Ich nehme den unsäglichen Tweet (s. Screenshot) zum Anlass, um darzustellen, wie weit derartige Einstellungen, die @EvaGro3 & ich als "marktförmigen Extremismus" bezeichneten, in der dt. Bevölkerung verbreitet sind und wie sehr sie mit rechtem Gedankengut einhergehen.
1/🧵
Was ist mit "marktförmigem Extremismus" gemeint?
Es beschreibt eine ökonom.-neoliberal gefärbte Art der Menschenfeindlichkeit, bei der sich gesellschaftl. Aus- & Abgrenzungsprozesse mit weit verbreiteten Bestrebungen nach Selbstoptimierung, -vermarktung & Wettbewerb verbinden.
2/
Solch ein Denken wird vor dem Hintergrund einer weitreichenden Ökonomisierung der Gesellschaft & des Sozialen betrachtet. Es
wendet Nützlichkeits- und Verwertbarkeitsprinzipien auf die Bewertung ganzer gesellschaftlicher Gruppen an.
3/
Es fordert von Individuen mehr Selbstverantwortung, Flexibilität, Aktivität & unternehm. Initiative in eigenen Angelegenheiten.
Dadurch kann Verantwortung für soz. Abstieg/Absicherung dem/der Einzelnen zugeschrieben u z.B. eine aktivierende Sozialpolitik gerechtfertigt werden.
4/
Gemessen haben wir dies in repräsentativen Stichproben der dt. Bevölkerung (zwischen 2011 und 2016) mit den folgenden 3 Dimensionen und dazugehörigen Aussagen:
1. Unternehmerischer Universalismus
2. Wettbewerbsideologie
3. ökonomistische Werthaltungen

5/
Die Aussagen unterscheiden sich in der Schärfe der Formulierungen, dennoch: erhebliche Bevölkerungsteile stimmen den Aussagen zu. Um ein übergeordnetes Konstrukt, wie marktförmigen Extremismus zu messen, betrachtet man nun das kombinierte Antwortverhalten der Befragten.

6/
Über 20% der Befragten stimmen den Aussagen im Schnitt zu - das ist irgendwo zwischen jeder/m 5. oder jeder/m 4. Deutlich weiter verbreitete Zustimmung erhalten dabei die Aussagen zum unternehmerischen Universalismus und zur Wettbewerbsideologie.

7/
Welche soziodemographischen Gruppen stimmen häufiger zu?

