Annika Brockschmidt Profile picture
Author @Rowohlt, sen. correspondent @RDispatches, Agentur: Landwehr & Cie; Events: mail@pd-pr.de 1/2 of @kreuzundflagge, @femshelfcontrol

Apr 18, 2023, 28 tweets

Ich bin 30 geworden, bevor ich meine späte ADHS Diagnose bekommen habe. Erst kam die Erleichterung. Endlich, endlich, eine Erklärung, warum ich keinerlei object permanence habe, aber kein Problem damit, Essays oder ein Buch über komplexe Themen zu schreiben.

Warum ich bei Serien Untertitel anmachen muss, um mich konzentrieren zu können. Warum ich unter krassem Zeitdruck super arbeiten, aber mir kein Datum merken kann. Weshalb ich überall visuelle Reminder brauche - Post Its so weit das Auge reicht.

Weshalb ich stundenlang im Tunnel arbeiten kann und vergesse zu essen oder zu trinken, es aber kaum hinbekomme, rechtzeitig aus dem Haus zu gehen. Und so weiter. Worauf ich aber, bei aller Erleichterung nicht vorbereitet war: die Trauer, das Bedauern über die verlorenen Jahre.

Ich hatte Glück. Ich bin in vielerlei Hinsicht privilegiert. Die Diagnose ist da, und ich bekomme endlich Medikamente. Das erste mal, als ich gespürt habe, wie die gefühlten drei Radiosender, die dauernd parallel in meinem Hirn rattern, runtergedreht wurden, hab ich geheult.

Erst vor Erleichterung, dann vor Wut. Dass es so lange gedauert hat. Dass das also der Zustand ist, in dem nicht-neurodiverse Menschen durch ihr Leben gehen. Und dass mir das keiner gesagt hat, dass es kein Arzt, keine Ärztin gemerkt hat.

Vllt ist das unfair. Was sich auch unfair anfühlt: das Bedauern, der Schmerz über die zerbrochenen Beziehungen, weil Menschen mein Chaos nicht ausgehalten haben, weil ich vergessen habe, mich zu melden, weil ich im Tunnel war. Weil es sich immer anfühlte, als sei ich too much

Ich dachte immer, ich wäre halt ein melancholischer Mensch, erschöpft, egal wie lange ich mich ausruhe. Es ist, als hätte ich plötzlich eine Brille auf: die Depression war nicht immer da. Sie war ein Ergebnis von dem Kraftaufwand, in einer neurotypischen Welt zurechtzukommen

Ich war immer schon extrem empfindlich, was Texturen angeht. Egal ob Essen oder Stoffe - es gibt Texturen, die ertrage ich nicht. Geräusche, bei denen es sich anfühlt, als würde mein Hirn jucken (nur kann man da leider schlecht kratzen). Oft gab es Augenrollen oder Unverständnis.

Als ich das erste mal erfahren habe, dass das ein typisches Symptom neurodivergenter Menschen ist, war ich unfassbar erleichtert. Wusste ich nicht. Bzw.: ich wusste, dass es ein Zeichen von Autismus sein kann, aber nicht, dass es auch für ADHS gilt.

ADHS hat mir einiges beschert, was mir hilft - ich fühle intensiv, das ist hilfreich fürs Schreiben. Hyperfokus ermöglicht es mir, mich über Jahre in ein Thema einzugraben. Ich hatte Glück: ich durfte meinen Hyperfokus zum Beruf machen.

Nicht jeder, der ADHS hat, hat es gleich stark. Spektrum eben. Manchen hilft schon die Diagnose. Ich brauchte mehr Hilfe. Und erfahre gerade zum ersten Mal, wie es ist, wenn einem die Basics des Erwachsenenlebens (zumindest während das Medikament wirkt) nicht unmöglich scheinen

Habe lange überlegt, ob ich das hier schreiben soll. Bei Patreon und in einer Instagram Story hatte ich mich schonmal getraut. Begrenzter Personenkreis, ihr wisst schon. Auch unheimlich, aber nicht so unheimlich. Aber ich erinnere, wie lange ich mich überfordert gefühlt habe.

Und dachte an die Person, die mir vor etwa zwei Jahren von ihrer späten Diagnose erzählt hat. Und ohne die ich mich gar nicht eingehender mit dem Thema beschäftigt hätte. Das ist ja das fiese: die Definition, die ich von ADHS kannte - traf auf mich halt nicht zu.

