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1/Kontinuitäten! #Doepfner Eine Antwort an den Springer-Konzern: Im Oktober 1945 meinten laut US-amerikanischer Meinungsumfragen zwanzig Prozent der deutschen Befragten,„mit Hitler und seiner Behandlung der Juden“ einverstanden gewesen zu sein, ein weiteres Fünftel waren generell Image
2/einverstanden, meinten aber, Hitler sei zu weit gegangen. Zur gleichen Zeit meinte 57 Prozent der Deutschen, der Nationalsozialismus war eine gute Idee, die schlecht ausgeführt worden sei. Diese Einstellungen änderten sich in Deutschland nicht so rasch. Auch wenn nur demos-
3/kopische Erhebungen aus den Westzonen bzw. der Bundesrepublik vorliegen, so wird es diesbezüglich im Osten mindestens bis zum Mauerbau kaum signifikante Unterschiede in den Einschätzungen gegeben haben. Im Juli 1952 hatten laut einer Allensbach-Umfrage ein Viertel der Bundes-
4/bürger eine gute Meinung von Hitler, ein weiteres Viertel weder eine gute noch eine schlechte Meinung. Göring schnitt noch besser, Himmler deutlich schlechter ab. Im Oktober 1954 sagten vierzig Prozent der Bundesbürger, Menschen, die zwischen 1933 und 1945 ins Ausland
5/emigrierten, sollten nun in Deutschland keine hohen Regierungsämter einnehmen. Die Entnazifizierung hatte bereits im November 1948 vierzig Prozent als unnötig oder gar als Schikane der Besatzungsmächte abgelehnt. Dass die Erblast noch lange nachwirkte, zeigt exemplarisch, dass
6/im Juni 1960 etwa die Hälfte der Bundesbürger die Entführung Eichmanns durch Israel als ungerechtfertigt ansahen; zu Beginn des Prozesses im April 1961 trat aber rund zwei Drittel für eine harte Bestrafung ein. Die Umfrage erfolgte zu einer Zeit, als ein Drittel annahm, ohne
7/den Krieg wäre Hitler der größte deutsche Staatsmann aller Zeiten geworden. An diesem Befund änderte sich in den nachfolgenden Jahrzehnten kaum etwas: Im April 1975 glaubten 35 Prozent, ohne Krieg und Judenverfolgung „war das Dritte Reich gar nicht so schlecht“. Und im
8/September 1990 gaben 26 Prozent aller Deutschen in West und Ost an, Hitler wäre ohne den Krieg „einer der größten deutschen Staatsmännergewesen“. Hat sich da heute was geändert?

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1/13.4.1906: Samuel Beckett (gest. 1989)-ich gestehe, außer "Warten auf Godot" kannte ich lange Zeit nichts weiter von ihm. Das Stück war unter Diktaturverhältnissen an Subversivität schwerlich zu überbieten, um so bemerkenswerter war es, dass es 1987 am Dresdner Staatsschau- Image
2/spiel aufgeführt worden ist. Genau 20 Jahre später schaute ich mir eine Beckett-Ausstellung im Centre Georges Pompidou in Paris an- das war eher speziell, aber ich hatte viel Spaß. 2009 erschien mein Buch "Endspiel" - und die erste Journalistenfrage traf mich ziemlich kalt: Image
3/In welchem Verhältnis steht Ihr Buchtitel zu Beckett "Endspiel"? Ich tat profimäßig nicht überrascht, sondern so, als war es ein lang gehegter Plan, Becketts Titel für die Endphase der DDR zu adaptieren. Ich möchte nicht so gern wissen, was ich damals erzählte. Anschließend
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