Kaum Differenzen zwischen Männern & Frauen.
Die Zustimmung ist aber höher sowohl unter jüngeren (<30J) als auch älteren Befragten (>60J), während sie unter 31-60-jährigen eher unterdurchschnittlich ausgeprägt ist.
8/
Bemerkenswert sind die Verteilungen nach subjektiver Schichtzuordnung - also der Frage, 'wo würden Sie sich gesellschaftlich einordnen, wenn 1 für ganz unten und 10 für ganz oben steht?' Die Zustimmung ist nun sowohl "oben" als auch "unten" überdurchschnittlich ausgeprägt.
9/
Befragte, die sich "oben" zuordnen, zeigen dabei besonders hohe Zustimmungen zum unternehmerischen Universalismus und der Wettbewerbsideologie, während Befragte, die sich benachteiligten Schichten zuordnen, am stärksten den rabiaten ökonomistischen Werthaltungen zustimmen.
10/
Deutliche Differenzen dann auch zwischen Befragten die in Ost- oder Westdeutschland aufgewachsen sind. Unter ersteren finden solche Einstellungen deutlich weitere Verbreitung.
11/
Einen ersten Eindruck dazu, wie sehr diese Einstellungen mit rechtem Gedankengut harmonieren, zeigt sich bei der politischen links-/rechts Selbsteinstufung der Befragten: die Zustimmung ist deutlich erhöht unter denen, die sich als rechts/eher rechts einstufen.
12/
Analog dann das Bild, wenn man betrachtet, wie Sympathisant*innen der AfD (also Befragte, die sich vorstellen können, AfD zu wählen) hierzu stehen. Unter ihnen ist die Zustimmung ebenfalls deutlich erhöht.
13/
Wie anschlussfähig dies an Verteilungsfragen ist und welche Wucht es insbesondere in wirtschaftl. Krisenzeiten entfalten kann, zeigt dieser Befund aus der Eurokrise 2014: bei Befragten mit großen finanziellen Sorgen & Abstiegsängsten verfangen diese Einstellungen besonders.
14/
Abschließend dann die Nähe zu rechtspopulistischen & rechtsextremen Einstellungen sowie zu Einstellungen der Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit: Befragte, die dem marktförmigen Extremismus zustimmen, stimmen auch deutlich eher diesen Einstellungen zu.
15/
Der marktförmige Extremismus befördert in Einklang mit seiner ökonomisch kalkulierenden Logik insbes. die Abwertung von Gruppen, denen man leicht ein Etikett mangelnder Nützlichkeit und Effizienz anhaften kann. Auch ergeben sich hohe Korrelationen mit dem Sozialdarwinismus.
16/
Der Sozialdarwinismus übertragt biologische Theorien in den Bereich des gesellschaftlichen Zusammenlebens und verbindet sich mit der ökonomisch-wettbewerbsorientierten Idee, dass der Stärkere sich durchsetzen müsse und der Schwächere weniger wert sei.
17/
Zusammengefasst zeigt sich solch rabiat marktförmiges Denken des marktförmigen Extremismus in einigen Milieus als Einfallstor für Menschenfeindlichkeit und dient als Legitimationsgrundlage für die Erhaltung von Dominanzbeziehungen durch Ausschluss und Abwertung Anderer.
18/
Vorläufige Analysen aktueller Daten geben hier kaum Anlass zur Hoffnung auf geringere Verbreitungen oder geringere Assoziationen mit rechtem Gedankengut. Die aktuell erheblich verbreiteten finanziellen Sorgen (→ Inflation) und Abstiegsängste verstärken die Relevanz nochmals.
19/
Wer mehr zum Konzept "marktförmiger Extremismus" lesen will, findet eine Übersichtspublikationen dazu hier:
beltz.de/fachmedien/erz…

sowie erste Analysen in den Mitte-Studien 2014 & 2016 (kostenfrei zugänglich) hier:
fes.de/index.php?eID=…
und hier:
fes.de/index.php?eID=…
20/

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Jul 12
Wie die Pandemie weltweit bestehende Ungleichheiten verschlimmert und neue Ungleichheiten geschaffen hat, zeigt nun eine neue, in Nature veröffentlichte Studie in 6 Charts.
👇🧵
1/
via @spektrum
Die vergangenen 2 Jahre waren für die ärmsten Menschen der Welt eine besondere Herausforderung – mit wenig Grund zur Hoffnung auf Besserung. Bis Ende ´22 werden >75 Mio. Menschen mehr in die Armut gedrängt worden sein, als vor der Pandemie erwartet wurde.

2/
Als arm gilt, wer von weniger als 1,90 US-$/Tag leben muss. Ukrainekrieg und steigende Inflation haben die Auswirkungen der Pandemie noch verschärft, da die Preise für Lebensmittel, Treibstoff und fast alles andere in die Höhe geschnellt sind.

3/
Read 12 tweets
Jul 12
Neue @WSIInstitut-Studie unter 20 ausgewählten Tarifbranchen zeigt erhebliche Unterschiede bei tarifvertraglichen Ausbildungsvergütungen: von 585€/Monat im thüringischen Friseurhandwerk im 1. Ausbildungsjahr, bis zu 1.580€ im westdt. Bauhauptgewerbe im 4. Ausbildungsjahr.
🧵
1/
Die akt. tarifvertraglichen Ausbildungsvergütungen werden i.d.R. im Rahmen der allg. Tarifverhandlungen verhandelt“, sagt @ThorstenSchult6. „Damit hängen sie auch mit der Verhandlungsposition der jew. Gewerkschaft zusammen, die von Branche zu Branche sehr unterschiedlich ist."
2/
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Jul 6
Wann ist man arm, wann reich?
Die gängigen Definitionen werden immer wieder kritisiert. Nun hat neue Studie die Grenzen empirisch neu vermessen.
Ihr Vorgehen und die sich daraus ergebenden Verteilungen in Deutschland👇🧵
1/n
Wer weniger als 60% des mittleren Einkommens zur Verfügung hat, ist arm oder armutsgefährdet. Wer mindestens doppelt so viel verdient wie die Person genau in der Mitte der Verteilung, ist reich. So die weit verbreitete Konvention über Armut und Reichtum.

