Sebastian Dullien Profile picture
Director at @imkflash. Professor for International Economics at HTW Berlin - University of Applied Sciences. Father of two. On the jump to @sdullien.bsky.social

Aug 12, 2020, 17 tweets

Ich nehme nicht in Anspruch, Sprecher einer „linken Ökonomie“ zu sein,versuche mich aber einmal,zu erklären,wie ein keynesianisches Narrativ für die dt. Arbeitsmarktentwicklung aussieht. (U.a. haben @GustavAHorn oder @PeterBofinger darüber geschrieben)
1/

Der Arbeitsmarkterfolg ab 2007 kann nur im Kontext der Wachstums-/Beschäftigungsschwäche in den Jahren davor (insbesondere 2000-2005) verstanden werden. 2/

Was wäre eine keynesianische Erklärung für diese Arbeitsmarktschwäche? Nach meiner Einschätzung (aber hier divergiert etwa Flassbeck, aber auch andere) war die Deutsche Mark nach der EWS-Krise Mitte der 1990er Jahre etwas überbewertet 3/

und Deutschland ist leicht überbewertet 1998 in den Euro gestartet. Mit dem Abschwung 2000 reagierten Tarifpartner darauf mit Lohnzurückhaltung. Die Finanzpolitik schaltete ab 2001 auf Austeritätskurs, um den Wachstums- und Stabilitätspakt einzuhalten. 4/

Der öffentliche Sektor wurde z.T. zum Vorreiter für Lohnzurückhaltung, andere Sektoren folgten. Die folgende Reallohnstagnation und staatliche Nachfrageschwäche führte zu einer Schwäche der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage 5/

in den ersten Jahren der 2000er. 2001 und 2002 schwächelte zudem die Weltwirtschaft nach den Anschlägen vom 2001 und der Unsicherheit um den Irakkrieg. Probleme im Bankensektor beschränkten zudem das Kreditwachstum. 6/

Weil für Deutschland (anders als in vergleichbaren Ländern) damit ALLE Nachfragekomponenten schwächelten, stagnierte das dt. Wachstum, Beschäftigung ging verloren und die Arbeitslosigkeit stieg. 7/

Mitte der 2000er Jahre (eigentlich schon 2002/3) war die internationale Wettbewerbsfähigkeit wieder hergestellt und die Exporte begannen zu steigen. 8/

Immer neue Austeritätsmaßnahmen und langsames Lohnwachstum schwächten aber die Binnennachfrage weiter und verhinderten hohe Kapazitätsauslastungen, die zu einem Anspringen der Investitionen und damit zur Arbeitsmarktwende geführt hätten. 9/

Ergebnis war die gespaltene Konjunktur: Der Export lief recht gut, der Rest der Wirtschaft aber nicht. Ab 2006 war es zunächst eine Beschleunigung des Exportwachstums, vor allem aus China und anderen Schwellenländern, die zu steigenden Kapazitätsauslastungen führten. 10/

Unter der Kanzlerin Merkel stiegen die realen Staatsausgaben wieder und ab 2007 legten auch die Löhne (nominal wie real) wieder schneller zu. In der Summe führte das zu einer robust wachsenden Binnennachfrage und damit wachsender Arbeitsnachfrage und Beschäftigung. 11/

Was hat jetzt #Hartz4 danach beigetragen? Man könnte argumentieren, Hartz4 habe die Lohnzurückhaltung noch etwas verlängert. Da nach meiner Analyse die Lohnkosten aber bereits 2004 schon kein Problem mehr waren, 12/

wäre der Beitrag zum Aufschwung danach beschränkt. Vielmehr kann man a.m.S. argumentieren, dass die Angst vor der Reform die Unsicherheit in der Bevölkerung erhöht und damit eine Erholung der Konsumnachfrage verzögert hat. 13/

Die Organisationsverbesserungen in der BA mit den anderen Hartz-Reformen mögen eine begrenzte Rolle gespielt haben, aber angesichts dessen, dass die meisten Menschen immer noch aus ALG I einen neuen Job finden, und das alleine, 14/

deutet aus meiner Sicht darauf, dass man dies nicht überbewerten sollte. 15/

Jetzt kann man wie hier auf Twitter anmerken, dass diese Geschichte doch nicht von „Linken“ vorgebracht werden könne, weil die Regierungen unter Merkel so gut wegkämen. 16/

Hier geht es aber nicht um politische Präferenz, sondern um Analysen. Und da würde ich sehr klar sagen, dass die Regierungen Merkel 1, Merkel 3 und Merkel 4 (nicht aber Merkel 2 in der Euro-Krise) makroökonomisch eine bessere Politik gemacht haben als die Regierung Schröder./END

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