Ich drehe in der Firma also gerade mal wieder Interview-Runden, und da ist ein ganz seltsames Pattern drin, in den Kandidaten.

Interview 2, "Systems Design" für SRE, das Interview nach dem Coding-IV. Es geht darum, irgendein PoC auf Produktion zu bürsten.
Das ist ein guter Teil Skalierung ("Wie viel Instanzen wird das fressen, bei der Load?"), ein guter Teil Resiliency ("Finde und identifiziere alle SPoF, und was sind gängige Patterns, die zu vermeiden?") und ein Teil Monitoring/Fehlersuche/Incident Analyse.
Das scheitert oft schon an grundlegenden Fragen.

"Hier ist ein System, das im Test auf dieser Instanzgröße lief und 5000 Requests/s geschafft hat. Wir wollen 250.000 Requests/s schaffen, und die Meßdaten 6 Monate halten."
Das ist ein simpler Dreisatz, und wenn man den macht, sieht man sofort:

1. Das ist irrsinnig teuer
2. Die Datenraten gehen durch kein Netzwerkinterface
3. Die Schreibraten gehen auf keine Platte

4. Was haben die da eigentlich designed im PoC, oder haben die nur Lack gesoffen?
Das setzt aber voraus, daß man gewohnt ist, Abschätzungen zu machen und auf dem Rücken einer Serviette einmal Dinge zu peilen.

Es setzt auch voraus, daß man an Erwartungen an die Leistungsfähigkeit von Rechnern oder Instanzen hat.
Also, was ist 1 GBit/s oder 10 GBit/s auf einem Netzwerkinterface? Was ist im Vergleich dazu die Schreibleistung einer HDD, oder NVME SSD? Was sind typische Kapazitäten, oder wieviel RAM brauch ich im Vergleich zum Speicher, damit das noch tut?
Kann ich an den Daten Dinge sehen, die es mir erlauben, zu optimieren? Gibt es kalte und heiße Daten? Gibt es redundante Daten, so daß Komprimierung Mengen verkleinert? Kann ich das verwenden, um Kosten zu sparen oder Dinge zu vereinfachen?
Sind die Annahmen im PoC und im Produktionsdesign überhaupt realistisch? Was sind *Deine* Annahmen und Erfahrungen aus vergangenen Projekten (Kandidat ist im Schnitt im 3. Job und 5+ Jahre Erfahrung), die da drauf passen?
Und egal was ich mache oder wie ich frage, es ist jedes Mal Grillenzirpen.

Also, kaum ein Kandidat greift nach Taschenrechner oder bc und schätzt mal Dinge durch, und sortiert mögliche Designs nach realistisch oder unrealistisch.
Kein Kandidat, egal wie ich frage, sagt ohne einhelfen "das ist offensichtlich zu viel für eine Maschine, wir müssen breit skalieren", geschweige denn "wir müssen eh breit skalieren, sonst haben wir einen SPoF".
Der absolute Traum wäre "das sind aber komische Leistungsdaten für aktuelle Hardware, wieso ist das denn so unbalanced?" (Damit Du das fragst, mein Freund).
Oder "Spec sieht als aus, von aktueller Hardware kann man leicht das 5-fache bekommen" oder meinetwegen auch "eine AWS Instanz sähe ohne Anstrengung besser aus als diese Spec".
Das ist Teil eines größeren Problems, nämlich dem kompletten Fehlen von Widerspruch und Agency, und dem kompletten Fehlen von In-Beziehung-Setzen der Aufgabe zu eigenen, vorherigen Erfahrungen.
Sätze wie "Mir sind drei Standard-Patterns bekannt, um diesen SPoF zu vermeiden, und in einem früheren Projekt von mir ging es darum ... und da haben wir mit ... ganz gute Erfahrungen gemacht." fallen nie.

