Mela Eckenfels Profile picture
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Aug 23, 2020, 62 tweets

Verhaltene Begeisterung, aber hey, ich erzähl's einfach trotzdem. :D

Also: Kamala Harris, US Republikaner, die One-Drop-Rule und ein großes WTF?

Worum geht es? Kamala Harris wurde von Joe Biden als 'Running Mate', also seine zukünftige Vizepräsidentin der USA vorgestellt.

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Das wäre bahnbrechend, weil Kamala Harris nicht nur die erste Frau in diesem Amt wäre, sondern dann auch gleich noch die erste schwarze Vizepräsidentin.

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Direkt darauf beeilten sich einige Republikaner auf Fox News und anderswo in Kameras zu sagen, Kamala Harris wäre eigentlich nicht schwarz. Also nicht so richtig schwarz. Oder jedenfalls nicht schwarz genug.
Die Daily Show hat das zielsicher aufs Korn genommen:

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Kamala Harris Eltern stammen aus Jamaika und Indien. Die Senatorin ist in den USA geboren, ihre Eltern sind es nicht.

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Die Argumentationslinie einiger Republikaner sieht so aus: Kamala Harris stammt nicht von Sklaven aus Afrika ab, ihre Vorfahren haben nicht auf den Plantagen der Südstaaten gearbeitet, daher ist sie nicht wirklich schwarz.
Also, nicht das richtige schwarz.

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Ein … interessanter Take. Ich komme später drauf zurück.

Erst aber mal die Frage: warum zur Hölle tun die das?

Da gibt es sicher mehrere Erklärungsansätze. Übrigens kam die Argumentation auch bei Obama bereits auf.

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1. Teile und Herrsche.
Das Argument versucht einen Keil zwischen die schwarze Bevölkerung der USA und Kamala Harris zu treiben, in dem behauptet wird: die ist gar keine von Euch, die tut nur so.

/7

Es wird - ohne es gezielt zu erwähnen - Erinnerungen an Elizabeth Warren wecken, die sich, auf Grund einer mündlich in der Familie tradierten Behauptung, als "zum Teil Native American" bezeichnete.
Soweit ich Informationen dazu habe, wohl Faktenfrei.

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Es wird auch Erinnerungen an Rachel Dolezal wecken, eine Weiße, die sich quasi auf dem 'Minderheitenticket' eine in der Gemeinschaft anerkannte Position erarbeitet hatte.

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Rassismus ist in den USA ein integraler Teil des gesellschaftlichen Geflechts, daran ändern auch alle Förderprogramme für Minderheiten nicht. Die Chancen für schwarze Menschen, oder generell Nicht-Weiße sind eingeschränkt.

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Gezielte Unterdrückung über Generationen hinweg, hat eine so tiefgreifende Ungleichheit geschaffen, die sich nicht in ein oder zwei Generationen durch einige wohlmeinende Initiativen beseitigen lässt.

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Wenn also an sich weiße Frauen dahergehen und das Label "Schwarz" nutzen, um Erfolge zu haben, die sie ohne die daran hängende Unterstützung nicht gehabt hätten, dann ist das für viele Schwarze in den USA persönlich. Sehr persönlich.

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In dem man Kalama also das Schwarzsein entzieht, sie zur Weißen stempelt, versucht man die Verbindung zwischen ihr und der schwarzen Gemeinschaft der USA zu brechen.

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Wie es mit Fake News immer ist, kann sich sowas durchaus verfangen - egal wie absurd die Behauptung ist - und ein unkontrollierbares Eigenleben entwickeln.
Die Republikaner, die diese Behauptung in die Welt setzen und verbreiten, wissen, was sie tun.

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2. Wie gesagt, "erste Vizepräsidentin" wäre bahnbrechend, "erste schwarze Vizepräsidentin" ein astonomischer Triumph.
Das darf natürlich nicht sein. Also wird schon mal im Vorfeld die dahinterstehende Leistung und die Bedeutung klein geredet.

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(Bin heute ein bisschen langsamer, weil sich mal wieder ein Knöchelchen im Handgelenk quer gelegt hat.)

