Pavel Mayer Profile picture
Nerd, Entrepreneur, Writer, Mad scientist, Machine teacher, Politician, Former Member of Berlin House of Representatives (Abgeordnetenhaus)

May 9, 2021, 26 tweets

Gibt es eigentlich Forschung dazu, dass es manchmal besser ist, unter falschen Annahmen zu operieren, als auf Basis von objektiven Erkenntnissen? Und dass wir überwiegend unter falschen Annahmen entscheiden und handeln? Von denen manche geradezu grotesk sind?

Einige davon erwähnte ich kürzlich hier. Seitdem ich aber damit angefangen habe, das Sammelsurium meiner im Laufe des Lebens angesammelten Erkenntnisse zu entrümpeln, stellt sich immer mehr als falsch oder ohne jegliche Grundlage dar. Und zwar fundamentale Konzepte, die die ...

...meisten hier für wahr oder möglich halten. Eigentlich aber sind wir wie Kinder, die an den Weihnachtsmann glauben, nur, dass unsere Weihnachtsmänner ausgeklügelter und für Erwachsene gemacht sind und nicht so leicht als Fiktion zu erkennen sind.

Beginnt man nun, alles was man weiß, mit streng wissenschaftlichen Augen zu sehen und etwa die Maßstäbe der Physik für "Entdeckungen" anzulegen, also 5 Sigma, und anderes als unbestätigte Hypothese zu betrachten, und alles, für das es überhaupt keine Belege gibt zusammen mit ...

...dem, was nach Erkenntnissen der Physik mit extrem hoher Wahrscheinlichkeit falsch ist, über Bord zu werfen, bleibt wenig übrig. Es hat aber offenbar einen Nutzen, nach falschen Prämissen zu handeln, und scheint manchmal sogar besser zu sein, als die Wahrheit zur ...

...Grundlage des Handelns zu machen. Vielleicht sind manche der Fiktionen so etwas wie "Software-Patches" für organische Unzulänglichkeiten unseres Gehirns, das sich unter ganz anderen Bedingungen entwickelt hat als die komplexen, riesigen Gesellschaften, in denen wir leben.

Ok, ein paar konkrete Beispiele: Der Kern fast aller großen Religionen ist kompletter Quatsch, der keiner kritischen Betrachtung standhält und voller Widersprüche ist, mit einem allmächtigen, allwissenden und allgegenwärtigen Wesen, dass irgend wie die Geschicke des Universums...

...lenkt, Gebete erhört, Wunder wirkt und alle möglichen anderen zum Teil grausamen und böswilligen Verbrechen begeht, etwa Genozid mit einer Flut, weil er nicht genug verehrt wurde, und der seinen Sohn aus ziemlich verschwurbelten Motiven in den Foltertod geschickt hat.

Auch, wenn man vieles als Metapher betrachtet, ist das nicht, was religiösen Glauben ausmacht und von den Religionsgemeinschaften als Fakt betrachtet wird: Nämlich, dass Gott existiert und etwas reales ist.

Der Informationslage nach ist es aber viel wahrscheinlicher, dass wir regelmäßig von Außerirdischen besucht werden, als dass irgend ein allmächtiges Wesen in die Natur und unser Leben eingreift. Und empirische Untersuchungen haben gezeigt, dass Beten keinen Einfluss...

...auf die Eintrittswahrscheinlichkeit von Ereignissen hat. Beten macht niemanden gesund. Dennoch kann es Vorteile haben, den ganzen Unsinn zu glauben, für die eigene Gesundheit, das Wohlbefinden und die Karriere - darauf gibt es ebenfalls empirische Hinweise.

Religion ist aber vielen ohnehin suspekt. Krasser finde ich da schon, dass die Grundlagen unseres freiheitlich-demokratischen Systems genauso Phantasie sind wie Religion, und dass die zentralen Annahmen sogar der Wahrheit entgegengesetzte Fiktionen sind.

Eine zentrale Aussage oder Annahme ist, dass alle Menschen irgendwie gleich sind und deswegen alle die gleichen Rechte und Gleichbehandlung verdienen. In Wirklichkeit wissen wir, dass Menschen alles andere als gleich sind, ja, sogar einzigartig sind.

