Wir haben ca. 4 Wochen um uns zu entscheiden zwischen "Brems-chen", "Notbremse" oder "Lockdown".

Was davon ausreicht hängt vom Start-Zeitpunkt der Einschränkungen ab! Für sowas macht man Modellrechnungen.

Hier sind 4+1 Szenarien.

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dirkpaessler.blog/2021/03/20/cou…
Szenario A: Kein Lockdown => Dass “nix tun” keine Option ist, sieht man sofort. 55.000 Todesfälle, 6 Millionen Infektionen, die zu 600.000 Longcovid-Fällen führen und eine Welle in den Intensivstationen, die nicht in die Grafik passt (Welle wäre ca. 4x so hoch wie 2. Welle).
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Jetzt kommen zwei Szenarien mit ähnlichen Auswirkungen.

Szenario B: “Brems-chen” (wie 1. Märzwoche) ab 22.3.2021
=> Was passiert, wenn am Montag einige, aber keine tiefgreifenden Einschränkungen beschlossen werden?
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Szenario C: Lockdown (wie 1. Februarwoche) ab 5.4.2021
=> Wie sieht es aus, wenn wir jetzt nichts ändern, und die Entscheidung für einen Lockdown mit Regeln ähnlich wie in der letzten Januarwoche/ersten Februarwoche bis Anfang April verschieben?
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Interessanterweise haben Szenario B und C nahezu das gleiche Ergebnis: Etwa 25.000 Todesfälle, ca. 2 Mio Infizierte und 200.000 Longcovid-Fälle – beim “Brems-chen” bleibt aber die Welle in den Intensivstationen deutlich niedriger (7.600 Betten vs. 9.300)...
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... , weil sich die Welle etwas in die Länge zieht, ist aber immer noch um fast 25% höher als die erste Welle.
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Szenario D: Lockdown (wie 1. Februarwoche) ab 29.3.2021
=> Was würde es bringen den Lockdown eine Woche vorzuziehen? Dann sinkt die Gesamtanzahl der Infektionen und Longcovid Fälle 25% auf 1,5 Mio bzw. 150.000, die Sterbefälle sinken um 15%.
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Fun Fact: In allen Szenarios mit Maßnahmen, also B/C/D, dauert es bis Juni um wieder auf die Fallzahlen zu kommen, die wir vor 4 Wochen hatten. 2 Monate Lockdown als Quittung für 4 Wochen Leben mit überstürzte Lockerungen – gegen die Empfehlungen der Wissenschaft.
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Merke: Für jeden Tag Inzidenz-Wachstum brauchst Du 2 Tage Lockdown. Das ist ein hoher Preis, den wir für die "unbedingt nötigen" Lockerungen bezahlen.
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Fazit: Wenn man die Ergebnisse des Modells miteinander vergleicht ergibt sich: Weil die Nebenwirkung der Einschränkungen beim “Brems-chen” wohl geringer ausfallen als bei einem härteren Lockdown, dürfte das z.Zt. unsere beste Option der 4 sein.
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Dazu müssten wir uns aber gleich am Montag entscheiden und das sofort umsetzen. Ist wohl nicht wahrscheinlich, dass die Politik das so schnell schafft.
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Alle anderen Modelle, also “Brem-schen” erst eine Woche später, oder Lockdowns später als 29.3. oder 5.4. haben deutlich schlechtere Aussichten, erscheinen aber wenigstens noch machbar.
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Das bringt uns zu “Szenario E”: Käme als “letzte Lösung” ein Lockdown erst am 12.4.2021, der ab 19.4.2021 wirkt, hätte das 5 Mio Infektionen, 100.000 Todesfälle und eine Welle in den Intensivstationen, die doppelt so groß ist wie im Dezember, zur Folge.
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Immerhin besser als “durchlaufen zu lassen”, aber immer noch katastrophal. Das Gesundheitssystem würde kollabieren, andere Funktionsbereiche der Gesellschaft würden straucheln, was noch weitere Schäden nach sich zieht, die ich hier nicht eingerechnet habe.
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Also, ohne massive Einschränkungen kommen wir nicht bis in den Sommer. Und das alles trifft auch nur dann ein, wenn der ambitionierte Impfplan auch tatsächlich umgesetzt wird.

All das ausführlich in meinem Blog:
dirkpaessler.blog/2021/03/20/cou…

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Nachtrag: Weil die Frage aufkam, warum in Szenario A ("nix machen") doch irgendwann der R-Effektiv Wert unter 1 sinkt und die Welle zu Ende geht. Das ist eine Kombination aus 3 Effekten

=> was jetzt kommt sind Stresstests für das Modell, bitte mit Wohlwollen betrachten 🙂
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Effekt 1: Die Impfung: Hier der Vergleich von Szenario A mit aktuellem Impfplan und mit 2 Monate verzögerter großer Impfwelle: Alle Schlüsselzahlen steigen um ca. 50%
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Effekt 2: Saisonalität: Wenn ich die Absenkung des R-Wert über den Sommer (modelliert mit Sinus-Funktion) rausrechne, dann hat das etwa die gleichen Auswirkungen wie die verzögerte Impfung
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Effekt 3: Lockdown: In Szenario A bleiben wir ja bei den aktuellen Restriktionen, wir sind ja praktisch in einem Dauer-Lockdown. Würden wir am 22.3. alle Restriktionen streichen, steigt R-wild auf R0=2 oder mehr und bis Juni hätten sich 54 Mio infiziert, 1 Mio wären tot.
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Nachtrag 2: Es kam die Frage auf was passiert, wenn wir einen härteren "April-2020-Style" Lockdown machen würden.
Nachtrag 3: Google Sheets Datei des Modells zum reinschauen oder kopieren/herunterladen:

docs.google.com/spreadsheets/d…

Würde mich freuen, wenn mir jemand die Vorhersage-Fehler bzw. falschen Annahmen aufzeigt, die die o.g. Szenario-Ergebnisse besser werden lassen.