Erfahrungen, Überzeugungen, und Wertungen kommen grundsätzlich nie vor.
In einer Serie von 10+ Interviews nicht einen Kandidaten zu haben, der _irgendeine_ Art von Historie, Wertung, Meinung oder Haltung in den Raum stellt, ist komisch.
Der ganze Enterprise-Interview-Tanz ist zu einem nutzlosen Ritual geworden, bei dem sinnlose Aufgaben reproduziert werden, die mit dem Job nix, aber auch gar nix zu tun haben.
Das ist "neu". Ich bin ja bei diesem Arbeitgeber zum 2. mal, und diese Sorte Nicht-Gespräch führe ich in den letzten 2 Jahren quasi nur und davor eher nicht.
"Wenn wir diesen Menschen einstellten und die Person wäre dann in Deinem Team, würdest Du diese Person wollen?" als Ergebnis des Interview-Prozesses - wie soll ich das mit dieser Ausgangslage beantworten?
Ich bin ja ein Alter Mann™ und mache diese Computersache jetzt seit mehr als 35 Jahren. Es ist wahrscheinlich, daß ich komisch bin.
Aber selbst wenn man unterstellt, daß die alle in der Cloud groß geworden sind und nie ein echtes Stück Hardware gesehen haben außer ihrem Laptop…
So losgehen, Abschätzungen machen, Größenordnungen einsortieren und dann mal Dinge hinterfragen und offensichtliche Design Schwachpunkte identifizieren - das sollte man doch von einem Core oder gar Senior SRE erwarten wollen?
Ja, das ist halt die Frage. Also, das Verhältnis von "Ich will diesen Job unbedingt und will deswegen keine Ecken und Kanten zeigen" vs. "Ich will einen Job, in dem ich Agency haben kann und daher zeige ich auch mal welche."

Es ist eigentlich gerade Arbeitnehmermarkt in der IT.

Also noch mehr als sonst schon. Da will ich doch eigentlich im Interview wissen, wie die so sind, wie die ticken und was ich dann später erlauben kann.
Ich weiß, daß ich keinesfalls mich selbst als Maßstab nehmen kannm weil ich zertifiziert komisch™ bin...

Aber ich meine, hey, wenn ich mir Jobs aussuchen kann, dann drück ich doch mal im Interview ein wenig und schau, ob die meiner würdig sind, so als Laden?
Ich bin vermutlich wieder komisch™, aber ich bin ja am Ergebnis des im Interviews designten Systems viel weniger interessiert als am Gespäch über das System.

Also, was fällt Dir auf? Wonach siehst Du? Was denkst Du? Wie entwickelst Du Ideen?

Ich meine, das ist ein Vorstellungsgespräch, und die bekackte Aufgabe ist doch nur da, damit wir was zum Reden haben.

Also, rede. Rechne. Designe. Überlege. Laß mich an Deinen Gedanken teilhaben. Höre auf meine Einwürfe. Laß uns schauen, wo wir das Design hin nehmen können.
Ich weiß, daß ich nicht normal™ bin und meine Erfahrungen nicht normal sind.
Mein Interview bei web.de hat @Gwenn_Dana eröffnet mit "Wir haben uns mit Ihrem Blog beschäftigt und die der fachliche Teil ist eigentlich keine Frage"
"Jetzt müssen wir halt sehen ob es menschlich paßt." Sie haben dann trotzdem zwei Stunden lang versucht, mich fachlich auseinander zu nehmen und das hat Spaß gemacht.

Aber ich bin da auch mit "Scheiß drauf, wenn es nicht paßt, dann bleib ich halt bei NetUSE" rein.
Mein Interview bei MySQL mit einem Anruf auf dem Handy.

"We know you did not actually apply, but you have friends at MySQL that downloaded the CV from your website and put it into the process. Are you interested in having a conversation about a job?"
Und ich so, hupps, wo ist mein Englisch und "Well, yes. When would that be?" "Well, how about right now."

Und das waren dann noch mal 2 Stunden bis der Akku leer war.
Aber ich meine, ich bin ja auch kein Wundertier. Aber wenn ich mich mit Leuten über eine neue Arbeit unterhalte, dann setze ich das doch in Beziehung zu früheren Erfahrungen, insbesondere wenn ich keine Ahnung vom neuen Thema habe.
Oder zücke einen Taschenrechner und schätze mal eben, wie groß der Unsinn ist, den ich erzähle. Darum bin ich doch Ingenieur?

"Keine Ahnung, ob der Plan gelingen kann, aber zumindest sind die Zahlen plausibel?"
Wir haben definitiv eine ver-schul-tere Uni-Ausbildung und das kommt jetzt im Berufsleben an.

Wir haben definitiv mehr Teamarbeit als Individualhelden, und das ist gut so.

Aber das ändert ja nix am "Dinge mal anfassen"

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More from @isotopp

26 Sep
Was ist der Zweck eines "digitalen Ausweisdokumentes"?
Also eines Personalausweises, Führerschein oder sonst etwas in der Art?

Also, was ist die User Story hier?
"Als Inhaber eins NPA will ich ... um ..."
Es ist keine Kontrollsituation in der freien Wildbahn.

