Am heutigen #WorldRefugeeDay sind 80 Mio Menschen auf der Flucht, 40% davon Kinder. 85% aller Geflüchteten werden in sog. Entwicklungsländern aufgenommen.
Zahlen & Prozentwerte wie diese sind wichtig, genauso aber ihre Einordung und die Erklärung von Ursachen und Dynamiken.
Ein Bsp: 2015/16 fanden v.a. junge Männer den Weg nach Europa. Dieser Umstand wird von Politikern oft genutzt, um populistische Forderungen zu untermauern: Das wären keineswegs die Schutzbedürftigsten ihrer Herkunftsländer, deshalb Grenzen dicht.
Ttatsächlich waren mehr als 2/3 aller Geflüchteten, die 2015 in Ö um Asyl ansuchten, männlich. Das hat mehrere Ursachen.
1) Junge Männer waren – entgegen unserer intuitiven Vermutung – oft als erstes und am massivsten vom Bürgerkrieg betroffen waren, etwa weil sie desertierten und der Wehrpflicht entgehen wollten, oder bereits Folter in syrischen Gefängnissen erlebt hatten.
2) Vielen fehlen schlicht die finanziellen Mittel, um der ganzen Familie die Flucht zu ermöglichen. Im Schnitt zahlte ein Geflüchteter zwischen $2.000 bis $4.000 Dollar für den Weg in die EU, das entspricht einem durchschnittlichen Jahreseinkommen in Syrien vor der Krise.
Somit haben viele Familien ihr Geld zusammengelegt, viele haben sich sogar im Bekanntenkreis verschuldet oder einen Kredit aufgenommen, um zumindest einem Familienmitglied die Flucht zu ermöglichen. Das waren oft der Mann, weil:
3) Der Weg nach Europa ist nicht nur teuer, sondern auch gefährlich, weshalb häufig junge, gesunde Männer die Reise allein antraten, in der Hoffnung, bald nach Ankunft im sicheren Aufnahmeland die Ehefrau und die Kinder über sicherere Wege nachholen zu können.
Und das zeigt sich bereits in der Entwicklung der Asylantragszahlen in Ö: Während 2015 nur ein knappes Drittel aller Asylwerbenden Frauen waren, sind es mittlerweile über 40%, viele von ihnen über offizielle Familienzusammenführung.
Hintergründe wie diese sind wichtig, um Zahlen einzuordnen und zu verstehen. Oftmals liefert eine isolierte Statistik ein unvollständiges Bild, und es liegt an Journalist*in/Expert*in, ein umfassendes Verständnis von Sachverhalten zu vermitteln und nachvollziehbar zu machen.
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5 Punkte zu #Abschiebungen, weil wie erwartet die deutsche Debatte nach Ö rüberschwappt. 🧵
1. Ö hat weder mit Syrien noch mit Afghanistan Rückführungsabkommen. Mit den Taliban wird es wohl vorerst keins geben, Syrien ist ähnlich desinteressiert an Rücknahme der Staatsbürger.
... Umwege über Katar, Emirate etc. sind meist von langer Hand vorbereitete, mitunter teure Deals.
2. Bekannt ist der sog. "deportation gap", die Lücke zwischen ausreisepflichten Personen & deren Ausreise. Diese Lücke hat rechtliche, humanitäre und pragmatische Gründe.
Zu den rechtlichen Gründen zählt, dass nach dem Non-Refoulement-Prinzip Menschen nicht in Länder abgeschoben werden dürfen, in denen ihnen Folter & schwere Menschenrechtsverletztungen drohen. Rechtliche Grundlagen sind u.a. die EMRK Art.3 und die GFK Art. 33.
Die Einschätzung, Europas Bevölkerung habe genug von „unkontrollierter Massenmigration“ und würde den dafür verantwortlichen Politikern 1 Denkzettel verpassen wollen, mag die Motive manch eines Wählers beschreiben, hält der Empirie aber nicht stand. 🧵
Seit Jahren fahren Mitteparteien, darunter jene, die in ihren Ländern in Regierungsverantwortung sind, einen restriktiven Migrations- und Asylkurs. Längst diskutiert man quer durch das politische Spektrum über Abschottung, Abschreckung und Auslagerung als Patentrezept.
