Was ist mit der GWUP los? Ich wollte eigentlich abwarten und darüber schreiben, wenn sich die Wogen geglättet haben. Aber weil jetzt so heftig gestritten wird, hier ein paar vorläufige Gedanken: Nein, die GWUP wurde NICHT von "woken Aktivisten" gekapert. Das ist Unsinn. (Thread)
Die GWUP, die deutschsprachigen Skeptiker, sind ein Verein, der sich für Wissenschaft und gegen Pseudowissenschaft, Esoterik, Verschwörungstheorien einsetzt. Ich bin seit vielen Jahren Mitglied. In den letzten Monaten gab es Unstimmigkeiten, wie das in Vereinen nun mal vorkommt.
Es ging in erster Linie um Stilfragen - und um die Wahl der Themen. Über vieles besteht Einigkeit: Wir treten gegen Fake News auf, gegen Schwindeleien in der Alternativmedizin, gegen Wissenschaftsfeindlichkeit in allen Bereichen. Aber manche wollten neue Themen dazunehmen:
Es gab Bestrebungen, sich auch gegen "woke Ideologien" zu positionieren, "critical studies" anzugreifen, naturwissenschaftliche Argumente ("wie viele biologische Geschlechter gibt es?") in Gender- und Transgender-Diskussionen zu platzieren.
Außerdem gab es Streitereien über Mitglieder, die sich (über völlig legitime wissenschaftsbasierte Argumente hinaus) für Kernenergie einsetzen, was andere stört. Und eine emotionale Diskussion über die umstrittene "Applied Behavior Analysis".
Das führte dazu, dass es bei der Mitgliederversammlung eine Kampfabstimmung gab: Der langjährige Vorsitzende Amardeo Sarma (wir schätzen ihn alle sehr!) hatte kurz vorher bekanntgegeben, dass er nicht mehr kandidieren würde und einen Nachfolger nominiert.
Nun ist aber ein Verein mit über 2000 Mitgliedern natürlich kein Bauernhof, den man nach Belieben vererben kann, und so ist es nicht besonders überraschend, dass es auch einen anderen Kandidaten gab: @hummler wurde vorgeschlagen (u.a. von mir) und gewann.
Das ist alles andere als ein inhaltlicher Bruch: Holm Hümmler ist schon lange eines der prominentesten Mitglieder. Der von Sarma vorgeschlagene Nachfolger @RouvenSchaefer wurde Stellvertreter. Auch die anderen Vorstandsmitglieder waren (mit 1 Ausnahme) bereits mal im Vorstand.
Wenn eine Fraktion eine Abstimmung verliert, ärgern sich manche Leute. Das ist klar und völlig ok. Die Aktion jetzt aber als "Putsch" zu bezeichnen und den Unsinn zu verbreiten, eine Gruppe von "woken Aktivisten" habe die GWUP "gekapert", ist enttäuschend, falsch und lächerlich.
Nein, die GWUP wird jetzt kein politischer Verein. Im Gegenteilr: Wir wollten die GWUP aus der Politik draußen halten und uns auf unsere wissenschaftlichen Kernthemen konzentrieren - und das auf inklusive, moderne, empathische Weise, wie das selbstverständlich sein sollte.
Viele von uns hatten bei der Diskussion über oben genannte Themen Angst, die GWUP könnte in eine merkwürdige Alt-Right-Richtung abdriften und zu einem Verein verkommen, in dem Naturwissenschaftler gegen Geistes- und Sozialwissenschaften schimpfen,
sich über Gender Studies und "woke Denkverbote" aufregen, und das mit schein-logischen Argumenten zu belegen versuchen. Das wollen wir nicht. Die GWUP hat sich nicht in Ideologien einzumischen, sondern dort Stellung zu beziehen, wo es um wissenschaftliche Fakten geht.
An manchen Punkten kann das selbstverständlich auch Kritik an Geisteswissenschaften bzw. als "woke" bezeichneten Aussagen bedeuten. (Siehe etwa Alan Sokal, der anti-naturwissenschaftliche Verirrungen der Geisteswissenschaften glänzend aufzeigte.) Niemand hat dagegen etwas.
