Ok. In @DiePressecom erschien ein Artikel, in dem einer der prominentesten Gesundheitswissenschaftlers Österreichs ausgehend von einigen Ganz- und Halbwahrheiten zu einem grotestken Schluss über #BA5 kommt.
Die Art, wie er das macht, ist nicht neu.

Das wird ein längerer 🧵
1/
Erst zur Grundaussage des Artikels, die ja nicht grundsätzlich falsch ist. Und sie hat nichts mit #COVID19 zu tun.
Ja, ins Spital kommen auch Menschen, die alt, krank, hilfsbedürftig sind, die aber in einem idealen Gesundheitssystem nicht unbedingt eines Spitals bedürften.
2/
85jährige, die in den letzten Wochen vermehrt gestürzt sind und dann nicht mehr aufkommen. Oder denen der zuvor recht gut kontrollierte Diabetes entgleist, weil das mit dem Insulin nicht mehr schaffen. Oder denen es schlecht geht, weil sie plötzlich ihre Medikamente vergessen.
3/
Viele von denen haben schon eine Versorgung. Heimhilfen, Krankenpflege, Angehörige, Nachbarn. Manchen wurde auch schon die Übersiedelung ins Pensionisten- oder Pflegeheim angeraten, aber viele lehnen das ab. Und ohne ihre Zustimmung geht gar nichts.
4/
Das jemand wegen nichts aufgenommen wird, wie es der Artikel suggeriert, ist selten. Häufiger ist das ursprüngliche Problem schon behoben und es hakt an der Entlassung nach Hause.
Die Organisation sozialer Dienste geht nicht von einem Tag auf den anderen.
5/
Manche haben Angst vor der Entlassung, verspüren neue Beschwerden, sobald man sie anspricht. Manche fühlen sich im Spital wohl, weil sie im Unterschied zu zuhause nicht alleine sind. Auch "Krankheitsgewinn" ist häufig.
6/
Man kann natürlich fordern, dass all diese Personen aus dem Spital rausgeschmissen werden, sobald es keine Evidenz für eine stationäre Behandlung mehr gibt.
Und man kann ein perfektes System fordern, in dem all das zuhause erledigt werden kann.
7/
Aber in der Medizin, wie ich sie mir vorstelle, gibt es eine soziale Komponente, eine zwischenmenschliche Komponente.
Und wir haben auch kein perfektes System, sondern eines, das ständig am Rande des Machbaren entlangschrammt. Im Spital wie "draußen".
8/
Und trotzdem funktioniert das System irgendwie, wer weiß wie lange noch. Es funktioniert aufgrund des großen Einsatzes sehr vieler Menschen, von denen viele wenig Bezahlung und noch weniger Respekt bekommen. Von Funktionären, aber auch oft von Angehörigen und tlw auch Kranken.
9/
All das bedeutet in der Praxis, dass man ständig, jeden Tag darum kämpfen muss, die Kranken wieder aus dem Spital rauszukriegen, weil der Zustrom ja nicht aufhört, aber trotzdem auf die soziale Komponente Rücksicht nehmen muss.
10/
Und dazu kommt, dass man ja gar nicht wirklich weiß, wie die Patienten dann zuhause, in der gewohnten Umgebung, zurecht kommen. Ob sie ihre frühere und im Spital nicht gebrauchte Selbständigkeit wieder erreichen.
11/
All das braucht viel Fingerspitzengefühl, einiges an Erfahrung und eine gute Kooperation zwischen ärztlichem und pflegerischem Staff.
12/
All das läuft neben dem täglichen Stresshintergrund des Klinikalltags und im ständigen Wissen, dass man was übersehen kann. Man liest dann zB hier auf Twitter oder manchmal sogar in den Boulevardmedien von "Wie konnten sie die/den so entlassen".
13/
Meistens sind die so entlassenen Beispiele für Menschen, die laut dem obigen Zeitungsartikel der Presse gar nicht (mehr) im Spital behandelt werden sollten.
14/
So. Endlich zurück zum Artikel. Da werden einige richtige Sachen geschrieben, wenn das Problem aus meiner Sicht auch übertrieben dargestellt wird. Aber ich habe nur die Erfahrung als Spitalsarzt, keine Statistik.
15/
Von dieser Darstellung eines tatsächlichen Problems kommt dann ein mMn perfider Twist in zwei Etappen.
Erst wird suggeriert, ein großer Teil der Kranken läge im Spital, weil es kein Pflegeheimbett gäbe.
16/
Das ist einfach nicht richtig. Diese Patienten gibt es, aber sie sind die Ausnahme. Zudem ist die Wartezeit derzeit noch recht gering. (Wenn auch am steigen. In den ersten beiden COVID-Wellen räumte das Virus die Heime dermaßen leer, dass man nur wenige Tage warten musste.)
17/
Und nachdem man also den Boden aufbereitet hat, indem man suggeriert, dass die Spitäler voll wären mit Menschen, die dort nichts anderes täten als auf einen Heimplatz zu warten, kommt der zweite Twist in diesem Absatz:
18/
Weil Gartlehner klug ist, spricht er im Konditional. "Wenn..." Er sagt es ja gar nicht, sondern der Artikel zuvor tut es.
Und dann die Bombe: Das was er ja gar nicht direkt sagt, wäre ein Hinweis auf die Harmlosigkeit von #BA5.
19/
Was brauchen wir schon Daten zur Übersterblichkeit, was brauchen wir schon Daten zur erhöhten Rate an Herzinfarkten, Schlafanfällen etc noch Monate nach der Infektion auch mit Omikron. Und #LongCovid interessierte Gartlehner sowieso noch nie.
20/
Eine Umfrage bei - ich zitiere: "rund einem dutzend Ärzten in ganz Österreich" reicht, um #BA5 als "offensichtlich noch harmloser" zu klassifizieren.
Anhand eines Problems, von dem im selben Artikel steht, dass es ein Strukturelles ist, das also NICHTS mit #BA5 zu tun hat.
21/
Gerald Gartlehner ist ein anerkannter Wissenschaftler, der sich große Verdienste bei der Verbreitung von Evidenz in der Medizin erarbeitet hat. Aber bei diesem Punkt, der nichts mit EbM zu tun hat, spielt er - sofern korrekt zitiert - ein ziemlich übles Spiel.
22/
So. Das wurde jetzt viel zu lang. Und ich hätte noch viel mehr dazu zu sagen. Aber ich musste den Zorn über den Artikel irgendwie loswerden.
Vom Büro aus kann man leicht so was schreiben. Wenn man mit echten Menschen zu tun hat, schaut die Welt aber anders aus.
23/23

