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Thread by @drhuch: "Am Nebentisch spekulieren vier Frauen mittleren Alters wild, was Männer alles so denken und fühlen. Mir kommen Zweifel, ob die überhaupt wel […]"

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Am Nebentisch spekulieren vier Frauen mittleren Alters wild, was Männer alles so denken und fühlen.
Mir kommen Zweifel, ob die überhaupt welche kennen.
Eine fünfte sitzt so, dass sie mein unzureichend unterdrücktes Grinsen sehen kann und hat offenkundig beschlossen, sich an der Diskussion nicht zu beteiligen. Ab und an zieht sie eine Augenbraue hoch. Was war das nur für ein Laden wo man zu Wildfremden an den Tisch gesetzt wurde.
Möglicherweise handelt es sich auch um eine Geisel und unter dem Tisch bedroht sie jemand mit einer Waffe und deswegen sieht sie so unentspannt aus. Wer weiß das schon. Munter schwärmt derweil eine Frischverliebte von tiefen Gefühlen ihres neuen Lovers.
Mir wird ein wenig übel.
Er bringt ihr stets Blumen und Konfekt. Gut, es sind Fresien, die mag sie eigentlich gar nicht, aber das wird er zwischen den Zeilen sicher bald heraushören. Und die Aldipralinen, die schenkt sie immer der Nachbarin. Süßes mag sie eh nicht. Aber das sagt sie ihm natürlich nicht.
Er ist ja so feinfühlig und merkt das ganz bestimmt ganz bald selber. Ansosnten ist er perfekt. Gut, seinen Kleidungsstil, daran müsse man noch arbeiten. Und dieses After Shave, naja. Und Sushi mag er auch nicht.
Aber er trägt sie förmlich auf Händen. Wenn auch meistens ins Bett.
Überhaupt, im Bett, da gäbe es natürlich noch gewisse Optimierungspotenziale. Sie gäbe ihm ja immer schon so kleine Zeichen, Ihr versteht, aber seine Antennen wären wohl noch nicht auf sie feinjustiert.
Ich denke mir "Was? Der hat mehrere?" und pruste etwas Kaffee auf den Tisch.
Der Kellner, der den Damen neue lauwarme Kaffeespezialitäten bringt, ist keine 20. Er kriegt die Diskussion voll mit und verdächtig rote Ohren. Nachdem er wieder hinter der Bar verschwunden ist, wird sein Hintern diskutiert. Lieb gemeinte drei von fünf Sternen lautet der Konsens.
Ich bin dankbar, dass die FAZ absolut blickdicht ist, aber Schallwellen recht gut durchlässt. Drüben wendet man sich nun, etwas überraschend, anscheinend innovativer und vor allem nachhaltiger Chronometertechnologie zu, jedenfalls geht es um irgendeine biologische Uhr, die tickt.
Hinter einem Smartphone könnte ich jedenfalls meine zeitweise entgleisenden Gesichtszüge nicht halbsogut verbergen, wie hinter einem Printmedium. Armin darf nie erfahren, dass eines der Kinder vom Steuerberater ist. Das würde sein Ego nicht verkraften. Zum Glück sind beide blond.
Armin, falls du das liest und einen blonden Steuerberater hast, sieh es positiv, das erste ist definitiv von dir. Aber nur, weil sie die Pille wieder ausgekotzt hat. Wegen der Kotzerei von der Fischvergiftung. Weil du sie in diese Kaschemme geschleppt hast. Du elender Geizkragen.
Julia, deren Gesicht ich nicht erkennen kann, weil sie mit dem Rücken zu mir sitzt, empfiehlt eine Paartherapie. Peter hätte seitdem seine rasende Eifersucht viel besser unter Kontrolle. Den Kommentaren der anderen zufolge vögelt Julia alles, was nicht bei drei auf dem Baum ist.
Die Unterhaltung wendet sich nun ohne irgendeinen für mich erkennbaren Übergang der Behandlung obskurer Frauenleiden mit bei Mondschein gepflücktem Bio-Siebenwurz zu. Ich beginne, das Interesse zu verlieren, als Julia sich kurz zur Tür umdreht und ich ihr Gesicht erkennen kann.
Ich muss nun leider ein wenig ausholen. Peter besitzt ein gutgehendes Autohaus im Nachbarort. Ein Familienbetrieb, übernommen von seinem Vater. Das weiß jeder. Die Besitzübertragung fand am Tag vor Peters Hochzeit mit Julia statt, so dass sie im Fall der Fälle keinen Penny sähe.
Das weiß ich, weil Peters Mutter einmal im Monat im Theaterbus der Landfrauen neben meiner...aber das führt jetzt hier zu weit. Nun plant Peter, den Laden an einen Konkurrenten zu verkaufen. Und seinen Lebensabend in der Karibik. Das weiß ich, weil sein Konkurrent mein Spezl ist.
Was weder ich noch Julia zu diesem Zeitpunkt wissen: Peter plant seine karibische Zukunft als Frischgeschiedener mit einer gewissen Birgit. Sie erinnern sich an die schweigsame fünfte Dame, von der ich zu Anfang erzählt habe?
Aber das erfahre ich erst beim nächsten Theaterabend.
Zwei der drei Frauen gehen zusammen aufs Klo. Routiniert klären die verbliebenen etwaige Loyalitätskonflikte ab, bevor sie herzhaft über die beiden Abwesenden herziehen. Ja. Die dritte Hautstraffung. Wenn die die Augen zumacht, klappen sich die Fußnägel hoch. Und der Busen erst.
Mit ihrem Mark solls ja auch nicht mehr so richtig laufen. Der hätte jedenfalls neulich auf der Gartenparty von der Frau Dr. Hülsheimer ach da wart Ihr ja gar nicht TODschick sag ich Euch jedenfalls und das Catering allerfeinst. Nur die Austern. Denen hab ich ja nicht so getraut.
Überhaupt kriege sie von Austern ja gerne mal so einen unangenehmen Ausschlag, genau da (sie entblößt kurz ein Körperteil dessen Beschreibung man mir als Gentleman hier nicht abverlangen möge). Aber wenn ihr Gerd ein paar Austern, also man wisse ja schon was das mit den Männern..
Wieder wendet sich das Gespräch gesundheitlichen Problemen zu, denen man mit frei und weniger frei verkäuflichen Arzeneien zu (Unter)leibe rückt. Im Falle des Versagens der Selbstmedikation vertraut man dem persischen Gynäkologen mit der sanften Stimme und den rehbraunen Augen.
Die Diskussion dreht sich um Dinge, die ich nicht durchblicke. Wieviele WeightWatchers-Punkte kriegt man gerade für einen Euro? Ist das sowas wie Bitcoin? Am Ende umfangreicher Berechnungen unter Zuhilfename von Smartphone und Schierfertafel entsteht jedenfalls Konsens: PROSECCO!
Prosecco, dieser Schaumwein fragwürdiger Qualität, den alle schlürfen, die mehr Wert auf Zeitgeist als auf Flaschengärung legen, verfolgt uns ja nun schon seit etwa 25 Jahren. Der einzige Weg ihm zu entgehen ist sich als Antialkoholiker zu outen. Oder ggf. als Heterosexueller.
Einer der wenigen Vorteile, die man als Mann noch hat: Keiner erwartet von dir, Prosecco zu trinken. Oder beim Blick in einen fremden Kinderwagen umgehend einen Milcheinschuss zu kriegen. Womit wir beim nächsten Thema wären. Überschüssige Muttermilch und der Umgang mit derselben.
Ich möchte Ihren zarten Gemütern die unappetit(t)lichen Details der nun folgenden Beschreibungen von Laktationsunfällen ersparen. Und das Mark gern Muttermilch in seinen Kaffee mochte. Lassen Sie uns stattdessen lieber über den Vorteil von Fortpflanzung mittels Reagenzglas reden.
Draußen hagelt und stürmt es. Irgendeiner höheren Macht scheint es zu behagen, mich hier leiden zu lassen. Jajaja. Alles ganz natürlich. Milchpumpen, Dammrisse und Scheidenpilze. "Was gehst du auch immer in diese Whirlpools, du weißt doch das sind die reinsten Chlamydiensprudel".
Die rasanten Themenwechsel machen mich fertig. Plötzlich wird Urlaubsquartett gespielt. Kanaren. Dänemark. Wegen der Kinder. Dieses Jahr noch. Dann aber Kenia. Oder lieber Kreuzfahrt. Man hört ja soviel. Fernreisen sind ja out. Außer Asien. Asien geht immer. Julia hat Flugangst.
Ob man nicht mal gemeinsam, so nur wir Frauen? Wellness? Oder Wandern? Jakobsweg muss man ja fast schon. Heilfasten. Und viel Bewegung. Die Eliza muss dann aber auch mit. Eliza (mit Zett geschrieben und gesprochen) ist anscheinend aus Kapstadt und die gemeinsame Zumba-Trainerin.
Deswegen sitzt man hier auch in trauter Runde beisammen. Zumba-Eliza hat nämlich ihren Kurs für heute abgesagt. Weil wegen Eisprung und so. Man zwinkert sich verschwörerisch zu. Heute müsse die Glocke werden. Um Elizas Fruchtbarkeit steht es, so ist zu vermuten, nicht zum besten.
Und was denn wäre wenn die Eliza doch schwanger würde? Und auch wenn nicht. Die sei ja schließlich lesbisch. Müsste man ihr da nicht anbieten, ihre "Freundin" mitzunehmen? Man könne ihr ja kicher, kicher in dieser Hinsicht nichts bieten sonst. Könne man doch nicht, oder? ODER?
Nachdem man sich gegenseitig seiner Heterosexualität versichert hat "So Mädchensachen zählen natürlich nicht" beschließt man, die Rechnung kommen zu lassen. Ich zahl das heute. Nein du hast letztes Mal. Kommt nicht infrage. Kerstin hat noch nie.
"Getrennt oder zusa..?"
"GETRENNT"
Meine Ohren klingeln. Frauen kommunizieren ja, um Nähe herzustellen. Hab ich mal gelesen. Ob die Zicken sich jetzt näher sind als vorher? Wer bin ich, das zu beurteilen. Im Internet buche ich eine Woche Kur in einem Schweigekloster. Frauen sind da willkommen. Es buchen nur keine.
Ich spreche ja nur selten dem Alkohol zu, aber das Fläschchen mit dem erzeugerabgefüllten Waldhimbeergeist zwinkert konspirativ. Ich winke dem noch von seiner Dreisternebewertung traumatisierten Kellner, er versteht und stellt ein Obstbrandglas auf die Theke. Und eins für sich.
Was wir bisher wissen:
Genau eine Woche später warte ich an der Waschanlage, bis lackschonende Textilfleppen sich rotierend an meinem armen Auto ausgetobt haben. Gegenüber der Tankstelle befindet sich das Fitnessstudio, in dem die fortpflanzungswillige Eliza ihrem schweißtreibenden Brotwerb nachgeht.
Und da kommen sie schon, die Gladiatorinnen der rhythmischen Leibesertüchtigung. Kerstin stützt Julia und Armins Holde zieht ein Bein nach. Birgit hält sich würdevoll aufrecht, als käme sie gerade von einem Einkaufsbummel. Mit hochroten Kopf, weil die Kreditkarte abgelehnt wurde.
Die fünfte im Bunde fehlt noch. Während ich mich gerade zugegebenermaßen etwas schadenfroh in Spekulationen ergehe, ob sie wohl noch unterm studioeigenen Sauerstoffzelt liegt, passieren, die kleinen Sünden straft der Herr bekanntlich sofort, zeitgleich zwei schicksalhafte Dinge.
Zum Einen verlässt besagte Dame, ich meine mich zu erinnern, dass sie mit einem gewissen Mark liiert ist, den Fitnesstempel. Sie zieht mühsam eine monströse Sporttasche hinter sich her, in die bequem mein kompletter Hausstand zu Studentenzeiten gepasst hätte. Inklusive Fahrrad.
Zum Anderen springt die Waschanlange auf "Störung" und nimmt mein Auto in Geiselhaft. Ich zucke mit den Schultern und mache mich auf in Richtung Tankstellenkasse, die Bedingungen für die Freilassung zu verhandeln. Die sieben hinter mir wartenden Fahrzeughalter wirken unentspannt.
Gerade will ich der gelassen ihre Fingernägel polierenden Tankwärtin mein Leid klagen, als ich einen Ellenbogen in meinen Rippen spüre. Gleichzeitig landet etwas Schweres auf meinem Fuß.
"AUA. Sagen Sie mal."
"Entschuldigung. Das ist ein Notfall. DAS ÜBLICHE. ABER ZACKZACKZACK!"
Sie erraten wer neben mir steht. Eine dramatisch unterzuckerte Frau, einen Kopf kleiner als ich, mit schwarzegelockten Haaren und einer Laune wie ein vegetarisch zwangsernährter Ork. Altersweise weiche ich ein Stück zurück. Auch die Tankwärtin gerät jetzt schlagartig in Wallung.