2/n
.@INES__Berlin-Forscherinnen haben nun Begriffe wie "arm", "prekär", "knappe Teilhabe" & "reich" auf empirischen Prüfstand gestellt und dafür mehr Daten als üblich herangezogen (z.B. Vermögen, Spar- & Ausgabeverhalten).
Hier ihre Befunde:

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Jul 4
Klar, Fachkräftemangel liegt zum einen am Mangel an Bewerber:innen am Arbeitsmarkt. Einen nicht unerheblicher Anteil haben jedoch auch unattraktive Arbeitsbedingungen, wie niedrige Bezahlung oder ungünstige Arbeitszeiten. Das zeigt eine neue @WSIInstitut-Studie.
Details🧵👇
1/n Image
Die Studie basiert auf Daten der Betriebs- & Personalrätebefragung 2021/22, an der ~3.900 Arbeitnehmervertretungen in Betrieben & Dienststellen ab 20 Beschäftigten teilnahmen. Die Befragung ist repräsentativ für mitbestimmte Betriebe/Organisationen ab 20 Beschäftigten.

2/
Dass Fachkräftemangel in dt. Wirtschaft verbreitet ist, bestätigen befragte Betriebs- & Personalräte: 56% von ihnen geben an, dass in vergangenen 24 Monaten nicht alle ausgeschriebenen Stellen besetzt werden konnten. Besonders im Gesundheitswesen (80%) und im Baugewerbe (72%).
3/ ImageImage
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May 16
Ein 🧵zur #nrwwahl2022-Wählerwanderung 2017 -> 2022 basierend auf der hervorragenden @zeitonline-Visualisierung. Wer konnte woher stimmen gewinnen, wer verlor an wen? Und was lässt sich über Nichtwählende und Erstwählende sagen?

1/n
CDU: Obwohl sie sich als "Wahlsieger" verkündeten, haben sie Wähler:innen verloren. Sie gewann die Wahl dennoch, weil sie weniger Anhänger:innen an die Nichtwahl verlor als andere. Zugewinnen konnten sie v.a. von SPD & FDP. Dazu: sehr viele treue Stammwähler:innen.

2/n
Die SPD konnte viele ihrer Wähler:innen von 2017 nicht zur Wiederwahl bewegen. Fast 15% der ´17er SPD-Wähler:innen nun Nichtwähler:innen. Verloren wurde zudem v.a. an die Grünen (~12%). Zugewinne v.a. von ehemaligen CDU-Wähler:innen.

3/n
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May 5
Neu etablierter Rassismusmonitor des @DezimInstitut zeigt: Rassismus ist in Deutschland kein Randphänomen.
Die Studie geht den Fragen nach: wie nehmen Menschen Rassismus wahr? Wie bewerten sie rassistische Vorfälle? Sind sie bereit, dagegen vorzugehen?

Kernbefunde im 🧵👇
1/n
Zentrale Ergebnisse:
Die Menschen in Deutschland wissen, dass Rassismus Realität ist: beinahe die gesamte Bevölkerung (90%) erkennt an, dass Rassismus Realität ist. Fast jede 2. Person sieht Rassismus als Phänomen, das den Alltag und die Institutionen der Gesellschaft prägt.

2/n
Viele Menschen in🇩🇪 sind von Rassismus betroffen: Mehr als 1/5 gibt an, selbst schon Rassismus erfahren zu haben; nur 35% geben an, sie hätten in ihrem Leben noch keinerlei Berührung mit Rassismus gehabt. Es kann also nicht von einem Randphänomen gesprochen werden.

3/n
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