Armin Laschet ist ein Politiker des postfaktischen Zeitalters, der noch nie für etwas einstehen musste, so scheint es, was er sagt - und mit jedem Tag wird dieser Kandidat mehr und mehr zur Belastung für das ganz grundlegende Verständnis dafür, was Politik sein kann oder soll.
Der neueste zynische Twist ist sein Afghanistan-Plan, in dem er fordert, alle Mitarbeiter der Deutschen in Sicherheit zu bringen - als habe nicht die CDU, die das ja von allein in der Regierung und ohne Hinweis von Laschet tun könnte, nicht genau das Gegenteil beschlossen:
"Der Bundestag hat am 23.6. 2021 einen Antrag von Bündnis 90/Die Grünen abgelehnt, in dem die Fraktion gefordert hatte, ein Gruppenverfahren zur „großzügigen Aufnahme afghanischer Ortskräfte einzuführen, die für deutsche Behörden + Organisationen arbeiten oder gearbeitet haben.“
"Die Koalitionsfraktionen und die AfD lehnten den Antrag ab, die Linksfraktion stimmte mit den Grünen dafür, die FDP enthielt sich." Also: SPD und CDU/CSU stimmten mit der AfD, vor etwas mehr als sieben Wochen, gegen diese Aufnahme - wobei die Fakten klar waren.
Denn was jetzt passiert, war lange klar - aber wer wie Armin Laschet ja noch vor kurzem die Abschiebung von Geflüchteten nach Afghanistan unterstützt oder gefordert hat, der lebt eben in seiner ganz eigenen Wahrnehmung von Welt und Wirklichkeit.
Das ist kein so großes Problem, wenn man zum Beispiel Autohändler oder Tierfutterverkäufer oder Molekularbiologe ist - wenn man aber Verantwortung trägt in diesem Land und sogar noch mehr Verantwortung will, dann ist das erbärmlich, opportun, wohlfeil und eben zynisch.
Was daraus erwächst ist das, was in ruhigeren Zeiten "Politikverdrossenheit" genannt wurde - und heute tatsächlich eine Systemkrise ist, wenn jemand wie Armin Laschet überhaupt in die Nähe der Macht kommt.
Jemand, der mit Vertrauen und Verantwortung hantiert, als sei das billiges Porzellan, das schon immer irgendwer hinter einem aufkehrt, wenn man mal wieder ein paar Teller, Tassen, Schüsseln zerhauen hat - was kümmert es mich, Armin?
Jemand, der jetzt, wo es zu spät ist, sich aufschwingt zu hohlen Worten von "akut mit dem Tod bedrohten Frauen" - hohl, weil er davor nichts getan hat und auch jetzt nichts tun muss, weil es komplett selbstgefällige Wahlkampfrhetorik ist.
Jemand, der alles "eng mit unseren Partnern in Europa und den USA abstimmen" will - vielleicht bin ich naiv, aber ich war davon ausgegangen, dass das in den vergangenen zwei Wochen, zwei Monaten, zwei Jahren, 20 Jahren geschehen ist?
Jemand auch, der sogar in seinem so humanistisch aufgeregt tönenden Plan nicht verbirgt, um was es ihm geht – "2015 soll sich nicht wiederholen".
Das wird es nicht, Armin Laschet, Zeit ist linear, jedenfalls vordergründig – aber was will man auch von jemandem erwarten, der ernsthaft dem Mister Elektroauto die Vorzüge von Wasserstoffantrieb erklären will.
Es ist alles ein deprimierendes Schauspiel - menschenverachtend vor dem Hintergrund dessen, was in Afghanistan passiert. Ich halte das, ehrlich gesagt, nicht mehr aus.
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