Vertraut mit "Sofortmaßnahmen am Unfallort" reicht sie zügig ein Mars (Kingsize), eine Flasche Cola (0,5 Liter) und eine Bifi über den Thresen. Dann drückt sie nach flüchtigem Blick auf die Steuertafel einen roten Knopf, gibt mein Auto frei und wendet sich wieder ihren Nägeln zu.
Kennen Sie die Geschichte vom Lost Lake in Oregon, der einmal im Jahr mit einem satten Rülps komplett in einem Erdloch verschwindet? Als ich den Kassenbereich verlasse, scheint hinter meinem Rücken ein vergleichbares geologisches Phänomen die norddeutsche Tiefebene heimzusuchen.
"Schuldigung" kleinlaut zieht die ausweislich eines Namensschildes an ihrer Sporttasche "Bella" getaufte durstige Dame selbige an mir vorbei "Nicht mein Tag heute. Nicht. Mein. Tag."
Der Gentleman in mir erwacht aus tiefem Schlaf, ich biete an, ihr die Tasche zum Auto zu tragen.
Bella beginnt, unkontrolliert zu kichern. Zugegeben, diese Reaktion hatte ich nicht erwartet. Obwohl mich, seit ich Anfang der 90er einer Vorkämpferin der Emanzipation in den Mantel helfen wollte und dafür benahe übel verprügelt worden wäre, ja kaum noch etwas überraschen kann.
Ich fürchte, in die Dreharbeiten des Sequels von "Frauen am Rande des Nervenzusammenbruchs" geraten zu sein und überlege fieberhaft, wie mit so einer Situation umzugehen ist. Das Männerhandbuch, dessen Existenz ich hiermit weder bestätige noch dementiere, schweigt dazu leider.
Ich verfrachte Bella samt Großraum-Tasche auf die Sitzbank neben dem Autostaubsauger mit dem vergilbten "Außer Betrieb"-Schild. Mein Auto blockiert die Waschanlage. Ich muss hier aktiv werden, bevor der Mob sich mit Fackeln und Mistgabeln bewaffnet und die Karre in die Luft jagt.
Als ich das Auto auf dem Kundenparkplatz des zur Tankstelle gehörenden Autohauses abstelle, wirft ein beschlipster Jüngling aus seinem Glaskasten im Neuwagen-Schauraum einen taxierenden Blick erst auf mein Gefährt und dann auf mich, ehe er sich wieder seinem Papierkram zuwendet.
Bella befindet sich zum Glück exakt da, wohin ich sie aufgeräumt hatte und fixiert nachdenklich den schlaff herabhängenden Schlauch des Autostaubsaugers neben sich. Ich überlege, womit mir in dieser Situation am besten geholfen wäre. Ich ziehe eine Tüte Gummibären aus der Tasche.
Bella lächelt dankbar, beginnt umgehend, die grünen Bärchen aus dem Beutel herauszufischen und ich bin ziemlich sicher, die Liebe meines Lebens gefunden zu haben. Aber dazu kommen wir später. Zunächst gilt es zu klären, wie der Dame geholfen werden. Haribo hilft nicht auf Dauer.
Die Höflichkeit gebietet, so denke ich mir, mich vorzustellen. "Ich bin..." hebe ich an, als sie mich mit einem "Wir kennen uns" abwürgt. Nun bin ich wirklich kein Schwerenöter, der leicht den Überblick über seine amourösen Abenteuer verliert, aber zum Teufel, WER WAR DIE FRAU?
Halb so wild. Sie entpuppt sich als die kleine Schwester eines Schulkameraden.
Die Anfang der 80er in heißer Liebe zu mir entbrannt war, wovon ich leider erst jetzt erfahre, weil ich damals zu blöd war, sie überhaupt zu bemerken. Mein Karriereweg als Casa-NO-va war vorgezeichnet.
Wie ich nun erfahre, heißt ihr Mann anscheinend gar nicht Mark, sondern Muttersöhnchen Blödarsch und hat eine andere. Was Bella veranlasst hatte, ihre Siebensachen theatralisch in eine Sporttasche zu packen. Der dramatische Abgang litt ein wenig, als dann ihr Auto nicht ansprang.
Schließlich gelang es, ihr geriartrisches Gefährt zu überzeugen, sie zum Zumbakurs zu bringen. Mit einem traurigen letzten Seufzer verendete der einzige treue Begleiter, der ihr geblieben war, auf dem Parkplatz des Fitnessstudios. Sie zeigte in Richtung eines kleinen Rauchfadens.
Ihre Mutter, bei der sie eigentich Unterkunft finden wollte, war dann noch spontan mit dem rüstigen Herrn Meisel von nebenan in sein Appartement auf Teneriffa geflogen. Und hatte ihre Wohnung über Airbnb an zwei reizende pensionierte Lehrerinnen aus Nordschottland vermietet.
Dann war noch während des Trainings ihr Spind geknackt worden, allerdings auf richterliche Anordnung, denn dessen Vormieter schien einen schwunghaften Handel mit, sagen wir, Muskelaufbau begünstigenden Präparaten betrieben zu haben. Bevor er sich dann ins Ausland abgesetzt hatte.
Während Drogenspürhund Dolf zärtlich ihren BH abschleckte, ausgerechnet den teuren, roten mit der neckischen Spitze, hatte sie dem freundlichen Polizeibeamten mit Mühe glaubhaft machen können, dass sie nicht die Geliebte des Dealers war und diese Tasche nicht ihr Fluchtgepäck.
Ihre Freundinnen waren zwar voll des Mitgefühls, aber in Sachen Unterkunftsgewährung wenig hilfreich. Kerstin hat grad den Maler, Julia den Hausfreund und Bine (das muss die von Armin sein) ihre Schwiegermutter zu beherbergen. Birgit wohnt scheidungsbedingt auch gerade möbliert.
Beim Zumba hatte sie dann zu allem Unglück den Zorn von Eliza auf sich gezogen, was in schweißtreibenden Konsequenzen resultierte und das malade Erscheinungsbild der Damengruppe von vorher erklärt. Und möglicherweise den Unwillen ihrer Freundinnen, ihr in ihrer Not beizustehen.
Zugegeben, es war keine ihrer allerbesten Ideen gewesen, in Elizas Hörweite über die bei künstlicher Besamung doch etwas zu kurz kommende Romantik zu spekulieren. Dabei ging es in dem Gespräch eigentlich nur um eine am Vorabend gezeigte arte-Doku über moderne Rinderzuchtbetriebe.
Bis oben hin vollgepumpt mit Fruchtbarkeitshormonen, die für die Wiederbevölkerung der Erde nach einem Meteoriteneinschlag ausgereicht hätten und damit, vorsichtig ausgedrückt, leicht reizbar hatte ihre Trainerin das für eine Schutzbehauptung gehalten. Und sie alle leiden lassen.
"Ha!"
Bella springt unvermittelt auf.
"Hä?"
Ich gebe zu, ich hatte durchaus schon eloquentere Momente als diesen.
"Das Wohnmobil."
"Äh?"
"Das steht beim alten Reimers. Und der hat Schlüssel."
Sie sind ob dieses Dialoges ratlos? Ich auch. Warten wir, wie sich die Dinge entwickeln.
Der alte Reimers war der vierte Sohn eines Großbauern zwei Dörfer weiter. Aufgrund obskurer Erbfolgeregelungen zum Hoferhalt, die noch aus welfischer Zeit stammen, bestand sein gesamter Anteil an der elterlichen Hinerlassenschaft aus einem unfruchtbaren Stück Brache am Ortsrand.
Als eben dieser Bereich dann als Gewerbegebiet ausgewiesen wurde, wobei wohl nicht von Schaden gewesen war, dass im Gemeinderat drei Brüder von ihm saßen, schlug seine große Stunde. Er baute eine Halle zur Unterbringung von Booten, Cabrios, Wohnmobilen und anderen Saisonartikeln.
Auch das Gefährt von Mark und Bella steht dort, wie ich nun erfahre. Sie hat zwar keine Autoschlüssel dafür, aber Reimers. Zwecks Umparken bei Feuersbrunst und so. Ob ich sie nicht eben dahinfahren könnte? Ewige Dankbarkeit wäre mir sicher. Ihr Augenaufschlag ist unwiderstehlich.
Wäre es etwas später am Tag und schon dunkel, die vorbeirollende Polizeistreife hätte sich die beiden Gestalten, die einen leichensackgroßen Gegenstand in einen Kofferraum wuchten, wohl etwas näher angeschaut. Wir wirken unverdächtig, der Wachtmeister holt zwei Eis von der Tanke.
Ich fahre auf der Bundesstraße dem Wohnmobil hinterher. Bella hat einen Standplatz auf einem Campingplatz am Fluss ergattert, der um diese Jahreszeit aufgrund regelmäßig auftretender Überschwemmungen zugleich überlaufen und nicht überlaufen ist. Schrödingers Campground sozusagen.
Plötzlich biegt sie von der Straße auf einen übel beleumundeten Parkplatz ab. Was zum...
Ich parke neben ihr. Die Zornesfalte auf ihrer Stirn ist süß.
Sie wartet nicht, bis ich das Autofenster runter habe. Muss sie auch nicht.
"Verdammter Arsch. Nicht getankt. Typisch. Ficker."
Seufzend lade ich mir einen 20-Liter-Kanister ins Auto, der wohl eigentlich für die geplante gemeinsame Durchquerung der Wüste Gobi oder eine vergleichbar waghalsige Unternehmung angeschafft worden war. Die nächste Tankstelle ist 10 km weit weg und bittebittebitte noch geöffnet.
Als ich mit dem kostbaren Sprit zurückkomme, ist passiert, was passieren musste. Neben Bellas Fahrzeug steht ein weiteres Mobilheim, etwas abgeschrottet , aber dafür mit einer schicken roten Lampe im Führerhaus ausgestattet. Hinter mir biegt ein Tanklastzug auf den Parkplatz ein.
Einige Minuten später beobachtet die Hälfte der arbeitenden Bevölkerung unseres Landkreises beim abendlichen Nachhausependeln, wie mich eine junge Frau freudig begrüßt, während ich in ihr Nuttenmobil einsteige.
Es wird mich Jahre kosten, meinen lädierten Ruf zu reparieren.
Update!
Was ich im Verlauf der nächsten Stunden lerne:
Die Dame im Reisemobil nebenan heißt Lena. Lena kommt aus der Slovakei und ihre Möpse aus Tschechien. Lena ist supernett.
Bei Lena kann man vielleicht keine Tasse Mehl leihen, dafür verfügt sie über ein vielfältiges Kondomsortiment.
Sollten Sie mal in die Situation geraten, überraschend in einem Wohnmobil an der B3 übernachten zu müssen, weil der an Bord befindliche Rotweinvorrat und seine Besitzerin Ihre Weiterfahrt untersagen, so rechnen Sie damit, dass um 2:30 Polizeimeisterin Schuster ans Fenster klopft.
Wir bestätigen verschlafen, dass bei uns wirklich alles ok ist. Lena klönt draußen noch ein paar Minuten mit den Polizisten, dann hört man den Streifenwagen losfahren. Bella verschwindet unter der Bettdecke. Vermutlich will sie nur nachsehen, ob noch grüne Gummibärchen da sind.
An erholsamen Nachtschlaf ist allerdings weiterhin nicht zu denken. Nicht, was Sie denken. Obwohl...aber das gehört hier nicht hin.
Gegen 3:15 Uhr hat Lena Feierabend und wird abgeholt. Ihr Lebensgefährte/Manager fragt höflich an, ob Bella vielleicht einen Beschützer benötigt.
Bella zeigt nur stumm auf mich, woraufhin der freundliche Herr kurz mit den muskulösen Schultern zuckt. "Dann nicht. Angenehme Nachtruhe."
Ich grüble, ob sein Schulterzucken hieß "Die braucht keinen Beschützer, weil sie ja einen hat" oder "Vor DEM muss sie eh keiner beschützen".
Kurz nach vier dann steht plötzlich lautstark pöbelnd ein Mann vor dem Bett, der offenkundig einen Schlüssel für das Wohnmobil besitzt und bei dem es sich folglich um Bellas bessere Hälfte namens Mark handelt. Mir ist etwas warm, ich beschließe daher, ein wenig Luft zu schnappen.
Draußen bemerke ich, dass es begonnen hat zu nieseln und meine Bekleidung dafür zu luftig ist. Ich setze mich daher kurzerhand in Marks Wagen. Auf den Fahrersitz, denn auf der Beifahrerseite sitzt schon jemand.
Ich stelle mich höflich vor, denn Julia kennt mich ja noch nicht.
Wir unterhalten uns angeregt und kultiviert, während drinnen im Wohnmobil das Gesprächsklima deutlich rauher zu sein schein. Jedenfalls kommt Mark nach etwas einer Viertelstunde zum Auto getorkelt und hält sich sein linkes Auge. Ich empfehle zunächst Kühlung und dann mich selbst.
Als ich dann der wütenden Bella berichte, wen ich in Marks Auto angetroffen habe, fallen böse Worte, die man nicht in der Klosterschule lernt. Offenbar hatte der Gute vergessen zu erwähnen, dass er auf dem Rückweg von seinem Liebesnest das Wohnmobil hier zufällig entdeckt hatte.