Nur wollen viele von uns nicht in einem Verein sein, der ganze Wissenschaftsdisziplinen als "schwurbelig" darstellt - ohne sich damit ernsthaft auseinandergesetzt zu haben. Nicht alles kann man in Formeln pressen - auch diese Erkenntnis gehört zu Wissenschaft dazu.
Wer glaubt, komplexe gesellschaftliche Fragen (etwa zum Feminismus) mit ein paar übersimplifizierten Studien und Statistiken beantworten zu können, macht einen gravierenden wissenschaftlichen Fehler - als würde man mit Atomphysik berechnen wollen, wie man Katzen streichelt.
Wir haben so viel zu tun! Die Klimawandel-Leugnerei erreicht ungeahnte Intensität. Wir müssen einen wissenschaftsbasierten Diskurs über Technologien fördern - von Energiewende bis grüner Gentechnik. Wir müssen uns mit Verschwörungstheorien wie QAnon auseinandersetzen.
In dieser Situation habe ich wirklich keine Lust auf politische Spielchen von irgendwelchen Leuten, die sich über das Binnen-I und Frauenquoten ärgern. Ja, diskutiert das bitte gerne, aber das ist nicht der Vereinszweck der GWUP.
Insgesamt glaube ich, die GWUP blickt in eine gute Zukunft: Wir haben die Chance, moderner zu werden, neue Leute reinzuholen, denen wir bisher zu altmodisch, verstaubt und naturwissenschafts-zentriert waren. Endlich die etwas peinlich niedrige Frauenquote im Verein zu erhöhen.
Gleichzeitig steht der neue Vorstand für Kontinuität. Der neue Vorsitzende Holm Hümmler ist übrigens ein Physiker mit CDU-Vergangenheit. Und Kernkraft-Befürworter. Und der soll jetzt das Gesicht eines links-woken Putsches sein? Macht euch doch nicht lächerlich!
In diesem Sinn: Wer sich für Wissenschaft interessiert und sich für ein kritisch-rationales Weltbild in unserer Gesellschaft einsetzen möchte: Wir brauchen euch! Kommt zur GWUP und helft uns, dem Verein und unserer Sache neuen Schwung zu verleihen! Danke! gwup.org/ueber-uns-uebe…
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"Warum wir nicht durch Wände gehen
(unsere Teilchen aber schon)" @brandstaetter_v
Mit meinem neuen Buch könnt ihr euch auf eine Reise durch die Quantenphysik mitnehmen lassen. Hier ein paar Zeilen darüber, was euch dort erwartet. (Thread) brandstaetterverlag.com/buch/warum-wir…
Ich fand es immer schon ärgerlich, dass Quantenphysik oft für etwas völlig Unverständliches gehalten wird. Man liest immer wieder, sie sei mit unserem Menschenverstand einfach nicht erfassbar. Das halte ich für falsch. Ich möchte zeigen, dass man Quanten sehr wohl verstehen kann.
Man muss dabei einfach nur akzeptieren, dass sich Quantenteilchen nun mal anders verhalten als Alltagsobjekte wie Tomaten, Tennisbälle oder Katzen. Dann kann man nämlich fragen: Welche anderen, neuartigen Regeln gelten in der Quantenwelt?
Fake-News-Schleuder eXXpress liefert ein Lehrbuchbeispiel dafür, wie Wissenschaftsfeindlichkeit heute funktioniert: Man wirft den Leuten eine unausgegorenen Gedanken an den Kopf und tut dann so, als wäre das gleichberechtigt mit Wissenschaft. (Thread)
Es geht um @MarcusWadsak, der völlig korrekterweise auf die extrem hohen CO2-Messwerte auf dem Mauna Loa hinwies. Messerscharf deckt eXXpress auf: Mauna Loa ist ein Vulkan! Oh, wow, wirklich jetzt? No Shit, Sherlock!
