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Thomas Stockinger @thstockinger
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Zu den bevorstehenden 80 Jahren Durchsetzung des Nationalsozialismus in Österreich habe ich etwas über willfährige Wissenschaft und Erinnerungskultur zu bieten. Den unmittelbaren Gegenwartsbezug erfahrt Ihr erst gegen Ende des Threads. (I'll try to make it worth your patience!)
2005 erschien der insgesamt sehr schöne und nützliche Band „Zukunft mit Altlasten. Die Universität Wien 1945 bis 1955“, herausgegeben von Margarete Grandner, Gernot Heiss und Oliver Rathkolb. Lesenswert!
Die Beiträge sind in der Hauptsache nach Disziplinen geordnet. Über das Institut für Geographie erschien dieser Aufsatz, der mich in letzter Zeit verstärkt interessiert hat. Den Namen des Autors verrate ich ... später.
Schon die einleitend formulierte Zielsetzung ist bemerkenswert. Angestrebt wird eine neutrale „Darstellung“ auf Basis „objektivierter Fakten“; „moralische Verdammung“ oder „oberflächliche Rechtfertigung“ weist der Autor gleichermaßen zurück.
Als zentrale Persönlichkeit der Geographie an der Uni Wien in der fraglichen Zeit (wie das in Österreich so schön heißt) macht unser Autor Hugo Hassinger aus. Das entspricht dem Konsens der Literatur zum Thema.
Diese Arbeitsgemeinschaft für Raumforschung (hinfort: AG Raum) ist nun nicht irgendein langweiliger Diskussionszirkel von Eierköpfen gewesen. Sonst hätte sie heute keinen eigenen Artikel im „Handbuch der völkischen Wissenschaften“...
Ich zitiere im Folgenden diesen kurzen Text der großartigen Historikerin Petra Svatek stellvertretend für ihre zahlreichen, viel umfangreichen Arbeiten zur Wiener Geographie rund um Hassinger. Ein Schriftenverzeichnis gibt es hier:
ucris.univie.ac.at/portal/de/pers…
Was die AG Raum war und tat, weiß grundsätzlich auch unser ungenannter Autor. Dass Hassinger sie nicht nur geleitet, sondern initiiert hat, mag er für unwesentlich gehalten haben.
Seine Beurteilung ihrer Forschungen ist ... erstaunlich: „bieder und lokal ausgerichtet“ waren sie, „politisch nur bedingt verwendbar“. Besonders hübsch das Resümee: „Business as usual“.
In dem Absatz hat unser Autor zunächst einmal einige der – ähem – „spannendsten“ Projekte der AG Raum übersprungen. (Svatek, S. 1754)
Diese Projekte waren *direkt* der Vorbereitung nationalsozialistischer Volkstumspolitik durch Massenzwangsumsiedlungen sowie der kriegswirtschaftlichen Ausbeutung vorhandener und noch zu erobernder Gebiete gewidmet. (Svatek, S. 1754)
Aber auch diejenigen, die er nennt, stellt er zu Unrecht als harmlos dar. Walter Kubienas Bodenkarten etwa: Was wollte wohl die Wehrmacht mitten im Krieg damit? (Svatek, S. 1755)
Möglicher Einwand: Wie soll unser Autor 2005 schon Svateks Forschungsergebnisse kennen? Vielleicht weiß er das alles einfach nicht? Naja. Svatek ist jetzt die beste Expertin – aber andere haben schon 1989 recht Ähnliches festgestellt.
Diesen Aufsatz kennt unser Autor. Er findet ihn aber in seinen Wertungen überzogen. („Büttel“ steht übrigens bei Mattl/Stuhlpfarrer nirgends.)
Dass Hassinger vor 1938 auch schon großdeutsch-völkisch dachte und schrieb, verwendet unser Autor, um ihn vom Nationalsozialismus abzugrenzen.
Und auch den Umstand, dass Hassingers Raumforschungsansatz nach 1945 von der Republik Österreich ebenso gerne aufgegriffen wurde, sieht unser Mann als Beleg für die fundamentale politische Neutralität von Hassingers Wissenschaft.
Hassinger hat der NSDAP nie angehört und hat das offenbar auch nicht angestrebt. Das ist unwidersprochen richtig. Wie ist aber dann sein Verhältnis zum Nationalsozialismus zu charakterisieren?
Antwort unseres Autors: Hassinger war naiv, und dass er sich so hat instrumentalisieren lassen, ist (einem Nachrufschreiber von 1957 folgend!) als „tragisch“ zu werten.
Die ganze Disziplin war einfach „noch nicht so weit“, kritisch über ihre gesellschaftliche Rolle zu reflektieren. Wie hätte sich da Hassinger, wie hätten sich seine Kollegen vor der Vereinnahmung schützen können? Die armen Hascherln hatten keine Chance!
Das, wo ein paar Seiten vorher noch als Verdienst Hassingers hervorgestrichen worden ist, die Humangeographie aus dem stillen Kämmerlein herausgeführt und ihre politische Relevanz betont zu haben...