Mark, das weiß er allerdings zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht, wird in Kürze Peter als willkommener Vorwand dienen, Julia zu verlassen. Um dann bei Birgit einzuziehen. Aber wie gesagt, davon ahnt niemand was. Wir auch nicht. Zum Glück. Sonst wäre ja der Spannungsbogen im Arsch.
Es ist kompliziert.
Ich sitze übermüdet am Steuer des Wohnmobils. Für einen Wohnblock auf Rädern fährt es sich eigentlich ganz kommod. Bella hat noch einen Geschäftstermin und ich habe mich breitschlagen lassen, ihr mein Auto zu leihen. Damits da keine doofen Fragen gibt, wenn sie mit Caravan kommt.
Hätte ich allerdings geahnt, wo dieser Termin stattfinden würde, ich wäre weniger entgegenkommend gewesen. Aber der Reihe nach. Erstmal gilts, für das Reisemobil auf dem Campingplatz ein trockenes Plätzchen zu finden. Bella würde mich dann dort treffen. Zwei Stündchen. Höchstens.
Was sie eigentlich beruflich macht, ist mir noch nicht so hundertprozentig klar. Eigentlich hatte ich gehört, dass sie als Maskenbildnerin an den städtischen Bühnen tätig war, aber das konnte auch der übliche uninformierte Dorfklatsch gewesen sein. Wird schon nix Verbotenes sein.
Oh ich ahnungsloser Tropf.
Der Platzwart weist mir in seiner Allmacht und Güte einen Stellplatz zu, von dem er hoch und heilig verspricht, dass keines der Hochwasser der letzten 500 Jahre ihn erreicht hätte. Eigentlich lauschig hier. Ich beschließe ein wenig Schlaf nachzuholen.
Das Tuten eines Binnenschiffs vom nahen Fluss weckt mich knappe drei Stunden später. Von Bella noch keine Spur, immerhin hat der Kiosk aber anständigen Filterkaffee. Den neuesten Dorfklatsch gibts von Frau Platzwart gratis dazu. Ihr Mann hätt nämlich grad angerufen, vom Einsatz.
"Einsatz?" frage ich höflich, aber nicht übermäßig interessiert. Ja, bei der Freiwilligen Feuerwehr sei ihr Willy. Seit 40 Jahren schon. Und vor zwei Stunden wär der Melder gegangen. Und ich würde nicht glauben, wo er hingerufen worden sei. Zum -sie räuspert sich- Diana. Ehrlich.
Eigentlich heißt es ja "Die Diana", in diesem speziellen Falle ist Das Diana allerdings ein kreisbekanntes Etablissements, in dem sich Freunde der spärlichen Bekleidung zwecks gemeinsamer Freizeitgestaltung treffen.
Es wird schlüpfrig, sie erhält meine ungeteilte Aufmerksamkeit.
In diesem Edelpuff jedenfalls hatte sich bis in den Morgen hinein ein örtlicher Bauunternehmer mit ein paar Spezln kostenpflichtigen Vergnügungen hingegeben, bei denen es wohl zu intensiven Aktivitäten der Völkerverständigung gekommen war. Schwerpunktmäßig mit Osteuropäerinnen.
Dieser kleine Grenzverkehr endete leider mit einem Eklat, als die stets prallgefüllte Brieftasche des Baumagnaten im Getümmel verschwunden war. Seine Neigung zu Jähzorn schien im Edelpuff unbekannt, und zunächst forderte er auch nur zivilisiert die Rückgabe und alles wäre gut.
Nein, man hatte keine Ahnung, wo das Portemonnaie des Herrn geblieben war. Ob ers vielleicht gar zu Hause vergessen hätte? Nein. Da könne man nichts für ihn tun.
Taktischer Fehler. Er führte ein kurzes Telefonat, das mit den Worten "ABER PRONTO" endete. Und nahm an der Bar Platz.
Eine zeitlang geschah nichts. Das Puffpersonal zuckte mit den Schultern. Der würde sich schon abregen. Komisch. Was vibriterte denn hier so? Erdbeben waren hierzuland nahezu unbekannt. Eine der Damen blickte aus dem Fenster. Auf eine schier endlose Kolonne schwerer Betonmischer.
Das Diana liegt quasi auf direkter Linie zwischen dem Kieswerk und der Brückenbaustelle über die Güterbahn. Für die, Sie werden es erraten, ein örtliches Bauunternehmen den Zuschlag erhalten hatte. Flugs ein paar Laster grauen Schmackes' umzulenken kostete mithin nur einen Anruf.
Einer der LKW rangierte gekonnt in bis vor den Eingang des "FKK-Clubs". Seine Trommel drehte sich gelassen vor sich hin und über eine Rutsche am Heck ergoss sich hochwertiger Flüssigbeton auf den zum Haus leicht abschüssigen Parkplatz. Unter dem Personal machte sich Panik breit.
Wie durch ein Wunder tauchte die vermisste Geldbörse auf einem Beistelltisch neben einer Schmuckdose mit Kleenextüchern wieder auf. Na also. Ein weiterer Anruf und der Betonmischertrek zog wieder weiter, westwärts, wo die Deutsche Bahn schon seiner harrte. Der Spuk war vorbei.
Nicht ganz spurlos allerdings, 10 Kubikmeter Beton hatten wohl den Eingangsbereich und ein dort parkendes Auto in Mitleidenschaft gezogen, weswegen man die Ortsfeuerwehr um technische Unterstützung bitten musste. Die Platzverweserin und ich lachen herzlich. Moment. Mein Telefon.
Es ist Bella. Sie wirkt ziemlich aufgelöst. Vermutlich schon wieder dieser Volldepp von Mark. Nein. Es geht diesmal nicht um ihn. Prima. Es geht stattdessen nur um WAS? MEIN AUTO?? Und ob ich vollkaskoversichert wäre. Und irgendwas mit Beton.
Der Parkplatz des Diana ist von der Straße aus naheligenden Gründen nicht einsehbar. Was mir heute nicht sehr viel hilft, denn ein Reporter des örtlichen Wochenblattes knippst feixend Foto über Foto von meinem bis zum Kotflügel im Beton steckenden Fahrzeug. "Willkommen im Diana".
Ich lasse mir gerade mögliche Auswanderungsziele durch den Kopf gehen, als Bella, eine dralle Blondine deutlich jenseits der 60 im Schlepptau, auf mich zugestürmt kommt. Der zweite Zug der Freiwilligen Feuerwehr unterbricht sein Abrücken und beobachtet uns interessiert.
Die durchaus mondäne Dame stellt sich als Besitzerin dieses Etablissements vor und man wolle das alles so diskret wie möglich handhaben.
Ein Übertragungswagen von Sat1 Regional fährt vor. Ich bitte die Feuerwehrleute um einen Schraubenzieher und demontiere meine Nummernschilder.
Bella, so erfahre ich, hatte bis vor ein paar Jahren einen eigenen, angesagten Frisiersalon in der Stadt. Madame gehörte dort zu ihren Stammkundinnen und seit sie mit Mark hier herauszogen war, kriegten einmal im Monat die Diana-Damen von Bella die Haare schön. Mit ohne Rechnung.
Die Fernsehfuzzys filmen derweil mein Auto, ein offenbar für kleines Geld angeheuertes Nacktmodel räkelt sich lasziv auf der Motorhaube. Mir wird ein wenig schwummerig. Bella und Madame verfrachten mich ins Haus, wo mir die barbusige Barkeeperin Britney einen Cognac einschenkt.
So langsam bringt mich nichts mehr aus der Fassung. Auch nicht der Handelsvertreter, der neben mir eine Kollektion handgefertigter Edelholzdildos auf den Tresen legt und mit Kerkermeisterin Susi in Verhandlungen tritt. Alles fair gehandelte Ware, versichert er sehr überzeugend.
Bella ist die ganze Angelegenheit furchtbar peinlich. Seufzend sinkt sie auf einen der mit dem bis 60 Grad waschbaren Fell des Polyesterleoparden überzogenen Barhocker. Britney spendiert ihr ein Glas Sekt, Hausmarke, verbindliche Preisempfehlung laut Aushang 195€ die Flasche.
Gemeinsam warten wir auf den Abschleppwagen, während um uns herum die Vorbereitungen für die allmonatliche Lady's Night laufen. Das ist hier wörtlich zu nehmen, männliche Kundschaft hat an solchen Tagen keinen Zutritt und das Personal wird um ein Dutzend junge Männer aufgestockt.
Die trudeln nun nach und nach ein, einer muskulöser und studiogebräunter als der andere. Sie blicken mich fragend und, wie ich finde, etwas mitleidig an. DOINKK. Irgendwo unter uns ertönt ein obszöner Fluch. Wir entdecken Britney, die hinter dem Tresen auf dem Boden herumkriecht.
Zwei Stunden später sind wir voll intergriert. Ich hatte Britney geholfen, den Wackelkontakt zu finden, der ihr Kassensystem plagte und Bella es geschafft, in Rekordzeit eine Färbungskatastrophe zu beheben, der die blonde Mähne von Joachim alias "Surfer-Dude" anheim gefallen war.
Das spektakulärste Sixpack hilft einem nämlich als Stripper nichts, wenn die Lockenpracht einen ungesunden Grünstich aufweist. Damit kriegt man, Sie verzeihen das öde Wortspiel, keinen Stich.
Nun sitze ich hier und laminiere noch schnell Namensschildchen für Susis Stammkundinnen.
Der Abschleppwagen lässt auf sich warten, eine lukrative Massenkarambolage auf der nahen Autobahn bindet alle Kapazitäten. Erste Besucherinnen erscheinen auf der Bildfläche. Die unter ihnen, die eher dem männlichen Geschlecht zugetan sind, werfen mir kurze abschätzende Blicke zu.
Ich kann ihre Gedanken förmlich hören. "Naja, nicht gerade Richard Gere, aber wer weiß, später, wenn ich ein bisschen beschwipst bin..."
Bella kommt zu mir "Sag mal, fühlst du dich auch grad wie bei der Fleischbeschau?" Auch sie war auf potentiellen Lustgewinn hin taxiert worden.
Wir beschließen, das Beste aus der Situation zu machen und verziehen uns mit einer Flasche Rotwein in eine gemütliche Sofaecke, von der aus man das Geschehen unauffällig beobachten kann. Als persönliche Gäste von Madame Sofie, der Chefin, genießen wir eine gewisse Sonderstellung.
Der sich unerwartet rasch entwickelnde Rudelbums genügt höheren ästhetischen Ansprüchen, als wir in einem Puff erwartet hätten. Der Grund, da sind wir uns einig, liegt im Fehlen bierbäuchiger schwarzbesockter Mittfünfziger, die fehlende Potenz durch Kaufkraft ausgleichen wollen.
Ich bin jetzt nicht unbedingt im Pferdestehl-Business, aber sollte ich dafür mal einen Komplizen suchen, Bella wäre meine allererste Wahl.
Wir diskutieren fachmännisch, ernsthaft und mit zunehmendem Alkoholpegel auch hörbar die um uns herum stattfindenden Kopulationsaktivitäten.
Es bleibt natürlich nicht aus, dass das eine oder andere bekannte Gesicht unter den Gästen auftaucht. Ich sehe dies, dank ohnehin durch die Ereignisse der letzten Tage komplett ruinierter Reputation, mittlerweile entspannt. Höflich grüße ich die barbusige Dame von der Sparkasse.
Sie grüßt freundlich zurück, zeigt aber zur Zeit wenig Interesse an meiner IBAN, dafür umso mehr an Iwan, der eigentlich Leopold heißt und aus Traunstein stammt, hier aber als peitscheschwingender Dschingis-Khan-Nachbau reüssiert. Sie spielt versonnen mit seinem Pferdeschwanz.
Der Zustrom nach mehr oder weniger anspruchsvoller Erwachsenenunterhaltung strebender Besucherinnen ebbt nicht ab. Die zweite Schicht Lustknaben tritt nun ihren Dienst an, die erste verlässt unauffällig auf dem Zahnfleisch den Club durch die Hintertür.
Alle rücken näher zusammen.
Bella nimmt ganz selbstverständlich auf meinem Schoß Platz, um auf unserer Bank Raum zu schaffen für eine langbeinige Brünette, die aus unerfindlichen Gründen mit einer hautengen Jeans hergekommen ist, und ihren Latin Lover, der sich redlich müht, sie von selbiger zu befreien.
An die darauf folgenden Ereignisse haben sowohl Bella als auch ich nur noch lückenhafte Erinnerungen. Das Foto, dass mich nackt kopfüber an einer Poledance-Stange zeigt, ist mit ziemlicher Sicherheit genauso eine gutgemachte Montage wie das mit Bella und der gefesselten Bankerin.
Woran ich mich hingegen erinnern kann, ist eine sportliche junge Frau mit traurigen Augen, die mir Bella als eine gewisse Eliza (mit Zett!) vorstellte, die sich gerade von ihrer Freundin getrennt hätte und deswegen hier im Club Zerstreuung suchte. Woher kannte ich nur den Namen?