"Als Inhaber eines NPA will ich mein entsperrtes Handy mit dem NPA einem Beamten zur Kontrolle übergeben."

Das ist nicht das zu lösende Problem.
Dafür haben wir andere Instanzen des Ausweises, die nur diese eine Funktion haben und daher kein Vertrauen von der Seite des Ausweisinhabers erfordern.

Als Bürger kann man so sicher sein, wenigstens nicht diese Art von Einzelfall zu werden.
Read 41 tweets
25 Sep
Das ist @TinoSchopf , Sprecher für Verkehr der SPD.
Das ist der Wahlkampfwagen der SPD.
Das ist ein Zebrastreifen, auf dem das Auto parkt.

Weißt Du Bescheid.
Morgen entscheidest Du.
Mach keinen Scheiß.
Das ist @FranziskaGiffey.
Das ist ein Wahlkampf Auto der SPD.
Das ist eine Fußgängerfurt, in der das Auto parkt.

Weißt Du Bescheid.
Morgen entscheidest Du.
Mach keinen Scheiß.
Rette Berlin.
Rette Deutschland.
Rette die Welt.

Jede Stimme zählt.
Read 4 tweets
9 Sep
@b0rk I am Kris, and I am 53 now.

I learned programming on a Commodore 64 in 1983. My first real programming language (because C64 isn't one) was 6502 assembler, forwards and backwards.
@b0rk Backwards means you stare at a hex dump and see code.

At the age of 16, reversing code and writing code were basically the same to me. I could think what I wanted to do, and type hex into a monitor, even if using an assembler with macros would be faster and easier.
@b0rk In 1986, I upgraded to an Amiga with a 68000 CPU. This required an Assembler, and I also learned C. But using 'cc -S' would be pretty normal, as C compilers at that time did write pretty abysmal code quite often.
Read 19 tweets
8 Sep
Nach einer IRC Helpdesk Session:

Macht Deine Firma sinnlose "Phishing Trainings", in denen sie Mitarbeitern Fake-Nachrichten sendet um zu sehen, wer da was anklickt?

Weil diese Firmen ihre Existenz rechtfertigen müssen, sind alle diese Nachrichten per X-Header trackbar.
Du findest in ihnen also Headerzeilen wie

X-Phishme: Phishing_Training
X-PhishMeTracking: <monsterlange ID>

Wenn Dein Mailer auf solche Header filtern kann, kannst Du diese Nachrichten automatisch erkennen, filtern, aussortieren oder löschen.
In Outlook geht das mit "Nachrichtenkopfzeile enthält" oder ähnlich.

Eine ältere Anleitung ist support.tigertech.net/outlook-spamas…, Du mußt nur die Kopfzeile anpassen.
Read 6 tweets
7 Sep
"Breitband"

IRC so: »Merkel feiert im Bundestag die Digitalisierung. Breitband in dieser Legislatur von 80 auf 94 %. LTE 99 %."
"Wonach gemessen?"
"Haushalte"
"Falsche Frage. Frage nach Definition Breitband."
Offenbar war 2007 Breitband noch als "128 kBit/s up/down" definiert.
Die Definition wurde 2009 auf 1 MBit/s downstream angehoben.
Damals auch: "Derzeit haben rund 92 Prozent der Haushalte Zugang zu einer Breitbandverbindung von 1 MBit/s. Würde man die Definition auf 2 MBit/s anheben, wären nur noch rund 70 Prozent aller Haushalte "versorgt"."

Das scheint jetzt marginal besser.
Read 10 tweets
7 Sep
Dies. 1000 mal dies.

Informatik ist einfach. Nullen und Einsen, komplizierter wird es nicht.

Informatik stapelt aber in einzigartiger Weise Abstraktionen aufeinander, 30 Lagen hoch und mit nicht linearen Abhängigkeiten. Das erzeugt eine andere, viel schwierigere Komplexität.
Wenn man älter wird, stellt man fest:

Informatik ist die Wissenschaft von den Kästen und den Pfeilen dazwischen. Nullen und Einsen interessieren kaum.

Die Kisten sind immer noch trivial, die Probleme ergeben sich aus den Dependencies.
Wenn die Dependencies "Kommunikation zwischen Systemen" symbolisieren, wird es ekelig.

Kommunikation und Konsens sind lossy und schwierig und waren bis vor kurzem unmöglich sinnvoll zu testen.
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