Ich war die letzten 2 Wochen in London. Und weil meine fleißigen, polnischen Arbeiter-Eltern nur wenig von der Welt gesehen haben, habe ich angeboten, Mutter & Vater für ein paar Tage in die britische Hauptstadt zu holen. Es folgt mein Highlight dieser Reise. Ein royaler #Thread.
Es gibt einen großen Grund, warum meine Eltern unbedingt nach England wollten: Mutter & Vater sind als langjährige ZDF-Zuschauer erpicht darauf, Windsor Castle zu besuchen. Allem voran das Grab der kürzlich verstorbenen Königin Elizabeth II. Besonders Vater ist versessen darauf.
Aber nichts leichter als das. Besonders, wenn man eh schon nach London kommt. Also werden Zugtickets gebucht, Eintrittskarten besorgt, Lunchpakete gepackt und ab mit Mutter & Vater nach Windsor Castle. Halber Tagestripp. Gute Anbindung. Kurze Wege. Easy, wie der Franzose sagt.
Das Gelände ist weitläufig. Trotzdem ist es voll und trubelig. Überall muss man anstehen. Dass die St. George's Chapel, wo die Königin liegt, um 16 Uhr schließt, stresst meinen Vater. Es ist elf Uhr. Also lassen wir das Schloss erstmal links liegen und marschieren zur Kapelle.
Sofort dämmert uns, dass wir nicht die einzigen sind, die wegen der beliebten, ewigen Monarchin hier aufgekreuzt sind. Aber die Schlange zur Kapelle kommt zügig voran. Bald wird auch klar, warum: Effizienz. Der ganze Laden brummt wie eine gut geölte gotische Maschine.
Ordner*innen in tiefroten, klerikalen Gewändern scheuchen die zahlreichen Gäste freundlich, aber bestimmt durch das Kirchenschiff. Je größer der Andrang, umso besser greift das nahtlose System von lotsenden Händen. Zweimal rechts herum, dann geradewegs zur Grabstelle.
Je näher wir der Grabstätte kommen, desto größer wird die Dichte der purpurroten Angestellten. Der Laden sieht aus wie eine Mischung »The Handmaid’s Tale« und einem Apple Store. An jeder Säule hängen laminierte Poster, die das Fotografieren ausdrücklich verbieten. VER-BIE-TEN!
Ein letzter Rundbogen, dann sind wir da. Hinter einer gusseisernen Absperrung, brusthoch, die Grabnische. Es gibt nicht viel zu sehen. Kein Mausoleum, keine Särge, keine Büsten. Nur eine Marmorplatte, mit vier eingravierten Namen, der jüngste Schriftzug: Elizabeth II.
Verweilen geht nicht. Eine Ordnerin hinter uns scheucht, eine vor uns lotst. Drei Sekunden Wandeln, dann ist die Show vorbei. Die Eltern sind enttäuscht. Vater besonders darüber, dass man nicht fotografieren durfte. Mir kommt eine Idee. Drehen wir das Ründchen einfach nochmal.
Also raus, neu angestellt, Elizabeth die Zweite. Die Eltern werden mutiger. Verzögern das Schleichen vor der Grabplatte auf fünf Sekunden. Mutter bleibt sogar stehen, um sich zu bekreuzigen. Du Blenderin, denke ich. Kaum sind wir wieder raus, will Vater eine dritte Runde drehen.
Er habe alles taxiert. Heimlich Fotos machen wäre kein Problem. Ich sage ihm, dass es offizielle Bilder gibt. Ausgeleuchtet, hochauflösend. Okok, sagt Vater, grinst & bettelt um eine letzte Runde. Einverstanden. Soll das Göhr halt auf die Herdplatte packen, wenn es so gerne will.
Elizabeth, die Dritte. Schon im Hauptschiff gelingt es Vater, den Gang der gesamten Kolonne zu drücken. Kurz vor dem Rundbogen lässt er sich zurückfallen, an der Grabstätte angelangt gelingt es ihm irgendwie, hinter die erste Ordnerin zu schlüpfen. Hinein in ihren Windschatten.
Vater trippelt auf der Stelle um Bewegung anzudeuten. Dann macht er seinen Move. Mit grellem Display hebt er sein iPhone in die Höhe. Nicht dezent, nicht körpernah, sondern mit langen Armen. Nur der gescheitelten Frisur der Ordnerin ist es zu verdanken, dass er damit durchkommt.
Dann passiert es. Vater macht drei Fotos. Nicht mit Blitz. So viel sei ihm zugestanden. Aber mit dem herrlich anachronistischen Kamera-Sound seines iPhones. KLICK, KLICK, KLICK schallt es durch die andächtige Stille vor der Grabstätte. KLICK! KLICK! KLICK!
Dreißig Menschen fahren herum. Vor uns wie hinter uns. Touristen aus der ganzen Welt. Nicht zuletzt die beiden Ordnerinnen. Die lockende und die scheuchende. Letztere fährt meinen Vater an. Staucht ihn in einer Gestik und Mimik zusammen, die jede Sprachbarriere übertrumpft.