Und wieso murmelt mir Bella "Duuu sag mal bin ich jetzt eigentlich lesbisch?" ins Ohr und steht diese Frage in einem Kausalzusammenhang mit der Tatsache, dass Eliza mit in unserem Wohnmobilbett liegt und schnarcht wie ein gaumensegelgeschädigter Holzfäller? Alles sehr mysteriös.
Die Nahrungsmittelvorräte im Wohnmobil beschränken sich auf eine Tüte Brandt-Zwieback und zwei Dosen Ölsardinen. Meine Vorstellungen von einem üppigen Frühstück mögen Ihnen überkommen erscheinen, aber mich verlangt es nach frischen Brötchen, Erdbeermarmelade, Rührei und Aspirin.
Im Café hat heute nicht der Dreisternekellner Dienst, sondern eine weibliche Aushilfe. Mit Eliza teile ich bekanntermaßen den Frauengeschmack, jedenfalls ziehen wir beide die junge Dame zeitgleich mit Blicken aus und nicken uns wohlgefällig zu. Bella räuspert sich vorwurfsvoll.
Überhaupt verstehe ich mich super mit Eliza. Bella erscheint das etwas suspekt. War sie etwa eifersüchtig? Und wenn, auf wen eigentlich? Gut, es war jetzt vielleicht auch nicht wirklich feinfühlig von uns, neben den leckeren Cherrytomaten auch das Thema Cunnilingus anzuschneiden.
Aber wann hat man schon mal die Gelegenheit, sich mit jemandem auszutauschen, der neue Perspektiven in die Thematik einbringen kann?
Auch wenn die Erkenntnisse ernüchtern und ich froh bin, dass ich dank meiner größeren Hände immer noch Vorteile beim Essiggurkenglasaufmachen habe.
Als ich das zu erwähnen wage ernte ich den verdienten gehässigen Kommentar zum Thema kleine krumme Gürkchen und dass damit auch klar wäre, warum Männer die so wichtig nähmen. Ich bin zum Glück jetzt satt und zufrieden und kann über derart despektierliche Bemerkungen hinwegsehen.
Eliza schaltet ihr Handy ein. 543 Nachrichten ihrer Freundin, die sich mannhaft für alles entschuldigt, was sie je gesagt, getan oder nicht gesagt und getan hat. Wenn doch ihre über alles geliebte süüüße Lizzy nur wieder zu ihr zurückkäme.
Man hört Elizas Herz förmlich schmelzen.
"Ich muss los, war nett mit Euch zwei" sie steht auf, ihr Liebesleben wieder zu richten.
Gedankenverloren sage ich hinter der Tageszeitung hervor, was man unter Männern halt so sagt. "Bring paar Blümchen mit, die Mädels stehen auf sowas".
Aua. Bella verpasst mir eine Kopfnuss.
Eliza schüttet sich aus vor Lachen, kann dann aber die Weisheit hinter meiner Empfehlung auch nicht ganz von der Hand weisen.
"Den solltest du behalten. Falls du nicht..." sagt sie grinsend zu Bella und gibt ihr einen Kuss. Was nun wiederum ich ein wenig argwöhnisch beobachte.
Wir blicken Eliza hinterher. Durch die trübe Scheibe des Cafés sehen wir sie gegenüber in Bärbels Blumenparadies verschwinden. Meinen Tipp mit dem Entschuldigungsgemüse hat sie sich offenkundig zu Herzen genommen. Wenigstens ab und an hört mal einer auf mich. Mein Handy klingelt.
Es ist die Werkstatt. Keine guten Nachrichten. Offenbar hatten die Konstrukteure meines Autos die Möglichkeit einer Befüllung des Motorraums mit Fertigbeton leichtsinnigerweise nicht vorhergesehen. Man kriege das natürlich wieder hin, aber Gut Ding wolle halt nun mal Weile haben.
Außerdem müsse man noch ein paar Teile nachbestellen, das dauere sicher bis Dienstag. Anschlussflansche mit Linksgewinde für obenliegende Trockensumpfschmiernippel, die hätte der Großhandel nämlich nicht, die kämen direkt vom Werk. Ein Leihwagen? So kurzfristig?
Er lacht trocken.
Frustriert fahre ich Bella und das Wohnmobil raus zum Campingplatz. Willy begrüßt mich mit den Worten "Mann Sie Glückspilz". Will der mich verarschen? Er zeigt auf eine Brackwasserfläche. So hoch war die Flut 500 Jahre nicht!
Ein Campinganhänger aus DDR-Produktion treibt vorbei.
Gut. Hier gab es also bis auf weiteres nur Liege- aber keine Stellplätze.
Bella bietet an, bei Peter, dem Chef des Autohauses, ein gutes Wort für meinen Wagen einzulegen. Ich erinnere sie daran, dass dessen Frau gerade mit ihrem Mann...Sie nimmt von der Idee rasch wieder Abstand.
Wir biegen von der Hauptstraße in einem schattigen Waldweg ab. Ich drehe den Zündschlüssel um, der Motor erstirbt und ich frage ratlos in die Stille "Was nun?", ohne wirklich eine Antwort zu erwarten.
Bella verweist pragmatisch darauf, dass noch welche von Lenas Kondomen da sind.
Ich möchte aus Gründen altmodischer Dezenz nicht näher auf die weiteren Ereignisse dieses Samstagsvormittags eingehen, aber lassen Sie mich zusammenfassend doch Folgendes sagen:
Mark, Du bist ein gottverdammter Volltrottel.
Warum rauche ich eigentlich nicht? Jetzt wäre...ach egal
"Das tut mir sehr leid, wir sind komplett ausgebucht".
Dem servilen Schönling an der Rezeption des Sport- und Golfhotels Eichengrund bricht es fast das Herz, uns abweisen zu müssen.
Wir zucken müde mit den Schultern. Also dann, noch eine Nacht im Wohnmobil.
Sein Telefon klingelt.
Wir haben die Lobby schon fast verlassen, als er hinter uns hergestürmt kommt.
Er hätte da, flüstert er, eventuell eine Lösung, wäre allerdings etwas kostspieliger. Falls wir das Luxury Weekend Getaway Package buchen täten, könnte er uns die Sweet Honeymoon Dreams Suite anbieten.
Ich frage nicht nach seiner Definition von "kostspielig", sondern schlage umgehend zu. Die Aussicht auf eine warme Dusche und Mahlzeit, ein breites Bett und eine ungestörte Nachtruhe lässt mich meine zu wirtschaftlich tragfähigen Entscheidungen mahnende innere Stimme ignorieren.
Das am Telefon vorher war übrigens Autozar Peter gewesen. Wovon wir natürlich nichts ahnen. Genausowenig wie von der Tatsache, dass er kurzfristig die Buchung für die fabulöse Suite storniert hatte, da überraschend seine Frau ihr Yogawochenende in Bad Säckingen abgesagt hatte.
Peters Frau, wir erinnern uns, ist Julia, deren Affäre mit Mark, Bellas Lebensgefährten, gerade unsanft ans Licht der Öffentlichkeit gedrungen war. Besagter Mark leidet jetzt an stressbedingter Impotenz, das als "Yogawochende" getarnte Stelldichein mit ihm fällt daher leider aus.
Das wiederum wirft nun Peters sämtliche Pläne über den Haufen, der unter dem Vorwand der Teilnahme an einer Tagung selbständiger norddeutscher Autohändler in Uelzen das Luxury Weekend Getaway Package gebucht hatte. Für sich und Birgit.
Sie kommen doch noch mit, oder?
SO schwierig ist das doch eigentlich gar nicht...
Auf dem Zimmer, das durchaus den Namen Suite verdient, wartet eine gut gekühlte Flasche aus der Schaumweinmanufaktur der Witwe Clicquot. Und ein Haufen Rosenblätter in Herzform auf der Bettdecke. Bella schüttelt das Plumeau auf dem Balkon aus, während ich den Schampus entkorke.
Entweder fuhr Birgit auf diesen fürchterlichen Inklusiv-Kitsch wirklich ab oder Peter hatte den Hotelprospekt vorm Buchen nicht gründlich studiert. Wir jedenfalls erfreuen uns an den Flüchen aus dem Zimmer unter uns. Wo denn dieser Grünabfall hergeweht käme motzt jemand lauthals.
Die Vorstellung erheitert uns, dass einer dieser übergewichtigen Anwälte oder drahtigen Zahnärzte in karierter Golfhose eine unerwartete Blütenpracht auf seiner Halbglatze vorfindet, zum Hörer greift und den Rezeptionisten zusammenscheisst.
Wir halten uns die Bäuche vor Lachen.
Während Bella sich in die Badewanne zurückgezogen hat, deren Ausmaße die artgerechte Haltung eines Blauwales gestatten würden, studiere ich den Informationsflyer für das Luxury Weekend Getaway Package. Uns steht offensichtlich ein umfangreicher Katalog von Annehmlichkeiten zu.
Zu meinem allergrößten Bedauern hatten wir durch unsere späte Anreise die original nordrussische Höchsttemperatursauna mit Birkenreisigvorbehandlung durch Bademeisterin Olga verpasst. Für heute stand nur noch ein 7-Gänge-Menü von Sternekoch Jean-Jacques de Huber auf dem Programm.
Jean-Jacques kenne ich aus dem Fernsehen. Der kann was. Ich beschließe, Bella diese Kunde zu über- und ein Glas Champagner vorbeizubringen. Zaghaft klopfe ich an der Badezimmertür. Ich höre Wassermassen schwappen. Eine Frau flucht. Irgendetwas fällt scheppernd zu Boden.
"HEREIN"
Bella war im wohltemperierten Badewasser eingeschlafen und soweit in die Wanne hineingerutscht, dass ihre Nase sich direkt über der Wasseroberfläche befand. Durch mein Klopfen erschreckt atmete sie Wasser ein, bekam Panik, strampelte und streifte mit dem Fuß die Badeperlenschale.
Ich eilte ihr besorgt zur Hilfe, ohne dabei zu berücksichtigen, dass Badeperlen eben rund sind und dem menschlichen Fuß den ihm gebührenden Halt verweigern. Geistesgegenwärtig warf ich das Champagnerglas hinter mich, es flog durch die geöffnete Tür und zerbarst krachend im Flur.
Ich hingegen landete, mit elegantem Schlenker dem marmornen Doppelwaschtisch ausweichend in voller Montur und kopfüber bei der verdutzten Bella in der Wanne.
Es klopfte. "Housekeeping. Gutee Apend. Darf ich hereinkommen für die turndown-service?" Das Türschloss knackte.
"NEIIIN!"
Die asiatisch aussehende junge Dame in adretter Uniform mit Schürze und Häubchen stand im Flur und mühte sich redlich, ihre Gesichtszüge unter Kontrolle zu halten. Zum einen, weil wir ein Bild zum Totlachen abgaben, zum anderen, weil sie in einen kaputten Sektkelch getreten war.
Nun gibt es ja wenig, was ein versiertes Zimmermädchen noch überraschen kann und über das sich nicht durch Trinkgeld das Mäntelchen des Schweigens breiten ließe. Tropfnass versichere ich der Frau, dass wir das Bett schon selber aufgedeckt hätten und ihre Dienste nicht benötigten.
Nach all der Aufregung sitzen wir nun, gebadet und gefönt, an einem für Liebende hergerichteten Zweiertisch im lauschigsten Winkel des Restaurants.
Neben den Schwingtüren, hinter denen auf feuriger Esse Lukullisches entsteht.
Immerhin wird das Essen auf dem Weg zu uns nicht kalt.
Unter Romantik versteht man hier, wo Zielgruppe doch eher der sportive Besserverdienende Ü50 ist, lila Kerzen in silbrigem Lüster, dazu passende Servietten und noch mehr der unvermeidlichen Rosenblätter. Natürlich auch lila. Kriegte man die wohl säckeweise im Gastro-Großhandel?
Uns knurrt der Magen, weswegen wir über derlei kitschige Gimmicks hinwegsehen. Ein hochnäsiger Kellner kredenzt als Gruß aus der Küche ein Würfelchen Wachteleierstich auf dreierlei heimischem Blattgemüsespitzen, kontrastiert von einer dünnen Schleifspur steirischen Kürbiskernöls.
Wir sehen uns versonnen in die Augen. Ein unbedarfter Beobachter würde eine tiefe innere Verbundenheit, ein schmachtendes Sehnen zweier füreinander bestimmt Herzen dahinter vermuten.
Für mich liegt in Bellas Blick nur die eine, einzige Frage:
Gibts hier nicht auch ein Steakhaus?
Das Amüsegöll hat es sich in meinem hohlen Zahn gemütlich gemacht und wartet nun, zusammen mit der kalten Vorspeise, einer münzgroßen Scheibe glibberumkränzter Terrine von der wilden Sau aus eigenem Gehölz an blassgrünem Ingwer-Bärlauch-Schäumchen, heruntergeschluckt zu werden.
Uns erwartet nun ein absolutes Highlight, ein lauwarmes Süppchen aus atomisierten Steinpilzstämmchen, die 14 Tage entspannt in einer nach frisch angerührten Brunnenkresse-Waldhonig-Marinade hatten verweilen durften, bevor sie mit karamellisiertem Erdäpfelsud aufgegossen wurden.
