Arabischer Zionismus - und der Nahostkonflikt als Projektionsfläche 🧵(Lesedauer: Nehmen Sie sich Zeit - 24/24)
Ich erfahre in meiner Arbeit täglich von neuem, wie komplex und facettenreich nicht nur der *Konflikt*, sondern auch die Alltagsrealität im Nahen Osten, und speziell in Israel/Palästina ist.
Jede Recherche, jede Begegnung, jedes Gespräch, auf Hebräisch oder Arabisch, liefert Erkenntnisse und bisher unbekannte Perspektiven - und wirft meistens mehr neue Fragen auf, als es alte beantworten konnte.
Bei vielen außenstehenden Beobachtern löst der israelisch-palästinensische Konflikt starke, teils extreme, Emotionen aus, wobei sich viele dieser Beobachter anscheinend vor allem die Frage stellen, „auf welcher Seite“ sie stehen wollen.
Israel und Palästina werden dabei in der Wahrnehmung schnell zu monolithischen Kategorien, durch die eine komplexe Realität auf eine überschaubare Anzahl schematischer Konzepte und Rollenbilder reduziert wird, um dann als Baustein in den eigenen Identitätskomplex eingesetzt zu werden.
Vor ungefähr 25 Jahren bin ich auf einem deutschen TV-Sender über ein kreativ gestaltetes und ironisch getextetes Selbstporträt eines jungen deutschen Fotografen oder Filmemachers gestoßen, der darin sein damals aktuell anscheinend kompliziert empfundenes Leben und seine Identitätssuche geschildert hat. An einer Schlüsselstelle hat er, sinngemäß, gesagt: „Manchmal weiß ich schon gar nicht mehr richtig, wer ich eigentlich bin: Tee oder Kaffee? Hund oder Katze? Ski- oder Strandurlaub? Pro-israelisch oder pro-palästinensisch?“
Ich habe seither oft an diesen Ausschnitt gedacht, auch wenn ich den Titel des Films und den Namen seines Helden längst vergessen habe. Ein kleiner Scherz, der sich schnell „versendet“, und dabei dennoch eine seltsame Wahrheit sichtbar macht: Der Nahostkonflikt als Prisma zur Formung und Betrachtung der eigenen Persönlichkeit im tausende Kilometer entfernten Deutschland. Der Nahostkonflikt als Grundkategorie in der eigenen Identitätsbildung.
Es ist genauso banal wie notwendig, immer wieder darauf hinzuweisen, dass der Konflikt für Menschen in Israel/Palästina kein Symbol und kein Gedankenspiel, sondern herausfordernde, belastende und oft bittere, brutale und tragische Realität ist.
Dabei wird dieser Konflikt - auch aus Zeit- und Platzgründen - auch im allgemeinen Nachrichtendiskurs zumeist als Auseinandersetzung zwischen zwei monolithischen Blöcken dargestellt und besprochen: „Was will und tut Israel?“ vs. „Was wollen und tun die Palästinenser?“
Es wird, hoffentlich, wenige überraschen, wenn ich jetzt sage, dass die Realität *beider Seiten* weitaus komplexer ist als gewöhnlich dargestellt wird bzw. werden kann. Doch das Bewusstsein über diese, fast universell gültige, „Grundweisheit“ alleine erzeugt noch kein besseres Verständnis dafür, woraus und worin diese Komplexität eigentlich besteht - und wie man sich ihr annähern kann.
Die Differenz zwischen einer grob vereinfachten und stark polarisierten Außenwahrnehmung des israelisch-palästinensischen Konflikts und seiner komplexen Realität hat in den vergangenen Jahren, unter anderem, eine wachsende, heterogene Gruppe arabischer Staatsbürger Israels dazu veranlasst, gegenüber der Weltöffentlichkeit für Israel und explizit sogar für den Zionismus das Wort zu ergreifen - womit diese arabischen Israelis bei vielen kognitive Dissonanzen auslösen.
Vier Stimmen aus dieser heterogenen arabischen Gruppe gehören Nuseir Yassin @nasdaily, Tamer Masudin @TMasudin, Yahya Mahamid @3moYahya und Sophia Salma Khalifa.
Die vermutlich größte Reichweite der vier genannten hat der Video-Blogger und Medien-Unternehmer Nuseir Yassin, vor allem bekannt unter seinem „Künstlernamen“ Nas Daily. Nuseir Yassin stammt aus Nazareth, der größten arabischen Stadt Israels, hat sich als junger Mann seinen Traum eines Studiums an der Universität Harvard erfüllt und später sein eigenes Medienunternehmen gegründet, das, unter anderem, seine erfolgreichen einminütigen „Nas Daily“-Reisevideos produziert hat.
