1| Weil aktuell wieder über Baustellenbesetzungen und legitimen Protest diskutiert wird: ich habe letzte Woche einen Vortrag über Wissenschaft und Aktivismus gehalten und fasse ihn hier als Thread kurz zusammen🧵
2| Immer öfter sehen wir zivilen Ungehorsam als Protestform in der Klimakrise, mittlerweile üben sogar Wissenschaftler*innen diese Protestform selbst aus, zuletzt weltweit über 1000 nach der jüngsten Publikation des IPCC, siehe:
3| Warum? Die Scientist Rebellion hat das auf ihrer Website (scientistrebellion.com) erklärt und diese Grafik zeigt es auf einen Blick: “What is the point in documenting in ever greater detail the catastrophe we face, if we are not willing to do anything about it?”
4| Jahrzehntelang wurde geforscht, erklärt, Innovationen & Technologien entwickelt, Alternativen aufgezeigt - am Ausstoß der THG-Emissionen und Zerstörung der Umwelt hat sich aber nichts verändert. Klar würden die Scientists lieber weiter in ihrem Gebiet forschen,...
5| Politik gemütlich vom Elfenbeinturm aus beraten und hoffen, dass die richtigen Dinge umgesetzt werden. Aber hat das alles noch einen Sinn wenn die Kluft zwischen dem Stand der Wissenschaft und der Umsetzung sich ständig weitet? Und unsere Lebensgrundlagen auf dem Spiel stehen?
6| Ist der Weg der Blockaden der richtige? Setzen die Scientists ihren guten Ruf aufs Spiel um womöglich bei kontraproduktiven Protesten mitzumachen, die mehr Menschen verschrecken als der Sache dienlich zu sein?
7| Zum Glück gibt es auch Forschende, die Protestbewegungen und ihre Wirkung analysieren. @berglund_oscar hat zB ein Buch über XR geschrieben und in dem Thread könnte ihr nachlesen was er über die Wirkung von disruptivem Protest zu sagen hat:
8| Was ist ziviler Ungehorsam? Das bewusste Brechen von rechtliche Normen, um auf eine Unrechtssituation hinzuweisen. Er ist der beste Weg um mediale Aufmerksamkeit zu bekommen. Er provoziert, polarisiert und erzeugt Spannung
9| Aber er kann auch mehr Menschen zum Engagement bringen. Die Mehrheit wird den Protest nicht unterstützen aber das muss sie auch nicht, damit er wirkungsvoll ist. Ziviler Ungehorsam stößt Debatten an und schafft Möglichkeitsräume für progressivere Klimapolitik.
10| Effektiver ist er, wenn die Forderungen klar & erreichbar sind (mehr “Stop Autobahnbau” oder “keine neue Öl & Gasförderung” als unbestimmtes “listen to the science” oder “sagt die Wahrheit”) und wenn direkt der Bau fossiler Infrastruktur oder deren Finanzierung gestört wird
11| #LobauBleibt ist gutes Beispiel dafür. Die Besetzung der Baustelle und die Forderungen stehen in direktem Zusammenhang. Ich bezweifle auch, dass Gewessler die Evaluierung der Asfinag Projekte veranlasst hätte, ohne den starken Protest.
12| Also nun zu Österreich und Verkehr: ihr wisst es eh, aber wir haben da ein massives Problem: in anderen Sektoren konnten schon Einsparungen erzielt werden, die Emissionen im Verkehr sind seit 1990 um 74% gestiegen. Trotz Klimaabkommen, trotz Sonntagsreden von Verlagerung etc.
13| Wir wissen, dass uns Elektrifizierung und Technologie alleine nicht rausreißen werden, wir wissen dass es massive Maßnahmen braucht an allen Ecken und Enden im Verkehrssystem, damit wir die Wende schaffen können. Wir haben Modelle und Simulationen dazu.
14| Wir kennen die Maßnahmen und wissen dass es eine Fülle braucht um das Verkehrssystem zu verändern - was notwendig ist um den ökologischen Kollaps zu verhindern und glücklicherweise auch zu einer höheren Lebensqualität führen kann.
15| Ja dazu gehört Ende der Subventionen & Internalisierung “externer” Kosten. Dazu gehört, dass wir den ÖV ausbauen, die Raumplanung auf die Reihe bekommen und Gehen und Radfahren massiv attraktivieren. Aber auch, dass wir keine neuen Autobahnen bauen.
16| Die sind beim Bau bereits CO2-intensiv, verbrauchen wertvolle Böden, induzieren Verkehr und langfristig noch mehr Zersiedelung. Emissionen im Verkehr sind außerdem sehr ungleich verteilt - reichere Menschen emittieren dabei viel mehr CO2, ärmere leiden mehr darunter.
17| Das Argument, die Stadtstraße wäre eine reine Anbindungsstraße eines Stadtentwicklungsgebiets kann ich echt nicht mehr hören. Sie wurde als Teil des Autobahnnetzes geplant, verbindet zwei Autobahnen, hat den Anschluss an die Seestadt nur über Autobahnrampen der S1 Spange,
18| hat vier Fahrstreifen nur für Kfz, zwei Tunnels, kreuzt die Bahntrasse 3x, für den Bau wird ws die U2 Linie gesperrt und er verschlingt 460 Mio. EUR. Es geht nicht nur um die Stadtstraße, die Stadt will ja weiterhin das ganze Netz mit S1 und Tunnel, das dazu gehört.
19| Was sollen Verkehrswissenschaftler*innen machen? Jedes Jahr neue Szenarien rechnen, mit immer radikaleren Maßnahmen um Klimaziele zu erreichen, während die Politik fröhlich weiter das Land verbaut & Kfz-Verkehr subventioniert? An Konzepten forschen, die nie umgesetzt werden?
20| Sinnvolle Forschung muss mMn heutzutage interdisziplinär sein und sich mit Sozialwiss. anschauen wo die politischen Interessen liegen, auch im Verkehr und verwandten Sektoren und wie sich Menschen effektiv organisieren können. Siehe UG 2002 §1
21| und §3 "8. Unterstützung der Nutzung und Umsetzung ihrer Forschungsergebnisse in der Praxis und Unterstützung der gesellschaftlichen Einbindung von Ergebnissen der Entwicklung und Erschließung der Künste;"
22| Wir wissen, dass ziviler Ungehorsam dabei helfen kann. Wir wissen auch, dass sich nicht jede*r anschließen kann, aber wir sollten zumindest Verständnis haben, dass Klimaaktivismus unterschiedliche Ausprägungen haben kann & soll und radikalere Proteste anderen auch helfen
23| (btw: darüber habe ich auch letztens mit Lucia Steinwender von @SystemChangeAT im @derivemagazin Interview gesprochen) derive.at/texte/wenn-wir…
24| Wir brauchen auch die Technologien zur Umsetzung, die Simulationen und empirische, wissenschaftliche Datengrundlage. Ja, haben wir, kriegen wir hin. Was wir vermehrt brauchen ist Kommunikation, Organisation und Protest. |END
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