Vom Pièce de résistance, dem Fleischgang, trennen uns noch ca. vier Gänge und bei der bisher an den Tag gelegten Serviergeschwindigkeit mindestens 90 Minuten. Wir prüfen kurz die Lage der Notausgänge und planen unsere Flucht minutiös. Für nach dem Zwischengang und vor dem Fisch.
Laut handschriftlicher Menükarte handelt es sich dabei um zartgedünstete Bachsaiblingsfilets. Kein Tier sollte sein Leben dafür geben, in dieser schlaffen Erscheinungsform auf einem Teller zu landen. Ich persönlich halte es ja sogar für ethisch fragwürdig, Gemüse so zu behandeln.
Am Nebentisch werden Crêpe Suzette zubereitet. Die Ablenkung durch die Feuersbrunst nutzend verschwinden wir in einer Wolke heißen Orangenlikörs. Auf dem Weg nach draußen treffen wir Birgit, auf dem Weg nach drinnen.
"Was machst DU denn hier?" sie und Bella begrüßen sich unisono.
Bussi links, Bussi rechts, schon hat Bella ihre Contenance wiedergefunden.
"Das ist eine laaange Geschichte". Birgit wirkt zugleich immer noch verwirrt und interessiert. Von irgendwoher meint sie mich zu kennen. Aber wo war Mark? Und wichtiger: Wo steckte dieser verdammte Peter?
Ich erinnere Bella, dass wir eigentlich auf der Flucht sind un jeden Moment Jean-Jacques und seine Bachsaiblinge auftauchen können. Kurzerhand hakt sie die verdutze Birgit unter und verschleppt sie in Richtung unseres treuen Wohnmobils, das auf dem Hotelparkplatz schlafen muss.
Die überrumpelte Birgit wird in einen der Passagiersitze verfrachtet. Noch bevor ich den Motor unseres unauffälligen Fluchtwagens angelassen habe, beginnt ein intensiver Informationsaustausch zwischen Bella und ihr.
"Dieser Schuft"
"hab ich doch immer gewusst"
"ist nicht wahr"..
Minuten später sind die Fakten ausgetauscht. Birgit weiß von Bella und mir und Mark und Julia, Bella von Birgit und Peter. Und Julia. Peter entschuldigt sich zwischendurch bei Birgit per SMS für die Absage. Sie hätte ja sicher vorher ihren AB abgehört.
Hatte sie natürlich nicht.
Eigentlich sind mir die alle gar nicht so unsympathisch. Birgit scheint recht nett zu sein und Peter ist wohl einfach nur unglücklich. Auch mit Julia war ich ja prima ausgekommen. Gleiches galt natürlich für Eliza. Na und Bella ist sowieso klasse.
Nur Mark, der ist ein Penner.
Ein paar Stunden und ein exzellentes Chateaubriand später liegen Bella und ich zufrieden im breiten Bett der Hochzeitssuite. Birgit hat sich mit Peter ausgesprochen und schnarcht jetzt leise vom als Gästebett hergerichteten Sofa zu uns herüber. Flexibel sind die ja hier im Hotel.
Eigentlich ein bisschen schade, dass wir nun wegen unserer Hausgästin diesen riesigen Lasterpfuhl nur zum Schlafen benutzen können, denke ich, als ich merke, dass Bella sich lautlos zentimeterweise unter der riesigen Decke auf mich zubewegt. Langsam wird sie mir fast unheimlich.
Sagen wir es so, das vollgefressene Löffelchen, die müde Missionarin und den lautlosen Lotos werden Sie im Kamasutra vermutlich nicht finden. Aber bestimmt im neuen "Ratgeber für kopulationswillige Eltern leichtschlafiger Kleinkinder", den Bella und ich herauszugeben planen.
Die mir gemäß Weekend Package zustehende hawaiianischen Lomi-Lomi-Massage trete ich an Birgit ab. Sie und Bella verschwinden voller Vorfreude Richtung Wellnessbereich.
Ich gönne meinem Croissant eine Ganzkörperbehandlung mit Erdbeermarmelade und bleibe am Frühstückstisch sitzen.
Nachdenklich kratze ich mein stoppeliges Kinn. Bellas möbelwagengroße Sporttasche beherbergte unter anderem das Equipment für ein mittelgroßes Kosmetikstudio. Sie sah heute morgen aus wie aus dem Ei gepellt. Und ich wie unter dem Müllwagen herausgezogen. Ich brauchte eine Rasur.
Nun bin ich seit jeher kein Freund der dem bedürftigen Hotelgast kostenfrei überlassenen Einwegrasierer. Vielleicht bin ich einfach nur ungeschickt, aber sollte ich irgendwann mit der Veranstaltung eines zünftigen Gemetzels beauftragt werden, die Wahl meiner Waffe wäre eindeutig.
Auch Bellas Angebot, mir Ihren Lady Shaver zu leihen, hatte mich nicht überzeugen können. Ich beschließe daher, den Hotelfriseur aufzusuchen. Ein seriös wirkender älterer Herr, dessen kleiner Salon am Rande der Hotellobby liegt und dem man sich wohl sorglos anvertrauen kann.
Er begrüßt mich herzlich und bittet mich, doch schon mal Platz zu nehmen. Er müsse kurz weg, aber seine Tochter würde mich sofort bedienen. Vaterstolz klingt aus seiner Stimme.
Wenn er ihr seinen Laden zu treuen Händen überließ, dann konnte ich das mit meinem Hals wohl auch tun.
Eine junge Frau tritt heran, begrüßt mich freundlich und macht sich umgehend hochprofessionell ans Werk. Sie wetzt das Messer, sie schlägt den Schaum, kein vorwitziges Härchen entgeht ihrem strengen Blick und ihrer scharfen Klinge. Dabei plaudert Sie locker über dies und das.
Sie sei als Studentin ja ganz froh, dass sie ab und an beim Papa aushelfen könne, das würde ihren alten Herrn genauso freuen wie ihren Geldbeutel. Und manchmal bediene sie auch im Café ihres Bruders. Was sie studiere? Na Maschinenbau, alles andere wär doch nur was für Mädchen.
Ich blicke in den Spiegel, gerade als die Damaszenerklinge in der Nähe meiner Halsschlagader ihr Werk verrichtet.
Und sehe in die Augen der vermeintlichen Aushilfe, der Eliza und ich im Café so unverhohlen auf den Arsch geglotzt hatten.
Ich möchte schlucken, trau mich aber nicht.
Sie hatte mich doch hoffentlich nicht erkannt? Die feine englische Art war das ja nun wirklich nicht gewesen. Verkrampft betreibe ich weiter Smalltalk. Ihr ist nichts anzumerken, sie beendet routiniert den Schurvorgang, stutzt hier noch eine Augenbraue und flammt da ein Ohr ab.
Ich muss zugeben mein Gesicht ist glatt wie ein Babypopo. Ich und mein schlechtes Gewissen entlohnen sie fürstlich. Puh. Das ging ja noch mal gut, ich sehe wohl schon Gespenster.
Beim Hinausgehen klatscht sie mir dann kräftig auf den Hintern
"Und grüßen Sie Ihre Freundin".
Ähem.
Ich folge einer Karawane braungebrannter Goldrandbrillenträger zur "Indoor Pool and Spa Area". Vor Betreten des Schwimmbadbereichs ergeht anscheinend ein für meine jungen Ohren unhörbares Signal zum gemeinschaftlichen Baucheinziehen. Die Ursache dafür wird mir wenig später klar.
Auf zwei Liegen räkeln sich, frisch im pazifischen Stil durchgewalkt, Birgit und Bella in weißen Baderoben. Superflauschig für ehrliche Häute im Hotelshop auch käuflich zu erwerben. Wie ein Schwarm Haifische das Floß der Schiffbrüchigen umkreisen konzentrische Rentner die Damen.
Ich beobachte die gerontokratischen Jagdszenen ein Weilchen. Als sich einer der rüstigen Greise dann zu Bella auf ihre Liege setzt, beschließe ich, einzugreifen.
Eine Beutefrau links eingehakt und eine rechts verlasse ich grinsend den Saal. Raub der Sabinerinnen, nur in unblutig.
Hinter mir brechen reihenweise von morschen Kranzgefäßen notdürftig versorgte Herzen. Ich hoffe inständig, dass keiner dieser badebehosten Lustgreise schon vorsorglich zu, sagen wir, erektile Dysfunktion bekämpfender Medikation gegriffen hatte.
Wir haben nun für Bellas Wohnmobil endlich einen günstigen Stellplatz auf einem zugegebenermaßen etwas abseits gelegenen Campingplatz gefunden. Als wir vorfahren, blicken Fuchs und Hase empört auf. Wir scheinen sie bei einer vertraulichen Unterhaltung gestört zu haben.
Ob sie denn gar keine Angst vor Heidemördern oder ähnlichem Gesocks habe, will Birgit von Bella wissen. Nee, dem wäre das sicher zu abgelegen und Heide hieße sie schließlich auch nicht. Außerdem könne Birgit ihr ja Gesellschaft leisten. Bis sie zu Peter in die Villa ziehen kann.
Birgit gerät tatsächlich ins Grübeln. Ich überlasse die entstehende Einöd-WG ihrem Teambuildingprozess und wage einen weiteren verzweifelten Versuch, die Werkstatt anzurufen. Die norddeutsche Tiefebene zeichnet sich nämlich durch eine ausgezeichnete Abdeckung mit Funklöchern aus.
Kein Netz. Als Fischer wäre man hier aufgeschmissen, denke ich, als ich auf einer kleinen Anhöhe einen Hochsitz erspähe. Als "Anhöhe" wird hierzuland üblicherweise jedes mehr als einen Meter über dem Meeresspiegel liegende Gelände bezeichnet. Ich beginne den mühevollen Aufstieg.
Den Hochsitz erreicht man über eine von der Last der Jahre gezeichnete Leiter, wird dann aber mit einem hervorragenden Rundumblick belohnt. Insbesondere das scheue Wild hinterm Sichtschutzzaun des Nacktbadestrandes am Baggersee hat der wackere Waidmann von hier aus fest im Auge.
Die zwei Balken auf meinem Handydisplay wären wohl, im Nachhinein betrachtet, besser in die Ausbesserung des Hochsitzes investiert worden. Auf jeden Fall habe ich mich auf der Suche nach besserem Empfang zu weit herausgelehnt. Die Seitenwand gibt nach und mit mir geht es abwärts.
Nein. Keine Sorge. Mir gehts den Umständen entsprechend gut. Ein überdimensionierter Brombeerstrauch hat meinen Fall gebremst.
Birgit zieht mir lachend mit einer Pinzette (schrägspitzgeriffelt, Größe 3) aus Bellas 640teiligem Maniküreset Dorn um Dorn aus dem verlängerten Rücken.
Birgit hat, wie ich erst jetzt bäuchlings und hosenlos vor ihr liegend erfahre, Tiermedizin studiert und ist dadurch mit der Behandlung alter Esel bestens vertraut. Bella assistiert ihr grinsend mit Wattebäuschen und einem Fläschchen Jod. Aua.
Immerhin entnehme ich der Unterhaltung der beiden Damen, die sich durch meine Anwesenheit in keiner Weise in ihrer Wort- oder Themenwahl beeinflussen lassen, dass mein Hintern wohl noch recht ansehnlich sei. Knackiger auch, das gesteht Birgit zu, als der von Peter. Hört man gern.
Dafür hätte der Peter halt andere Vorzüge, und es geht dabei nicht nur um die Mächtigkeit seines Geldbeutels. Mein eben noch so zärtlich liebkostes Selbstbewusstsein und ich fragen uns, ob so ein Wohnmobil wohl einen Keller hat. Und ob da Platz wäre für uns beide.
Bella spekuliert, ob denn die Beziehung mit dem verheirateten Peter nicht manchmal schmerzhaft wäre. Wo doch, sie platzt fast vor lachen, zwischen ihm und Birgit immer etwas stünde. Die schafft es mühsam, ernst zu bleiben. Das wäre schon wahr. Und dann wär da ja auch noch Julia.
Gelächter. Blöde Hühner. Ich will gerade daran erinnern, dass ich niemals auf diesen Kackhochsitz gestiegen wäre um die Kackwerkstatt anzurufen, wenn ich nie in diese promiskuitive Clique geraten wäre.
Allerdings hätt ich dann auch keinen Sex mit Bella. Ich halte also die Klappe.
"Fertig".
Birgit klebt mir noch ein Bärchenpflaster aus der Bordapotheke auf die rechte Arschbacke. Fluchend stemme ich mich hoch, jeder einzelne meiner Knochen schmerzt. Immerhin scheint ihre Anzahl noch der im Benutzerhandbuch für den Homo Sapiens beschriebenen zu entsprechen.
Bella ist rührend besorgt um mich. Ob schlechtes Gewissen oder fehlgeleiteter Mutterinstinkt dafür der Grund sind, ist doch eigentlich eher nebensächlich, denke ich.
Sie hält meine zerfetzte Hose in der Hand und blickt mich vorwurfsvoll an.
Mist. War wohl doch der Mutterinstinkt.