Im Jahr 2022, fast genau ein Jahr vor dem Hamas-Massaker am 7.10.2023, hat Nuseir Yassin ein, für seine Verhältnisse, sehr langes Video über den israelisch-palästinensischen Konflikt produziert, in dem er sich als Palästinenser mit israelischer Staatsbürgerschaft definiert. Die Kernaussage des Videos: Auf beiden Seiten des Konflikts leben hauptsächlich gute Menschen, die unter dem Konflikt leiden - und sowohl Juden als auch palästinensische Araber sind indigene Bevölkerungen in diesem Land und sollen sicher und friedlich nebeneinander in zwei anerkannten Staaten leben.
youtube.com/watch?v=oNW2p0…
Seinen eigenen Platz in dem Konflikt beschreibt Yassin so: “If Israel doesn't exist - that means the death of my family. If Palestine doesn't exist - that means the death of my people!”
Für dieses Video ist Nuseir Yassin, teils scharf, von einigen anderen PalästinenserInnen und außenstehenden Beobachtern kritisiert worden. Seine Darstellung des Konflikts sei simplifizierender „Bothsidesism“, der Israelis und Palästinenser als ebenbürtig darstellt, womit er das Machtgefälle zwischen Israel als „unterdrückende Besatzungsmacht“ und den Palästinensern als „unterdrückte besetzte Bevölkerung“ übertünche, und das noch dazu aus einer privilegierten Position heraus.
Seit dem 7.10.2023 hat sich Nuseir Yassins Ton zu Israel/Palästina etwas gewandelt und ist politisch pointierter geworden. Yassin hat sich seither wiederholt, als palästinensischer Israeli, zu Israel bekannt, sich gegen die Hamas ausgesprochen und, für seine Verhältnisse, scharfe Kritik an der anti-israelischen Protestbewegung, sowohl im Westen als auch in der muslimischen Welt, geübt, da diese, seiner Ansicht nach, keine qualifizierte Position vertritt. Als Palästinenser fordert er von anderen Palästinensern mehr Selbstkritik und Eigenverantwortung.
In einem Radio-Interview in London spricht er von “the soft bigotry of low expectations” gegenüber den Palästinensern von Seiten dieser Protestbewegung. Bei einer Konferenz in Indien erklärt Yassin, dass er für seine Haltung und seine Aussagen zu Israel nicht nur als Unternehmer Follower, Werbeverträge und Einnahmen verliere, sondern als Privatperson auch Personenschutz benötige.
In einem anderen Video erklärt Nuseir Yassin, dass er nach dem Kriegsende(?) in Gaza traurig und wütend ist - wütend darauf, dass die Welt in den vergangenen zwei Jahren nicht die Komplexität dieses Kriegs verstanden habe (mit bildlicher Referenz zu G. Thunberg).
youtu.be/JCPBHawRJYU?si…
youtu.be/cXe8rnziyYE?si…
youtube.com/shorts/5pq4zMT…
Tamer Masudin stammt aus dem Süden Israels, aus der muslimisch-arabischen Minderheit der Beduinen. Anders als Nuseir Yassin definiert sich Tamer Masudin nicht als Palästinenser israelischer Staatsangehörigkeit, sondern als israelischer (Afro-)Beduine.
Tamer Masudin erzählt, dass bereits sein Großvater auf zionistischer Seite für die israelische Unabhängigkeit gekämpft hat. Masudin hat in Israel an Programmen für künftige Führungskräfte teilgenommen, war Praktikant im israelischen Parlament und studiert derzeit über ein Fulbright-Stipendium an der Brandeis-Universität in der Nähe von Boston.
In den USA tritt Tamer Masudin öffentlich als arabisch-israelischer Moslem auf, der Fragen über Israel und sein Leben in Israel beantwortet.
youtu.be/rgYfKSb37B8?si…
Masudin definiert sich nicht nur als Israeli, sondern „unapologetisch“ auch als Zionist. Dabei hat Masudin in der Vergangenheit auch für die oft besonders regierungskritische israelische Tageszeitung Ha‘aretz über die dringlichsten Fragen und Probleme der beduinischen Bevölkerung geschrieben und dabei politische Führungsfiguren Israels durchaus scharf kritisiert.
haaretz.com/opinion/2022-0…
Gegenüber Außenstehenden hingegen verteidigt Tamer Masudin Israel aus Überzeugung, nicht erst seit dem 7.10.2023. Seit Jahren engagiert sich Masudin, unter anderem, gegen Antisemitismus im Internet, der nach dem Hamas-Massaker am 7.10.2023 noch einmal extrem zugenommen habe. Gemeinsam mit seinen jüdischen Landsleuten fühle auch er sich seither, als Israeli, von Außenstehenden auf unqualifizierte Weise attackiert.
