AK 9. Oktober Halle Profile picture
Zum Gedenken an die Opfer des Anschlags vom 9. Okt. 2019 in Halle. Wir waren nicht selbst vom Anschlag betroffen. Kontakt: ak_09_oktober_halle@riseup.net

Sep 30, 2020, 16 tweets

Wir haben dem @MDR_SAN vor einiger Zeit ein Interview gegeben. ⬇️ Damals war noch nicht klar wie das städtische Gedenken aussehen wird. Unsere Befürchtungen aus dem Interview haben sich bestätigt. Ein paar erste Kritikpunkte hier im Thread. ⬇️ mdr.de/sachsen-anhalt…

Positiv herausgehoben sei zunächst, dass mit İsmet Tekin und Max Privorozki zwei Betroffene des Anschlags auf zumindest irgendeine Weise in das offizielle Gedenken involviert sind.

İsmet im Rahmen der Demokratiekonferenz, der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde zu Halle im offiziellen Gedenkakt. Das war es auch, was es aus unserer Perspektive positiv über das offizielle Gedenken zu sagen gibt.

Zunächst irritiert der hohe Anteil christlicher Symbolik bei dem offiziellen Gedenken, etwa das Läuten der Kirchenglocken um 12:03 Uhr oder das Abhalten des offiziellen Gedenkaktes in der Ulrichskirche.

Uns ist bewusst, dass Kirchenglocken häufig bei staatlichem Gedenken läuten, jedoch zeigt sich hier erneut eine fehlende Sensibilität, die sich schon damals in der Aussage von @JeremyBorovitz beim #HalleProzess widerspiegelte: [...]

[...] Bei der Evakuierung aus der Synagoge war den Überlebenden eine katholische Nonne zur Seite gestellt worden, was bei Einigen eine Erinnerung an die christlichen Zwangsmissionierungen erzeugte.

Ein weiterer Aspekt, der unseres Erachtens im offiziellen Gedenken nicht reflektiert wird, ist der Umstand, dass der 9. Oktober in die Woche des Sukkot (סוכות), dem Laubhüttenfest, fällt. Zudem ist der 9. Oktober ein Freitag, an dem ab etwa 18:30 Uhr Shabbat gefeiert wird.

Religiöse jüdische Menschen sind also gezwungen sich zu entscheiden, ob sie an dem auch für ihre Sichtbarkeit im öffentlichen Diskurs wichtigen offiziellen Gedenken teilnehmen oder ihre Religion ausleben.

Für die jüdischen Menschen, die ihre Religion ausüben wollen, ist das offizielle Gedenken also auch ohne die Pandemiebedingungen exkludierend.

Schockiert hat uns auch, dass eine Betroffene aus Landsberg, welche von dem Attentäter schwer verletzt wurde, im #HalleProzess aussagte, dass sie erst auf Nachfrage eine Einladung zum offiziellen Gedenkakt erhielt.

Wie auch der Tatort in der Magdeburger Straße ist derjenige in Landsberg und somit auch die Betroffenen kaum im öffentlichen Bewusstsein präsent, was sich auch in der offiziellen Politik widerspiegelt.

Des Weiteren ist keine polit Auseinandersetzung mit den gesellschaftl Voraussetzungen von Antisemitismus,Rassismus,Antifeminismus und rechten Ideologien zu erwarten. Zu erwarten sind dagegen Appelle an Vielfalt und Miteinander u Anrufungen von Demokratie und offener Gesellschaft.

Der Zweck offiziellen Gedenkens besteht in erster Linie in der symbolischen Selbstvergewisserung und damit in der Legitimation der bestehenden gesellschaftlichen Institutionen und besitzt einen Ritualcharakter: [...]

[...] Unter Ausschluss jener „offenen“ Zivilgesellschaft bedient man sich der immer gleichen Abläufe, mit den immer gleichen Appellen, ohne dass eine grundlegendere Auseinandersetzung mit der eigenen Rolle innerhalb historischer Kontinuitäten [...]

[...] von antisemitischen, rassistischen, antifeministischen oder rechten Gedankenguts erfolgt, aus welcher Konsequenzen zu ziehen wären. Über das konkrete Datum des Gedenktages reichen der Weg der Auseinandersetzung und das Gedenken dann doch nicht hinaus.

Deutlich werden einige der vorgebrachten Kritikpunkte auch anhand des Besuchs einiger Vertreter*innen von Stadt, Land und Bund zum diesjährigen Jom Kippur bei der jüdischen Gemeinde in Halle. Deren Auftritt lässt sich bei @molussia_anders nachlesen:

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