So könne sie sich unmöglich mit mir sehen lassen. Und ich würde doch wohl einsehen, dass ein Besuch im nahegelenen Outletcenter unumgänglich sei, der einzigen Touristenattraktion hier draußen in der Wildnis.
Für die neue Hose habe ich immerhin die Wahl zwischen drei Nobelmarken.
Nein, nein, meine Begleitung wäre nicht erforderlich, ich solle mich erstmal schonen, vielleicht wäre ja doch was gebrochen. Oder eine innere Verletzung gar? Mindestens aber eine Gehirnerschütterung.
Lauter zwingende Gründe, mich hilflos und allein in der Wildnis zurückzulassen.
Ich frage mich gerade, wie denn die Damen zu besagtem Konsumtempel gelangen wollen, ist doch das Wohnmobil derzeit unser einziger fahrbarer Untersatz.
Toll sei, sagt da Bella, die schon meine Gedanken lesen kann, als wären wir Jahrzehnte verheiratet, die Sache mit dem Shuttlebus.
Hatten doch diese findigen Hundlinge vom Outlet-Center tatsächlich hier in der Pampa einen Bus-Zubringerdienst etabliert, der unter anderem stündlich dort hielt, wo die Zufahrt zum Campingplatz von der Hauptstraße abzweigte. Nur zehn Minuten zu Fuß von unserer aktuellen Position.
Nachdem mein Handy nach dem Sturz im Wald noch nicht wiedergefunden werden konnte und der Fernseher im Wohnmobil keinen Empfang hat, bin ich komplett auf mich allein gestellt.
Irgendwo wundert sich Leitbache Bertha, dass einer ihrer Frischlinge neuerdings hin und wieder vibriert.
Der Vorteil an einem Campingplatz ist, dass man auf elegantes Beinkleid keinen gesteigerten Wert legt. Genaugenommen auf Kleidung generell.
Mit der Eleganz einer waidwunden Hirschkuh schleppe ich mich zum einzigen Außenposten der Zivilisation. Die Kioskfrau begrüßt mich herzlich.
Sie freut sich, dass kurz vor Ladenschluss noch mal jemand vorbeischaut. Normalerweise wäre ja um diese Jahreszeit schon der Bär los, aber sie hätten den Platz erst vor drei Tagen wieder öffnen können. Der Starkregen letzten Monat. Alles abgesoffen. Jahrhundertereignis, nichwa.
Zum Glück wäre heute noch eine größere Gruppe angemeldet, Schulklasse oder so, dann käme endlich wieder ein bisschen Leben in die Bude.
Sie stopft nebenbei Gummibären, Schokolade und drei Flaschen Bier in eine Tüte. Ich wünsche einen schönen Feierabend. Draußen ertönt eine Hupe.
Am Kassenhäuschen steht ein Reisebus mit Anhänger. Als ich die Passagiere sehe, mache ich auf dem Absatz kehrt und trete mit der Kioskfrau in harte Verhandlungen ein. Was? Drei Paletten? Und Jimbo? 40 Prozent? Unmöglich. Da wär ja nichts mehr bei über. 35? Mit Lieferung? Nun gut.
Ich humpele zufrieden zurück zum Wohnmobil. Neben mir die Kioskbesitzerin. Mit einer Schubkarre.
Was ich mit 96 Dosen Bier will? Haben Sie schon mal kaufkräftige 16jährige auf Klassenreise erlebt? Und kein Bier weit und breit? Muss ich weiterreden?
Für die Lehrer hab ich Bourbon.
Natürlich bin ich ein völlig skrupelloser Opportunist. Sie haben ganz schön lange gebraucht, darauf zu kommen. Und jetzt lassen Sie mich das Jungvolk beim Zeltaufbau beobachten. Man hat denen die Wiese direkt neben unserem Stellplatz zugewiesen.
Hei, da wird die Kasse klingeln.
Als Bella und Birgit taschenbehängt gegen 21 Uhr zurückkommen, habe ich ca. 30 Liter Bier, 2 Flaschen Whiskey und 7 Kondome abgesetzt und den Geschäftsbetrieb eingestellt. Wegen Reichtum geschlossen, sozusagen. Unschuldig wie ein Lämmchen begrüße ich die beiden freudestrahlend.
Spürnase Bella wittert Abgründiges. Misstrauisch beäugt sie mich, kann mir aber beim besten Willen nichts Verwerfliches nachweisen. Da so ein Kerl aber immer irgendwas ausgefressen hat oder zumindest dergleichen plant, ist Bestrafung angezeigt.
Ich muss fünf Hosen anprobieren.
Es dunkelt. Birgit, Bella und ich amüsieren uns königlich. Aus unserer sicheren rollenden Behausung heraus beobachten wir das verzweifelte Bemühen der Lehrerschaft, den kleinen Grenzverkehr zwischen den Zelten der Mädchen (links) und denen der Jungen (rechts) zu unterbinden.
Birgit überlegt kurz, schaut Bella und mich von der Seite an und verkündet, dass für sie jetzt Zeit für einen Abendspaziergang wäre. Bisschen die Gedanken durchlüften. 60 Minuten mindestens.
Bella zieht die Vorhänge zu. Ein paar Dinge können die Teenies ruhig alleine rausfinden.
"Die ist schon in Ordnung, die Birgit".
Ich habe gerade, sagen wir, etwas an den Ohren, kann und will Bella da aber absolut nicht widersprechen. Ich nicke daher nur bestätigend. Sie kichert. An der Innenseite ihrer Oberschenkel ist sie nämlich furchtbar kitzelig.
Am nächsten Morgen rufe ich mit Bellas Handy aber bar jeder Hoffnung bei der Werkstatt an. Nein, die Bordelektronik melde noch einen Fehler beim Vorwärmkreis der Heckscheibenwischwaschanlage, so könne man den Wagen nicht freigeben. Die Verkehrssicherheit, ich verstünde das doch.
In diesem Moment fährt draußen hupend Peter vor, der Birgit für ein gemeinsames Frühstück abholen will. Er grinst über das ganze Gesicht und begrüßt uns allerbester Laune. Was die Aussicht auf ein Schäferstündchen aus einem trockenen Geschäftsmann so macht, denke ich bei mir.
Dann erfahren wir jedoch den wahren Grund für seine Erheiterung. Gerade hätte nämlich sein Werkstattmeister ihn angerufen. Und von dem armen Tropf berichtet, dem sie vor dem Puff die Karre einbetoniert hätten. Man stelle sich das mal vor. Er kriegt kaum noch Luft vor Lachen.
Birgit wirft einen Blick auf meine bedrohlich anschwellende Halsschlagader und nimmt Peter beiseite, um ihn in die verwirrenden Hintergründe der ganzen Geschichte einzuweihen.
Er wendet sich zu mir "Echt? Ist das wahr? Ihr verarscht mich doch. Oder?"
Ich schüttele leise den Kopf.
Peter ist echt kein schlechter Kerl. Er ruft seinen Meister an und sorgt für eine Prioritätsbehandlung meines geschundenen fahrbaren Untersatzes. Heute, gegen Abend, wäre dann alles fertig und ich könnte ihn abholen. Irgendwas sei noch mit dem Heckscheibenwischer, nur Kleinkram.
Kaum ist ein Problem aus der Welt geschafft, als sich am Kiosk eine Gruppe Pennäler zusammenrottet und zornig in meine Richtung blickt. Offenbar haben Sie erst jetzt die offizielle Preistafel studiert und meine Nachtzuschläge für Dosenbier spontan als sittenwidrig eingestuft.
Jetzt heißt es schnell und überlegt handeln. Ich frage Peter, ob er Bella und mich nicht am Outletcenter absetzen könne. Falls das keine Umstände mache. Ich hätte ein, zwei Hosen zuviel. Oder vier Beine zuwenig. Macht er gerne. Ich verfrachte die verdutzte Bella in die Limousine.
Ein Mann, der freiwillig Klamotten einkaufen geht? Birgit dreht sich vom Vordersitz zu Bella um. Respekt liegt in ihrem Blick.
Ich versinke in den weichen Polstern und erfreue mich an den verdunkelten Scheiben, die dem wütenden Mob den Blick auf die Passagiere im Fond verwehren.
Es gelingt uns, das Haupttor zu passieren. In James-Bond-Filmen würde jetzt eine Flasche Champagner entkorkt und über die befreite weibliche Geisel hergefallen.
Bellas Frage, wo ich denn die Hosen zum Umtausch hätte, reißt mich aus meinen Tagträumen. Sie wedelt mit dem Kassenbon.
Ich beichte ihr flüsternd den tatsächlichen Grund für unsere wilde Flucht. Sie flüstert zurück "Das wirst du büßen!", hält aber ansonsten dicht. Sollte Birgit ruhig weiterhin glauben, Bella hätte den Jackpot im Männerlotto gewonnen. Und keinen armseligen Schwarzmarkthändler.
Birgit, so will es mir scheinen, hat ohnehin nur Augen für Peter. Gedankenverloren streichelt sie den Automatikwählhebel, der keck zwischen den beiden aufragt. Bella und ich machen uns ernsthafte Sorgen, ob Peter am Steuer seine volle Konzentration den richtigen Kurven widmet.
Zur allgemeinen Erleichterung erreichen wir die Einfahrt zum Outlet-Center. Bella und ich steigen aus, Reifen quietschen und kurz darauf sehen wir in der Ferne Peters Auto in einen Waldweg einbiegen. Bella grinst mich an "Und nun zu dir, Freundchen". Mir schwant Übelstes.
Sechs Stunden später. Ich suche eine Reinigung, um mein Nervenkostüm aufarbeiten zu lassen. Bella hat sich prächtig amüsiert und der Volkswirtschaft durch den Kauf einer Haarspange auf die Sprünge geholfen. Aus dem letzten Laden, in dem wir waren, wird eine Verkäuferin getragen.
Der geplante Besuch eines Fachgeschäfts für hochwertige Damenunterwäsche, von dem ich mir als einziges ein wenig Kurzweil versprochen hatte, entfällt. Wegen Umbau geschlossen. Nein, gestern war da noch auf, ganz bestimmt.
Ich liebe diese Frau, aber sie ist ein ausgekochtes Luder.
Geschafft. Erschöpft sinke ich in eine Bank des neudeutsch "FoodCourt" genannten Fresstempels. Vor mir Tee und ein Stück Schwarzwälder Kirsch. Endlich Ruhe und Frieden statt Konsumterror. Ich nehme einen Schluck First Flush Darjeeling. Welch Labsal.
Batman landet in meiner Torte.
Bella und ich rekonstruieren die Flugbahn des maskierten Legomännchens. In der engeren Wahl sind zwei Tische. Am einen drei ältere Damen mit Kompotthütchen, sie wirken unverdächtig. Wir behalten sie besser im Auge. Am anderen eine vierköpfige Familie. Vater, Mutter, zwei Kinder.
Happy family wie aus dem CSU-Wahlwerbespot.
Der Vater sitzt zusammen mit seinem Bauchansatz vor einem kleinen Bier. Der Sohn schiebt mit seinem Plastikbagger Pommes durch eine Majonäse-Malaise. Die Tochter bohrt versonnen in der Nase.
Und die Mutter hält eine Zwille in der Hand.
Man würde vermuten, dass sie dieses Schießgerät eben von ihrem Sohn konfisziert hat, aber erstens scheint das Kerlchen nicht unbedingt das hellste Licht auf der Torte zu sein und zweitens blitzt in den Augen seiner Mutter etwas verwegen Schelmisches auf. Zwinkert die mir etwa zu?
Außerdem kommt sie mir irgendwie bekannt vor, es gelingt meinen grauen Zellen aber nicht, diese biedere Mutti einer gespeicherten Person zuzuordnen. Bella lehnt sich zu mir herüber und flüstert etwas in mein Ohr. Ich blicke diskret auf die Beine der braven Hausfrau und nicke.
Ich will Sie nicht lange zappeln lassen.
Sie erinnern sich vielleicht noch an meine freundliche Kundenbetreuerin von der Sparkasse, die im Diana wogenden Busen williges Opfer von Dschingis Khan und seinem Pferdeschwanz geworden war?
Die mit Ivan und Iban. Genau.
Die ist es nicht.
Es handelt sich hingegen, und da bin ich jetzt ganz sicher, denn ich hatte ihre Beine im wahrsten Sinne des Wortes vor Augen, die Dame, die sich neben uns mit dem Latin Lover vergnügt hatte. Nachdem der es dann doch geschafft hatte, Sie aus ihrer skinny Skinny Jeans zu befreien.
Bevor wir uns, neugierig geworden, besagter Dame näher zuwenden können, klingelt Bellas Handy. Birgit ist dran. Sie soll mir von Peter ausrichten, dass sein Werkstattmeister gesagt hätte, dass das heut nichts mehr würde mit meinem Auto.
Tee ist doch gut bei hohem Blutdruck, oder?
Man würde aber, angesichts der besonderen Umstände, mir einen Leihwagen bereitstellen. Aus dem Fuhrpark des Chefs persönlich, das mache der sonst eigentlich nie.
Die besonderen Umstände bestehen darin, dass ich weiß, dass der Chef fremdschläft. Und seine Frau. Und mit wem.
