Ich erzähle euch heute mal eine kleine Geschichte vom Verloren gehen und Wiederfinden.
Vor sehr genau 10 Jahren war eine sehr verliebte, sehr gutgläubige Doktorandin sehr davon überzeugt, man könne alles im Leben haben. Man müsse halt hart dafür arbeiten.
In der ersten September-
woche 2010 verbrachte sie einen sehr romantischen Urlaub am Comer See und das frisch verliebte Paar war sich direkt einig, Kinder haben zu wollen. Also wann, wenn nicht jetzt. Am Ende gibt es ja doch keinen richtigen Zeitpunkt.
In der dritten Septemberwoche fing sie das
Spontankotzen an, als ihr Freund Scampi briet.
Sie plante, arbeitete wie besessen, baute ein Nest, heiratete im roten Rathaus zu Freiburg, bekam ein Kind, arbeitete sofort weiter, versuchte die beste Mutter zu sein, die beste Ehefrau und die beste Doktorandin.
Es gelang auch. Sie war wirklich gut. Es war nur egal, wie gut sie war. Als Mutter konnte sie es nicht recht machen, weil sie viel arbeitete. Als Ehefrau war sie bald nur noch die Putze und als Wissenschaftlerin wurde sie direkt abgeschrieben, weil war halt ein schlechter
Zeitpunkt, so sagte man ihr von offizieller Stelle.
Da war die junge Frau nun, schwanger mit dem 2. Kind, nicht mehr wert genug unterstützt zu werden, nicht geliebt genug in der Schwangerschaft begleitet zu werden, ängstlich als Mutter nicht gut genug zu sein.
Die Familie zog um, das 2. Kind kam, die Depressionen auch, die Hilfe nicht. Bis dahin hatte die junge Frau keinen offensichtlichen Fehler gemacht, außer denen zu vertrauen, denen sie sich in privater und beruflicher Hinsicht anvertraut hatte. Und sie wurde im Stich gelassen.
Drei lange Jahre redete sie nur noch ein paar wenige Sätze mit der Erzieherin im Kiga, kaum mit ihrem Mann, denn der beleidigte sie nur immer und kaum mit ihrer Mutter. Sie sprach nur noch mit ihren Kindern. Manchmal ein schüchternes Lächeln zu einer der Kitaeltern. Aber keine
engere Bekanntschaft. Aus Angst und aus Scham, denn sie war hässlich geworden, fand sie und sie hatte keinen Beruf und keine Perspektive und kein tolles Auto und kein Babyschwimmen und keine glückliche Ehe und einen dicken after Baby Body und stank permanent nach Milchkotze.
Sie bekam ein drittes Kind, ganz allein, nur für sich, weil sie es wollte, weil das dritte Kind sonst gefehlt hätte. Alle Versuche einen Job zu finden scheiterten. Ganz offen sagte man ihr, dass niemand eine Mutter mit drei kleinen Kindern will. Derweil machte der Ehemann seine
Traumkarriere. Er demütigte seine Frau, lachte sie aus, weil sie ja wertlos sei und er machen könne, was er wolle, sie könne eh nicht weg. Haste nix, dann bist nix. Die Frau hatte nur drei kleine Kinder am Rockzipfel. Und sie war sehr verzweifelt. Und einsam.
Noch immer gab es da keine Freunde. Nur die Erzieherin, die ihr Woche um Woche sagte, was für eine tolle Mutter sie sei. Und irgendwann, nach drei Jahren Jobsuche da fand sich ein Aushilfsjob, Bezahlung als Ungelernte, 50% bei Steuerklasse V. Lächerlich.
