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Populismus und Pointen. Hier offline. Find me on Bluesky.

Sep 17, 2020, 35 tweets

Zwei Takte zu dem immer wiederkehrenden konservativen / "liberalen" Geraune von "Ideologie", wenn es um progressive Politik geht. Thread.

Dieser Talking Point (gerne in Verbindung mit Wendungen wie "Schaum vor dem Mund") hat zwei Ziele:

#1 Diskreditierung des Gegenüber (kann nicht rational denken, darum nicht ernstzunehmen)

#2 Zementierung des Status Quo

Letzteres würde ich gerne näher ausführen:

Konservative benutzen den Vorwurf "Ideologie" immer dann, wenn etwas verändert werden soll, was sie nicht verändern wollen.

Sei das aus wirtschaftlichen Eigeninteressen, Furcht um Wählerstimmen oder einfach einer fehlenden Vision für & Angst vor Zukunft + Wandel.

Dazu ein paar Beispiele; Nummer 1:

Das Tempolimit auf Autobahnen.

Es gibt quasi kein einziges rationales Argument dagegen. So gut wie alle europäischen Nachbarländer haben es, es ist gut für das Klima & führt zu weniger Unfalltoten.

Trotzdem schreit die FDP "Freie Fahrt für freie Bürger" (was für ein trauriger Freiheitsbegriff?) Und die CSU + deren Fraktion verbreiten sogar Falschnachrichten dazu.

Der CSU ist es (als Regierungspartei, wohlgemerkt) auch nicht zu dumm, eine Onlinekampagne dazu zu fahren.

(Man beachte in den Screenshots oben die Verwendung des Wortes "Wahn", die (wie in Tweet 2 beschrieben) dazu dient, dem Gegenüber (natürlich ohne jegliche Argumente) das vernunftbegabte Denken abzusprechen)

Es geht irgendwann sogar so weit, dass ein Rückgriff auf Folklore stattfindet und Begriffe wie "Tradition" herangezogen werden, um die eigene, haltlose Position zu stützen. So wird z.B. das Tempolimit zum "Kulturgut" verklärt.

Zum Thema Folklore komme ich gleich nochmal zurück.

(Ich wünschte übrigens, das Bild mit dem Turnbeutel hätte ich selbst erstellt, aber nein, der wird so verkauft)

Übrigens: Selbst der ADAC, nicht gerade als Leuchtturm für fortschrittliche Verkehrspolitik bekannt, sperrt sich nicht mehr grundsätzlich gegen ein Tempolimit.

Bitte sagt es mir: Welche Seite argumentiert hier nun ideologisch und welche Seite nicht?

Beispiel Nummer 2: Das Auto (und die Autoindustrie) generell.

Es ist glasklar, dass der Verbrennungsmotor keine Zukunft mehr hat. Er wird verschwinden und ein Relikt werden wie heute die Trabis, die auf Safari durch Berlin-Mitte fahren.

Die deutsche Autoindustrie hat so lange gelogen & betrogen, anstatt an Antrieben der Zukunft zu arbeiten, bis sie a) aufgeflogen und b) technisch überholt war. Jetzt baut Tesla eine Autofabrik in Berlin & die hochgelobten deutschen Autobauer haben einfach NICHTS entgegenzusetzen.

Trotzdem schwadronieren Konservative von grüner Ideologie und einem "Kulturkampf gegen das Auto" (s.o. zum Punkt über Folklore und Tradition)

Schaut euch dazu dieses Interview mit dem verkehrspol. Sprecher der FDP im BT @OlliLuksic an, der seine eigene ideologische Verblendung meisterhaft in Rationalität zu verpacken weiß und sich weder von Expert*innengutachten noch Argumenten beirren lässt:

mobil.nwzonline.de/interview/kult…

Jede*r, die oder der ein bisschen aufpasst, weiß, dass die deutsche Autoindustrie sterben wird, wenn sie so weitermacht wie bisher, sich dem technologischen Wandel verweigert und stattdessen betrügt und mit ihrem Cheflobbyisten Andreas Scheuer notwendige Maßnahmen verhindert.

Kurzer Einwurf zu diesem Sprachbild "sterbende Autoindustrie": Eine weitere Methode, den rationalen Diskurs zu untergraben, Emotionalität und Fürsorge hervorzurufen, wo diese Konzepte überhaupt nicht anwendbar sind.

Man könnte fast meinen, hier wären Ideologen am Werk 😏

Glaubt ihr nicht? Don't take it from me:

WIE ideologisch, emotionsverblendet und vollkommen losgelöst von Fakten und Realitäten der Kampf um den Verbrennungsmotor geführt wird, zeigt dieses Video ganz gut.

Auch hier die Flucht in die Folklore, wenn rationale Argumente ausgehen.