Der nächste Shuttlebus zum Campingplatz fährt in fünf Minuten. Bella bläst zum Aufbruch. Bedauernd blicke ich erst auf meine halbgegessene Kirschtorte und dann rüber zum Tisch der Langbeinigen. An dem jetzt niemand mehr sitzt. Schade, hätte mich interessiert, was die Dame wollte.
Sie auch? Dachte ich mir. Beim Hinausgehen kommen wir dann am Tisch der Familie vorbei. Ein leeres Bierglas, verschmierte Majo, ein Kakaofleck. Und eine Serviette, auf der jemand etwas notiert hat. Ich nicke in die Richtung, Bella versteht sofort und lässt den Fetzen mitgehen.
Wir schaffen es gerade rechtzeitig zur Autowerkstatt, wo eine riesige Überraschung auf uns wartet. Sie kennen diese gepanzerten Gefährte, mit denen die Amis in der Wüste Fundamentalisten jagten? Sowas gibt's auch mit Straßenzulassung. Mein Werkstattersatzwagen ist Peters Hummer.
Ich steuere das Schlachtschiff über die Bundesstraße in Richtung unseres heimischen Campingplatzes, Bella fährt mit dem Camper im Windschatten hinterher.
Irgendwo hier musste Lenas Lustmobil stehen, ich schmunzele bei der Erinnerung an die Begegnung. Und steige in die Bremsen.
Was war da denn los. Das war eindeutig Lena, und irgendein Typ. Eindeutig, die prügeln sich. Der Mann ist größer und schwerer, muss aber anscheinend kräftig einstecken. Vor allem unterhalb der Gürtellinie. Quietschend kommt mein Panzerwagen direkt vor den beiden zum Halten.
War das nicht Lenas Beschützer/Manager/Macker, mit dem sie da so herzhaft stritt? Sie schreit ihn an, zeigt in Richtung meines Autos. Ich habe mich im mir unvertrauten Sicherheitsgurt verheddert und kann nicht sofort aussteigen, um ihr zu helfen. Ist vermutlich auch besser so.
Lenas Macker tritt den Rückzug an und flüchtet. Mit einem Toyota Kombi. Auf der Heckscheibe ein Aufkleber. "Marie und Johannes-Luca an Bord".
Das Ganze wird immer mysteriöser. Lena hat mich anscheinend erst jetzt erkannt, öffnet die Beifahrertür und sitzt auch schon neben mir.
Bella hat hinter mir gehalten und die Sache beobachtet. Als ich wieder in den rollenden Verkehr einbiege, fackelt sie nicht lange und hängt sich hinten dran.
"Nette Karre" Lena räkelt sich. Ihr kurzer Rock haftet am Ledersitz und legt frei, was eigentlich nicht freigelegt gehört.
Mittlerweile etwas abgehärtet behalte ich die Augen auf der Straße. Lena erzählt mir derweil munter, in was ich da eigentlich gerade hineingeraten war. Der Typ mit Namen Ivo war ihr Macker. Irgendwie. Eigentlich war er Postbote und hatte das Business von seinem Bruder übernommen.
Der war vor ein paar Jahren von einem Heimaturlaub in irgendeine exjugoslawische Teilrepublik nicht zurückgekehrt. Und würde dies ablebensbedingt wohl auch nicht mehr tun. Ivo war eingesprungen und fungierte seitdem als Lenas beschützender Manager. Oder managender Beschützer.
Lena ließ sich allerdings die Butter nicht vom Brot nehmen, gab Ivo regelmäßig etwas von ihren Einnahmen ab, was sein schmales Postlergehalt aufbesserte und ihr Ruhe verschaffte vor irgendwelchen Halbweltgestalten, die sie auch nur zu gern unter ihre Fittiche genommen hätten.
Ivos Frau war recht pragmatisch veranlagt und tolerierte diese Übereinkunft, spülte sie doch willkommene liquide Mittel in die klamme Haushaltskasse. Und das steuerfrei. Nun musste aber eine neue Einbauküche her. Und sie schickte Ivo los, bei Lena sein Entgelt nachzuverhandeln.
Lena zeigte keine Neigung um Ivos Familienfrieden Willen die goldene Gans zu spielen. So gab ein Wort das andere und gerade, als ich vorbeikam, drohte die Sache ein wenig aus dem Ruder zu laufen.
Sie hatte Ivo dann informiert, der Typ da mit dem fetten Auto wäre ihr neuer Macker.
"Du hast WAS?"
Wir haben nun genug Abstand zu dem Ort gewonnen, an dem ich Lena aufgelesen hatte. Und an dem vermutlich Ivo demnächst mit Verstärkung auftauchen würde. Ich muss unbedingt mit Bella reden. Bella würde Rat wissen.
Wie war ich eigentlich bisher ohne sie klargekommen?
Ich suche nach einer Parkmöglichkeit für mein rollendes Monstrum. Mittlerweile verstehe ich jedenfalls, warum beim McDrive maximale Durchfahrtshöhe und -breite angegeben sind. Endlich entdecke ich eine Schulbushaltestelle und werfe Anker. Hinter mir stellt Bella das Wohnmobil ab.
Lena und ich steigen aus. Mir zittern ein wenig die Knie, an einen Branchenwechsel ins Rotlichtmilieu hatte ich bis dato noch nie gedacht. Bella begrüßt Lena wie eine alte Freundin. Die beiden gucken mich so komisch an. Doch, doch, käseweiß ist meine ganz normale Gesichtsfarbe.
Bellas Adlerblick erkundet sekundenschnell die Umgebung. Sie steuert, Lena und mich im Schlepptau, zielstrebig ein kleines Ristorante an. Ich werde an einen Tisch in der hintersten Ecke gesetzt und erhalte eine Flasche Chianti zu treuen Händen. Die Mädels gehen erstmal aufs Klos.
Als die zwei wieder auftauchen stelle ich gerade mit Alfonso, dem ägyptischen Kellner, Betrachtungen darüber an, ob die Flasche halb leer oder halb voll ist.
Bella meint, ich wäre halb voll und nimmt sie mir weg. Sie macht ein ernstes Gesicht "Pass auf. Es läuft folgendermaßen."
Ich erfahre nun, dass Ivo das schwarze Schaf einer traditionsreichen Halbweltdynastie ist. Um sein Gesicht zu wahren (und um vor seinen mordlustigen Vettern Ruhe zu haben) sei es unumgänglich, für Lena einen gewissen Abstand zu zahlen. Das wäre nun mal so Usus. Aber kein Problem.
Kein Problem? Abstandszahlung? Tickten die beiden noch richtig? War ich schon im rotweininduzierten Delirium? Prostitution war ja schon mal eine Sache. Aber jetzt sollte das Betätigungsfeld noch auf Menschenhandel ausgeweitet werden? Was kam als nächstes, Auftragsmord?
Alles halb so wild, sagt Bella und tätschelt meinen Kopf. Das Geld hätte Lena für diesen Fall beiseite gelegt. Und sowieso Ivo von seinen laufenden Bezügen abgeknapst. Es ginge nur um die Wahrung der Tradition. Ganz harmlos. Wirklich. Ich müsste nur als Lena Zuhälter einspringen.
Man soll ja immer offen für berufliche Veränderungen sein, aber ich bin von den Karriereperspektiven der Ludenlaufbahn noch nicht überzeugt. Ich hab das doch gar nicht gelernt.
Meine Einwendungen werden vom Tisch gewischt. Wäre doch alles nur pro forma. Bella hat Plan. Ich Angst.
Ich solle mich mal nicht so anstellen. Man könne die nette Lena doch nicht diesem Halbweltgesindel überlassen. Nun, dem ersten Teil dieser Aussage kann ich bedingungslos zustimmen. Lena ist wirklich eine Nette. Aber deswegen von Albaner-Toni ein Messer in die Rippen riskieren?
Außerdem hatte Bella schon alles organisiert. Lena würde erstmal bei Madame Sofie unterkommen. Das Bumsmobil war sowieso schrottreif und bald hätte sie ohnehin ihr BWL-Studium abgeschlossen. Sie wäre lange genug gefickt worden, jetzt wäre sie dann mal an der Reihe. Lena grinst.
Ich telefoniere also brav mit Ivo. Er ist wirklich nicht grade eine Leuchte. Seine Forderung liegt weit unter dem, was Lena mir als Budget gegeben hat. Ich handele ihn mühelos ein paar Tausender runter und drücke ihm noch die fachgerechte Entsorgung des klapprigen Lovemobils auf.
Ivo lädt mich dann noch in sein Stammlokal ein, wo wir bei einem Geschäftsessen den Deal perfekt machen würden.
Ich denke an die charakteristischen Fleisch- und Sliwowitzexzesse im Restaurant "Zum lustigen Bosniak". Mich schaudert.
Ivo isst lieber Sushi.
Irgendwie mag ich ihn.
Auf unserem Campingplatz parke ich den schweren Hummer neben dem Wohnmobil. Selbst die streitsüchtigen Zeltgymnasiasten von der Wiese nebenan halten respektvoll Abstand. Überhaupt ist mit mir grad nicht gut Kirschen essen. Ich will nur noch ins Bett. Wenn ich denn noch eins habe.
Mittlerweile ist nämlich unsere Wohngemeinschaft auf vier Personen angewachsen. Lena muss schließlich irgendwo unterkommen, bis bei Madame Sofie das Gästeappartement frei wird. Darin wohnt ja noch Gisela. Pardon, Giselle. Die wurde aber gefeuert. Hat angeblich einen Gast beklaut.
Es ist eigentlich doch ganz lauschig jetzt. Alle haben ein Schlafplätzchen im Caravan gefunden, der Regen prasselt auf das Blechdach, Lena und Birgit fachsimpeln im Alkoven leise über Makroökonomie.
Ich spiele versonnen unter der Bettdecke ein bisschen mit Bellas linkem Nippel.
Warum ich das mit dem linken extra erwähne? Möglicherweise, weil der rechte so empfindlich ist, dass sie mir einmal fast den Finger abgebissen hat, als ich da hingefasst hab? Ist aber nur ne Theorie.
Natürlich in Fahrtrichtung rechts. Mann, Sie haben echt keine Ahnung von Möpsen.
Bella wird etwas unruhig, ich kann mir gar nicht erklären, warum. Vielleicht ein Kekskrümel? Oder eine Falte im Bettlaken? Plötzlich setzt sie sich auf, rummst mit der Schläfe gegen das Regal am Kopfende.
Au. Was hatte sie so aufgeschreckt? Hatte ich links und rechts verwechselt?
Sie knipst die Leselampe an. Mit der linken Hand hält sie ihren Kopf, mit der rechten sucht sie auf der Ablage neben dem Bett ihre Hose. Hatte ich Fluchtreflexe bei ihr geweckt? Sie fummelt ein Stück Papier aus ihrer Hosentasche. Sie hält es mir vor die Nase.
"Hier. Lies du mal."
Bellas Weit- und meine Kurzsichtigkeit ergäben kombiniert einen absolut scharfsichtigen Luchs. Oder einen totalen Blindfisch, je nach Betrachtung. Ich mache mich an die Entzifferung der Botschaft auf der akkurat gefalteten Serviette mit dem eingedruckten Logo des Outletcenters.
Ich erkenne einen Lippenstiftabdruck in Form eines Kussmunds. Darunter mit Kugelschreiber den Namen Petra, etwas, das ich für zwei sich küssende Regenwürmer halte, die Worte "bis Samstag" und ein Herzchen.
Bella gibt mir einen Klaps auf den Hinterkopf. Sie hat ihre Brille auf.
"Das ist ein Hirschgeweih, du Doofie."
Hirsch? Hä? Und das war jetzt weniger kryptisch als die Regenwürmer oder was?
"Das Diana, Mann. Am Samstag ist da Pärchentag."
Meine Synapsen kommen jetzt hinterher. Diana, Göttin der Jagd, hatte das Logo des gleichnamigen Clubs inspiriert.
Das Diana, erklärt mir die bestens informierte Bella, hätte eine Reihe wiederkehrender Veranstaltungen, die sich beim Stammpublikum großer Beliebtheit erfreuen. Die Lady's Night, klar, dann wie gesagt der Pärchentag. Oder z.B. das Captain's Dinner, wo nur Männer erwünscht sind.
Für jeden Geschmack ist etwas dabei. "Dildoday", "Strip und Straps", "Lack, Lust und Leder", "Inquisition intim", Bella zählt eine ganze Reihe Themenabende auf. Einige klingen durchaus reizvoll, für andere würde ich größere Beträge zahlen, um nicht an ihnen teilnehmen zu müssen.
Auf jeden Fall beweist Madame Sofie Geschäftssinn und ein Händchen fürs Marketing. Sie spricht solvente Kreise an, für die ein normaler Puff wenig Reiz verspricht.
Angeblich gehören ihr mittlerweile sieben luxussanierte und vollvermietete Gründerzeitwohnhäuser in Eppendorf.
Die Lady's Night übrigens ist fest im Kalender der örtlichen Lesbenszene verankert. Das weiß ich von Eliza. Man hat, so ihre Worte, Mordsspaß dabei, überzeugte Heterodamen auf die dunkle Seite der Macht zu ziehen. Was recht häufig zu gelingen scheint.
