Seit Mitte März arbeite ich in unserem Wohnzimmer, meine Frau überwiegend am Küchentisch. Wochenlang haben wir zwei kleine Kinder "nebenbei" betreut, als die Kitas zu waren. Wir haben Masken genäht, gekauft getragen, haben Abstand gehalten, nicht Oma und Opa besucht,
Freunde nicht gesehen, Bekannte nicht getroffen. Als es besser wurde, waren wir dennoch vorsichtig. Kontakte reduzieren, Risiken vermeiden. Und immer haben wir versucht, unseren Kindern - zumindest dem 6-Jährigen - zu erklären, warum auf einmal so viel anders ist. Die Kita-
Eingewöhnung des inzwischen 2-Jährigen haben wir quasi zweimal gemacht. Wir waren erschöpft. Inzwischen bin ich wütend. Auf die Egoisten, die keine Masken tragen, das bisschen Stoff im Gesicht für eine Schikane oder gar Freiheitsberaubung halten, die Abstand und Rücksicht als
Zumutung empfinden, denen das Schicksal von Risikogruppen egal ist, die das alles für eine Grippe oder eine Verschwörung halten, die jetzt schon ankündigen, sich nicht impfen zu lassen, obwohl nicht mal klar ist, ob es diese wunderbare Möglichkeit überhaupt geben wird, an der
Wissenschaftler rund um die Uhr mit Herzblut arbeiten. Wütend, weil wir unter anderem deshalb in einem Risikogebiet leben und statt in den Herbstferien Oma und Opa zu besuchen, wieder die Kinder trösten müssen, weil wir nicht wissen, wann wir sie wieder sehen können.
Die Schule hat heute darum gebeten, alle Materialien mit nach Hause zu nehmen, weil es möglich sei, dass nach den Ferien wieder alle daheim bleiben müssen. Und wir haben noch Glück: wir können daheim arbeiten, hier ist kein Krieg und wir sind gesund.
Ich bin völlig sprachlos. Aber etwas ist ganz wunderbar: die Beleidigungen, Beschimpfungen und wütenden Reaktionen sind im Verhältnis zum Zuspruch eine kleine Minderheit. Wir neigen zwar dazu, die als größer zu empfinden, als sie ist. Aber das ist sie nicht. Sie ist nur laut.
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