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Jul 11
Interessanter Vortrag von Karl Zwiauer (u.a. Nationales Impfgremium) zur 4.Impfung.

Ist es klüger, auf den angepassten Impfstoff zu warten?
➡️ Der Unterschied "normaler" vs adaptierter Impfstoff scheint marginal zu sein (Boost W41 bei Makaken -> fast kein Unterschied) ImageImage
➡️ Klinische Studien bei Menschen gibt es noch kaum, aber auf adaptierten Impfstoff zu warten, dürfte wenig Sinn machen.

Deshalb:
➡️ Grundimmunisierung besteht aus 3 (!) Stichen, bietet recht kurz Schutz vor Ansteckung, aber langfristig vor schwerem Verlauf.
➡️4.Stich nach 4-6Mo
Dies obige Empfehlung gilt für alle Risikogruppen inkl. alle >65J. Für <65J ohne erhöhtes Risiko gibt es keine klare Empfehlung; wer sich impfen lassen möchte, der oder dem soll das aber nicht verwehrt werden!
Read 5 tweets
Jun 26
Wien macht bei der #Impfung jetzt Nägel mit Köpfen, vereinfacht und erweitert die Empfehlung des Impfgremiums.
Hier in der Übersicht.
(Danke @mariodujakovic)
#COVID19at #COVID19wien
1/
Wichtigster Punkt zu Wiederholung:
➡️ Die Grundimmunisierung besteht aus 3 Stichen! 2 waren es nur in der Anfangszeit, als man noch keine Daten zum längerfristigen Schutz hatte.
Wer erst 2x geimpft ist, sollte sich *jetzt* den 3.Stich holen (bzw ab 4Mo nach #COVID19)
2/
Wer weniger als 3 Stiche intus hat, verzichtet auf die volle Schutzwirkung, auf gegen schwere Verläufe.

