Klaus Seipp Profile picture
Economist, Policy Advisor, personal views only

Aug 25, 2023, 26 tweets

„But, chiefly, do not let us overestimate the importance of the economic problem, or sacrifice to its supposed necessities other matters of greater and more permanent significance." (#Keynes) Mir ist aufgefallen, dass wir einmal über #Wachstum als Ziel reden müssen. 🧵1/24

Ich habe schon deutlich gemacht, dass meiner Meinung nach die Angebotspolitik a la Union und FDP nicht zu mehr, sondern eher zu weniger Wachstum führt, wie man am starren Festhalten an der #Schuldenbremse sieht. 2/24

Heute aber mal anderes Thema: Einige Politiker reden von Wachstum als ob es das Ziel wäre. Mir fällt spontan kein einziger Ökonom ein, der BIP-Wachstum als Selbstzweck sehen würde. In der Ökonomie geht es um Wohlstand/Wohlfahrt, die man nicht mit #BIP gleichsetzen kann. 3/24

Im Gegenteil gibt es zahlreiche Beispiele von BIP-Wachstum, die den Wohlstand nicht erhöhen oder sogar verringern. Bei externen Effekten und Umweltschäden, und dem BIP, dass durch ihre Beseitigung entsteht ist es am offensichtlichsten. 4/24

Ich bin, wie die meisten #Gruenen, grundsätzlich für Wachstum. Es gibt viele Ziele, die für Wachstum als Mittel sprechen. Grund Nummer eins in entwickelten Gesellschaften, in denen die Grundbedürfnisse schon befriedigt sind, ist die Bekämpfung von Arbeitslosigkeit. 5/24

Das ist der Unterschied zur Situation als Deutschland zum letzten Mal als „#krankerMann“ tituliert wurde. Damals bestand Massenarbeitslosigkeit. In einer Gesellschaft, in der alles auf Erwerbsarbeit ausgerichtet ist, ist das eine große Belastung für die betroffenen Menschen. 6/24

Heute leben wir in einer anderen Situation. Die #Arbeitslosigkeit ist gering und stattdessen wird über Fachkräftemangel geredet. Die Verfügbarkeit von Arbeitskräften gilt mittlerweile sogar als ein oder sogar DER Faktor, der das Wachstum begrenzt. 7/24

Ein anderer Grund für Wachstum ist die Konsummöglichkeiten zu erweitern. Dann wäre mehr Volkseinkommen pro Kopf das Ziel. Wir haben aber ein Niveau erreicht, bei dem man fragen kann, ob das nötig ist. Zumal Deutschland weniger konsumiert als es produziert (Exportüberschuss). 8/24

Keynes etwa ging in dem oben zitierten Essay davon aus, dass in 100 Jahren die Wirtschaftsleistung so gestiegen sein würde, dass man mit einer 15 Stunden-Arbeitswoche auskommen könne. Der Text ist aus dem Jahr 1930. 9/24

Dennoch stelle ich fest, dass Menschen schon immer noch mehr wollen. Auch bei Menschen mit überdurchschnittlichem Einkommen. Der Durchschnitt wird sowieso stark überschätzt, wie alle Verteilungs- und Steuerdebatten zeigen. 10/24

Menschen wägen individuell ab zwischen Arbeit und Freizeit. Wenn sich Menschen trotz Einkommensverlust für eine Arbeitsverkürzung entscheiden dann deswegen, weil sie die Freizeit höher gewichten. wahrscheinliches Ergebnis: BIP sinkt, Wohlstand steigt! 11/24

Nicht jeder Wunsch ist verwirklicht. Der empirische Blick zeigt: Insgesamt wünschen sich erheblich mehr Menschen in Deutschland eine Arbeitszeitverkürzung als länger zu arbeiten . Gibt dazu zahlreiche Umfragen z.B. 12/24baua.de/DE/Angebote/Pu…

Auch wird oft gesagt, dass die Generation Z eine zu geringe Arbeitsbereitschaft aufweist. Das ist eine Wertung. Wenn Menschen eine andere Balance zwischen Erwerbsarbeit und restlicher Zeit anstreben dann weil es ihren Wohlstand erhöht. Es ist außerdem ihre Sache. 13/24

Christian #Lindner dazu: "Unser Land braucht keine Diskussion über die Vier-Tage-Woche. Denn es gibt weltweit und historisch keine Gesellschaft, die ihren #Wohlstand dadurch erhalten hat, dass sie weniger arbeitet." 14/24

Wahrscheinlich meint er BIP. Ist aber falsch: BIP steigt während #Arbeitszeit sinkt. Wegen steigender Produktivität. Hier aber wichtiger: Die Aussage passt nicht zu einem liberalen Weltbild siehe das individuelle Beispiel der wohlstandserhöhenden Arbeitszeitverkürzung. 15/24

Es kann nicht das Ziel sein Leute quasi zu Mehrarbeit zu treiben, wenn sie eigentlich andere Wünsche haben. Bei der Diskussion um #Ehegattensplitting, Minijobs etc. geht es übrigens um etwas anderes, nämlich #Geschlechtergerechtigkeit. 16/24

Das Ziel ist nicht Wachstum, sondern (finanzielle) Unabhängigkeit von Frauen. Das müssen gerade Linke klar unterscheiden von den Forderungen, die ein höheres Arbeitsangebot nur wollen, um damit ein höheres BIP zu ermöglichen! 17/24

Auch dafür kann es aber Gründe geben, auch aus linker Sicht. In entwickelten Ländern ist die #Verteilung des BIP meist das größere Problem als das Niveau. Die Vermutung: Die Zugewinne lassen sich leichter umverteilen, weil man Niemandem das erreichte Niveau abnehmen muss. 18/24

Beispiel Demographie: Es könnte zu einem Verteilungskonflikt kommen, weil weniger Erwerbstätige mehr nicht mehr Erwerbstätige versorgen müssen und dafür höhere Sozialversicherungsbeiträge oder Steuern fällig werden. 19/24

Eine Arbeitnehmerin mit wachsendem Reallohn kann prozentual mehr abgeben und kann trotzdem noch ein höheres Nettoeinkommen haben. Historisch war dies in Deutschland auch der Fall. Abgabesätze sind gestiegen, aber die realen Nettoeinkommen auch. 20/24

Auch die Rentnerin ist nicht nur am Verhältnis ihrer Rente zu den Löhnen interessiert, sondern mindestens ebenso am absoluten Level. Das Verteilungsproblem wird hier also tatsächlich mit (Lohn)wachstum leichter lösbar als ohne. 21/24

Das geht aber natürlich nur mit einem ausreichenden Wirtschaftswachstum. In bestimmten Grenzen wäre – wenn Arbeit der knappe Faktor wird – auch eine Umverteilung hin zu den Löhnen möglich, aber die ist mehr als ungewiss und wenn sie eintritt ein Einmaleffekt. 22/24

Wenn Ziel ist Verteilungsprobleme zu lösen, darf man keine #Angebotspolitik betreiben, die, selbst wenn sie zu mehr Wachstum führen würde, zu einer ungleicheren Verteilung führt. Die Vorschläge gehen aber in die Richtung. #Steuersenkungen #Wettbewerbsfähigkeit 23/24

Daher ist es entscheidend, dass wir uns fragen WOFÜR wir als Gesellschaft #Wirtschaftswachstum wollen. Wird es zum Selbstzweck verlieren wir unsere eigentlichen Ziele aus dem Auge und arbeiten schlimmstenfalls gegen sie. Davor wollte Keynes mit dem Zitat oben warnen. 24/24

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