Aber so richtig absurd werden die Behauptungen der Republikaner erst, wenn man die "One-Drop-Rule" mit in die Rechnung einbezieht.

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Aber was ist die One-Drop-Rule?

Ich gehe mal davon aus, das ist keine Allgemeinbildung. Falls ihr doch schon alle Bescheid wisst und ich euch hier nur alten Käse erzähle, seht es mir nach.

Die One-Drop-Rule führt uns zu "Jim Crow" und damit zu meinem Thema: Kolonialismus.
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Und sie führt uns zu den wirklich absurd widersprüchlichen Ausprägungen des US Amerikanischen Rassismus, wenn man die One-Drop-Rule direkt neben die "Blood quantum laws" stellt. Aber dazu später mehr.

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Ich hole an der Stelle mal ein bisschen aus, um später dann besser zu dem Thema von Kamala Harris Herkunft zurückzufinden.

Kolonialismus - Europäische Mächte, die quasi den größten Teil der Welt unter sich aufgeteilt haben. Sklaverei, Unterdrückung …

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Ihr kennt die Story zumindest ansatzweise, aber als jemand, der auch die deutsche, gymnasiale Geschichtsbildung genossen hat, sage ich mal: man kratzt da nicht mal an der Oberfläche.

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Und um viele heutige Entwicklungen, aber auch gerade Vorurteile zu verstehen, würde es wirklich helfen, wenn wir in den Schulen ein bisschen den Fokus von Ludwig XIV und dem großen Fritz wegnähmen & >

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ein bisschen mehr drauf schauen würden, was wir derweil in anderen Teilen der Welt so trieben.

Teil davon, das systematische Ausbeuten von Menschen, wie durch den Atlantischen Sklavenhandel, und Ressourcen, wie Bodenschätzen.

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Man soll es nicht meinen, aber Menschen zu quälen und wie eine Verbrauchsressource zu behandeln, das machte schlechte Presse. Auch in der Vergangenheit schon.

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Und auch in der Vergangenheit gab es durchaus Stimmen in der Gesellschaft, die Menschen anderer Erdteile als gleichwertig und auf Augenhöhe gesehen haben. Darunter durchaus Personen mit Einfluß und Reichweite, z.B. vereinzelte Kirchenleute.

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Das ist, ich sage mal, gewissenlosem Ausbeuten zur Gewinnmaximierung abträglich.
Also muss man da den richtigen Spin finden und diesen immer wieder wiederholen. Einer der Spins war: "Die sind nicht wie wir (sondern weniger)".

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Ich muss mich jetzt gerade schwer abhalten, nicht weiter darüber zu reden, mit welchen Mitteln welche Narrative bedient wurden, denn Kolonialpropaganda war einer meiner Schwerpunkte … aber sonst hab ich viel Spaß, wir kommen aber nicht mehr zu Kamala Harris zurück. ;) 26 /

Aber wieder ernsthaft. Ich persönlich denke nicht, dass es unsere "Natur" ist, oder "normal", die uns oft erst mal davon ausgehen lässt, dass Menschen eines anderen Phänotyps oder einer anderen Kultur uns erst mal prinzipiell unterlegen sind.

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Ich halte das für kulturell verwurzelt und tradiert.
So oft erkenne ich in Gesprächen, in rassistischen Memes, Kolonialpropaganda von vor 100-200 Jahren wieder. Teils fast wortgleich.

28/

Unser Eurozentrismus, die eigene Kultur über andere stellen, andere quasi ab Geburt als weniger hochentwickelt, weniger fähig, weniger zu Entwicklung fähig, zu betrachten, ist ins Gewebe der europäischen & nordamerikanischen Kulturen eingewoben.

(Das ist ein bisschen wie @BlumeEvolution, der auch moderne Verschwörungsmythen auf historischen Antisemitismus zurückführen kann, so lässt sich der moderne Rassismus auf Kolonialpropaganda zurückführen.)

