Zur Causa "Jens Winter", früher antideutsche Szene, jetzt mit völkischem Vokabular bei Nius.
Ein Thread, der auch die Dichotomie Links-Rechts etwas relativiert und aufzeigt, warum die Grenzen mitunter fließend sind.
(Anlass war sein gestriger Tweet)
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1/
Der interessante Punkt an Jens Winter ist eben nicht der einzelne Tweet, sondern der Weg dorthin.
Jemand, der lange aus einem antideutschen Milieu kam, schreibt plötzlich bei Nius - und benutzt prompt Vokabular, das eindeutig ethnisch aufgeladen ist.
2/
"Bevölkerungsgruppen", "Weiße", "Fortpflanzung", "die Deutschen":
Das sind keine zufälligen Begriffe. Das ist ein Denken in Kollektiven, Biologie, Demografie. Unabhängig davon, wie der Autor sich selbst politisch verortet
3/
Mit Blick auf die Biografie von Winter wirkt wie ein Bruch, ist aber eher eine Drift. Antideutsch zu sein bedeutete nie automatisch, pluralistisch oder liberal zu denken. Der Kern war immer Feindschaft: gegen Nation, gegen "Deutschland", gegen bestimmte Formen von Identität.
4/
Als sich große Teile der Linken in Richtung Postkolonialismus, Identitätspolitik und Migration bewegten, kam es zum offenen Bruch innerhalb der Linken. Ab da war "die Linke" der Hauptgegner - nicht mehr Nationalismus als solcher.
5/
Und genau hier kippt etwas:
Wenn Politik nur noch als Lagerkampf verstanden wird, werden Kategorien plötzlich akzeptabel, solange sie "gegen die Richtigen" gerichtet sind. Ethnisierung wird nicht mehr grundsätzlich abgelehnt, sondern selektiv eingesetzt.
6/
Das erklärt, warum jemand wie Winter nicht plötzlich "rechts geworden" ist, aber trotzdem rhetorisch dort landet.
Die Logik ist nicht konservativ, sondern antagonistisch: Freund oder Feind. Dazwischen gibt es nichts mehr.
7/
Warum also Nius? (Jetzt wird es interessant)
Weil Nius kein geschlossenes ideologisches Projekt ist. Es ist ein Auffangbecken. Entscheidend ist nicht, wo jemand herkommt, sondern ob er bereit ist, Institutionen, Medien und den liberalen Konsens frontal anzugreifen.
8/
Bei Nius sammeln sich dann sehr unterschiedliche Biografien:
Enttäuschte Linke, ehemalige Antideutsche, Kulturkämpfer, Rechte. Was sie eint, ist kein Programm - sondern der Wille zur Eskalation und Delegitimierung. Reichelt sammelt, wo er kann. Die Konkurrenz ist groß.
9/
Das führt zu einem weiteren Verschwimmen von Szenegrenzen. Und zwar nicht aus Versehen, sondern systematisch. Die neue Trennlinie verläuft nicht mehr zwischen links und rechts, sondern zwischen pluralistisch und binär, zwischen ambivalent und absolut.
10/
Der Fall Jens Winter zeigt das aus meiner Sicht ziemlich klar: Man kann den Nationalismus der anderen verachten - und trotzdem selbst in völkische Kategorien rutschen, wenn man Politik nur noch als Kampf gegen einen imaginierten Feind betreibt.
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