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Journalist.

Nov 6, 2019, 16 tweets

Wie die Psychologin @drjuliashaw ihre Probanden dazu bringt, Verbrechen zu gestehen, die sie nie begangen haben, ist sack spannend. Eine Anleitung aus meinem neuen Artikel @krautreporter. krautreporter.de/3117-warum-men…

Eins vorweg: Dass unsere Erinnerungen so fehleranfällig sind, liegt auch daran, dass schon bei unserer Wahrnehmung einiges schiefläuft. Vergleicht mal die Felder A und B. A ist dunkler als B – oder??

Wenn man die Felder aus ihrem Kontext reißt, sieht man: Beide Felder haben die gleiche Farbe. Wie wir die Außenwelt wahrnehmen, hat weniger mit unserer Außenwelt zu tun als damit, was in unserem Gehirn passiert. Ein Beispiel hab ich noch ...

Erinnert ihr euch noch an #thedress ? Das weiß-goldene Kleid, das 2015 die Runde machte? Ja, ich weiß, viele von euch sehen es als schwarz-blau. Ich nicht. Und wir haben alle recht. Unser Gehirn spielt uns einen Streich. Wie genau, lest ihr in meinem verlinkten Text oben.

Unsere Wahrnehmung trügt uns also, und das oft. Genauso unsere Erinnerungen. Julia Shaw nutzt diese Schwächen aus. Mit diesen acht Schritten implantiert sie falsche Erinnerungen ins Gehirn unschuldiger Probanden:

Schritt 1: Sie sucht erwachsene Menschen, die an einer „Studie über emotionale Erinnerung“ teilnehmen wollen und lässt sich die Kontaktdaten zu vertrauten Personen geben (zum Beispiel die Eltern).

Schritt 2: Sie bittet die Eltern darum, ihr von emotionalen Erfahrungen aus der Kindheit (11 bis 14 Jahren) der Probanden zu erzählen und fragt nach Freunden und dem Wohnort.

Schritt 3: Stellt sich heraus, dass Studienteilnehmern eines der fiktiven Verbrechen tatsächlich begangen haben, dürfen sie nicht mehr an der Studie teilnehmen.

Schritt 4: Die Teilnehmer wissen nicht, worum es in der Studie geht. Shaw fragt sie nach Erinnerungen an eines der emotionalen Ereignisse, die sie tatsächlich erlebt haben und gewinnt so Glaubwürdigkeit als jemand, der von den Ereignissen weiß.

Schritt 5: Shaw beruft sich auf Insiderinformationen und spricht über ein Ereignis, das die Versuchsperson erlebt haben soll (aber in Wirklichkeit nicht erlebt hat) und fragt nach den Erinnerungen an dieses Ereignis.

Schritt 6: Weil sich die Personen bei der ersten Erwähnung nicht an das fiktive Ereignis erinnern (wie auch?), bietet Shaw Übungen an (Augen schließen, vorstellen, wie das Ereignis abgelaufen sein könnte, sich die Handlung vorstellen, von der Shaw ihnen gerade erzählt hat).

Zu Hause sollen sie diese Übungen wiederholen, und sie machen bereitwillig mit, schließlich ahnen sie nicht, dass es sich um eine fiktive Erinnerung handelt. Sie glauben, sie erinnern sich nur noch nicht.

Schritt 7: Eine Woche später bittet Shaw die Versuchspersonen, ihnen von den echten Ereignissen zu erzählen – und anschließend auch vom fiktiven Ereignis. An dieser Stelle fangen die Probanden an, sich zu erinnern Shaw gibt ihnen wieder Erinnerungs-Übungen als Hausaufgabe.

Schritt 8: Eine Woche später, gleiches Setting. Die Teilnehmer erzählen Shaw nun beeindruckend detailliert, wie sie sich an das fiktive Ereignis erinnern.

Das führt dann zu solchen Aussagen: „Ich weiß noch, wie schockiert ich war, als die Polizei kam. Das war schlimm. Das war schlimm.“ Von wegen.

Warum unser Gedächtnis so fehleranfällig ist, warum das unschuldige Menschen wegen falscher Zeugenaussagen ins Gefängnis bringen kann – und inwiefern das alles trotzdem nützlich ist, lest ihr hier: krautreporter.de/3117-warum-men…

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