Es ist so ärgerlich, dieses unsinnige Argument immer wieder lesen zu müssen: Niemand lehnt Homöopathie ab, weil "man nicht erklären kann, wie sie wirkt". Das ist nicht der Grund. Der Grund ist, dass man in ordnungsgemäß durchgeführten Tests keine Wirkung feststellt. (Thread)
Für wie dumm halten diese Leute die Wissenschaft? Natürlich wäre es Unsinn, alles zu leugnen, was man nicht erklären kann. Aber kein vernünftiger Mensch macht das. So funktioniert Wissenschaft nicht. Im Gegenteil:
Die Wissenschaft ist voll von Phänomenen, Konzepten und Theorien, die man nicht erklären kann. Überall gibt es wissenschaftlich akzeptierte Wirkungen, deren Ursache man nicht erklären kann. Das ist normal. Niemanden stört das.
Wir reden von "Dunkler Materie" - weil sie eine beobachtbare Wirkung hat. Wir können sie derzeit aber nicht erklären. Niemand wird deshalb Dunkle-Materie-Forscher als Esoteriker bezeichnen.
Wir beschreiben psychologische oder soziale Phänomene, die empirisch beobachtbar sind, auch wenn es keine Theorie gibt, die solche Phänomene (etwa auf Basis von biologischen Gehirnphänomenen) kausal erklären kann. Das brauchen wir auch nicht.
Medikamente werden zugelassen, wenn sich in Tests herausgestellt hat, dass sie Placebos bzw. anderen Medikamenten überlegen sind - auch dann, wenn man den Wirkmechanismus nicht versteht. Das zeigt ganz deutlich:
Man muss nicht wissen, WIE etwas funktioniert, um untersuchen zu können, OB es funktioniert. Man kann ganz objektiv untersuchen, ob es einen bestimmten Effekt überhaupt gibt. Und wenn er nicht nachweisbar ist, ist es auch sinnlos zu überlegen WIE er zustande kommen könnte.
Dieses "die können es nicht erklären, daher glauben sie nicht dran" ist ein ziemlich ärgerliches Strohmann-Argument. Wer es benutzt, demonstriert damit, keinen Schimmer davon zu haben, wie Wissenschaft funktioniert.

(Ausführlicheres dazu demnächst in meinem Buch.)
Weil ich gerade gefragt wurde: Das Buch ist das hier - in 2 Wochen erhältlich bei @brandstaetter_v brandstaetterverlag.com/buch/die-schwe…

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2 Sep
Ja, die Versuchung ist groß, aus Trotz gegen COVID-Verharmloser ins Gegenteil zu kippen und möglichst harte & lange Einschränkungen zu fordern. Aber das wäre natürlich auch falsch. Rational ist, Vor- und Nachteile abzuwägen. So viel Freiheit wie möglich, so viel Schutz wie nötig.
Es ist kein Geheimnis, dass ich immer sehr auf der Seite wissenschaftlicher Fakten bin. Aber die Abwägung zwischen Sicherheit und Freiheit ist nun einmal eine politische. Dafür gibt es keine mathematische Formel. Niemand kann rein wissenschaftlich die beste Strategie ausrechnen.
So fair müssen wir sein: Wer eine Lockerung bestimmter COVID-Vorschriften fordert, wer auf schädliche Nebenwirkungen der Restriktionen hinweist, der ist kein "Covidiot". Wir müssen zwischen Corona-Leugnern und Maßnahmen-Kritikern unterscheiden.
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27 Aug
Kann es sein, dass COVID längst vorbei ist und die derzeitigen Zahlen nur an falsch-positiven Tests liegen? Das ist grundsätzlich kein dummer Gedanke, aber er ist trotzdem falsch. (Thread)
Kein Test ist perfekt. Manchmal werden Kranke nicht als krank erkannt (false negative) oder Gesunde für krank gehalten (false positive). Wenn eine Krankheit sehr selten ist und man positiv getestet wird, ist also noch lange nicht klar, ob man die Krankheit überhaupt hat.