Für seine Öffentlichkeitsarbeit erhalte Masudin auf sozialen Medien täglich Hasstiraden und Todesdrohungen, die er ironisch „love packages“ nennt und mit deren Lektüre er zur Zeit seine Tage beginne. Zum Inhalt dieser „love packages“ sagt Masudin, dass er nicht verstehe, warum so viele Menschen zu denken scheinen, dass man andere Menschen durch Aggression und Beschimpfungen dazu bewegen kann, ihre Meinung zu ändern.
youtu.be/0YCx-FFJ4i0?si…
Ebenfalls als „stolzer arabischer Zionist“ definiert sich Yahya Mahamid, der aus der drittgrößten arabischen Stadt Israels, dem konservativ-islamisch geprägten Umm el-Fahm, stammt.
In seinen Auftritten als einer der Wortführer für arabisch-israelischen Zionismus, erzählt Yahya Mahamid über seine Kindheit und Jugend in einer israel-feindlichen Umgebung (innerhalb Israels), die er als junger Mann, trotz großen Widerstands aus diesem Umfeld, zu hinterfragen begann.
Nach der, von der Hamas finanzierten und politisch für sich beanspruchten, Entführung (und später bekannt gewordenen Ermordung) drei jugendlicher jüdischer Siedler im Westjordanland im Jahr 2014, postet Yahya Mahamid einen Beitrag auf Facebook, in dem er seine Solidarität mit den damals ihm ungefähr gleichaltrigen Entführten ausdrückt und versieht seinen Beitrag mit einer Israel-Fahne. Daraufhin benötigt Mahamid Polizeischutz. Gerade noch rechtzeitig entdeckt er eines Tages eine hausgemachte Rohrbombe, die jemand an seinem Auto angebracht hatte.
Yahya Mahamid lässt sich auch durch die Bedrohung seines Lebens nicht von seinem pro-israelischen Weg abbringen und meldet sich wenig später freiwillig zum Dienst in einer Kampfeinheit der israelischen Armee.
youtu.be/eC-hSAQia3A?si…
Mahamids Armeedienst und sein Bekenntnis zu Israel als jüdischen Nationalstaat sind bereits vor dem Hintergrund seiner arabisch-muslimischen Herkunft ungewöhnlich. Noch ungewöhnlicher wirken sie dadurch, dass Mahamids weitverzweigte Familie zu einem großen Teil auch aus Palästinensern im besetzten Westjordanland besteht. Angehörige Mahamids bekleiden sogar hohe Posten in der Verwaltung der Palästinensischen Autonomiebehörde.
Als junger Bub verbringt Mahamid seine Sommerferien bei Verwandten im Flüchtlingslager Tulkarem und erlebt bei diesen Aufenthalten auch Ausgangssperren und israelische Militäraktionen mit - und wird Zeuge eines durch das Flüchtlingslager rollenden israelischen Panzers.
Nach seinem Armeedienst betreibt Yahya Mahamid Öffentlichkeitsarbeit - in Israel mit dem Ziel, die arabisch-israelische Jugend in die israelische Gesellschaft zu integrieren. Im Ausland betreibt Mahamid Öffentlichkeitsarbeit gegenüber Außenstehenden, die ein besseres Verständnis für Israel fördern soll.
youtu.be/3K1hCjnPoMA?si…
Eine weitere Angehörige der israelischen beduinischen Gemeinschaft, die mittlerweile im Ausland das Wort für Israels Ansehen ergreift, ist Sophia Salma Khalifa. Gemeinsam mit ihren acht Geschwistern wurde Sophia Khalifa, dank israelischer Sozialhilfe, alleine von ihrer Mutter großgezogen, nachdem sich diese als Zweitfrau ihres Vaters von ihm getrennt hatte. (Rund 18,5% der beduinischen Familien in Israel sind polygam.)
