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Sep 22, 2020 32 tweets 5 min read Read on X
Ich wage mich heute mal an ein heikles Thema:
Fehlgeburten.
Aber von einer anderen Seite aus.
Ich wurde im 2. PhD Jahr schwanger. Gewollt. Geplant. Und es lief auch alles ganz gut. Dachte ich zumindest. Mir ging es eher nicht so gut. Die ganze Schwangerschaft hindurch Übelkeit,
Rücken, Bänder, was man nicht so alles hat... Wir lebten damals in Basel und die Betreuung fand durch die Hebammensprechstunde des Frauenspitals statt. Ich mochte das. War gut. Die Gyns waren nicht so. Die nahmen mich nicht ernst und redeten mit mir, wie mit einem Kleinkind.
Jetzt war es halt so, dass ich zu dieser Zeit in Physiologie sehr bewandert war. Ich wusste also, worum es ging. Ich machte in dieser Zeit einen PhD in Embryonalentwicklung. Ich wusste sehr genau worum es ging.
Nach dem ersten Kind sollte das zweite kommen. Und ich hatte zuerst einmal zwei Fehlgeburten. Eine sehr früh, eine eher gegen die 10 Woche oder später. Ich bin kein Fan von Schwangerschaftsdiagnostik. Der einzige Sinn davon wäre die Feststellung einer Eileiterschwangerschaft.
Ich ging also sowieso nicht vor der 11./12. Woche zur Untersuchung. Ich ging auch bei den Fehlgeburten nicht, beobachtete nur, ob ich irgendwelche Beschwerden bekam. Es lief komplikationslos.
Mir machten die vielen schnellen Hormonwechsel zu schaffen. Sehr sogar. Aber Gyns, nää.
Und ich hatte ein Kleinstkind, das nicht mal Laufen konnte. Es hat mich unendlich erschöpft. Zusätzlich zu meiner 50 Stunden-Woche.
Es kam aber noch etwas hinzu. So ein komisches Gefühl. Ich fing an mich zu fragen, ob das an mir gelegen hatte?
Also ich glaube weder an eine Seele,
noch ist für mich ein Zellhaufen ein Baby. Ich bin da nicht sentimental oder verklärt. Aber ich fühlte mich... irgendwie schuldig... irgendwie, als hätte ich etwas besser machen müssen.
Jörg reagierte diffus, fragte, ob ich immer meine Vitamine genommen hätte, kaufte den
Porsche unter den Vitaminen, die ich jede Schwangerschaft trotz massiver Übelkeit hinunterwürgen musste. Schon in der 1. Schwangerschaft wurde mir eingeschärft, bloß nichts gegen die Übelkeit zu nehmen. Also nichts Wirksames. Das Baby könnte ja Schaden davon tragen.
Ich nahm an Tagen, an dem jeder Schluck Wasser wieder heraus kam wohl etwas ein. Ich tat es heimlich.
Ja und jetzt hatte ich Fehlgeburten. Hätte ich die ein, zwei Mal, nichts nehmen dürfen? Hätte ich das aushalten müssen?
Ich möchte klar dazu sagen, dass diese schlimme Form
der Schwangerschaftsübelkeit eine echte Krankheit ist, auch bedrohlich für Mutter und Kind und massiv schlimm für die Psyche. Es macht einen kaputt. Und es findet sich kaum einen Arzt, der nicht erklärt, das gehöre halt dazu. Ich mag Gyns echt nicht.
Das wirklich Paradoxe dabei war, dass ich gerade tief im Thema Embryonalentwicklung drin war. Ich arbeitete jeden Tag mit Mäusen, denen ein grundlegendes Gen eines Transkriptionsfaktorkomplexes fehlte. Ich untersuchte die Rolle dieses grundlegenden Faktors in der Gehirn-
entwicklung. Ich präparierte täglich Embryonen, die in frühesten Zeitpunkten starben, je nachdem, wann und wo ich dieses Gen abschaltete. Ich kannte Unmengen an Literatur. Einfach alles sagte: es ist wissenschaftlich sehr klar bewiesen, dass über 85% der Embryonen sterben,
weil sie genetisch nicht überlebensfähig sind. Es hat nichts mit der Mutter zu tun. Es hat nichts mit der Stimmung der Mutter, wenig mit ihrem Gesundheitszustand und kaum mit Medikation zu tun. Der Embryo ist Hop oder Top. Da lässt sich auch durch vorbildliches Verhalten
gar nichts retten.
Ich wusste das. Es lag vor mir. Ich sammelte täglich Beweise dafür. Ich hatte 4 Semester medizinische Genetik hinter mir.
Und ich fühlte mich irgendwie schuldig. Als ob ich nicht genug war. Nicht gut genug.
Es klappte dann mit dem 2. Kind, dann hatte ich wieder eine Fehlgeburt in der etwa 11. Woche. Und wurde mit Nummer 3 schwanger. Dazwischen wurden bei K2 und K3 noch die Zwillingsembryonen absorbiert, die es nicht geschafft hatten. Das allerdings störte mich gar nicht, da ich ja
keinen Hormonwechsel dabei hatte.
