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Jul 19, 2022 31 tweets 7 min read Read on X
#Hitzealarm! Und alle reden über die Kühlung von #Atomkraftwerk|en. Leider wird darüber auch viel Unsinn verbreitet. Dieser #Kühlthread erklärt alles, was ihr wissen müsst, am Beispiel eines 🇩🇪Druckwasserreaktors vom Typ KWU (Vor)Konvoi, dh Grohnde oder Isar-2, ~1400 MW(e). 1/n Image
Ein Druckwassereaktor hat einen Primärkreislauf, in dem das „Kühlmittel“ (nicht zu verwechseln mit „Kühlwasser“, zu dem wir noch kommen) unter Druck zirkuliert, ohne zu verdampfen: 156 bar, 310 Grad C mittlere Kühlmitteltemperatur, ~3900 MW thermische Reaktorleistung. 👇🏼
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Der Wärmetransport, also die Kühlung des Reaktors, erfolgt über die Dampferzeuger zum Sekundärkreislauf und von da aus zum Turbinenkondensator, der die „Hauptwärmesenke“ darstellt. Speisewasser wird im Dampferzeuger verdampft, d Frischdampf geht mit ~66 bar auf die Turbine,
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wo er Antriebsarbeit leistet und den auf einer Welle mit der Turbine montierten Generator mit 25U/s dreht. Dabei wird der Dampf entspannt und gelangt in den Turbinenkondensator. Dieser wird von „Kühlwasser“ gekühlt, das wiederum einem Fluss, Kühlteich o. Meer entnommen wird.
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Diese Gewässer nennt man auch die „primäre Wärmesenke“. Dann geht’s über Kondensatsystem, Speisewasserbehälter & Vorwärmstraßen wieder zu den Dampferzeugern. Kühltürme assistieren bei diesem Verfahren. Eine 1400-MW-Anlage zieht ca. 40 t/s Kühlwasser.
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Bei Kühlturmbetrieb entnimmt man bis zur Hälfte des Kühlwassers aus dem Fluss, so 20-25t/s). Naturzug-Nasskühltürme haben aber verschiedene Fahrweisen, und man kann sehr frei variieren, wieviel Wasser man dem Fluss entnimmt. ➡️
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Normalerweise fährt man im Sommer eine hohe Austauschrate, damit das Kühlwasser möglichst kalt ist & das Vakuum im Kondensator gut & entsprechend auch der Wirkungsgrad des Kraftwerks möglichst hoch ist.
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Das bedeutet also, man leitet normalerweise das meiste Wasser, das im Kühlturm abgekühlt wird, aber wärmer ist als vorher, wieder in den Fluss und entnimmt am Kühlwassereinlauf frisches Flusswasser für den Turbinenkondensator.
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Mengenmäßig ist das manchmal ein Äquivalent von zwei Dritteln d Durchflussrate des gesamten Flusses. Wenn nun Niedrigwasser & hohe Flusstemperatur herrscht, kann man die Austauschrate aber stark senken und nur noch 10% des zirkulierenden Kühlwassers aus dem Fluss entnehmen.
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Das bedeutet, dass man eigentlich nur noch die Verdunstungsrate der Kühltürme ersetzt und den Rest des Kühlwassers im Kraftwerk immer im Kreis fährt. Das gesamte Kühlwasser wird dadurch natürlich wärmer, folglich hat man einen Wirkungsgradverlust.
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Die Entscheidung ist immer eine Mischkalkulation: sowohl d Wärmelastplan des Flusses & die daraus abgeleiteten zulässigen maximalen Wärmeeinleitungen des KKW (ökologische Gründe), als auch der Wasserpfennig, den das KKW für die Nutzung des Flusswassers bezahlt, als auch…
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der Produktionsverlust durch Wirkungsgrad-Verschlechterung (ökonomische Gründe) gehen in diese Rechnung ein; alternativ die Kosten eines Teillastbetriebs. Dafür gibt es Rechenprogramme, die die optimale Fahrweise empfehlen.
