Warum ich mit einem Trema auf dem i (also z.B. "Politikerïnnen") gendere und ihr das genauso oder ganz anders machen könnt: Ein Thread.
1/ Wer gendert, stößt schnell auf das Problem, dass verschiedene Geschlechtsidentitäten sich in unterschiedlicher Weises von den verschiedenen Formen des Genderns angesprochen fühlen. Es gibt eine riesige Debatte darum, welche Formen des Genders angemessen sind und welche nicht.
2/ Das Binnen-I ist aus der Mode gekommen, mensch ist sich unseins, ob Unterstrich oder Sternchen nonbinäre Identitäten besser adressieren, während der Doppelpunkt mit glottalem Plosiv gesprochen derzeit am weitesten verbreitet zu seinen scheint. Aber das ist erst der Anfang.
3/ Manche Formen des Genderns erschweren Migrantïnnen das Verständnis. Oder beißen sich mit Einfacher Sprache für Menschen mit unterdurchschnittlichen kognitiven Fähigkeiten. Manche Formen lassen sich nicht sinnvoll von Screenreadern für sehbehinderte Menschen wiedergeben.
4/ Außerdem ist gegenderte Sprache derzeit ein sprachlicher Marker für eine Form von Bildungsbürgerlichkeit, die für bestimmte Schichten exkludierend wirken kann. Kurz: Intersektionalität führt zu Zielkonflikten.
5/ Ich bin cis-männlich, behindert, mein Ausbildungsberuf ist Schriftsetzer und ich arbeitete jahrelang als Programmierer. Cis-Männlichkeit ist die unausgesprochene gesellschaftliche Norm.
6/ Deshalb möchte ich als cis-männliche Person, die wegen ihrer Behinderung aus eigenem Erleben weiß wie strukturelle Diskriminierung funktioniert und sich anfühlt, versuchen, mich selbst nicht als die Norm zu denken und dies auch meinen Leserïnnen zu kommunizieren.
7/ Dafür verwende ich eine sprachliche Markierung. Als behinderte Person möchte ich Barrierefreiheit und habe hier erfahren müssen, dass Satzzeichen in der Mitte von Wörtern zu Barrieren führen. Als Typograph finde ich sie hässlich.
8/ Als Informatiker merke ich, dass sie sich gegen verschiedene Formen der Textverarbeitung sperren. (Test: Einfach mal versuchen, per Doppelklick ein Wort mit Doppelpunkt drin zu markieren.) Ich habe mich deshalb dafür entschieden, beim Gendern auf Satzzeichen zu verzichten.
9/ Eine halbwegs elegante, halbwegs angemessene Methode ist meiner Meinung nach, das Doppelpunkt als Satzzeichen herauszunehmen und stattdessen als Trema aufs "ï" zu legen.
10/ Im Englischen und Französischen ist (oder war es in älteren Texten) üblich, damit eine bestimmte Aussprache zu markieren, etwa bei dem Wort "naïve". Ich benutze also etwas, das nicht komplett ausgedacht ist, sondern in anderen europäischen Sprachen schon ähnlich
11/ hervorgebracht wurde. Das zweite ist, dass diese Art zu gendern fast automatisch zu einer Art generischem Femininum führt. Ein Gedanke, den ich nach Jahrhunderten des generischen Maskulinums charmant finde. Ja, diese Methode ist nicht perfekt.
12/ Ich verwende deswegen zunehmend Partizipialformen (allein das Wort "Partizipialformen" macht diesen Text exkludierend).

Dieser Thread hat natürlich einen Anlass: Jemand war der Meinung, mir erklären zu müssen, dass ich falsch gendere. Bitte lasst das.
13/ Menschen, die offensichtlich gendern, haben sich in der Regel zumindest ein Stück weit mit dem Thema auseinander gesetzt und sich Gedanken gemacht, warum sie so und nicht anders schreiben. Vielleicht sind sie auch in einer Findungsphase und gendern mal so und mal so.
14/ Passiert mir (Jahrgang 1973) sowieso ständig, dass ich ins generische Maskulinum zurückfalle, ohne es zu merken. Es ist deshalb ausgesprochen unhöflich, Menschen die Trema, Doppelpunkt, Sternchen oder Unterstrich benutzen, zu erklären, dass sie falsch gendern würden.
15/ Insbesondere ist es unhöflich, ihnen an den Kopf zu werfen, dass sie keine Ahnung hätten. Unhöflich und falsch, denn es gibt im Moment kein "richtig" oder "falsch" beim Gendern.
16/ Mit solchem Vorgehen triggert ihr höchstens emotionale Abwehrhaltungen bei den Leuten, die "sich nichts vorschreiben lassen wollen". Gendert wie ihr wollt und wie ihr es für angemessen haltet! Spielt mit der Sprache! Probiert euch aus! Lebt die Vielfalt!
17/ Gendert mit Doppelpunkt oder Sternchen oder Trema oder Partizipialformen. Und unterstellt kein Statement, wo Menschen noch das generische Maskulinum verwenden. Die meisten haben es so in der Schule gelernt. Anders schreiben und reden erzeugt Mental Load.
18/ Manche Leute haben aufgrund ihres Alltags schon sehr viel Mental Load und wenig Energie und priorisieren deshalb anders. Wenn ihr der Meinung seid, Leute darauf aufmerksam machen zu müssen, doch bitte anders zu gendern, dann tut das höflich und ohne erhobenen Zeigefinger.
