Hinweis vom Logiker: Wer etwas kritisiert, darf es ohne jede Auflage kritisieren. Wer kritisiert, dass weniger geflogen werden soll, muß nicht ‚mit gutem Beispiel vorangehen‘ und Flugreisen vermeiden. Warum?

Wir kritisieren jeden Tag öffentlich alles Mögliche, oft natürlich /1
Dinge, auf die wir gerade keinen Einfluss haben. Aber manchmal eben auch Dinge, die unser eigenes Verhalten betreffen können. Dabei kommt es darauf an, was wir genau kritisieren – erst daraus ergibt sich eine mögliche Norm, die zu einem pragmatischen Fehlschluss führen kann. /2
Die Forderung, ein Kritiker müsse moralisch perfekt ‚mit gutem Beispiel vorangehen‘, unterstellt jeder Kritik einen Absolutheitsanspruch, den sie womöglich gar nicht hat. Diese Kritik an der Kritik hebt sich dann selbst auf, da man logische Konsequenz als Norm voraussetzt, /3
aber selbst nicht einhält. Oft gebraucht ist auch die stillschweigende Verschiebung des Anspruches des anderen: Kritisiere ich ein schlechtes Argument auf der Grundlage der Beschreibung von Fehlschlüssen, kommt es immer wieder vor, dass man mir die angeblich dafür notwendige /4
Norm unterstellt, niemand, auch ich nicht, dürfe jemals fehlschlüssig argumentieren. Diese Norm ist aber keine Voraussetzung der Beschreibung.

So kontraintuitiv es klingt: Wer #Flugreisen als Teil seines Protests gegen klimaschädliche Praktiken kritisiert, darf selbst /5
eine Flugreise unternehmen, ohne sich selbst zu widersprechen. Die Kritik verpflichtet mich nicht dazu, mich ‚besser‘ zu verhalten – außer (!) ich formuliere explizit eine Norm, die mich und mein Verhalten konkret mit einschließt.

Wenn ich fordere: „Niemand darf jemals /6
wieder fliegen, auch ich nicht“ und fliege ich dann selbst, widerspreche ich mir pragmatisch und lege einen doppelten Standard an. Aber das ist genau die Verabsolutierung der Kritik, die wesentlich öfter unterstellt als beansprucht wird. /7
Kritik ist Infragestellung eines Anspruches. Niemand muss etwas leisten, um kritisieren zu dürfen – das wäre eine Beweislastumkehr. Ansprüche sind immer konkret zu prüfen, nicht pauschal oder gar mit stillschweigender Zuspitzung oder Verabsolutierung. /8
Aber: Es gibt einen Bereich, in dem ad rem und ad personam enger zusammengehören, den Bereich der Repräsentation. Repräsentation basiert nicht nur auf Argumenten, sondern auch darauf, dass man Menschen dazu bringt, daran zu glauben, dass jemand für etwas steht. /9
Deswegen gibt es politische Skandale: Politiker:innen müssen so viele Normen so zugespitzt vertreten – auch als weltanschauliche Zukunftsentwürfe –, dass sie ständig in Gefahr sind, dass ihr eigenes Verhalten sie kompromittiert.

Politiker:innen sind aber gewählte /10
Repräsentant:innen, d. h. sie haben es auf sich genommen, selbst für etwas zu stehen, sie haben das Vertrauen der Wähler gewonnen und haben von ihnen ein Mandat bekommen, politisch mitzubestimmen. Auf dieser Grundlage basiert die Verbindung von ad rem und ad personam. /11
Was logisch nicht geht, ist der – von Politiker:innen und Journalist:innen – dennoch oft gebrauchte und erfolgreiche Zug, von der Repräsentation auf die Funktion zu schließen und so alle, die irgendwas irgendwann mal repräsentieren, wie Politiker:innen zu behandeln. /12
Wer protestiert, hat vielleicht die Zustimmung vieler coram publico – aber er hat kein Mandat. Er hat sich durch seinen Protest auch nicht automatisch dazu verpflichtet, selbst für das zu stehen, was er kritisiert und wogegen er protestiert. Sein Protest verschafft ihm nicht /13
per politischem System eine Machtposition, Politik aktiv selbst mitzugestalten – gerade nicht.

Es kommt also aus logischer Sicht auch hier darauf an, genau hinzusehen, was jemand beansprucht. /14
Für @FogelVlug

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