Nach K3 war meine private Situation sehr desaströs. Es ging mir aus vielerlei Gründen körperlich und psychisch miserabel. Und ich war irgendwie auf der Suche nach Inspiration oder irgendetwas, das mich beschäftigen konnte.
Ich hörte TED Talks
und guckte Vorträge aus bekannten Foren, zB dem DAI Heidelberg. So Zeugs. Ich wollte Input. Und zwischen all dem netten Zeug war ein widerlicher Vortrag eines offenbar renommierten Professors, denn ich hatte den Namen schon gehört in anderen Vorträgen.
Ich mach es kurz,
ich wurde durch diesen Vortrag so wütend wie noch selten. Ein gewisser Professor Ruppert referierte über frühes Trauma, wie die Mutter das Kind bereits bei der Empfängnis traumatisiert und wenn sie nicht von der ersten bis zur letzten Sekunde uneingeschränkt glücklich über das
Kind ist, wenn sie es nicht völlig uneigennützig empfängt und liebt, dann trägt das Kind schon direkt bei der Befruchtung einen Schaden davon und landet später in der Psychiatrie. Und, noch besser, wenn die Mutter mit sich nicht im Reinen ist und auch nur den leisesten Gedanken
hat, die Schwangerschaft wäre nicht die Erfüllung, dann könne sie das Kind sogar im Mutterleib damit töten. Man müsse sich nur die vielen Fehlgeburten anschauen, die Frühgeburten...
Und zudem ist die Frühdiagnostik schädlich.
Das ist so derart widerlich, ekelhaft & grundfalsch.
Das Gegenteil ist wissenschaftlich bewiesen.
Und ein Embryo ist kein Kind und die Mutter kann das nicht beeinflussen.
Das ist derart frauenverachtend, derart böswillig und doch prägt es das Frauenbild in unserer Gesellschaft. Das völkische Bild der Mutter, die das 10. Kind noch
mit Begeisterung empfängt und alles locker wuppt und nichts lieber tut, als dem Führer den, natürlich geistig und physisch gesunden, Nachwuchs zu schenken. Sollte der Nachwuchs in irgendeiner Form nicht normal sein, so hat die böse Mutter was ganz arg falsch gemacht.
Ich verlinke
diesen Vortrag nicht, gebe den Link aber gerne per dm weiter. Er ist ekelhaft und sollte nicht mehr Klicks bekommen, als ihm zusteht. Im Zuge der Diskussion um BO und rechter Ideologie, um die Rolle der Mutter, wird also direkt ab der Zeugung dieser falsche Muttermythos
propagiert.
Damit wird allen Schwangeren die ihnen zustehende Unterstützung verwehrt. Was zählt ist der Embryo, soll die Mutter doch verrecken und den letzten gesunden Gedanken daran geben. Ich habe exakt das in allen Schwangerschaften erlebt. Da habe ich bei den Gyns gar nix
gezählt. Einzig das Baby, dem sollte es gut gehen. Nur die Klinikhebammen haben überhaupt bemerkt, dass bei dem Baby noch ne Mutter außen rum war. Es wird ja auch schon ab Befruchtung Baby genannt. Auch beim Arzt. Dabei ist es ein Embryo, kein Baby, kein überlebensfähiger Mensch.
Ob BO grundsätzlich diese Propaganda unterstützt? Wahrscheinlich nicht. Aber den Muttermythos, den wohl. Die aufopfernde Mutter. Sonst nimmt das Kind Schaden. Sonst entwickelt es sich nicht zu einem guten, gesunden Menschen.
Ich verrate euch etwas: die Wissenschaft hat exakt
das Gegenteil bewiesen. Das Fach heißt genetische Psychologie. Einer ihrer berühmten Vertreter heißt Robert Plomin. Eines seiner Zitate ist ‘Parents matter, but they don’t make a difference. The same is true for education and events.’ Das ist eine fantastische Nachricht für
Eltern. Es ist viel genetisch determiniert. Mehr als ihr denkt. Eure Aufgabe ist es, eine gute Zeit mit dem Kind zu verbringen. Aber das Kind ist wer es ist. Namhafte Resilienzforscher erklären übrigens das gleiche.
Und überhaupt sind Fehlgeburten nicht die Schuld der Mutter
und schon gar nicht die Folge deren Haltung zur Schwangerschaft. Diese menschenverachtende Sichtweise verhindert am Ende bewusst, dass Menschen, die Unterstützung brauchen, diese auch bekommen. Aber sie steht ihnen zu.
Und ich schreibe das, weil ich mir sehr sicher bin, dass jeder schwangere Mensch sich Ähnliches gefragt hat. Kann ich meinem Kind schaden, wenn ich Zweifel habe? Hatte ich die Fehlgeburt, weil ich dieses Kind nicht verdiene, weil ich einen falschen Gedanken oder ein falsches
Gefühl hatte?
ES IST NICHT EURE SCHULD!
Das ist ein sehr eng festgelegter genetischer Prozess, wie ein Kind entsteht. Es gibt Krankheiten, die Schwangerschaften verhindern oder erschweren. Aber keine*r von euch ist Schuld, wenn ein Embryo sich nicht entwickelt!
Wollte ich mal gesagt haben.
Danke.

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