Und dort fand sich ein Freund, einfach so, der sagte ihr sie sei klug und stark und ein Segen, dass sie da sei. Und dann wurde sie plötzlich gefunden von einem Mann , der sagte, sie sei klug und humorvoll und irgendwann nannte er sie hübsch. Und nach 3 Monaten im Aushilfsjob und
und einem Unbekannten von Twitter, nahm sie allen Mut zusammen und alle Wut, die sie aufbringen konnte und verließ den blöden Ehemann. Sie bekam immer mehr Zuspruch von Fremden, die ihre Geschichte verfolgten. Sie kämpfte einen Rosenkrieg gegen einen Exmann, der sich gegen
jeden Schritt der Scheidung verbissen wehrte. Sie saß mit dem Typen von Twitter am Meer und lief tagelang Stunde um Stunde den Strand auf und ab und redete endlich. Und er hörte zu. Und sie hatte bei der Arbeit einen Freund, der ihr sagte, er beschütze sie. Und sie zog aus
und baute ihren Kindern ganz allein ein sicheres, gemütliches Zuhause. Und sie lernte all das Behördenzeug und sie trug all die Verantwortung für alles und war auf einmal eine andere Frau.
Eine erwachsene, gestandene Frau, die nicht mehr übersehen wurde, die Platz einnahm und
nicht mehr ängstlich zu Boden schaute. Auf einmal fiel ihr auf, dass ihr große, durchtrainierte 2-Meter-Typen auf der Straße auswichen, dass Wissenschaftler sie bei der Arbeit um ihre Meinung fragten und dass ihre Kinder mit tiefem Vertrauen auf sie und auf die kleine Familie
durchs Leben gingen und ihre Meinung vertreten konnten. Auf einmal fiel ihr auf, dass sie auf keinen Mann angewiesen war, sondern ihn aus freien Stücken wählte, weil er wunderbar war.
10 Jahre machten aus der jungen Frau, die immer alles und immer alles zugleich wollte,
eine Frau, die viele Stürme überstand und doch immer der unverrückbare Fels in der Brandung für ihre Familie blieb, die sich ein selbstbestimmtes Leben erstritten hatte und auf einmal das Selbstbewusstsein hatte, dieses Leben zu gestalten. Sie war frei von der Angst und wieder
voller Zuversicht und guter Hoffnung auch die kommenden Stürme zu überstehen.
So geht es manchmal den Menschen. Fast spült sie eine zu große Welle im Leben davon und dann halten sie ihr trotzig stand, angegriffen zwar, aber nicht gebrochen.
Was für ein großes Glück.
Einige von euch begleiten mich fast die ganzen 10 Jahre, viele die letzten 2-3. So manche sind sehr treu und sehr nah und ich weiß, dass sich viele von euch mit mir freuen über jeden kleinen Sieg. Ich sehe jeden einzelnen von euch.
Tausende Herzen für euch!
❤️❤️❤️❤️❤️❤️❤️❤️❤️❤️❤️

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22 Sep
Ich wage mich heute mal an ein heikles Thema:
Fehlgeburten.
Aber von einer anderen Seite aus.
Ich wurde im 2. PhD Jahr schwanger. Gewollt. Geplant. Und es lief auch alles ganz gut. Dachte ich zumindest. Mir ging es eher nicht so gut. Die ganze Schwangerschaft hindurch Übelkeit,
Rücken, Bänder, was man nicht so alles hat... Wir lebten damals in Basel und die Betreuung fand durch die Hebammensprechstunde des Frauenspitals statt. Ich mochte das. War gut. Die Gyns waren nicht so. Die nahmen mich nicht ernst und redeten mit mir, wie mit einem Kleinkind.
Jetzt war es halt so, dass ich zu dieser Zeit in Physiologie sehr bewandert war. Ich wusste also, worum es ging. Ich machte in dieser Zeit einen PhD in Embryonalentwicklung. Ich wusste sehr genau worum es ging.
Read 32 tweets
22 Sep
Gestern Abend passierte etwas erschreckendes. Eine Klassenkameradin von K1 stand vor mir und fragte, ob wir noch einen Kieserblock haben. Auf Nachfrage kam heraus, dass sie gestern, 1 Woche nach Schulstart vom Rektor Ärger bekam, weil ihr dieser Block fehlt. 3. Klasse.
Und dann kam heraus, dass sie nicht weiß, was sie ihrem Vater sagen soll, weil sie nicht wissen, was das ist und woher man das bekommt. Die Familie stammt aus dem Irak.
Und jetzt weiß ich nicht, was mich bei der neuen KL erwartet. Wer schickt eine Neunjährige zum Rektor und
der motzt das Kind an... wegen eines lächerlichen Schreibblocks? Ernsthaft?
