Station entweder Patient*innen noch mehr gefährden als jetzt schon oder aber die ITS schließen, womit man eigentlich das Haus schließen könnte, weil größere, viel Geld bringende, OPs nicht möglich
wären. Deswegen finde ich diesen Vorstoß lächerlich. Bei einem Verbot würden viele Fachkräfte einfach komplett aus der Pflege gehen. Dieser Vorstoß dient einfach nur den Trägern/Klinikgesellschaften, damit diese ihre Gewinne weiter vermehren und an die Aktionäre ausschütten
können. Wir reden hier von 2-2,5% aller beruflich Pflegenden, die in der Zeitarbeit tätig sind, ich glaube nicht, dass die einen riesen Unterschied machen. Ich möchte für mich einfach die Möglichkeit haben, flexibel zu sein, keinem festen Team angehören und den Lohn bekommen, den
ich verdiene. Denn ich verdiene als Pflegefachkraft auf Intensivstation 3,5-4,5k netto. Für die Verantwortung. Für den Schichtdienst. Für die Belastung. Für die Weiterbildung in der Freizeit. Für hochfunktionelle Arbeit. Und ich möchte, dass jede Pfk auf ITS diesen Lohn bekommt
aber solange dies nicht in den Köpfen und bei den Pfk ankommt, werde ich in der Zeitarbeit arbeiten - was jedem möglich ist. Ich bin für 4000€ brutto für Berufsanfänger und 5-6k brutto für Pfks in Funktionsbereichen, bei einer 30-35h/Woche. Nur müssen wir dafür auch kämpfen.
Und uns nicht von einer künstlich herbeigeredeten Neiddebatte entzweien lassen. Wir Leiharbeiter sind nicht die Bösen. Die Bösen sind die Funktionäre, GF, Lobbyisten, die der Meinung sind, die Pflege sollte mit ihren 2,3k netto zufrieden sein. Die uns klein halten und klein reden
Deswegen: Ja ich verdiene sehr gutes Gehalt. Und ich bekomme das auch. Ich möchte aber eigentlich, dass jede Pfk gutes Gehalt bekommt, für diese wichtige Arbeit. Denn so könnte man sich besser professionalisieren und mehr Menschen würden den Beruf erwählen und sich auch
persönlich weiterbilden. Wir sind inzwischen eines der Schlusslichter im internationalen Vergleich der Industrienationen, dass kommt nicht von ungefähr. Wir sollten endlich aufstehen und das ändern. Mit mehr Leuten in den Gewerkschaften. Mit Pflegekammern. Mit akademisierter
Ausbildung. Mit weniger Hilfs- und Assistenzspflegeberufen. Mit mehr Gehalt - denn wir verdienen es. Wir haben die Macht, weil wir werden gebraucht und das immer mehr! #Pflege #Pflegenotstand #Leiharbeit #Zeitarbeit @_verdi @BochumerBund

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11 Jun
Joah gut. Dafür sind wir jetzt kaputt, ausgelaugt, teilweise im Burnout, hatten Angst, fehlerhafte Masken, wenig PSA, mussten Tod und Elend ertragen, wurden teilweise angefeindet, Pfks gehen, es gab nur Lavendel und Klatschen, sind teilweise schwer erkrankt/gestorben, haben
unsere Beziehungen, Kinder, Familien vernachlässigt. Hatten Angst unsere Liebsten anzustecken, arbeiten bis zum Umfallen, dürfen neben Covids jetzt die ganzen großen OPs auffangen mit weniger Pfks, sind nicht mal Wahlkampfthema und überlegen in großen Teilen diesen aktuell echt
nicht ganz so tollen Job zu verlassen. Aber ja, als robust bezeichnen hilft. Nicht. Helft ihr ruhig den korrupten CDU/CSU‘lern, ihr habt uns mit minderwertigen Masken gefährdet. Ändert ja nichts an unserer Bezahlung oder Überlastung. Damit lässt sich ja nichts verdienen, wie in
Read 6 tweets
10 Jun
Mäh. Muskelkater durch Reanimation. Entweder ich werde alt oder ich muss vlt ganz evtl doch bissl Sport machen. Heute Dienst 4/7 - noch hält der Urlaubseffekt an. Mal schauen, wie lange noch 😬 gestern Nacht war schon grenzwertig und ich bin mal gespannt, ob ich wieder eine
drei Seiten lange Rechtfertigung schreiben muss, weil ich eine Überlastungsanzeige geschrieben habe 🤷🏼‍♂️ die Spätschicht „hat sich nicht getraut“, weil Probezeit. Was ich bezeichnend finde. Dieses System hier ist so am Arsch.
