„Die Begrifflichkeiten liberaler Demokratie passten nicht auf Osteuropa vor 30 Jahren. Aber vielleicht hilft die Terminologie osteuropäischer Autokratien, die USA heute zu verstehen“, sagt Masha Gessen. Mir geht das MONITOR-Interview mit ihr nicht aus dem Sinn. Ein Thread.
Ist Trump Anomalie oder Symptom? Beides. Für Gessen beginnt Trump spätestens 9/11: Die Konzentration der Macht in der Exekutive, der ewige Krieg, das „Land unter Besatzung, Land als Festung“-Syndrom, aus dem der innere Überwachungsstaat folgte.
Ferner die zunehmende, kranke Verwebung von Geld und Politik. Und die Vertriebenen, die mit der Finanzkrise 2008 ihr Zuhause verloren. Genau sie spreche er an.
Ohne Zweifel habe Trump mehr als jeder Vorgänger gegen Gesetze und Normen verstoßen. Was ihn von allen unterscheide:
kein Hauch von Idealen, nur ein nackter Trieb nach Macht und Profit – sowie eine explizit zerstörerische Regierung, die die Idee vom Regieren als verantwortliche Fürsorge bewusst zerstört. Es geht nur um die Ausübung roher Macht um der Macht willen.
Trump & die Verfassung: „Amerikaner haben einen religiösen Glauben an Institutionen und deren magische Selbstheilung. Doch tatsächlich sind Institutionen Produkte und Teile der Gesellschaft. Sie werden von der Gesellschaft in Gang gesetzt. Sie können nichts aus sich selbst tun.
Z.B. hat der Kongress das Recht, jemanden einzusperren, der nicht zur Impeachment-Anhörung erscheint. Ist aber nie passiert. Die Convention fand auf dem Rasen des Weißen Hauses statt, 4 Tage wurde gegen den Hatch Act verstoßen, der das Nutzen von Bundesressourcen...
...für parteipolitische Kampagnen mit der Entfernung vom Amt bestraft. Und wir berichten 4 Tage lang einfach darüber – und tragen quasi zur Normalisierung des Trumpismus bei, also der Idee, dass gegen Gesetze ungestraft verstoßen werden kann.
Das Scheitern der Medien: „Trump braucht nicht die Medien zu kontrollieren. Er muss sie nur dominieren. Was ihm gelingt: Wir alle laufen in seine Falle rein. Es gibt keinen guten Weg für einen normalen Journalisten, über Trump zu berichten.
Berichten wir, tragen wir zur Normalisierung und Verstärkung des Trumpismus bei. Normalisierung passiert, wenn wir einräumen, dass etwas von dem wir dachten, dass es unvorstellbar sei, tatsächlich eintritt. Dadurch wird es zur Norm.
"Objektivität" als falsch verstandene extreme Zurückhaltung – also etwas Rassistisches nicht als Rassismus und etwas Unwahres nicht als Lüge zu kennzeichnen – dient der Normalisierung.
Der Schaden ist schwerer zu beheben als wir denken. Er hat 200 Bundesrichter und 2 Oberste Richter ernannt. Und Trumps Kandidaten richten sich gegen die eigentliche Idee und Kultur einer Justiz, die mit Wissen und Verantwortung und im Glauben an die Gewaltenteilung handelt.
Und hier findet ihr sie und ihr neues Buch: @mashagessen
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