Auch Sophia Khalifa erzählt von israel-feindlicher Bildung, die sie in Israel in ihrer Kindheit und Jugend erfahren und wegen der sie geglaubt habe: Araber hätten in Israel keine persönliche Perspektive und keine Zukunft - und deshalb sei es notwendig, Israel kollektiv zu bekämpfen, um das Land, das „die Juden gestohlen haben“ eines Tages wieder „zu befreien“.
Später beginnt auch sie diese Weltanschauung zu hinterfragen, nachdem sie eine Diskrepanz zwischen der ihr vermittelten Erzählung und ihrer persönlichen Erfahrung in Israel wahrnimmt.
youtu.be/wkvaxLaIsG0?si…
Heute lebt Sophia Khalifa als Unternehmerin in Kalifornien. Davor hat sie, als erste muslimisch-arabische Frau, an einem Bildungsprogramm der israelischen Armee teilgenommen und später an der Universität Stanford studiert.
Auch sie bekennt sich explizit zum Zionismus und zu Israel als jüdischen Nationalstaat, der in der Praxis als multi-ethnische Demokratie auch seinen Minderheiten Perspektiven biete. Die Motivation hinter ihrer Öffentlichkeitsarbeit für Israel erklärt Khalifa ebenfalls mit dem Eindruck, dass Israel, seine Gesellschaft und der Konflikt mit den Palästinensern, von Außenstehenden verzerrt wahrgenommen und wiedergegeben werden.
Wie repräsentativ für die israelisch-arabisch/palästinensische Bevölkerung ist also das Bekenntnis Nuseir Yassins, Tamer Masudins, Yahya Mahamids und Sophia Salma Khalifas zu Israel? Auch das ist eine Frage, die sich nicht einfach und eindimensional beantworten lässt.
Umfragen zu den Positionen und Meinungen der arabischen Minderheit(en) in Israel gibt es zwar viele - zwischen diesen befinden sich aber, neben einigen klaren Antworten und Tendenzen, auch Schwankungen und Unklarheiten.
Eine deutliche Mehrheit der arabischen Israelis gibt an, dass Israel für sie „ein guter Ort zu leben“ sei. Andererseits hat die Anzahl derer, die Israel als *jüdischen Staat* akzeptieren, seit 2006 anscheinend deutlich abgenommen. Im Jahr 2016 hat eine Umfrage ergeben, dass 76% der israelischen Araber die Definition Israels als *jüdischen Staat* ablehnen.
timesofisrael.com/over-75-of-isr…
Viel eher würde sich eine Mehrheit der israelischen Araber wünschen, dass Israel ein gemeinsamer Staat für Juden und Araber wird, der sich nicht als Nationalstaat der Juden definiert, da die meisten arabischen Israelis in dieser Definition ein letztendlich unüberwindbares Hindernis zu ihrer vollständigen Gleichberechtigung in der gelebten Praxis sehen.
Manche gehen soweit, dass sie sich als in Israel lebende Palästinenser definieren, die gegen ihren Willen von Israel „als Geiseln“ gehalten werden, während Israel ihnen ihr nationales Selbstbestimmungsrecht verwehrt. Der Anspruch der Juden auf einen eigenen Nationalstaat im Land Israel/Palästina sei, dieser Ansicht nach, nicht historisch verankert sondern lediglich das Ergebnis britischer Kolonialpolitik, in deren Rahmen die Briten „den Juden unser Land geschenkt haben“.
Möglicherweise hat gerade auch diese scheinbare Verhärtung der Positionen innerhalb der Mehrheit der arabischen Gesellschaft in Israel dazu geführt, dass manche arabisch-israelische Individuen ganz bewusst auf die andere „Straßenseite“ gewechselt haben und zu bekennenden arabischen Zionisten geworden sind, weil sie die unter Palästinensern mehrheitsfähige Boykott- und Abwehrhaltung gegenüber Israel als Sackgasse empfinden, die auch weit über den lokalen Konflikt hinaus einen entscheidenden negativen Einfluss auf die Dynamik in der gesamten Region habe.