Noch vor wenigen Jahren hätte keine Mittepartei ernsthaft die Auslagerung von Flüchtlingen nach Ruanda überlegt, zu bizarr muteten solche Pläne damals noch an.
„Unkontrollierte Zuwanderung“ nach Europa findet nicht statt, im Gegenteil:
Was man zum #Ruanda-Plan wissen muss: 🧵 1. Derzeit nicht mit EU-Recht vereinbar. Sunak setzt sich über Entscheidung des EGMR und des London High Courts hinweg. 2. Für die abschreckende Wirkung gibt es laut brit. Home Office "keine ausreichende Evidenz" bbc.com/news/uk-politi…
3. Gefahr der Routenverlagerung lt. Experten hoch, weil Asylsuchende dann so lange wie möglich einem Aufgriff durch Behörden entgehen wollen & noch klandestiner einreisen. Das würde das Schlepperwesen (Profis) noch befeuern, statt bekämpfen. sbs.com.au/news/article/w…
4. Schon 2013 lagerte Israel sudanische und eritreische Geflüchtete nach Ruanda aus. Viele erhielten, trotz vorheriger Zusage, keinen Zugang zu Asylverfahren & wanderten über Uganda und Libyen nach Europa weiter. blogs.law.ox.ac.uk/research-subje…
Einordnung zu #GEAS Reform: 1) Alle sind so erleichtert, dass überhaupt 1 Einigung erzielt wurde (vor der Wahl! vor Weihnachten!), dass sekundär scheint, worüber man sich geeinigt hat. Das ist fatal, weil diese Haltung bestimmt Wortmeldung d. Politk & Medienberichterstattung
2) Auf dem Papier viele Verschärfungen und stete, schleichende Aushöhlung des Asylrechts (v.a. Non-Refoulement-Prinzips durch Fiktion der Nichteinreise), was davon in der Praxis ankommen wird, steht auf einem anderen Blatt.
3) Meine Kritik ist also zweigestalt:
a) menschenrechtliche Bedenken, v.a. aufgrund der Grenzverfahren & der Verunmöglichung des Zugangs zu einem vollwertigen Verfahren für gewisse Gruppen (nicht nur jene mit geringer Schutzquote!), und
(b) Umsetzbarkeit bleibt fraglich
Wie kann das sein, dass ein Innenminister unwidersprochen behaupten darf, ein Pushback liege nur dann vor, wenn Gewalt angewendet wird? Das ist falsch: Kernelement ist ein Verstoß gegen das Prinzip der Nicht-Zurückweisung (Non-Refoulement). oe1.orf.at/player/2023073…
Es geht darum, dass Menschen das Recht auf Asylantragstellung und -prüfung verwehrt wird, insbesondere dann, wenn keine Möglichkeit zur legalen Einreise besteht. Was in Ungarn ja eindeutig der Fall ist. ecchr.eu/glossar/push-b…
Ja, die meisten Pushbacks finden unter Anwendung von Gewalt statt (weil Menschen nicht freiwillig zurückgehen), aber das ist *nicht* ausschlaggebend dafür, ob eine widerrechtliche Zurückweisung vorliegt.
Was will man mehr an so einem sonnigen Donnerstag: Neues Logo von Aufnahmebereit (um den Algorithmus gewogen zu stimmen) *und* neue Folge, diesmal zum Reizthema (or is it?) Wirtschaftsmigration - aus historischer Perspektive. open.spotify.com/episode/3zms79…
Wirtschaftshistoriker Markus Lampe (@wu_vienna) teilt Ergebnisse einer neuen Studie zur Emigration aus dem Dänemark des 19. Jahrhunderts in die USA und zeigt, welche Rolle Landbesitz dabei gespielt hat. Und das hat erstaunliche Parallelen zur Gegenwart... wu.ac.at/geschichte/ins…
...etwa mit Blick auf aktuelle Migrationstreiber, die Rolle von Ressourcen & Kapital, und Integration im Zielland. Und wir sprechen auch ganz persönlich üer Markus' Erfahrung als deutscher Migrant (oder Expat?) in Spanien und nun in Österreich.