Jedenfalls hab ich ihr Zettel mit Adressen von Schreibwarenläden gegeben und K1 gibt ihr von ihrem Block, aber ernsthaft WTF?
Read 4 tweets
19 Sep
Die erste Schulwoche ist geschafft.
Nach den Ferien wieder alles hochzufahren ist anstrengend für die Kinder. Aber jetzt geht es.
Morgens pünktlich los, Kinder verteilen, Arbeit, schnell alle einsammeln, Essen, Aufgaben, Haushalt auf dem Stand halten und den Kühlschrank voll.
‚Mama, wir sollen was basteln für Sachkunde.‘
‚Schatz, mach das bei mir in der Küche. Dann kann ich nebenbei kochen.‘

‚Mama, liest Du mir vor?‘
‚Süße, wie wäre es, wenn du deiner Schwester vorliest. Ich muss Wäsche aufhängen. Ich les euch heute Abend vor.‘
‚Mama, spielst du mit mir Barbie?‘
‚Mäuschen, wie wäre es, wenn wir zusammen staubsaugen?‘

‚Mama, kann die K. Zum Spielen kommen?‘
‚Heute leider nicht, wie müssen noch einkaufen. Och jetzt schau nicht so. Komm, wir nehmen die Fahrräder.‘
Read 7 tweets
2 Sep
Meine TL springt voll auf den Drosten an, aber wie fast immer, werd ich den Eindruck nicht los, dass die meisten ihn gar nicht verstehen.
Der Mensch stört da irgendwie immer rein, hm?
Klingt wie ein schlauer Spruch.

Und ist eines der größten Probleme der modernen Gesellschaft.
Denn meine Beobachtung ist, dass Wissenschaft völlig falsch gedacht wird.
Der Fehler entsteht an folgender Stelle:
Nur weil wir Menschen die geistigen Kapazitäten haben in manchen Fällen die Logik hinter den Ereignissen zu erkennen und zu beschreiben, sind wir keine Wesen,
die logisch handeln.
Der Fehlschluss ist mMn, dass logisches Denken und Handeln, die Mathematik, die physikalische Formel dahinter als höchstes Ziel verehrt und als Goldstandard gesetzt wird.
Auf der einen Seite gibt es die Wissenschaft, die reine Mathematik, die übergeordnete
Read 25 tweets
29 Aug
Ich trage seit 2 Jahren eine Kette mit einem Anhänger, in den die Namen der Kinder eingraviert sind. Es ist eine hübsche Kette, aber nicht unbedingt die Kette, die ich jeden Tag zu jeder Gelegenheit tragen würde. Ich habe durchaus eine Menge an Schmuck, der meiner Persönlichkeit
entsprechen würde. Aber ich trage immer die Kinderkette. Für die Kinder. Die mögen sie sehr gerne, spielen oft damit herum. Sie brauchen das für ihre Sicherheit. Weil ich ihre Mama bin. Selbst, wenn mich die Kette stört oder nervt, lasse ich sie an. Für die Kinder.
Ich wohne an einem Ort, an dem ich nicht wohnen würde, hätte ich keine Kinder. Es ist gut dort für meine Familie, darum wohnen wir da.
Ich fahre nicht das Auto, das ich fahren würde, wäre es nicht das Richtige für meine Familie.
Ich habe nicht den Arbeitsplatz, den ich hätte,
Read 6 tweets
13 Aug
Wisst ihr, das mit den PCR Ergebnissen, den Testkapazitäten und euren Vorstellungen, wie so PCRs ablaufen... ich finde das wirklich süß.
Ein Tread.
Ich stelle mir das so vor:
Reiserückkehrer. Oh wir müssen die Kapazitäten um tausende Tests aufstocken! In den ganzen Unis stehen doch Geräte rum, die nehmen wir!
Und dann wird das verteilt. Auf die Institute. Das war hier auch so. Oder es werden Geräte und Personal von den
Instituten eingesammelt und ein ‚Testlabor‘ aufgemacht. Das war hier auch so. Im April.
Jedenfalls, mit a bissel Geld und neuen Geräten kann man da viel automatisiert machen.
Aber was, wenn die schönen, neuen PCR Geräte ausgelastet sind?
Dann macht man es auf den alten.
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