Im Kopf zähle ich mit, wie viele Sekunden Standpauke mein Vater verdient hat. Einundzwanzig, zweiundzwanzig, dreiundzwanzig, dann werde ich weich, trete dazu und deeskaliere, was es noch zu deeskalieren gibt. Ich entschuldige mich mehrfach, aber den Ordnerinnen reicht das nicht.
Erst als wir die Bilder gelöscht haben, lässt man uns grimmig ziehen. Dass die Ordnerinnen nicht wissen, dass auf dem iPhone gelöschte Fotos nicht final gelöscht sind, überrascht mich etwas. Dass Vater es nicht weiß, das war mir klar.
Auf den letzten Metern durch die Kapelle überlege ich mir gut, ob ich seine Dreistigkeit und Dilettanz belohnen soll. Herdplatte und Zuckerbrot? Aber draußen, im Sonnenschein, während Vaters Augen traurig funkeln, überkommt mich Mitleid oder Güte.
In einer schattigen Ecke bergen wir die Fotos aus dem »gelöschte Ordner«. Vater schirmt mich ab, als würde ich im Innenhof von Windsor mal eben Heroin drücken. Schnell sind die Fotos gefunden und ich sag mal so: Annie Leibovitz ist nichts dagegen.
Von den drei Fotos ist das hier noch das Beste. Vater ist enttäuscht. Maßlos enttäuscht. Ein gebrochener Mann. Seine große Chance verwirkt. Ich kann mir ein Lachen nicht verkneifen. Sofort will er weiterziehen, da fällt uns auf, wie Mutter uns mustert. Wie sie grinst, dann lacht.
Im Trubel der Kapelle, im Sturm aus Zorn & Züchtigung, hat Mutter unbemerkt von allen das perfekte Foto gemacht. Ocean's Eleven. Das polnische Remake. Vater gluckst vor Freude, küsst Mutter auf die Stirn & wenn er schlagfertig gewesen wäre, hätte er »meine Königin« zu ihr gesagt.
Stolz überkommt mich. Ich weiß nicht warum. Ich deute meinem Vater an, mich nochmal abzuschirmen. Dann schicke ich das makellose Foto via AirDrop erst zu ihm, dann mir. Für alle Fälle. Verschwörerisch schauen wir uns um, nicken und gehen auseinander, als wäre nichts gewesen.
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Im Haus nebenan zieht eine Jungs-WG aus, die sich für ihren Umzug einen Mietwagen & zwei polnische Hilfskräfte gegönnt haben und die polnischen Kerle machen sich in einer Tour über die Boys lustig. Mit dem krassesten Pokerface ever. Als würden sie über Fussball reden. So lustig!
Weil sie sich die Namen der drei Jungs anscheinend nicht merken wollten, nennen sie alle drei nur "Achim".
Schönster Satz bisher: »Das bisschen Scheiße mach ich dir auch mit einem alten Einkaufswagen von Kaufland, Achim!«
„Oh man, wie cute!“, mag der geneigte, potenzielle Bahnkunde denken, der auf bahn.de nach einem Sparpreis sucht. Aber Vielfahrer erkennen gleich: Hier stimmt was nicht! Das ist der Hauptbahnhof in Köln. Im Hintergrund das Museum Ludwig. Ganz eindeutig. (1/8)
Und so wie die Sonne auf dem Foto steht, ist gar nicht abends, sondern morgens! Dieser Zug ist nicht gerade angekommen. Dieser Zug, der fährt erst noch! Was wir hier sehen ist gar kein freudiges Wiedersehen von zwei jungen Akademikern, … (2/8)
… die sich nach sechs Monaten Erasmus in Porto oder Palermo wieder in die Arme sinken. Das sind nur zwei volltrunkene Köln-Ehrenfelder, die auf der Suche nach einem Absacker-Snack auch an diesem Sonntagmorgen wieder im Mäckes am Hauptbahnhof gelandet sind. (3/8)
Die BBC hat ihre Ländersperre aufgehoben. Gibt nicht so mega viele Gründe, warum die BBC kosten-, werbe- und bannerfrei überall auf der Welt empfangen werden möchte.😢
Am Sterbebett von Königin Victoria saß übrigens ihr Lieblingsenkel: Kaiser Wilhelm II.
Ich bin in einem königlichen Rabbithole. Die letzten engen Angehörigen befinden sich auf diesem Flug. Vom Flughafen Aberdeen brauchen sie knapp über eine Stunde nach Balmoral. Frühestens dann, wird die BBC über ein eventuelles Ableben der Queen informiert. flightradar24.com/KRF23R/2d62a52d
Kleines Quiz: Hat der Mitbewohner …
a) … Kinder
b) … eine Zweitkarriere als Dragqueen
c) … drei Akademiker zu Gast, die trotz eines Jahresgehalts von 70.000 Euro auf dem Küchenboden rumrutschen und mit Wachsmalstiften den Unterschied zwischen Post- & Transhumanismus malen?
Alle vier haben eine Doktortitel, unbefristete Verträge bei seeeehr großen deutschen Hochschulen, aber auch Wachsmalkreide im Gesicht, die sie aussehen lässt, wie billige Prostituierte aus Moulin Rouge.