Seit gestern denke ich viel über Freundschaft und die Tatsache nach, wie wenig Kraft ich oft für Kommunikation hab. #autismus
Viele meiner Bekanntschaften werden nie zu Freundschaften oder Freundschaften werden schleichen weniger, weil mir die Kraft fehlt. 1/15
Neurotypische Kommunikation ist einfach anstrengend. Besonders bei nicht direktem Kontakt (schriftlich/Sprachnachrichten) muss ich erstmal die ankommende Nachricht für mich "übersetzten".
Was bedeutet dieser Smiley? War das jetzt Sarkasmus? Was erwartet mein Gegenüber? 2/
Gerade das mit den Erwartungen ist schwer, weil viele neurotypischen Menschen andere Dinge erwarten als ich.
Ich mag es z.B. Lösungen und konstruktive Vorschläge auf Probleme zu bekommen und hab früher deswegen genau so auf andere Probleme reagiert. 3/
Das hat oft für Irritation oder sogar Genervtheit, Wut und Rückzug gesorgt bei meinem Gegenüber. Weil mein Gegenüber gerade Bestätigung und Zuhören oder Trost erwartet hat und meine Reaktion gar nicht zu seinen Bedürfnissen passte. 4/
Dieses Übersetzten ist teilweise echt anstrengend, weil ich meine "imaginären" Listen durchgehe, wie die Person X das in vorherigen Situationen meinte oder wie andere neurotypische Menschen das in ähnlichen Situationen meinten und filtere die höchste Wahrscheinlichkeit raus. 5/
Und dann muss ich meine Reaktion ja auch in "neurotisch" übersetzten. Könnte meine Antwort zu sachlich/unhöflich sein? Zu kühl/desinteressiert? Oder zu neugierig, zu viel? Ein monologartiger Berg Text? Zu unpassend, weil ich was falsch verstanden habe? 6/
Ich grüble viel über die richtige Reaktion, weil die meisten neurotypischen Menschen (zum Teil unterbewusst) neurotypische Antworten fordern auch wenn sie wissen, dass ich Autistin bin, und ich schon oft kritisiert wurde weil meine Antworten jetzt "voll unempatisch", 7/
"im Ton vergriffen", "unhöflich" waren, obwohl sie einfach schlicht sachlich waren und ich die sprachlichen "Blümchen" weggelassen hab, die neurotypische Menschen nutzen um etwas "netter" zu verpacken. 8/x
Die kommunikative Übersetzungslast und Verantwortung liegt oft völlig bei mir.
Das macht es anstrengend. An manchen Tagen hab ich nur Löffel für 1-2 Gespräche, an manchen Tagen gar keine.
Und dann passiert es, dass ich ewig nicht antworte, weil die Kraft fehlt 9/x
Mein Gegenüber erkennt diese Barrieren trotz Erklärung nicht. "Also zumindest kurz mal zurückschreiben kann man doch, dauert ja nur 10 Sekunden" oder "Also wenn du nichtmal auf eine Nachricht antworten kannst, dann kann ich dir ja nicht wichtig sein" sind typische Reaktionen 10/
Gleichzeitig erkenne ich kleinste Veränderungen in der Kommunikationsstruktur sofort (anderes Antwortverhalten, andere Wortwahl, andere Textlänge...) und kann aber das "Warum" nicht deuten.
Das macht mir oft Angst (Sozialphobie :( ), ich beziehe alles auf mich, 11/
überlege ob meine Reaktion falsch war, meine Antwort unpassend oder ich einfach nur zu nervig/langweilig/uninteressant/weird bin, weil ich es selbst nicht mitbekomme, wenn ich z.B. wieder ewig über mein Spezialinteresse monologisiert habe und andere genervt sind. 12/
Das führt dazu, dass ich mich bei diesen Personen noch mehr zurückziehe und Kommunikation nur noch als Reaktion stattfindet, weil ich mich nicht traue, bei den Menschen den ersten Schritt zu machen, weil das Einschätzen und "Übersetzen" noch schwerer ist. 13/
Und das führt wohl dazu, dass mein Gegenüber sich in den meisten Fällen irgendwann auch keine Mühe mehr gibt, weil von mir zu wenig kommt, obwohl das "Wenig" alles ist wofür ich die Kraft habe und trotzdem nicht gesehen wird. 14/
Mich macht das traurig. Ich hab einige Menschen "verloren", die mir wichtig waren. Und viele interessante Menschen nie nah genug an mich ran gelassen um zu sehen, ob sie mir wichtig werden könnten.
15/15
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