Achso der Buhmann bin ich übrigens, weil ich mich erdreistet habe zu sagen, dass auf einer ITS kein Mangel an Pflegematerialien etc vorherrschen sollte (hier Mundpflegeschwämmchen, Perfusorenspritzen, Mundspülung, etc…) - habe die Befürchtung die warten mit bestellen bis es
Read 4 tweets
23 May
Ich muss Mal etwas loswerden, was mich beschäftigt. Diese Woche ist wieder ein Covidpat bei uns gestorben. Relativ jung, schwer erkrankt. Ich habe ihn aufgenommen, ihn genivt, habe ihn mit intubiert und vorher mit ihm geredet, hab seine Frau von ihm gegrüßt und ihm gesagt, dass
wir uns gut um ihn kümmern. Nach der Intubation mussten wir ihn direkt auf den Bauch drehen, mehrmals. Er hat eine bakterielle Superinfektion überstanden, nach ca drei Wochen war er so gut, dass wir ihn extubieren konnten. Hat es sehr gut gemacht. Tagsüber Maske, Nachts NIV
und es wurde immer besser. Er war zwar im Delir aber wurde immer klarer, man konnte kurz mit ihm reden, er hat alles mitgemacht und versucht zu helfen. Dann am Tag auf einmal Panikattacken, insuffiziente Atmung, an NIV besser. Hatte dann Nachtdienst und seine Panik wurde immer
Read 12 tweets
22 May
Leute! Ich hab zwar nur 3h geschlafen, aber ich habe jetzt Urlaub! Und ich bin so froh drüber, dem Moloch mal für 2Wochen zu entfliehen. 2Wochen lang keine unterversorgten Pat. sehen und nichts machen können, da wir einfach total unterbesetzt sind, keine Toten, keine Notfälle.
Ich mach meine Arbeit ja wirklich sehr sehr gerne und ich habe immernoch Spaß daran, aber so langsam, nach 6 Monaten Dauerstress, merkt man die Belastung ja dann schon. Ich hatte jetzt in meiner Woche zwei Covid-Pat. die gestorben sind. Einmal absehbar und einmal plötzlich
und mit plötzlich meine ich der Pat war gut und am nächsten Tag einfach...tot. Das ist auch nach 16Monaten Pandemie schwer nachzuvollziehen. Vor allem wenn man 4Wochen lang alles gegeben hat. Aber nun gut. Jetzt heißt es runterkommen, den Mietvertrag (hoffentlich) unterzeichnen
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5 May
Nachtdienst wie immer unterbesetzt. Zwei Patienten sind instabil und benötigen die volle Aufmerksamkeit. Währenddessen stirbt ein Covitpat allein und einsam in einem anderen Zimmer und wir schaffen es erst nach einer Stunde die Geräte abzuschalten, sodass 1h lang Luft in den
toten Körper gepresst wird. Für eine komplette Versorgung dieses toten Menschen bleibt in der Nacht keine Zeit und dies fühlt sich so falsch an, weil man den Pat vorher 3Wochen betreut hat und ihn eigentlich „hübsch“ für die nächste Reise machen will. #moralischverletzt
Covid-Pat, nicht Covit..😐
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24 Apr
Kurzer Rant: Mir sind in den letzten Diensten 3 meiner 6 Covidpat gestorben. Das habe ich Freunden erzählt, weil es echt uncool ist aktuell. Und anstatt zu sagen „ja scheiße was da auf ITS abläuft“ kommt reflexartig „wie alt, welche Vorerkrankungen?“. Wann sind wir in dieser
Pandemie eigentlich dazu übergegangen die Toten und Sterbenden nach Alter/Erkrankungen zu klassifizieren um was zu tun? Das Gewissen zu beruhigen, dass die entweder „alt“ waren oder „vorerkrankt“? Macht es das besser, wenn diese Menschen sterben? Ich bin echt erschrocken und
traurig darüber. Das sind doch auch Menschen, die nicht hätten sterben müssen/sollen an Covid. Rechtfertigen wir so unsere halbgare Pandemiebekämpfung? Und ja ich weiß, dass haben schon hunderte gesagt, dass viele aufs Alter etc schauen, wenn man was sagt, aber ich war heute
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