Schließlich das Fazit, mit dem der Text endet: Dass die Wiener Geographen der NS-Zeit nach 1945 (fast) ohne Konsequenzen weiterarbeiten konnten, war nicht nur richtig so, sondern beweist ihre Harmlosigkeit. (Eine lupenreine Petitio principii.)
Es gibt also offenbar doch ein richtiges Leben im Falschen. Es reicht, nicht bei der Partei gewesen zu sein, es reicht, nicht selbst Kriegsverbrechen begangen zu haben, und dann geht alles andere in Ordnung, Du hast nur neutrale Wissenschaft gemacht.
Für 2005 ist es bemerkenswert, so nahtlos an die typischen Rechtfertigungsdiskurse der Nachkriegszeit anzuknüpfen. Der Text fällt auch aus dem Band, in dem er steht, ziemlich heraus, soweit ich die anderen Beiträge gelesen habe.
So. Wer bis hier durchgehalten hat, fragt sich sicher, warum ich diesen öden Aufsatz so bedeutsam finde? Das liegt an der Person seines Autors, die ich bis jetzt verschwiegen habe!
Ganz recht. Heinz Faßmann, damals Prof. für Angewandte Geographie und Raumforschung an der Uni Wien (Fern-Nachfolger Hassingers), seither Dekan und Vizerektor, neuerdings Wissenschaftsminister der Regierung Kurz.
Er konnte wohl 2005 nicht wissen, inwiefern sein Ausflug in die Fachgeschichte für sein eigenes künftiges Wirken relevant sein würde. Trotzdem finde ich seine damalige Einstellung sehr erhellend.
Das soll jetzt keine Skandalisierung in Richtung „Faßmann sympathisiert mit dem Nationalsozialismus“ sein. Dafür sind in dieser Regierung andere zuständig.
Eher vermute ich, dass er das wirklich glaubt: Dass Wissenschaft im Innersten „unschuldig“ bleiben kann, egal, von welcher Politik sie sich fördern lässt. Wenn sie nur nicht zu 100% an diese Politik glaubt.
Hier nochmals Petra Svatek über Hassinger, wohl in Anlehnung an ein schönes Konzept ihres Lehrers Mitchell Ash: „Wissenschaft und Politik als Ressourcen für einander“.
Das Konzept ist am klarsten dargelegt in diesem schönen Text. Ash beschreibt Wissenschaft und Politik als Ressourcenensembles, deren jeweilige Akteur*innen sie wechselseitig für eigene Zwecke mobilisieren können.
In diesem Tausch geben politische Akteur*innen vor allem finanzielle und materielle Ressourcen, wissenschaftliche geben nutzbare Informationen und (nicht zuletzt!) die Legitimation ihrer Glaubwürdigkeit.
Grundsätzlich ist dieses Verhältnis in allen „modernen“ Gesellschaften anzunehmen, in Demokratien wie in autoritären und totalitären Systemen. Nicht alle Ausformungen sind als problematisch zu werten.
Unerquicklich wird es, wenn wissenschaftliche Rationalität NUR MEHR legitimierende Performanz ist (zum Teil ist sie das immer). D.h., wenn Wissenschaftler*innen ihren autorisierenden Stempel auf Aussagen drücken, die ausschließlich nach den Wünschen der Politik gewählt sind.
Hier mal ein ganz aktuelles Beispiel aus dem transatlantischen Ausland:
Stark gefördert wird diese Konstellation dadurch, dass an der Spitze aller größeren Wissenschaftsinstitutionen eine Kaste von Manager*innen wirkt, deren Haupttätigkeit die Einwerbung von Ressourcen ist. Forschung ist für sie das Produkt, das sie verkaufen.
Hierhin gehört auch, dass sich in Deutschland vor wenigen Jahren Uni-Präsident*innen, die Chef*innen der großen Forschungsverbände etc. fast ausnahmslos schützend vor eine des Plagiats überführte Wissenschaftsministerin geworfen haben.
Die Verwendung wissenschaftlich legitimierter Aussagen für politische Zwecke, wobei er sich diese Aussagen à la carte aussucht, ist ein Lieblingsgimmick von Sebastian Kurz. Spektakulärstes Beispiel: die Aslan-Studie zu den islamischen Kindergärten. derstandard.at/2000067405072/…
Heinz Faßmann ist ein langjähriger Lieferant von Studien und Forschungsergebnissen, die Kurz ins Konzept passen. Zweifellos deswegen ist er heute Minister.
Und deswegen, ja deswegen, finde ich es so interessant, was Faßmann von Hassinger hält. Wie es mit der Regierung Kurz und der Demokratie in Österreich weitergeht, werden wir sehen. Faßmann ist zu wünschen...
... dass sein Wirken in 60 Jahren von einer heute noch nicht geborenen Nachfolgerin mit derselben milden Sympathie gewürdigt wird wie Hassingers von ihm. Für Österreich hoffe ich aber darauf, dass Faßmanns Nachfolger*innen 2078 anders ticken.
Dixi.
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