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Anyway. Zurück zum Thema. Auch das Plantagensystem der Südstaaten konnte nicht so lange funktionieren, wie es funktionierte, hätte der ideologische Unterbau gefehlt.

30/

Als nun die Sklaverei abgeschafft werden musste, kommt ja die Vorstellung von grundlegender Gleichwertigkeit aller Menschen nicht magisch zurück.

Hence: "Jim Crow".

31/

In Kolonialpropaganda wurden schwarze Menschen immer wieder als faul dargestellt, diebisch, und deswegen müsse man die ja zur Arbeit antreiben und so hart kontrollieren. Man kann da gar nix zu, die zwingen einen quasi ...

32/

Ihr erkennt, wie das in "Black on Black crime" und Erklärungsmodellen, warum Schwarze durchschnittlich nicht so erfolgreich sind, wiederhallt, oder?

Das bereitete auch den Boden für die leicht modernisierte Ideologie "gleich, aber anders".
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Auch dieser Grundgedanke "jaja, wir sind alle Menschen, aber DIE sind trotzdem anders als WIR und es wäre besser für ALLE wenn wir uns in getrennten Sphären bewegen" ist keine isolierte Idee der Südstaaten, man fand sie auch in Südafrika -

34/

ich meine schon im Wort "Apartheit" lässt sich das "getrennt sein" ablesen - und auch deutsche Politiker waren überzeugte Anhänger diese Gedankens. Franz Josef Strauß z.B.

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Und das führt dann eben zu dem, was wir unter Segregation kennen. Schulen für Weiße. Schulen für Schwarze. Sitze im Bus für Weiße, Sitze für Schwarze.
Lippenbekenntnissen nach, sollte alles immer gleichwertig sein. Aber ... ne. Wir wissen alle, wie es wirklich aussah.

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Und was macht man nun, wenn die Biologie einen fickt, und man in 2. oder 3. Generation nicht mal mehr erkennt, ob jemand schwarze Eltern hat, oder weiße?

Mit den Schultern zucken und die ohnehin doofe Ideologie in die Tonne treten? Neee.

37/

Man führt die "One-Drop-Rule" ein. Ein Tropfen schwarzen Bluts in den Adern, von einem schwarzen Vorfahren vor X Generationen, macht einen zu einem Schwarzen und verwehrt einem damit den Zugang zu denen den Weißen vorbehaltenen Teilen der Gesellschaft.

38/

Wer sich jetzt an die Nürnberger Rassegesetze erinnert fühlt ... all diese Ideen sind nicht in einem Vakuum entstanden und waren nicht regional begrenzt.

Nazideutschland hat die Ideen nur konsequent in einen totalen Vernichtungsfeldzug umgewandelt.

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Also, bis die unter "Jim Crow" zusammensummierten Gesetze in den USA dann _endlich_ im Verlauf der 40er, 50er und 60er Jahre nach und nach ihr Ende fanden - ihr kennt die Bilder alle - brauchte man in Teilen nur einen Tropfen schwarzes Blut, um als schwarz zu gelten.

40/

Der Racial Integrity Act Virginias, ein Gesetz, das die "One-Drop-Rule" tatsächlich in einen Gesetzestext einfließen ließ, wurde Mitte bis Ende der 70er Jahre abgeschafft.

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Kamala Harris wurde 1964 geboren. Sie hätte in Teilen der USA bis zu ihrem 15 Lebensjahr unausweichlich als Schwarze gegolten.

Unter diesem Gesichtspunkt alleine, ist die Behauptung der Republikaner, sie sei nicht richtig schwarz, ein wirklich sehr spannender Take.

42/

Aber dann mal zur Aussage, sie sei nicht wirklich schwarz, weil ihr Vater aus Jamaika stamme und daher nicht von Sklaven. Das ... wow. Von allen dreisten Behauptungen, ist die schon wirklich herausragend.

43/

Ich müsste jetzt in meine Unterlagen gehen, denn nach vier Jahren habe ich die genauen Nummern nicht mehr im Kopf, aber ich bilde mir ein, dass die sogenannte "Mittelpassage" aus Afrika verschleppte Menschen in weit höheren Zahlen zu den Plantagen auf den Inseln verschiffte, 44/

als nach Nordamerika.