Das geht irgendwann so weit, bis die Ewiggestrigen einfach die Realität komplett verweigern, eine eigene kreieren und sich lieber vollends der Lächerlichkeit preisgeben, als einzugestehen, dass sie falsch lagen:

Beispiel 3: Rechtsextreme Strukturen in Polizei & Bundeswehr.

Es gibt seitenlange Artikel und Threads über aufgedeckten Fälle, Netzwerke, Straftaten der letzten Jahrzehnte. Hier nur exemplarisch 3 davon:





Wer trotz erdrückender Beweislage weiter behauptet, das seien "Einzelfälle", lügt entweder vorsätzlich oder (Überraschung) ist ideologisch vollends verblendet.

Saskia Esken wurde von den Rechtsauslegern in der Union fast gekreuzigt, als sie ein "latentes" Problem ansprach.

Aber was nicht sein DARF, kann auch nicht sein. Darum wird das Fort gehalten, auch ohne rationale Argumente.

Auch hier wieder: Folklore. Unsere Jungs in blau, die die Knochen hinhalten, wie kann man es wagen, sie zu kritisieren und unter Generalverdacht zu stellen.

Auch hier hat die CSU wieder ganze populistische Arbeit geleistet, eine Kampagne gestartet und damit dafür gesorgt, dass fortan fast alle nur noch von Einzelfällen sprechen, selbst Esken.

Erst jetzt, wo noch ein Netzwerk, dieses Mal in NRW, aufgedeckt wurde und selbst Innenminister Reul eingestehen muss, dass es sich eben NICHT um Einzelfälle handelt, wird es langsam ruhig um diejenigen, die u.a. über Esken hergefallen sind.

Man beachte auch die Reuls Wortwahl "Ich habe gehofft" - klar hat er das, weil hoffen das Einzige war, das entgegen aller Indizien und Beweise noch half, seine Position aufrechtzuerhalten.

Das ist übrigens eine Blaupause für konservative Politik, egal in welchem Bereich: Probleme so lange leugnen, herunterspielen, Gegner*innen diskreditieren, bis es nicht mehr geht und es eigentlich schon zu spät zum Handeln ist.

Beispiel 4: (Gender)gerechte Sprache.

Es spricht exakt NICHTS dagegen, diese zu benutzen oder sich zumindest ein bisschen Mühe zu geben. Sprache ist permanent im Wandel und passt sich der Lebensrealität und dem Zeitgeist an.

Weil inhaltlich auch hier keine Argumente vorliegen, wird auf Ästhetik ausgewichen - das Sternchen "verhunze" die schöne deutsche Sprache (🤡) und sei "nicht auszusprechen" (weiß nicht mehr wer das geschrieben hat, aber wer SpiegelEI sagen kann, kann auch Chef*innen sagen).

Dabei sperren sich die Verteidiger des generischen Maskulinums nur dagegen, dass etwas mit der Sprache passiert, das sie nicht kennen. Und das ist oft der springende Punkt:

In einer sich so schnell verändernden Welt, in der richtig und falsch nicht mehr so klar definiert ist wie vielleicht vor 50 Jahren, verteidigen manche das generische Maskulinum als bedeutete es etwas, weil ihr Habitus, ihr Richtig und Falsch infrage gestellt wird.

Denn damit wird auch ein Teil ihrer Identität infrage gestellt - Ich KANN doch gar keine sexistische / rassistische / ableistische Sprache benutzen, weil ich bin ja gar nicht ras/sex/ableistisch - was nicht sein DARF, kann nicht sein.

Das war bei der Ehe für alle so, bei der Benutzung des n-Wortes oder beleidigenden Bezeichnungen für pikante Paprikasaucen. Und die Strategien, sich dem unvermeidlichen Wandel diesbezüglich zu widersetzen, sind auch immer gleich.

Darum, Schlussplädoyer: Wann immer der Vorwurf von (links / grüner) Ideologie im Raum steht, lohnt es sich, hinzusehen und zu prüfen, ob nicht andersherum ein Schuh daraus wird.

/Ende

Nachtrag: Herbert Reul im Interview mit Marietta Slomka.

Bitte anschauen, wie er versucht, die von vielen Seiten geforderte Studie abzuwehren, indem er sagt, man brauche "Fakten".

Wissenschaftsfeindlichkeit und Ideologie verkleidet in Realpolitik:

The gift that keeps on giving:

Nachtrag 3: WIE abgehängt deutsche Autobauer sind (auch dank absolut verfehlter Subventions- und Verkehrspolitik der Union) und wie schnell das Ende des Verbrennungsmotors kommen kann, zeigt dieser Artikel ganz gut:

spiegel.de/auto/tesla-bat…

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