19/ Danke.
P.S.: Ich werde das Thema Gendern und Technik(Kultur) mit Sicherheit noch mehr als einmal in meinem 👉 Newsletter aufgreifen steadyhq.com/de/ennopark/ab…

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6 Sep
1/ Derzeit macht ein Vorwurf die Runde, alle würden über @rezomusik berichten, nur nicht ARD/ZDF. Politische Einflussnahme wird gewittert, vielfach wird unterstellt, die Sender seien nicht neutral. Doch stimmt das so? Thread:
2/ Zum einen: Nein es stimmt nicht, dass sie nicht berichten. Bei der ARD werden die Videos zum Beispiel in diesem Artikel genannt, wenn auch nicht verlinkt. tagesschau.de/inland/btw21/d…
3/ Beim ZDF sieht es etwas anders aus: Da bekam "Teil 1: Inkompetenz" eine recht ausführliche Meldung, dafür wurde auf Teil 2 bisher nicht eingegangen. zdf.de/nachrichten/po…
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5 Sep
Sie liefert schon, aber es geht im Grundrauschen unter und kommt nur bei denjenigen an, die sich überdurchschnittlich informieren. Gerade News-Formate wie die Tagesschau versagen (konzeptionsbedingt?) völlig beim Einordnen der News.
Natürlich sinkt die Wahrscheinlichkeit, die spannende und verständliche Doku über den Cum-Ex-Skandal, die die politisch Verantwortlichen benennt, wahrzunehmen, wenn sie um 2300 in der ARD läuft, während du durch 100 Kanäle zappst.
Die Altright-/Trump-Stategie des "Flooding the zone with shit" ist nicht neu. Sie wirkt seit Jahrzehnten u.a. in Gestalt des "Privatfernsehens".
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3 Sep
Und wen sollen wir jetzt wählen? Kleinpartei könnte verschenkte Stimme sein, außerdem tritt @Klimaliste im Bund nicht an. Linke/Grüne wählen, um schlimmeres zu verhindern bestärkt Linke/Grüne im Glauben, genug tun zu wollen.
Ehrlich gesagt war ich noch nie so dicht am Nichtwählen und bin da über mich selbst erschrocken, weil das komplett gegen meine Prinzipien ist. Am Ende weiß ich, wer am dringendsten verhindert werden muss, um am Ende trotzdem wählen zu gehen. Motiviert ist anders.
Dass keine einzige Partei eine hinreichende Antwort auf die größte Krise der Menschheitsgeschichte hat, empfinde ich als tiefe, verstörende Demokratiekrise, im kleinen vorweggenommen in der über alle Landesregierungen hinweg fast gleichförmig antiwissenschaftl. Coronapolitik.
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23 Aug
Das schlimme: Eigentlich erzählt er ja nix Neues. Wenn ich dasselbe immer mal Familienmitgliedern erzähle, wollen die das erst nicht so recht glauben. Wenn ich Zeitungsquellen dazu nenne, fragen sie, "warum das nicht in den Nachrichten erwähnt wird".
Sammel-Reply: Ich glaube übrigens nicht, dass es daran liegt, dass es nicht erwähnt wird. Es ist tatsächlich verstreut, auch wenn ich bezweifele, dass es die ausgewürfelten Klausurnoten in die Tagesschau geschafft haben.
Es scheint mir vielmehr daran zu liegen, dass bei News und Talkformaten, also allem, was diese Generation so konsumiert, selten erklärt und wenig Kontexte hergestellt werden, was meiner Meinung nach das A&O guten Journalismus sein sollte, um eine News auch einordnen zu können.
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19 Aug
1/ In der Gedankenwelt von @n_roettgen reicht es, wenn das Parlament einmal zusammen kommt und die Regierung wählt. Tatsächlich kommt das der Realität erschreckend nahe.
2/ Zwar bleiben Gesetze und Beschlüsse selten unverändert, wenn sie durch Parlament und Ausschüsse gehen, aber im Großen und Ganzen werden sie in den Ministerien geschrieben und mit der Regierungsmehrheit beschlossen.
3/ Leider wird bis heute den Kindern im Schulunterricht erzählt, dass die Parlamente die Gesetze machen. Das ist eigentlich nie der Fall. Es hat sich eingebürgert, dass die Regierungsfraktionen der Exekutive die Legislatur weitgehend überlassen.
Read 10 tweets
17 Aug
1/ Sie streiten also monatelang, ob Ortskräfte aus Afghanistan evakuiert werden sollen, CxU+SPD überstimmen einen entsprechenden Antrag der Grünen schon vor Wochen und schüren Ängste vor "einem neuen 2015“. Bis es zu spät ist.
2/ Wisst ihr noch, wie Innenminister Seehofer ganz vergnügt war, dass an seinem 69. Geburtstag 69 Menschen angeschoben wurden? Übrigens nach Afghanistan.
3/ Wisst ihr noch, wie Gesundheitsminister Spahn wissentlich defektive Masken an Hilfebedürftige und Schutzlose verteilen ließ, und zwar um zu vertuschen, dass er sie überteuert eingekauft hat? In der Regierung stört das niemanden, er ist immer noch im Amt.
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