Johannes Wischmeyer Profile picture
Kirchliche Handlungsfelder, past&future. @ekd: Analyse, Strategie, theologische Reflexion. Liest #Vossische Zeitung. I don't read novels. I know what is in 'em.

Sep 13, 2020, 19 tweets

Am Sonntagmorgen ein paar basics zu #Nächstenliebe und christlicher Politik. In meinem evangelischen Verständnis ist N. keine Pflicht, aber eine Notwendigkeit. Denn N. ist eine selbstverständliche Folge meines Glaubens – insofern freiwillig und notwendig zugleich. (1/17)

Für Seehofer als Katholiken – sein evangelischer Kollege Söder weiß das – ist Nächstenliebe Christenpflicht. Das Gebot der N. verpflichtet ihn namentlich zur Anerkennung der Menschenliebe und zur Solidarität (Libertatis conscientia DH 4765). (2/17)

Dass Seehofer ein polit. Amt innehat, ist bereits unmittelbarer Ausdruck der N. (Medellin-Synode DH 4484). Verpflichtet ist er hierin auf das Gemeinwohl der gesamten Menschheitsfamilie, bes. auf die Garantie der menschl. Würde im kath. Verständnis (Gaudium et spes 4326f). (3/17)

Hierzu gehört auch die Pflicht, politische Flüchtlinge aufzunehmen und im Rahmen der Gemeineinwohldienlichkeit zu integrieren (Pacem in terris DH 3990). Mit anderen als politischen Fluchtgründen tat sich das katholische Lehramt lange Zeit eher schwer. (4/17)

Ob Pflicht oder nicht: #Nächstenliebe ist in jedem Fall erstmal Sache des einzelnen, denn Voraussetzung ist der Glaube. Im Kollektiv kann also nur die Kirche – als Gemeinschaft der Glaubenden – Träger der N. sein. (5/17)

Und auch in diesem Modus zeigt sich oft schon, dass Institutionalisierung der N. nicht gut tut. Spontanes Tun und interesselose Motivation treten hinter Sachzwängen zurück. #Diakonie und #Caritas können ein Lied davon singen. (6/17)

Noch größere Spannungen gibt es, wenn #Nächstenliebe zum Prinzip „christlicher Politik“ werden soll. Hier kommt es zu Dilemmasituationen, weil das politische System Handlungslogiken kennzeichnen, die dem freien und spontanen Handeln aus Liebe grundsätzlich entgegenstehen. (7/17)

Die kath. Morallehre versuchte dem Dilemma durch e. bis ins einzelne definierten Pflichtenkatalog zu begegnen. Der ist prinzipiell polit. umsetzbar, aber er stößt faktisch im säkularen Staat und bereits bei der Akzeptanz anderer Konfessionen u. Religionen an seine Grenzen. (8/17)

Die moderne katholische Soziallehre stellt deswegen nicht Normen, sondern Prinzipien in den Vordergrund. Hierzu gibt es einen anregenden Beitrag von O. Höffe: faz.net/aktuell/politi… . (9/17)

Möglich ist eine Politik, die im Bewusstsein der Prägung unserer Gesellschaft durch den christl. Glauben handelt. Sie beschränkt sich, wenn man ehrlich ist, auf einige Themenfelder, aber immerhin: Sozialbeziehungen (Solidarität), Lebensschutz, Religionsfreiheit, Ökologie. (10/17)

Hier Prioritäten zu setzen, verstärkt aber allenfalls entsprechende Leitziele unserer Verfassung (die ebenfalls durch christliche Kultur und ihre intellektuellen Folgewirkungen geprägt ist). (11/17)

In 2 Landesverfassungen (B-W und Saarl.) hat es die christliche #Nächstenliebe sogar explizit geschafft, als Erziehungsziel. (12/17)

Was heißt das für die aktuelle Situation #Moria? #Nächstenliebe kann Seehofer üben, wenn er sich freinimmt, nach Lesbos reist und dort mithilft. (13/17)

Oder wenn er – in diesem Fall unter Missachtung der von ihm selbst zu garantierenden Rechtslage – einige Flüchtlinge von dort von dort nach D. bringt und in seinem Ferienhaus aufnimmt. (14/17)

„Christliche Politik“ könnte die CSU betreiben, wenn sie eine Mehrheit für die unilaterale Aufnahme aller Flüchtlinge aus Moria in D. findet und diese durchsetzt, auch wenn das mit Blick auf Europa ein strategischer Fehler wäre. (15/17)

Eine grundsätzlich (auch) vom Christentum und christl. #Nächstenliebe geprägte Politik betreiben die Koalitionsparteien, insofern sie sich im Rahmen polit. Notwendigkeiten mit allem Nachdruck für die Verbesserung der Flüchtlingssituation im europäischen Rahmen einsetzen. (16/17)

Dazu würde z.B. Druck auf die EU-Mittelmeerstaaten gehören, mehr direkte EU-Mitwirkung beim Flüchtlingsmanagement zuzulassen und endlich eine effektive und robuste staatliche EU-Seenotrettung aufzubauen. (17/17)

Der ganze Prozess hätte wie die derzeitige ad-hoc-Aufnahme von einigen wenigen Minderjähringen in der Umsetzung herzlich wenig mit Ausdrucksformen christlicher #Nächstenliebe zu tun, würde aber im Sinne dieses Leitziels wirken. (17/17*)

Wenn Seehofer persönlich, von seiner Pflicht zur #Nächstenliebe bewegt, an diesem Prozess mitwirkt und dadurch Menschen geholfen wird, dann behält er das gut biblisch bei sich und liest noch einmal Mt 6,2 und Lk 18,13. (17/17**)
Anmerkungen und Kritik willkommen.

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