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Auch bei Dürre kommt man also ohne Tiefbrunnen und Kühlteich, Hybridkühltürme, Trockenkühltürme, Ergänzungen durch Talsperren sowie Teillastbetrieb als ultima ratio mit konventionellen Kühltürmen sehr weit, man muss allerdings ökonomische Einbußen fürchten.
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Anlagen am Meer oder an Flussmündungen, wie in 🇩🇪Brokdorf oder Unterweser, kommen ganz ohne Kühltürme aus. In Frankreich haben einige KKW im Binnenland keine KT, und die trifft die Hitzewelle jetzt hart, sie müssen die Anlage stark drosseln oder ganz abfahren.
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Wird der Reaktor abgeschaltet, muss die Nachzerfallswärme aus dem Kern abgeführt werden; Druck und Temperatur im Primärkreis sinken. Bis ca 120 Grad C Kühlmitteltemperatur läuft der Wärmetransport wie im Leistungsbetrieb über die Dampferzeuger,
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danach übernimmt ein viersträngiges Nachkühlsystem das Kaltfahren. Der Wärmetransport läuft jetzt über den Nachwärmekühler, der vom nuklearen Zwischenkühlsystem gekühlt wird, zu einem Zwischenkühler, der von Flusswasser gekühlt wird.
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Dieses Flusswasser heißt „Nebenkühlwasser“, um es vom „Kühlwasser“ für den Kondensator zu unterscheiden. Dafür reicht aber viel weniger Flusswasser. Im Leistungsbetrieb 1,7 bis 2 t, Abfahrbetrieb mehr (Werte reiche ich nach). Und das ist die sog. „Nachkühlkette“.
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In diese Nachkühlkette ist auch die Kühlung der Brennelemente im Lagerbecken aka Abklingbecken integriert. Dafür gibt’s 2 Beckenkühlpumpen, die in den Nachwärmekühler fördern, man kann aber auch 2 der 4 Nachkühlpumpen statt auf den Loop aufs Becken schalten.
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Außerdem gibt es noch ein Beckenreinigungssysten mit 2 Pumpen & 1 Beckenkühler, der ebenfalls von Zwischen- & Nebenkühlsystem gekühlt wird. Daneben gibt es im AKW auch noch viele betriebliche Kühlstellen, die im Leistungsbetrieb ebenfalls vom nuklearen Zwischenkühlsystem…
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…und vom Nebenkühlsystem bedient werden, aber von einem anderen Teil, den 2 „Betriebskreisen“. Diese zu entlüften, ist nach der Revision immer ein tagelanger Spaß, der in einem wegen seiner Form „Banane“ genannten Raum des Reaktorgebäudes stattfindet, Abb.: mein Laborbuch.
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Sicherheitsrelevant ist, ob genug Nebenkühlwasser für die Nachkühlkette, dh Abfuhr der Nachzerfallswärme nach Reaktorabschaltung vorhanden ist. Außerdem auch, ob das Nebenkühlwasser kühl genug für die Aufrechterhaltung von Kühlfunktionen der Notstromdiesel…
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…zB der Kältemaschine, diverser Kühlstellen, im Anforderungsfall (Notstromfall) ist. Käme es ganz schlimm (Dürre/Wasserstand zu niedrig für die Entnahme von Nebenkühlwasser), dann wäre das ein „Verlust der primären Wärmesenke“ & die die Anlage müsste abgefahren werden.
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Aber das Trockenfallen eines Flusses kündigt sich wochenlang an & das gibt den Entscheidern auf den Anlagen große Zeitreserven. Solch einen Fall gab es auch bei der Jahrtausendhitze 2003 noch nicht, wohl aber mussten Anlagen in Frankreich aus Gewässerschutzgründen…
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…abgefahren werden. Mit Sondergenehmigungen dürfen sie dann in diesem Sommer 2022 aber doch wieder. Da stehen prinzipielle Klima-Ertüchtigungen an, siehe dazu den kritischen 🇫🇷Thread: 👇🏼
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Wird häufig gefragt: Tschernobyl? Dieser Unfall hatte weder mit Kühlwasser-, noch Kühlmittelverlust (im Reaktor) was zu tun. Das war eine nukleare Leistungsexkursion, ein Problem der Neutronenphysik & der thermohydraulisch-reaktorphysikalischen Wechselwirkungen im Reaktor…
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…sowie eines fehlausgelegten Abschaltsystems.