Ich kannte das Klischee Bild, extrem von gender Rollen beeinflusst: der laute, zappelige Junge, der im Klassenzimmer rumrennt und nicht stillsitzen kann. Und das war nicht ich. Schlechte Noten werden auch oft aufgezählt. Traf auch nicht zu (nicht in Fächern, die ich mochte)

Lange dachte man in der Wissenschaft, dass Mädchen fast nie ADHS haben. Stattdessen wurde übersehen, dass Mädchen anders sozialisiert werden- sich anzupassen, nicht aufzufallen, nicht fordernd zu sein. Alles nach innen zu drehen. Und dann zeigen sich ADHS Symptome ganz anders.

Verträumt, vergesslich, nah am Wasser gebaut, bisschen verschroben (je nachdem wie sozial akzeptiert der aktuelle Hyperfokus war), emotional, in ihrer eigenen Welt - alles Sachen, die ich als Kind zu hören bekommen habe. Auf die Idee, dass es ADHS sein könnte, kam niemand.

Und nein, wenn ein Kind mal den Turnbeutel vergisst und sich sehr für Dinos interessiert ist das noch kein ADHS. Ich hatte Glück: Auswendiglernen fiel mir leicht, die meisten Fächer lagen mir automatisch. Ich hatte Hilfe von zu Hause bei denen, die mir nicht lagen (Mathe, ugh).

Hieß aber auch: wenn etwas in der Schule nicht klappte, wie in Mathe, oder Physik, stieß es teils auf noch weniger Verständnis. Faulheit, Achtlosigkeit, Schlampigkeit - alles Dinge, die wohl fast jeder ADHSler als Kind schon gehört hat.

Und wenn es nur etwas Banales ist wie den Turnbeutel mitzubringen. Oder das richtige Schulbuch. Oder den Tuschkasten. Und dann, immer wieder, die Scham, wenn man die einzige ist, die obwohl sie es sich aufgeschrieben hat, nicht daran gedacht hat.

Oder an Hausaufgaben denken, oder, oder, oder. Und dann all diese kleinen Momente, diese Tetris Steine von Scham, von Wut auf sich selbst, die sich auftürmen, ohne zu verstehen - wieso kann ich das nicht? Nicht verwunderlich, dass Depression eine Co-Morbidität von ADHS ist.

Es gibt so Momente, die vergisst man nicht. Der Lehrer, der vor dem eigenen Platz steht und laut sagt „was für ein Sauhaufen“, die Mathelehrerin, die verkündet, wenn man die nächste Aufgabe nicht kann, gehört man nicht auf diese Schule. Und jetzt multipliziert das Mal tausend.

ADHSler neigen zum Oversharing. Weiß ich. Habe ich oft erlebt, gekoppelt an den folgenden Schweißausbruch, wenn man es realisiert, dass man zu viel preisgegeben hat. Aber: ich hab lange überlegt, ob ich das Schreiben soll. Und habe entschieden: ja

Vielleicht hilft der Thread ja jemandem, der oder die sich ähnlich verloren und überfordert fühlt wie ich so lange. Oder hilft jemandem, Freund:innen, oder Partner:innen mit ADHS besser zu verstehen. Es ist nicht immer einfach, mit jemandem mit ADHS zusammenzuleben.

Es ist nicht einfach, ein ADHS Hirn zu haben. Ja, wir sind oft kreativ, begeisterungsfähig. Aber versuch mal jemandem zu erklären, weshalb du gerade das siebte mal an der liegengelassenen Socke vorbeigelaufen bist ohne sie zu sehen, die du versprochen hattest, aufzuheben.

So oft gibt es Stress, weil neurotypische Partner
:innen sich veräppelt fühlen („aber die Teller stehen doch noch da, wie kannst du die nicht sehen?“) und man selbst hat das Gefühl, den Verstand zu verlieren-denn ja, jetzt sieht man sie (bis die Tür klingelt und man es vergisst)

Ich meine damit nicht, mal vergessen, die Spülmaschine auszuräumen. Oder die Wäsche in der Maschine. Sondern dass es in 95% der Fälle passiert und es eine ungeheure Kraftanstrengung abverlangt, Aufgaben dieser art durchzuführen.

Also: wenn ihr vllt gerade eine ähnliche späte Diagnose bekommen habt, oder ein Mensch in eurem Leben - seid geduldig mit ihnen, mit euch. Vermutlich brausen gerade ein Haufen Gefühle durch euch durch. Erleichterung, Wut, Trauer, Unsicherheit. Ihr seid nicht allein.

Danke an euch, an alle, die geschrieben haben. Das bedeutet mir wirklich sehr, sehr viel. ❤️

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