Es hat sich aber gezeigt, dass die unzutreffende Fiktion der Gleichheit eine bessere Grundannahme ist, weil Menschen von Natur aus dazu neigen, Menschen, die anders sind, mit Misstrauen und Vorurteilen zu begegnen und mit dem Anderssein oft Unterdrückung begründen.

Die Achtung der Individualität soll dagegen über die Idee der Freiheit kommen, nämlich, dass niemand das Recht hat, über uns zu bestimmen als wir selbst. Solange wir andere nicht zu sehr nerven. Und außer in ersten 18 Jahren unseres Lebens, in denen wir geformt werden.

Und wie frei sind wir danach? Wie frei können wir unsere Überzeugungen entwickeln? Wie frei können wir handeln? Nun, die meisten von uns glauben, wir hätten so etwas wie einen freien Willen und könnten uns frei zwischen Alternativen unterscheiden, ...

...aber das Universum ist nicht so. Wir können uns nicht anders entscheiden, als wir uns entscheiden. Dass die Illusion von freiem Willens hilft, bessere Entscheidungen zu treffen, ist möglich, und sicher besser, als daraus zu schließen, man müsse sich nicht anstrengen, um...

...gute Entscheidungen zu treffen. Entscheidungen haben trotzdem Folgen, die wir mehr oder weniger mit einbeziehen in Entscheidungen, aber am Ende entscheidet ohnehin das Gefühl, und die Qualität unserer Entscheidungen hängt von den Einflüssen ab, denen wir ausgesetzt waren -...

...etwa durch Bildung. Eine große Debatte war und ist, wie weit unserer Leben durch unsere Gene bestimmt ist, und wie weit wir durch unsere Erziehung und Umwelt geprägt werden. Nurture or Nature. Rechte tendieren dazu, den Genen etwas mehr Einfluß zuzusprechen,...

...während Linke den Einfluß der Gene am liebsten gar nicht wahrhaben wollen, insbesondere, wenn es um das Geschlecht geht.
Unabhängig davon, wo man da steht: Wo findet sich jetzt zwischen Genen und Umwelt der Platz für Freiheit oder freien Willen?

Und es kommt schlimmer: Wenn die Welt jetzt streng mechanisch ist und alles in vorgegebene Bahnen abläuft, ist kein Platz für freie Entscheidungen. Leider hilft uns aber der Zufall auch nicht heraus, denn zufällige Entscheidungen sind auch keine Manifestation von "freiem Willen".

Dennoch kann sich kaum jemand vorstellen, auf die Fiktion des freien Willens zu verzichten, oder eine abgeschwächte Version davon, obwohl es eine absurde und falsche Annahme ist.

Die Frage ist: Müssen wir unsere Unzulänglichkeiten durch falsche und absurde Fiktionen ausgleichen? Sind wir dazu verdammt, an lauter clevere Nikoläuse und Weihnachtsmänner zu glauben, die mal erfunden wurden und sich wie ein Virus ausgebreitet haben und mit denen...

...wir quasi in Symbiose leben? Und welche unserer Weihnachtsmänner sind eigentlich erfolgreiche Parasiten, die uns eher schaden als nützen? Ich glaube, wir haben ein Gehirn zum Denken, mit dem wir Einfluss auf die Zukunft nehmen, und wenn irgendwo Platz für die Idee...

...von Freiheit ist, dann liegt er da, wo wir durch Denken uns selbst verändern und uns mehr Einflüssen von Leuten aussetzen, die sich mit etwas besser auskennen als wir. Kluge Leute, die fundierte Dinge sagen, sind gar nicht so schwierig zu finden, in diesem Internet heutzutage.

Sie zeichnen sich meist dadurch aus, dass sie sich lange und eingehend mit etwas beschäftigt haben und Wissen verbreiten, das vielfach unabhängig bestätigt wurde. Und man erkennt sie auch daran, dass sie zugeben, auf manche Fragen keine Antwort zu haben.

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