Suggeriert soll dadurch werden: Der Mensch hat damit gar nichts zu tun, das CO2 kommt aus dem Boden. Und das - das ist mir wichtig - ist ja zunächst kein dummer Gedanke. Ja, es stimmt: Vulkane können CO2 ausstoßen. Es ist prinzipiell lobenswert, auf diesen Gedanken zu kommen.
Eine meiner Lieblingsepisoden aus der Geschichte der Quantenphysik: In Kopenhagen hielt der Chemiker George de Hevesy zwei Nobelpreis-Medaillen in den Händen und wusste: Er musste sie loswerden. Alle beide. Und zwar schnell. (Thread)
Es war das Jahr 1940. Das Naziregime hatte deutschen Forschern verboten, Nobelpreise anzunehmen. Zwei deutsche Nobelpreisträger, Max von Laue und James Franck, hatten ihre goldenen Medaillen daher Niels Bohr in Kopenhagen anvertraut, damit sie nicht den Nazis in die Hände fielen.
Aber nun marschierten deutsche Truppen in Kopenhagen ein. Man musste die Medaillen verstecken. Vergraben, schlug Niels Bohr vor. Aber George de Hevesy hielt das für zu riskant. Er nahm die Medaillen und löste sie in Königswasser auf, einer Mischung aus Salz- und Salpetersäure.
Ich bringe immer noch nicht in meinen Kopf, wie man es für eine gute Idee halten kann, eine linienförmige Stadt in die Wüste zu bauen. Ich habe nichts gegen geplante Städte, manchmal funktionieren die richtig gut. Aber wieso eine Linie? (Thread)
Klar: Wenn die Stadt linienförmig ist, kann man sie mit einer einzigen Öffi-Linie erschließen. Sehr schön. Und jetzt überlegen wir: Was ist (bei fixer Größe) die Konfiguration, in der der Abstand von einer Seite zur anderen Seite dummerweise maximal wird? Korrekt: Eine Linie.
Was wäre eine ganz naheliegende, simple Verbesserung? Richtig: Die Linie zu einem Kreis zusammenbiegen. Kürzere Wege, gleiche Kosten! Und in der Mitte Platz, der von allen Seiten gut erreichbar ist. Oder mehrere konzentrische Kreise ineinander? Und radiale Verbindungslinien?
Toll: Radikales Wissenschafts-Unverständnis in 40 Sekunden zusammengefasst:
"Von oben herab soll jemand entscheiden, der was weiß - das halte ich für sehr gefährlich und demokratiefeindlich!"
Ich halte eher für gefährlich, wenn die entscheiden, die nichts wissen - aber ok.
"... als gäbe es eine Wahrheit, die die Wissenschaftler erzeugen ..."
Wirklich jetzt? Nein, Wissenschaftler erzeugen keine Wahrheit. Sie versuchen, ihr mit vernünftigen Methoden immer näher zu kommen. Das ist etwas völlig anderes. Wer hat je behauptet, Wahrheit zu erzeugen?
"Wir vertrauen uns selbst dem weisen Mann an oder der weisen Frau und müssen selber nicht mehr drüber nachdenken"
Hätte dieser merkwürdige mittelalte Mann irgendwann mal mit Wissenschaft zu tun gehabt, wäre ihm klar, wie lächerlich das ist.
Es ist so traurig, dass tausendfach widerlegter Unsinn immer wieder verbreitet wird. Jetzt zieht dieses Anti-Klimaschutz-Video seine Kreise.
Inhaltlich schwach - aber es nützt ja nichts. Sehen wir uns das also an. Sorry, es wird lang. (Thread)
Es beginnt mit dem alten Argument: "Wenn wir in Deutschland was tun, ändert das ja nichts!" Das ist so lächerlich, dass es schon fast weh tut. Klar: Wenn Deutschland etwas ändert und sonst niemand, dann reicht das nicht. Das hat aber auch nie jemand vorgeschlagen.
Alle müssen einen Beitrag zum Klimaschutz leisten, das steht nicht zur Diskussion. Und am meisten natürlich jene, die jetzt besonders viel CO2 verursachen und in der Vergangenheit besonders viel CO2 ausgestoßen haben. Und da ist Europa halt weit vorne.