Symbolische Gewalt und #MECFS Teil 3 ~
Hier geht es zu Teil 1:
Teil 2: https://t.co/GpqPnddUoh
#MEAwarenessMonth
Ich möchte gerne zunächst genauer auf die „aufgezwungenen Diskurse“, oder wie man vielleicht auch sagen kann, die „(vermeintlich) gesellschaftlich akzeptierten Diskurse für chronisch Kranke“ eingehen.
Durch die Krankheit verlieren Betroffene jede Möglichkeit, sich in
Diskurse einzubringen, die zu Anerkennung, ja überhaupt zu Beachtung und Wahrnehmung als wertvoller Gesprächspartner führen. Durch den Ableismus in der Gesellschaft werden automatisch Vorurteile und Abwehr aktiv, wenn bekannt ist, dass das Gegenüber an einer unheilbaren,
komplexen, schlecht erforschten Krankheit wie ME/CFS leidet. Die Betroffenen werden dadurch sofort als inkompetent und nicht vertrauenswürdig wahrgenommen, zudem als „störend“, da sie Bedürfnisse haben und ggf. diese auch äußern, die die Mehrheitsgesellschaft
lieber ignorieren wollen und die Gesunden lästig und unangenehm sind.
Es ist natürlich je nach sozialer Situation unterschiedlich, welchen Aspekt der Krankheit man nach Außen repräsentiert und wie man sich selbst darstellt. Bei einem Arzttermin hat man nicht die Freiheit,
die aufgezwungenen Diskurse zu verweigern, weil man dann ggf. gar keine/noch weniger Hilfe bekommt oder erneut falsch psychopathologisiert und stigmatisiert wird („hysterisch“, „Hypochonder“, Unglaube, dass man wirklich so schwer krank sein kann, usw.).
Dabei ist es natürlich gerade beim Arzt ungeheuer wichtig, die Krankheit nicht zu beschönigen, damit nötige Renten- und Pflegegradanträge entsprechend formuliert und begründet werden können.
Dennoch ist es unglaublich schwer, einer anderen Person das wahre Ausmaß
der Einschränkungen und qualvollen Symptome offen mitzuteilen. Dazu kommt, dass man dadurch Freunde und sogar nahe Angehörige verlieren kann, die einem einfach nicht glauben und als „toxisch“ wahrnehmen.
Damit haben sie eine Rechtfertigung, einen Schwerkranken „fallen zu lassen“.
Allein durch solche Erfahrungen versuchen Betroffene alles, um von Gesunden akzeptiert zu werden. Eine häufige Taktik dazu ist die "Beschönigung".
Aus der Aufzwingung des Diskurses (bzw. soziale Ächtung der Diskurse, die die Lebensrealität der Betroffenen von ME/CFS widerspiegeln) folgt auf diese Weise "Silencing", also die Unterdrückung der Stimmen Betroffener als ehrliche und vollständige Zeugen ihrer Erfahrungen.
Dass diese Mechanismen eine sich immer weiter verschärfende Isolation bewirken, erklärt sich von selbst. Man beginnt, soziale Kontakte und auch Arztkontakte zu vermeiden, um sich vor weiteren Verurteilungen und Verächtlichmachungen zu schützen.
Isolation und Stigmatisierung schneiden die Betroffenen von Kommunikation mit ihrem sozialen Umfeld immer weiter ab. Man zieht sich zurück, weil man sowieso nicht verstanden wird.
Ein Ausweg hieraus sind Selbsthilfegruppen und Internet-Communities mit ebenfalls Betroffenen.
Internalisierte symbolische Gewalt drückt sich in Selbstvorwürfen und Selbstzweifeln aus. Habe ich doch etwas falsch gemacht? Bin ich wirklich so schwer krank, wie ich glaube?
Diesem Verhalten wohnt auch eine Reaktion auf den Kontrollverlust durch die schwere Erkrankung inne.
Wenn ich "selbst schuld" wäre, könnte ich es ja auch anders machen. Es ist leichter auszuhalten, wenn man sich selbst vor anderen die "Schuld" gibt, als ständig von Gesunden gut gemeinte Ratschläge und unterschwellige Vorwürfe zu bekommen.
Soweit zu dem Konzept "Symbolische Gewalt" nach Bourdieu und Bunge in Bezug auf #MECFS. Hier noch meine Notizen/ lose Übersetzung als Dokument:
Und der Link zur Studie von Torrent als vollständiges Dokument: https://t.co/aq3F4XdOs7docs.google.com/document/d/14C…
xaviergimeno.net/files/CFS_symb…
Ich finde das Konzept wahnsinnig hilfreich und auch relativ leicht verständlich. Es kann helfen, die eigene Situation als Betroffener besser zu verstehen, aber auch Allys können damit besser verstehen, wogegen wir seit Jahrzehnten ankämpfen.
Anfeindungen gegen Patientengruppen (ME/CFS und Long Covid/ PostVac), die sich für bessere Versorgung, Anerkennung und Forschung einsetzen, sind ebenfalls eine Form von symbolischer Gewalt, durch die der Status Quo erhalten werden soll.
Symbolische Gewalt zu erkennen und zu
benennen, kann uns vielleicht helfen, besser zu verstehen und auch Nichtbetroffenen zu vermitteln, welches Unrecht uns fortlaufend angetan wird. Ein Aspekt von symbolischer Gewalt ist ja gerade, wie schwer man darüber sprechen und sie in Worte fassen kann.
Insofern hoffe ich, mit diesen Threads zu unserem Empowerment beizutragen ✊💙🤝
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