Man weiß nur, dass einer von zwei unwahrscheinlichen Fällen eingetreten ist: Ansteckung mit seltener Krankheit, oder seltener Fehler beim Test. Was wahrscheinlicher ist, hängt von den genauen Zahlen ab. @maithi_nk hat das hier sehr schön erklärt:
Read 12 tweets
22 Aug
Sucharit Bhakdi ist ein ausgezeichnetes Beispiel dafür, dass es extrem schwierig ist, Expertise richtig einzuschätzen. Wie können wir beurteilen, wer als wissenschaftliche Quelle glaubwürdig ist? Es gibt dafür keine einfache Formel. (Thread)
Eine erste Frage, die man stellen sollte: Weiß die Person überhaupt, wie Wissenschaft funktioniert? Hat sie, etwa durch eigene Forschung oder sonst irgendwie bewiesen, dass sie mit Fakten sorgfältig umgeht, oder handelt es sich um jemanden aus dem Esoterik-Millieu?
Den Test besteht Bhakdi glänzend: Er hat wissenschaftliche Erfahrung, er hat wissenschaftlich publiziert. Kein Zweifel: Er ist grundsätzlich ernst zu nehmen.
Read 13 tweets
19 Aug
Wieder bricht eine Glyphosat-Diskussion über uns herein, und wieder geht sie in die falsche Richtung. In der Öffentlichkeit herrscht offenbar ein völlig unrealistisch-romantisches Bild von Landwirtschaft. (Thread)
Zunächst: Es geht hier nicht um eine Abwägung Profit vs. Umweltschutz. Wir alle wissen, dass wir Umweltschutz, Klimaschutz und Artenvielfalt wollen. Es geht also nur darum, wie wir eine möglichst umweltfreundliche Landwirtschaft bekommen. Und das ist nicht so einfach.
Mit "alles verbieten, was Chemie ist" kommen wir nämlich nicht weiter. Die Diskussion beschränkt sich derzeit auf die Frage "hat Glyphosat schädliche Auswirkungen" - und das ist die falsche Frage. Ja, klar hat Glyphosat schädliche Auswirkungen - wie alles andere auch.
Read 9 tweets
16 Aug
Corona breitet sich nicht "mit dem Auto über die Grenze" aus, sondern durch Unvorsichtigkeit. Diese neue Idee, die Bedrohung käme aus dem Ausland, finde ich gefährlich. Ein Thread über Corona, Fremde und Ekel.
Es gibt einiges an wissenschaftlicher Literatur darüber, dass es eine Verbindung zwischen Angst vor Krankheitserregern, Ekel und Ablehnung von Fremden gibt. Wenn Leute auf Krankheitsgefahr aufmerksam gemacht wurden, reagierten sie negativer auf Leute, die ihnen "fremd" vorkamen.
Ekel hat die Funktion, uns vor Krankheiten zu bewahren. Es gibt Studien, die sagen, dass Leute, die ein starkes Ekelgefühl empfinden, eher konservativ wählen. Man muss vorsichtig sein bei solchen Studien, sie sind immer fehlerbehaftet.
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4 Aug
Vor 75 Jahren wurden in Hiroshima und Nagasaki Atombomben abgeworfen - eines der schrecklichsten Ereignisse der Kriegsgeschichte. Ich habe gerade ein Radiofeature gehört, in dem das mit dem Reaktorunglück von Fukushima vermengt wurde. Das macht mich traurig und wütend. (Thread)
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Menschen in der Umgebung bekamen eine unvorstellbar hohe Strahlendosis ab, von mehreren Sievert (mehrere tausende mSv - das ist die gebräuchlichere Einheit). Daher starben viele an akuter Strahlenkrankheit. Es kam zu einem Anstieg von Krebserkrankungen.
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