Im Spital sehen wir viele alte u/o kranke Menschen, die nur 2x geimpft sind. Einfach weil sich keiner darum gekümmert hat.

Schaut auf eure Eltern / Großeltern!
3/
Read 9 tweets
Apr 9
Sehr wichtige Arbeit von @EckerleIsabella et al.!
Die Menge von infektiösen Viruspartikeln (nicht Ct-Wert!) bei Infektion mit Wildtyp und Delta ist bei 2x Geimpften deutlich geringer als bei Ungeimpften, bei Omikron bei 3x Geimpften.
🧵lesen!
#COVID19
@EckerleIsabella Nach dem Lesen des Papers (nicht nur des Threads...) möchte ich noch einmal betonen, dass eines jetzt noch klarer belegt ist als bisher:

Geimpfte - v.a. 3x Geimpfte - sind im Falle einer Infektion DEUTLICH weniger infektiös als Ungeimpfte.
@EckerleIsabella Für alle, die von "nur individuellem Schutz" durch Impfungen reden, wird es noch schwieriger, die Behauptung aufrecht zu erhalten, dass Impfungen nichts für das Gemeinwohl brächten.
Impfung ist auch ein Akt der Solidarität.
Read 4 tweets
Jan 9
In Südafrika begann die Geschichte von #Omikron als "mildere Variante", die sich bis jetzt fortsetzt und heute auch von @WolfgangMueckst wiederholt wurde.
Passend dazu erschien eine kleine Studie zu #Omikron aus Südafrika.
jamanetwork.com/journals/jama/…
/1
Verglichen wurden die Daten eines Spitalsbetreibers mit 49 Spitälern zu den ersten 3 Wellen (Wildtyp, Beta, Delta) und dem Beginn der #Omikronwelle (Daten bis 7.12.).

In Welle 4 wurden deutlich weniger der in die Notfall gebrachten Kranken stationär aufgenommen.
/2
Von den stationär aufgenommenen #COVID19 Kranken wurden deutlich seltener intensivpflichtig, mussten weniger oft intubiert werden, starben seltener.

Beruhigend, oder?
/3
Read 7 tweets
Jan 7
Ein Blick auf die Hamburger Studie Studie zu organischen Folgen einer milden bis moderaten #COVID19 Erkrankung (= keine Sauerstoffgabe benötigt). Untersucht wurden Menschen im Alter von 45-74 6-9Monaten nach COVID. #LongCovid war *keine* Voraussetzung.
academic.oup.com/eurheartj/adva…
/1
Im Unterschied zu den #LongCovid-Studien ging es hier nicht um Symptome, stattdessen wurde eine breite Organdiagnostik durchgeführt (Herzultraschall, EKG, Venenultraschall, Nierenfunktion, Lungenfunktion, Magnetresonanz der Gehirns etc.).
/2
Im Vergleich zur Kontrollgruppe ohne #COVID19 zeigte sich u.a. eine geringe, aber statistisch sigifikante Verschlechterung der Nieren- und der Lungenfunktion und der Pumpfunktion des Herzens. Gehirn und kognitive Leistung waren nicht verändert, ebensowenig der Langzeitzucker.
/3 ImageImage
Read 5 tweets
Jan 7
Seit Beginn der #Omikronwelle in SA wurde behauptet, #Omikron wäre harmlos und würde allenfalls milde Erkrankungen hervorrufen.
Kaum steigen die Spitalsaufnahmen unbestreitbar, kommt das alte Lied von "mit statt wegen #COVID19".
Doch das ist ein wenig komplizierter.
/1
Ja, #Omikron scheint bei Ungeimpften weniger häufig zu einem schweren Verlauf zu führen als #Delta. Schwer zu quantifizieren, aber laut den meisten Untersuchungen ca. 20-30% weniger Risiko einer Hospitalisierung. Bei Geimpften ist das Risiko natürlich noch weit geringer.
/2
20-30% weniger Spitalsaufnahmen, damit sind wir im Bereich von #Alpha. Das war die Welle im Frühling 2021, und die fanden wir alles andere als harmlos. Alpha brachte zB die Intensivstationen in Wien an den Rande des Zusammenbruchs.
Wie kann man das als "mild" bezeichnen?
/3
Read 11 tweets

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