& Fukushima??
Zusammenbruch der Nachkühlkette wegen totalen Stromausfalls. Die Unfälle hätten in 🇩🇪 Anlagen aus reaktorphysikalischen Gründen & dank der robusten Flutabsicherung & Notstromversorgung nicht stattfinden können.
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Nachtrag: wer glaubt, Erneuerbare Energien seien von Hitzewellen nicht betroffen, dem gebe ich zu bedenken, dass Dürren auch die Wasserkraft treffen und Hitzeflauten die Windkraft tage- bis wochenlang lahmlegen. Daher ist ein diversitäres System (EE + AKW) sicherlich das Beste. Image
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Nachtrag 2: hier noch eine schöne Erklärung von @s04paps über das Kühlen von KKW ganz ohne Fluss, denn eine primäre Wärmesenke muss nicht unbedingt ein Fluss sein.
Nachtrag 3: Hier eine beispielhafte französische Quelle mit Angaben darüber, wieviel vom Kühlwasserdurchsatz eigentlich für die Verdunstungsrate der Kühltürme draufgeht.
Nachtrag 4: Isar-2 ist eine Konvoi-Anlage mit vollständiger Kreislaufkühlung, dh sie entnimmt nur das Nebenkühlwasser (~3,3 m3/s) und die Verdunstungsrate des Kühlturms (~0,7 m3/s) aus dem Fluss (~170 m3/s) - 🇩🇪Beispiel für minimalen Wasserbedarf. , 21. preussenelektra.de/content/dam/re…Image
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Jan 17
Hörte heute im DLF den Ökonomen @andreasloeschel über die @BMWE_ Gas-„Kraftwerksstrategie“ aka „was man halt macht, wenn man 20 GW gesicherte CO2-freie Leistung durch einen Atomausstieg verliert und sonst nur Wind & Sonne hat“. Was Löschel sagte, zeigte mir ein weiteres Mal,➡️
wie stark die Sprachregelungen der Energiewende auch in die seriöse Wissenschaft eingedrungen sind: „Residuallast“ - die aber tagelang die Hälfte der Last ausmacht. Die Ausschreibung sei „technologieneutral“. Nein, solange § 7 Abs. 1 AtG ein Atomkraftwerksverbot enthält,➡️
ist keine deutsche Energieausschreibung „technologieneutral“. Immerhin verwarf er die KE als Option nicht völlig, aber kaum war‘s gesagt, kam schon wieder der Talking point der Antis, „zu teuer“ (nun, die Bestandsanlagen wären billiger als die EE gewesen,➡️
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Jan 6
#EnergiewendeEnde In diesen Wintertagen 2026 kommen - per Zufall, aber auch, weil es so kommen musste, da Warnungen nie ernstgenommen wurden - , mehrere Disruptionen zusammen, die so oder so, geordnet oder als Absturz, das Ende der 🇩🇪Energiewende bedeuten.
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1) Überraschend für unsere Energiestrategen ist im Januar Hochwinter. Die EE ruhen, Kohle & Gas bollern. Der Klimawandel, nicht Habeck, hat uns 2022/23 mit einem milden Winter gerettet. Macht aber das Wetter, was Klimaschützer sich zurückwünschen, ist es nicht nett zu den EE. Image
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2) Wir lernen schlaglichtartig sehr viel über den Ungeist, der sich gegen eine vernünftige, funktionierende 🇩🇪Infrastruktur im allgemeinen und gegen einzelne ihrer Elemente im Konkreten wendet. Der #berlinblackout hat mutmaßlich mit linkem Terror viel & mit EE nichts zu tun.
