Ein paar Dinge möchte ich hier noch kurz notieren zu den Zusammenhängen rund um Taring Padi #documenta15. Sie sind nämlich m.E. symptomatisch. Das Ganze ist nicht damit erledigt, dass man ein Bild verhängt oder abhängt. Gerade auch deshalb nicht, ... 🧵
weil es hier nicht um einen stumpfen #Antisemitismus als zentrale Werkabsicht geht, wie das bei irgendeinem isolierten Schmähbild der Fall wäre. (Die unsäglichen SZ-„Karikaturen“ waren dagegen ein viel simplerer Fall.)
Problematisch ist vielmehr z.B., dass der manifeste #Antisemitismus darin keineswegs die (zunächst) zentrale Komponente ausmacht, sondern (scheinbar) „am Rande“ sich in ein vorgeblich „anti-hegemoniales“ Erzählmuster fügt...
Problematisch ist, dass das Werk damit einem verbreiteten Erklärungs-Schema folgt, so verbreitet, dass dessen Widersprüchlichkeit zur primären Werkabsicht lange unangesprochen blieb. Und so verbreitet, dass der Protest dagegen unannehmbar subjektiviert und relativiert wird.
Dazu muss ich wohl kurz ausholen. Die Bewegung, die der linke Teil des Bildes darstellt, ist überschrieben als ‚The Expansion of „multicultural“ state hegemony‘. Die Anführungszeichen um „multicultural“ habe ich in einigen Kommentierungen vermisst.
Sie sind m.E. wichtig für das Verständnis der Darstellungsabsicht: Es geht um eine dystopische Bewegung, die *vorgibt*, multikulturelle Harmonie zu ermöglichen und gerade damit repressive und letztlich tödliche Hegemonie einsetzt.
Carlos Garrido Castellano (160, 166f), schreibt dazu, dass suggeriert werden soll, dass die drei Säulen, auf denen das Regimes Suhartos (1966-98) aufruhte, in der Folgezeit (Era Reformasi) unter „demokratischer Fassade“ fortbestehen:
Militarismus, Abhängigkeit von ausländischem Geld und strategischer Missbrauch ethnischer und religiöser Differenz als Verkörperungen von Chaos und Aufruhr. Letzteres bezieht sich insb. auf die systematische Repression der vier als primär konfliktursächlich dargestellten Themen:
Ethnie (suku), Religion (agama), „Rasse“ (ras) bzw. Gruppenbeziehungen (antar golongan) (SARA). Diese Repression von Pluralität setze sich also fort in einem Regime, das weiterhin bestimmt bleibe durch globale, imperiale, kapitalistisch-konsumistische hegemoniale Faktoren.
Auch und gerade dort, wo es vorgebe, „Multikulturalität“ Raum zu geben. Soweit die Werkintention. Insoweit passt die Erklärung, dass es dabei um „Unterstützung und den Respekt von Vielfalt“ geht, (scheinbar) noch.
Es geht also nicht z.B. darum, wie ich irgendwo als Hypothese gelesen habe, ein Schauerkabinett allfälliger Verschwörungsmythen oder negativer Stereotypisierungen o.ä. in kritischer Darstellungsabsicht zu bieten. Vielmehr werden m.E. letztlich, ...
... und damit im Widerspruch zum eigenen Anspruch, über die verschiedensten Werke Taring Padis unterschiedlich latent, strukturell reproduziert in vereinfachenden Erklärungsmustern:
Zentral dabei die dämonisierten (dajal) USA und Institutionen wie der Weltwährungsfonds, deren lenkende und in den Ruin treibende Mächte in allzu bekannter Manier, etwa als Riesenkrake oder fädenziehender Puppenspieler darstellt werden.
Deshalb führt „007“ den Reigen der Militärs an, in den sich dann der mit Schweinenase gezeigte „Mossad“-Vertreter einreiht oder der vampirhaft-„raffzahnig“ entstellte offensichtliche Jude etwas weiter rechts. Und genau die scheinbar nur randständige Einreihung ist prototypisch:
Es sind scheinbar nur kleine „Details dieses Banners“. Es ist ja gar nicht bildlich „der Jude“, sondern „nur“ „Uncle Sam“ der Strippenzieher in diesem „anti-imperialistischem“ Erzählmuster. „Ursprünglicher Zweck“ also keine Israel- oder Judenfeindschaft.
Der ist „nur“, „ein ausbeuterisches kapitalistisches System und militärische Gewalt zu kritisieren“. Man kann sich aber nicht „zur Verteidigung der Marginalisierten“ erklären und gleichzeitig antisemitische Feindbilder ins Werk setzen.
Man kann nicht den Antihumanismus realer Personen oder personifizierter Mächte, aufspießen wie in der Figurierung als halb-hündisch, halb-schweinisch usw., und zugleich selbst gruppenbezogen dehumanisierende Darstellungen ins Werk setzen.
Es gibt in dem Aufsatzband „Taring Padi – Seni Membongkar Tirani“ von 2011 mehrere kritische Beiträge, die u.a. reklamieren, dass TP zu wenig selbst die wahre Natur von Konflikten befrage, sondern vielmehr diesbezügliche Stereotype reproduziere (104). taringpadi.com/produk/downloa…
Ebenso wie ein hergebrachter Anti-Militarismus reproduziert werde (62) oder eine eklatante Ambivalenz in der Repräsentation von Frauen (126). Das erscheint mir als stimmige Diagnose in noch sehr vorsichtigem Ausdruck.
Ein Teil, wenn nicht eine Kulmination dieser analytischen Eingekrümmtheit, ist das Statement vom 20.6., das mit dem framing, es seien „Gefühle verletzt“ worden, das Ganze ins bloß subjektive, „gefühlsmäßige“ abdrängt. documenta-fifteen.de/news/statement…
Das wird weder dem ästhetischen Kontext noch dem Problemzusammenhang Antisemitismus gerecht. Es reduziert ästhetisch die Werkintention auf die Rezipientenseite und vereinseitigt das ästhetisch zentrale Zusammenspiel von Emotionalität, Imagination und Vernunft.
Es macht aus Antisemitismus ein Problem der Wahrnehmenden, verkennt Werkstruktur und Kontexte (der keineswegs nur lokal vertrauten Ikonographie, der Tradition judenfeindlicher Bildfindungen, …).
Dort, wo solche Kontexte dann noch dazu kommen, sind es wiederum vermeintlich nur solche, die zufälligerweise und ausnahmsweise die Wahrnehmungsmuster hierzulande prägen würden („in diesem speziellen Kontext in Deutschland“).
Das ist ein grober Gegensatz zum Anspruch von Taring Padi, globale Zusammenhänge in den Blick zu bekommen und sich einzusetzen gegen „mangelndes Verständnis für die gesellschaftliche Funktion von Kunst“. Es sind keineswegs nur subjektive „Lesarten”.
Sie entstehen keineswegs nur hier. Sondern es sind etablierte judenfeindliche Bildmuster, wenn seit Ende d. 19. Jh. Juden als „Vampire“ gezeigt werden.researchgate.net/publication/26… Und es gibt nicht zufällig e. histor. und ggw. Zusammenhang mit Boykottaufrufen gegen jüdische Geschäfte.
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