Stark die dunkle Seite ist.
Man muss dabei beachten, dass besagte überzeugte Heterodamen wissen, das im Diana an diesem Abend eben nicht nur gut ausgestattete, wenn auch eher pekuniär orientierte, Lustknaben anzutreffen sind.
Was sie nicht davon abhält, den Club zahlreich aufzusuchen. Ganz im Gegenteil.
Der Pärchentag ist (offiziell) ganz dem gemischten Klassiker gewidmet. Ohne Partner des anderen Geschlechts kein Zutritt. Da ist Türsteherin Margot eisern. Und die hat den schwarzen Gürtel.
Ob ein Paar sich erst auf dem Parkplatz zusammengefunden hat, ist hingegen unbedeutend.
"Wollen wir hingehen?" fragen Bella und ich zeitgleich. Birgit und Lena blicken sich erstaunt zu uns um. Mit Kopulationsgeräuschen hätten sie vermutlich gerechnet, aber zwerchfellerschütternde Lachkrämpfe? Komisches Paar.
Bella hat Tränen in den Augen. Ich halte mir den Bauch.
Vor diese samstägliche Vergnügung hat der liebe Gott oder irgendein anderes höheres Wesen Ihrer Präferenz die Übergabe der Ablösesumme für unsere Lena gesetzt. Ivo hat dazu in ein exzellent beleumundetes japanisches Restaurant geladen. Hier gingen, raunt man, sogar Japaner essen.
"Hier. Das musst du probieren. K9 von der Hauptkarte. Super lecker."
Ivo schwingt gekonnt die Essstäbchen. Dieser Mann hatte verborgene Qualitäten. K9 ist "Qualle mit Gurke". Ich verweise auf die kaum quappengroßen weißen Fischlein in der Schale vor mir, die mich traurig ansehen.
Man genießt sie so, wie die Natur sie zur Verfügung stellt. Ich überzeuge mich, dass keines von ihnen mehr zuckt und verspeise tapfer ein paar. Meine Geschmacksknospen melden Widersprüchliches an das Gehirn. Ja, was denn nun? Salzig? Bitter? Scharf? Umami? Irgendwie fischig halt.
Mit Ivo wäre ich prima klargekommen, schnell hatten wir das Geschäftliche erledigt, diskret hatte Bargeld in einem Umschlag seinen Besitzer gewechselt. Roher Fisch in rauen Mengen wurde aufgetragen, grüner Tee und Sake ausgeschenkt. Sojasoße schwappte.
Und dann kam Ivos Onkel.
Ivos Onkel, den alle nur "Papa" nennen, ist ein organisierter Berufsverbrecher ganz alter Schule. Er kleidet sich edel und distinguiert, nur zwei Goldzähne zeugen von harter Jugend auf der Straße. Ivo zieht genervt, aber so, dass "Papa" das nicht sehen kann, die Augenbrauen hoch.
Offensichtlich steht der gute Ivo innerhalb des Familienunternehmens unter einer gewissen Beobachtung.
"Papa" begrüßt mich mit einem freundlichen, aber harten Schlag auf den Rücken und den Worten "Ein Bulle bist du jedenfalls nicht". Ich japse wahrheitsgemäß "Nein. Echt nicht."
Wir kommen ins Plaudern. So unter Kollegen. Auf welcher Seite ich denn damals gestanden hätte, als der große Krieg zwischen den Albanern und den Libanesen losgegangen wäre.
"Ich war im Ausland", antworte ich wahrheitsgemäß. "Auf Sprachferien in Frankreich" behalte ich für mich.
"Papa" lobt meine Weisheit. Da könnte der Ivo sich mal eine Scheibe von abschneiden. Sein Pulver trockenhalten und in Ruhe abwarten, wer aus der Schlacht als Sieger hervorgehe, das hätte auch Sun Tsu empfohlen.
Überhaupt sei es ja so schwer, heutzutage gutes Personal zu finden.
Fachkräftemangel. Ja, das war ein Thema, da konnte ich mitreden. Ich erzähle von Versuchen mit importiertem Personal, aber häufig seien ja einfach die Qualifikationen nicht vergleichbar. "Papa" nickt zustimmend. Aber finden Sie doch mal einen bezahlbaren Auftragskiller im Inland.
Wir finden weitere Gemeinsamkeiten. Vernünftiges Controlling zum Beispiel. Das A&O einer jeden erfolgreichen Organisation. Die Führungskräfte tanzen einem ja sonst auf der Nase herum. Ich bin für strenge Zielvorgaben und konsequente Sanktionen bei Nichterreichen. Und "Papa" auch.
Nach ein paar kurzweiligen Stunden, bei denen Ivo immer stiller und "Papa" immer gesprächiger wurde, bin ich sicher, dass das BKA mich liebend gerne vorher verkabelt gehabt hätte. Wir verabschieden uns mit einer Umarmung. "Papa" flüstert mir schnell noch ein Jobangebot ins Ohr.
Sein, sagen wir, Verwaltungschef, ein Mann seines Vertrauens, den alle nur "den Doktor" nennen, wollte gern in die wohlverdiente Altersteilzeit gehen. Ob ich nicht vielleicht Interesse hätte? Ich als Consigliere? Ich verspreche, darüber nachzudenken.
Im Taxi wird mir dann übel.
"Dass du aber auch nicht einfach mal die Klappe halten kannst" Bellas Analyse meines Berichtes über ein Angebot, dass man eigentlich nicht ablehnen kann, fällt rasiermesserscharf und kaum zu widerlegen aus.
Ich ziehe mir die Bettdecke über den Kopf. Hier findet mich keiner.
Ich höre Bella mit Lena Kriegsrat halten. Lena scheint den Doktor zu kennen. Sie geht raus, um ein Fleckchen zum Telefonieren zu finden. Der Hochsitz ist leider noch nicht wieder aufgebaut.
15 Minuten später ist sie wieder da und spricht kurz mit Bella. Beide kommen auf mich zu.
"Also. Hier ist der Plan." Ich lausche aufmerk- und gehorsam, was die beiden Damen ausgeheckt haben und mir nun wortreich schildern, sage "Ja", "Oh" oder "Wirklich?" und stelle demütig noch ein paar kleine Zwischenfragen. Dann rufe ich Ivos Onkel an. Und sage zu.
Der Plan der beiden Frauen geht auf. Fast.
Wie vorhergesehen bittet mich der Doktor, ein netter älterer Herr mit Goldrandbrille, zu einem Gespräch, meine Eignung zu prüfen für das Amt, dass er 40 Jahre lang ausgeübt hat.
Wie vereinbart wiegt er und befindet mich für zu leicht.
Der Doktor, das muss man wissen, macht regelmäßig, sagen wir, Hausbesuche bei Lena. Es ist ihm ein Leichtes, "Papa" klarzumachen, dass ich zwar Potenzial hätte, es aber an der nötigen unsittlichen Reife fehle.
Allerdings wäre da noch etwas.
Und ab hier gerät der Plan ins Wanken.
Für eine alte Freundin der Familie hingegen könnte ich sehr nützlich sein. Die hätte nämlich gerade unter unglücklichen Umständen ihren Geschäftsführer entlassen müssen und noch keinen adäquaten Ersatz gefunden.
Er würde daher anraten, mich an Madame Sofie weiterzuempfehlen.
Ja. So habe ich auch geguckt. Madame Sofie, so erfahre ich, war "Papas" erste und große Liebe. Sie war aus kleingangsterlichem Hause und daher nicht standesgemäß. Eine herzzerreißende Geschichte. "Papa" heiratete dann in eine Geldwäscherdynastie und Sofie ging ihren eigenen Weg.
Sofie weiß aber genug über Papas Leichen im Keller und an vielen anderen Orten, um ihn sofort für 593 Jahre ins Zuchthaus zu bringen. Ohne Bewährung.
Was sie niemals tun würde, denn sie hat Charakter. Weswegen Papa seine schützende Hand über sie und ihr kleines Bumsimperium hält.
Und so kam es, dass Sofie nicht trotz, sondern wegen ihrer Verbindungen zur organisierten Kriminalität den saubersten Puff von ganz Deutschland führt. Vor den branchenüblichen feindlichen Übernahmen ist sie sicher, denn jeder in der Szene weiß, mit wem er sich da anlegen würde.
Bei Sofie gab es keine krummen Touren. Sogar das Fahrtenbuch für ihren Dienstwagen führte sie penibel genau. Kein Steuerprüfer musste hier mit Liebesdiensten verführt werden, doch mal ein Auge zuzudrücken. Hier lief wirklich alles einhundertfünfzigprozentig nach Vorschrift.
Dummerweise konnte ihr bisheriger Geschäftsführer sich mit diesem moralische einwandfreien Gebaren nicht wirklich abfinden. Er genehmigte sich Sozialleistungen. In bar und in, nun ja, Naturalien. Als Madame Sofie davon erfuhr, war es mit ihrer Gutmütigkeit schlagartig vorbei.
Keine Sorge, er wurde nicht in der Kiesgrube verscharrt und seine Frau und Kinder in die Sklaverei verkauft. Sofie hat Stil. Der Mann konnte seinen Schreibtisch räumen und erhielt noch eine Abfindung. Gut, in Form eines Pferdekopfes vom Schlachthof, aber doch eine nette Geste.
Verzagt schlurfe ich zurück zum Auto, wo Bella auf mich wartet.
"Na? Hats geklappt? Haben Sie dich abgelehnt?"
"Gewissermaßen."
Ich beichte ihr, was passiert ist. Und die Sache mit Sofie. Und das ich da ganz eventuell vielleicht zugesagt habe, weil man der Frau doch helfen muss.
Bella schweigt. Den ganzen Nachhauseweg. Aber es ist nicht dieses bösartig-vorwurfsvolle Schweigen, das einen Ausbruch ankündigt. Eher so ein Daniel-Düsentrieb-Schweigen. Sie wissen schon, bevor die Sinniervögel das Zwitschern anfangen und eine bahnbrechende Idee geboren wird.
"Eigentlich" beginnt sie viel später, ich unterbreche mein Zähneputzen mitten in der Bewegung, um nichts zu verpassen, "Eigentlich war das genau richtig. Und wo ist überhaupt Lena? Ich muss mit Lena sprechen."
Lena war mit Birgit unterwegs, schmusende Pennälerpärchen erschrecken.
Verdutzt blicke ich ihr hinterher, die Zahnbürste im Mund, wie sie im Halbdunkeln verschwindet, den Campingplatz nach den beiden anderen abzusuchen.
Ich werde aus der Frau nicht schlau, habe aber mittlerweile einen Höllenrespekt vor ihrem Talent, kreative Lösungen zu finden.
Ich öffne die letzte Flasche Roten aus dem Bordvorrat und harre der Dinge, die todsicher in Kürze über mich kommen würden. Ich sollte bei der Sofie-Sache was richtig gemacht haben? Ich?
Lena und Bella kommen, in angeregter Unterhaltung vertieft, über die Wiese aufs Wohnmobil zu.
Bella nimmt einen großen Schluck aus meinem Rotweinglas.
"Nicht du, mein Lieber, wirst das Diana managen..."
Ach, nicht?
"Sondern wir"
Wer war wir?
"Ich und du und..."
Müllers Kuh?
"...und Lena natürlich"
Ich lehne mich entspannt zurück. Das versprach jetzt interessant zu werden.
Lena würde nämlich Personalchefin, wär ja klar. Und Bella macht Organisation, Events und Marketing. Sofie könnte weiterhin repräsentieren und den Laden nach Außen vertreten.
Für mich blieben dann vermutlich die Powerpoint-Folien.

Ich erkenne den Charme hinter diesem Konzept.
Wir diskutieren bis tief in die Nacht. Hochinnovative Ideen zur Weiterentwicklung des Geschäfts werden geboren und verworfen. Ein Blowjob-Lieferservice? Die geils&more-Karte für Stammkunden? Eine eigene Dildokollektion? Das Diana gar als Franchisekonzept mit weltweiten Ablegern?
Ich wache allein auf. Scheußlich, was man sich so alles zusammenträumt. Ich als Bordellchef. Gibts schon Kaffee?
Bella sitzt, in meinem Hemd mit Brille und Laptop wie frisch einem Apple-Werbespot entsprungen, auf den Stufen des Wohnmobils.
Und schreibt am Businessplan fürs Diana.
Wenigstens Lena schläft noch und ist nicht vom Businessvirus befallen. Ich hatte sie selten mit Brille gesehen, anscheinend war sie beim Lesen eingenickt. Friedlich sieht sie aus.
Mit jedem Atemzug hebt und senkt sich auf ihrem Busen "Personalwesen in der betrieblichen Praxis".
Birgit kommt frischgeduscht vom Joggen zurück. Angsteinflößende Produktivität umgibt mich. Sind die Frauen hier denn alle vom wilden Affen gebissen? Es gilt, die Ehre meines Geschlechts wiederherzustellen. Ich tue daher, was ein Mann tun muss. Und fahre gähnend Brötchen holen.
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