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20 Mar
Eigentlich wollen wir das alle nicht hören, aber: Die von @Karl_Lauterbach zitierte Studie stellt klar, dass wir ohne #NoCovid Strategie mindestens auch noch in 2022 mit vielen Einschränkungen leben werden müssen. 😕
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Die Studie kommt m.E. zu dem Schluss, dass gegen B.1.1.7 keine Herdenimmunität möglich ist und dass alle geimpft werden müssen, vorher bedeutet Aufhebung der Einschränkungen immer wieder massive Wellen von Toten und #LongCovid.

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Impfungen alleine reichen nicht aus: "Although mass vaccination will inevitably reduce R and disease prevalence, other measures, such as intensive test, trace, and isolate strategies, will be needed to target pockets of infection." , heißt:
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Read 12 tweets
18 Mar
In meinem Artikel "Countdown zur Lockdown-Verschärfung in 3-2-1 Wochen" stellte ich 5 Szenarien für die nächsten Wochen vor. Die Szenarien habe ich heute nochmal mit meinem verbesserten Modell Version 4 durchgerechnet.

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dirkpaessler.blog/2021/03/18/nac…
Das neue Modell berücksichtigt u.a., dass Patienten mit B.1.1.7 heftiger erkranken/mehr Patienten versterben (+50%). Außerdem habe ich das Modell mit neuen Daten vom RKI abgeglichen und noch genauer gemacht.

Eine genau Beschreibung der Veränderungen: dirkpaessler.blog/2021/03/18/pan…
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Kurze Zusammenfassung: Das neue Modell zeigt für alle 5 Szenarien nochmal erheblich schwerwiegendere Verläufe. Die neue Modellversion sagt jetzt nach den Optimierungen zwar etwas kleinere Fallzahlen voraus.
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Read 6 tweets
10 Mar
Könnte es sein, dass wir auch deswegen im Moment eine Seitwärtsbewegung mit "nur" leichter Steigerung der Inzidenzen sehen, weil wir uns gerade eine höhere Dunkelziffer züchten?

Weil sich die Infizierten-Struktur ändert?

Let me explain:

THREAD 1/x
* Wir testen meist mit Anlass (Symptome, Kontakt)
* Wir impfen die mit den meisten Symptomen
* Die ohne Symptome (Kinder) holen wir wieder in die Schulen ohne durchgehendes Testkonzept ("Surveillance")

=> Die Infektionen wandern/wachsen in einer unbeobachteten Altersgruppe.
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Exhibit A: Der Anteil der U20 an den Neuinfektionen steigt beständig, das R bei den jungen Menschen ist deutlich erhöht. 3/x

Read 4 tweets
10 Mar
Hat jemand eine altersbezogene WAIFW-Matrix (who acquires infection from whom) für Covid-19, aus der man ablesen kann, wie viele Ansteckungen durch Altersgruppe in jede andere Altersgruppe getragen werden? Ich erwarte, dass die Mehrzahl in der gleichen Gruppe stattfindet. 1/x
Darauf deuten diese (schon etwas alten) Daten aus NL hin. Ich hätte gerne neue Daten dazu, am besten durch Virus-Sequenzierung berechnet.

Bis dahin, welche Daten kann man nehmen?

2/x

In "SARS-CoV-2: Where do people acquire infection
and ‘who infects whom’?" schreibt die @royalsociety (Dec 2020): 3/x
royalsociety.org/-/media/policy…
Read 9 tweets
10 Mar
Die Impfung verändert die Bedeutung von Fallzahlen und Inzidenzen. Eine Inzidenz von 200 im Dezember 2020 eine ganz andere Bedeutung hat als im Juni 2021 oder September 2021. Denn der Nenner der Inzidenzberechnung verändert sich strukturell! THREAD 1/x

dirkpaessler.blog/2021/03/10/war…
Bisher waren alle Einwohner immunnaiv: jeder, der genügend Viruspartikel abbekommt, steckt sich an und durchlebt die Infektion mit mehr oder weniger starken Symptomen, manchmal ohne Symptome. 2/x
Durch die Impfung verändert sich aber nun unsere Berechnungsgrundlage für die Inzidenz pro 100.000 Einwohner. Ein immer größerer Anteil der Bevölkerung erkrankt nicht mehr (oder kaum) und gibt das Virus auch nicht oder kaum mehr weiter (etwas vereinfachend gesagt). 3/x
Read 25 tweets
27 Feb
Ich möchte ein sehr vereinfachtes Prognose-Modell zur Diskussion stellen, mit dem wir für die Pandemie bis Ende 2021 in die Zukunft schauen können, und bei dem wir dann mit Lockerungen/Verschärfungen oder schnelles/langsames Impfen „spielen“ können. 1/x
dirkpaessler.blog/2021/02/27/cor…
Die nächsten Woche werden geprägt sein vom Für&Wider von Lockerungen und Verschärfungen. Auf oder zu? Wer hat recht? Und was passiert wenn wir mehr auf oder mehr zu machen? Unser Bauchgefühl ist angesichts von exponentielle Pandemie-Arithmetik aber kein guter Ratgeber dabei. 2/x
Für solche Fragestellungen holt man sich Hilfe bei der Mathematik, denn die Pandemie folgt sehr simplen mathematischen Konzepten. In der Tat ist der Verlauf der Pandemie sehr gut berechenbar. 3/x
Read 9 tweets

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