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Jan 2
Atomdebatte ohne Angst: Da gerade eine von der @CSU getriggerte Diskussion über Kernenergie anhebt, hier 8 Basics, die jeder Befürworter einer 🇩🇪nuklearen & somit resilienten Energiestrategie wissen muss, insbesondere die @cducsubt: Image
1) Lasst die Atomgegner links liegen, sie sind eine nicht überzeugbare Minderheit. Ihnen geht es so gut in ihren Einfamilienhäusern, dass in ihrer Welt Dach-PV, Batterie, Holzofen & Wärmepumpe jedes Problem lösen. Nur nicht das des Stahlwerks. Uns geht es um andere Zielgruppen:
die working class und die Unternehmen. Die einen haben genug von der Umverteilung von unten nach oben durch die EE-Förderstruktur; alle haben genug von den explodierenden Kosten, die unseren Strompreis zum höchsten Europas machen; alle haben genug vom Kurieren an den
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Dec 24, 2025
20-Punkte-Plan: Ich sage nur etwas zum Punkt 12 des Plans betreffend das Kernkraftwerk Saporischschja (ZAES), @nicolange_, weil ich davon was verstehe: das KKW soll laut 🇺🇦 Quellen „unter US-Management“ von der Ukraine, den USA & Russland betrieben werden.
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Ich halte diese Idee - abgesehen davon, dass der Punkt auch als noch verhandlungsbedürftig ausgeflaggt ist - für so nicht umsetzbar. Warum?
1) kein Wort vom Abzug der russischen Truppen und Demilitarisierung der ZAES und ihres Umlands. Das wäre Grundlage eines solchen Betriebs.
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2) Solch eine Regelung ist unvereinbar mit nationalen und international geltenden kerntechnischen Regelwerken und Sicherheitsanforderungen. Diese verlangen Eindeutigkeit: eindeutige nationale Zuständigkeiten, eindeutige Weisungslinien & Regelungen.
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Nov 14, 2025
@MightyKl4us @MoormannRainer Diskurshegemonie setzt nicht Kanzleramt voraus. Sie zeichnet sich im Gegenteil geradezu dadurch aus, dass eine Gruppe ihre eigene Wahrnehmung derart in einer Gesellschaft etabliert, dass sogar Regierende der Gegenseite sich zu ihr positionieren müssen. salonkolumnisten.com/wehe-den-siege…
@MightyKl4us @MoormannRainer Die Grünen haben zwischen 1980 und 2024 wesentlich geprägt, was bei uns über Energie allgemein & Kernenergie im besonderen sagbar war. Und das war eine Angstbotschaft, verknüpft mit der Heilsbotschaft von der leichten Ersetzbarkeit der Kernenergie. Das hat erst die SPD,➡️
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Oct 26, 2025
@DraconTV Sie haben mit Ihrem „QuellenTV“ über AKW-Neubaukosten & viel Geschimpfe auf mein obiges Argument geantwortet, dass es, um Gundremmingen B/C *ebenbürtig* zu ersetzen (was bedeutet: 20-22 TWh/a, 3-4 ct/kWh LCOE, 12 g CO2/kWh + das Ganze ist gesicherte Leistung), es mehr bedürfe➡️
@DraconTV als einen Windpark des entsprechenden Outputs zu bauen, nämlich die WKA (mit weit kürzerer Lebensdauer als ein AKW) und eine ziemlich teure Infrastruktur um sie herum. Dh Sie verstehen gar nicht, dass ich sage, was wir *hätten* tun müssen (nämlich die AKW behalten), statt➡️
@DraconTV was wir *tun* (einen Kapitalstock funktionierender Infrastruktur zu vernichten und ihn dann mehr schlecht als recht mit hohem Kapitalaufwand zu ersetzen). Meine Position ist seit 2022 bekannt. Stattdessen konstruieren Sie den Fall,➡️
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