Der *Arab Opinion Index* 2025, eine Umfrage des *Arab Center Washington DC* unter 40.000 Menschen in 15 arabischen Ländern, hat ergeben, dass nur 6% der Befragten eine Anerkennung Israels akzeptieren(, von denen die Hälfte diese Anerkennung von der Errichtung eines unabhängigen palästinensischen Staates abhängig machen). Von den in Palästina Befragten haben 91% eine Anerkennung Israels abgelehnt. Bei der vorangegangenen Umfrage, dem *Arab Opinion Index 2022*, haben nur unwesentlich mehr, also 8% der Befragten, Akzeptanz für die Anerkennung Israels geäußert.
arabnews.com/node/2632657/a…
In Israel selbst scheint eine völlig unbelastete arabische Existenz zum jetzigen Zeitpunkt nicht möglich zu sein: Während Wortführer des palästinensisch-nationalistischen Lagers in Israel regelmäßig von Drohungen und auch tatsächlicher Gewalt durch jüdisch-israelische Nationalisten betroffen sind, berichten arabisch-israelische Zionisten mit einer ähnlichen Selbstverständlichkeit von Drohungen und Gewalt von Seiten der eigenen, arabischen Umgebung - wie im Fall Yahya Mahamids, der nur knapp einem Bombenattentat in seiner arabischen Heimatstadt entkommen ist.
Es ist jedenfalls erstaunlich zu sehen und manchmal kaum zu glauben, wie unterschiedlich die Lebensentwürfe, Positionierungen und Erzählungen alleine unter Angehörigen der arabischen Minderheit in Israel sein können.
Es steht mir nicht zu, und ich bin dazu auch nicht in der Lage, über die jeweiligen Lebensentwürfe zu urteilen - egal, ob sich ein arabisch-muslimischer Staatsbürger Israels als *Zionist* oder als besetzter *Palästinenser* „in israelischer Geiselhaft“ definiert.
Mir begegnen hier aber Varianten beider Erzählungen und noch viele mehr, die sich irgendwo auf dem Spektrum zwischen diesen beiden Polen befinden.
Eine Lehre, die aber jede/r daraus mitnehmen kann und sollte, ist, dass der israelisch-palästinensische Konflikt nicht nur als Klischee sondern in der tatsächlich gelebten Realität extrem komplex ist - so komplex, dass sich fast jede denkbare Deutung des Konflikts von außen durch ein reales Beispiel und ein reales Schicksal untermauern lässt - wobei oft nicht (genug) hinterfragt wird, ob bzw. wie sehr die jeweils gewählte Deutung auch der Erfahrung anderer Beteiligter und Betroffener gerecht wird.
Stattdessen werden in der Praxis einzelne Erfahrungs- und Deutungsfragmente zumeist kontextarm, oder gar kontextlos, schnell als paradigmatisch dafür angeführt, „was die Palästinenser“ oder „die Israelis tun und wollen“.
Diese längst zur Gewohnheit gewordene Essentialisierung von Israelis und Palästinensern durch Außenstehende ist, wogegen sich auch die vier oben angeführten Stimmen aussprechen und sich zur Wehr setzen wollen.
Alle vier haben als Angehörige der arabischen Minderheit in Israel - jede/r auf ihre/seine eigene Art - für sich selbst Entscheidungen getroffen und einen Lebensweg eingeschlagen, der ihnen ermöglicht hat, sich, trotz großer Widerstände und Herausforderungen, selbst zu verwirklichen - und es ist ihnen ein Anliegen, auch anderen Arabern, in Israel und darüber hinaus, ihre Erfahrungen als mögliche und beschreitbare Wege weiterzugeben.
Die Erfahrungen mit Israel und seinen Institutionen sind dabei für alle vier, in der ein oder anderen Form, komplex und ambivalent gewesen und bleiben es auch. Yahya Mahamid erzählt, dass er genauso wie viele andere israelische Araber die Erfahrung gemacht hat, in jüdischen Städten und Gegenden aufgrund seiner Herkunft und seines arabischen Namens keine Mietwohnung gefunden zu haben.
Dass er sich trotzdem als Zionist bezeichnet und zu Israel bekennt, kann man, stellvertretend auch für die Fälle der anderen hier namentlich genannten, mit einem Klischee wohl so beschreiben, dass er sich in seiner Erfahrung als Angehöriger der arabisch-israelischen Minderheit dafür entschieden hat, das halbvolle und nicht das halbleere Glas zu sehen - und am jüdischen Staat teilzuhaben, ohne darin eine Form von Selbst- oder Fremdverleugnung zu sehen.
Mit anderen Worten: Anhand ihrer persönlichen Erfolgsgeschichten halten Nuseir Yassin, Tamer Masudin, Yahya Mahamid und Sophia Salma Khalifa ein Plädoyer dafür, dass Israel/Palästina im Speziellen, und der Nahe Osten im Allgemeinen, ein Ort komplexer Realitäten ist, die man als solche annehmen und mitgestalten kann, anstatt auf perfekte *Lösungen* zu warten, die es vielleicht nie geben wird.
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