Darunter eben Jamaika, Hispaniola, etc.

Auf einigen dieser Inseln überstieg die Zahl versklavter Menschen, die Zahl weißer Menschen deutlich, was dann oft zu besonderer Grausamkeit im Umgang mit ihnen führte.

45/

Um jede Idee an einen Aufstand im Keim zu ersticken.
Aufstände gab es natürlich dennoch und gerade Jamaika erlebte einen der extrem brutal niedergeschlagen wurde.
Angeführt wurde er durch den Prediger Samuel (Sam) Sharpe.

46/web.archive.org/web/2008101909…

Aus Jamaika zu stammen und _nicht_ von aus Afrika verschleppten Menschen abzustammen … das wäre ein außergewöhnlicher Feat.

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Ohne das jetzt recherchiert zu haben, dürfte die Annahme, dass einige von Kamala Harris Vorfahren, aus Afrika verschleppt wurden, ziemlich wasserdicht sein.

48/

Mein Fazit: Kamala Harris wäre die erste schwarze Vizepräsidentin und damit eine Sensation und Republikaner lügen auch die Tapeten von den Wänden, wenn es ihnen politisch etwas nutzt.

49/

Bonus, für das bisschen extra WTF: und was sind nun diese "Blood quantum laws"?

Also, wenn ein Tropfen Blut eines schwarzen Vorfahren reicht, um schwarz zu sein, dann reicht ein Tropfen Blut eines Native American um ein Native American zu sein, oder?

50/

*ZONK*

Falsch.

51/

Denn, wenn wir von Native Americans reden, dann reden wir nicht (nur) von Unterdrückung und Ausgrenzung. Dann reden wir auf einmal auch von Rechten. Landrechten nämlich.

52/

Und während es der amerikanischen Gesellschaft, (zumindest in den Südstaaten) daran gelegen war, schwarze Menschen draussen zu halten, so war ihr ebenfalls daran gelegen, bestehende Landrechte vielleicht nicht unbedingt den tatsächlichen Eigentümern zuzugestehen.

53/

Ich mein ... Land. Verkauft sich immer gut. Ist was wert. Da könnte ja jeder kommen und meinen "ich stamme aber von diesem Stamm ab und das gehört uns". Nene, nicht so schnell.

54/

Wenn man einen Stamm als ausgestorben klassifizieren konnte, weil die letzten überlebenden Mitglieder das gesetzlich festgelegte Blood quantum nicht schafften: Hey! Cool. Das Land gehört nun dem Staat!

55/

Das ist jetzt wirklich grob runtergebrochen und nur ein Aspekt der Blood Quantum laws. Die sind in Wirklichkeit sehr messy, wurden von manchen Nations auch übernommen, um zu definieren, wer dazu gehört ...

56/

Aber worum es mir ging, ist diese Bigotterie:

Wenn es nur darum geht, Menschen zu benachteiligen, dann reicht ein Tropfen aus. Geht es aber auf einmal auch um einen Wert, dann möchte man den Anteil des Blutes am liebsten mit der feinen Waage bestimmen.

Fin.
57/57

Oh, eines noch. Wer nun denkt "Deutschland hatte ja nicht so viele Kolonien, bei uns spielt Kolonialpropaganda heute nicht mehr so sehr eine Rolle, garantiert" ... der irrt.

Deutschland hatte nicht viele Kolonien, wollte verspätet mitspielen & machte dies mit Grausamkeit wett.

Es gibt ganz exquisite, deutsche Kolonialpropaganda und ja, auch deren Nachhall findet man in unserer Kultur der Gegenwart wieder.

@threadreaderapp unroll

Vielleicht ein Thema für einen anderen Tag: Wie die schwarze Bürgerrechtsbewegung die One-Drop-Rule nutzte, um Jim-Crow-Gesetze und damit die Segregation insgesamt zu Fall zu bringen.

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