Vielen Dank Herr Oberst für diesen spannenden Thread! Klare Leseempfehlung!
Ich möchte aber ein paar Anmerkungen dazu loswerden. Im Ggs zu Ihnen bin ich kein Philosoph, erlaube mir aber dennoch ein paar Einwände, zumindest gegen die implizierte Eindeutigkeit der Ethik.1/
Ich versuche mich im eigenen Interesse (und dem meiner Familie 😉) kurz zu fassen. In Ihrer Eingangsbetrachtung verwenden Sie griffigerweise das Bsp. des Risikos durch Verkehrsunfall, vor dem uns der Staat nicht „mit radikalen Konsequenzen“ schützt. Ich führe aus: er könnte ja 2/
das Autofahren in Innenstädten von 7:30-8:30 und 12:00-13:30 Uhr verbieten, um Kinder auf dem Schulweg vor dem Verkehrstot zu bewahren. In Kauf genommen würden ganz erhebliche Eingriffe in die Freiheit z.B. aller Erwerbstätigen, die zum Arbeitsplatz müssen (u.v.a.m.). 3/
Sie schwenken dann elegant zur Situation der Pandemie und verwenden hier als erstes und wie selbstverständlich die Analogie zu einem berühmten Gedankenexperiment: dem gezielten Abschuss eines Flugzeugs, das von Terroristen in ein Sportstadion gelenkt werden soll. 4/
Das ist plakativ, aber doch ein wenig frech. Sie stellen sich (und den Leser) auf den Standpunkt, dass die Strategie der Durchseuchung dem Abschuss besagten Flugzeuges gleichkäme. Schon hier sehe ich gravierende Unterschiede (und ich stelle mich hiermit NICHT hinter die 5/
Strategie der Herdenimmunität durch Durchsuchung!)– bei der Durchsuchung wird die Unversehrtheit und der Tod einer Anzahl Menschen in Kauf genommen, wobei beim Abschuss definierte, namentlich bekannte Menschen geopfert werden. Ich sehe da schon einen Unterschied! Die 6/
Entscheidung, gezielt einen Menschen zu töten, auch wenn es einem hören Ziel zu Gute kommt, ist nochmal etwas gänzlich anderes, als den Tod einer unbestimmten Zahl nicht bekannter Menschen in Kauf zu nehmen. Dass selbst die BVerfG-Entscheidung, die Sie zitieren, auch 7/
unter philosophischen Gesichtspunkten nicht unumstritten ist, wissen Sie garantiert! Sie, als alter Kantianer, stehen da auf einem fixen Standpunkt und können nicht anders (die absolute und unveräußerliche Würde des Menschen). Dass es aber auch andere, extrem gut begründbare 8/
Herangehensweisen- v.a. den Utilitarismus– gibt, verschweigen Sie hier. Definitiv lesenswert für alle Interessierten der Text von A. Steinforth: fzk.rewi.hu-berlin.de/doc/sammelband…
Wo bereits diese implizite Gleichsetzung von gezielter Tötung mit Inkaufnahme des Todes Unbestimmter 9/
zumindest nicht ganz lupenrein war, finde ich das eigentlich Freche an Ihrer Argumentation aber, dass Sie im Folgenden nonchalant das Nichtdurchsetzen von rigorosesten Schutzmaßnahmen ethisch mit der bewussten Durchseuchung implizit gleichsetzen. Nach dieser sehr (str)engen 10/
Logik müssten Sie doch eigentlich auch für das Autoverkehrsverbot in Innenstädten zur Schulzeit sein! Hier reicht aber vermutlich auch Ihnen, dass der Staat verhältnismäßige Vorkehrungen trifft (30er-Zonen um Schulen etc.). Hier ist es (ich unterstelle 11/
destatis.de/DE/Themen/Gese…
einmal: auch von Ihnen) akzeptiert, dass die Freiheiten und Interessen aller Beteiligten gegeneinander aufgewogen werden. Ganz im Sinne des Utilitarismus darf hier also die Summe des „Glücks“ aller Beteiligten maximiert werden bei der Entscheidung über die Angemessenheit der 12/
Maßnahmen. Wie gesagt– ich bin kein Philosoph, und werde einer Diskussion mit Ihnen wohl kaum standhalten, aber in einer für Laien verständlichen Form wäre ich für eine Erläuterung des Unterschiedes sehr dankbar, weshalb Sie die ethische Grundlage bei der Pandemiebekämpfung 13/
so grundlegend anders sehen, als bei „Alltagsrisiken“ wie Verkehr, Passivrauchen, oder auch Ihr Beispiel der Luftreinhaltung. Würde Ihnen denn in diesem Beispiel genügen, dass Fabriken und Verkehr „angemessenen Aufwand“ betreiben müssten, die Luft reinzuhalten (Utilitarismus) 14/
oder stünden Sie auf dem Standpunkt, dass ALLES technisch Machbare zur Luftreinhaltung umgesetzt werden müsste?
Jetzt habe ich doch viel länger geschrieben, als ich wollte (und meine Frau alleine aufräumen lassen 😱), aber ich finde das Thema unglaublich spannend! Ich 15/16
schätze Ihre klar definierte Haltung und Ihre Wertschätzung des Lebens (ich bin BIOloge, die Teile ich also qua Definition!), tue mich persönlich aber sehr schwer mit Ihrer strikten kantschen Pflichtethik, die alles unterhalb des Rechts auf Leben vernachlässigt.
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