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Aug 1 18 tweets 2 min read Twitter logo Read on Twitter
Seit dem Wochenende, an dem ich Bundesparteitag und Europawahlversammlung der AfD in voller Länge verfolgt habe, ist mir wirklich flau im Magen.

Ich habe im Falle der AfD bisher auf das Attribut „faschistisch“ verzichtet – nun nicht mehr. Ein 🧵 zum #AfDBPT23.
Ich habe auf das Attribut "faschistisch" verzichtet, weil ich den Begriff zu oft für unterbestimmt, im Falle der Gesamtpartei AfD für nicht zutreffend und tendenziell für rhetorische Kraftmeierei hielt.
Insbesondere waren mir die Befürwortung politischer Gewalt, die Betonung militärischer Männlichkeit, der Wille zum Bruch mit der liberaldemokratischen Ordnung und die positive Darstellung der faschistischen Vergangenheit in der Gesamtpartei nicht hinreichend ausgeprägt.
Am Wochenende waren sie aber allesamt gängige Bestandteile des Parteidiskurses, ohne dass sie noch auf den geringsten Widerspruch gestoßen wären.
Bewerber:innen für die Listenplätze forderten ganz offen „millionenfache Remigration“ (Irmhild Boßdorf) oder meinten, dass Deutschland erst frei sein könne, wenn es keine „fremden Gruppen mehr" gebe (Emil Sänze).
Beides kann nichts anderes meinen als die gewaltsame Deportation von oder Mord an Millionen von Menschen.
Diverse Redner:innen forderten bei den allgegenwärtigen Aufrufen zur Verteidigung oder Errichtung einer „Festung Europa“ explizit zu rechtswidrigen Pushbacks auf, „egal was der Europäische Gerichtshof dazu sagt“ (Boßdorf).
Der „Ehrengast“ Kostadin Kostadinov von der rechtsextremen bulgarischen Partei „Wiedergeburt“ sprach am Freitag positiv über das Bündnis zwischen Nationalsozialismus und bulgarischem Faschismus im zweiten Weltkrieg...
...und forderte dazu auf, dass Deutschland wieder Großmacht werden soll – „nicht nur in Europa“.
Beides wurde von den Delegierten mit Szenenapplaus bedacht und eben diese Rede galt in den Folgetagen mehreren Rednern – darunter auch Spitzenkandidat Maximilian Krah – als positives Beispiel dafür, dass man ja auch noch offener und offensiver auftreten könne.
Sänze fand es in seiner Vorstellungsrede angemessen, sich darauf zu berufen, dass seine Mutter eine „holländische Kollaborateurin“ (dem Kontext nach eben mit den Nazis) war.
Zudem diente Polen immer wieder als Feindbild (weil es Entschädigungen von Deutschland will und sich stark gegen Russland positioniert).
Von den Personen, deren Reden den Anschein erweckten, dass sie sich irgendwie mit Sachkompetenz und Fachwissen in den legislativen Prozess einbringen wollten, hatte keine eine Chance.
Gewählt wurde nur, wer die immergleichen Rechtsaußen-Talking-Points in möglichst drastisch kraftmeiernder Rhetorik vorbrachte:
- nationaler Souveränität statt EU
- Migration zerstört nationale Identität und muss beendet werden
- Klimapolitik führt zu Deindustrialisierung
- „Gender“ gefährdet unsere Kinder
- der Westen ist schuld am Ukrainekrieg
- wir brauchen eine multipolare Weltordnung
- Corona war eine Verschwörung der Mächtigen
- Hetze gegen Muslim:innen, Queers, Grüne und viele andere Gruppen
Das eigentlich Schlimme ist aber nicht, dass es eine solche Partei gibt. Das eigentlich Schlimme ist, dass sie im zweistelligen Bereich normalisiert ist und es ihrem Erfolg keinen Abbruch tut, diesen Faschismus zu „entlarven“.
Man muss wohl vor allem die CDU darauf hinweisen, dass diese Partei keinerlei Absicht mehr hegt, Juniorpartner einer Mitte-Rechts-Regierung zu werden.
#Faschismus #AfD #AfDBPT23

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Jul 29
Geht weiter. Eher uninspirierte Eröffnungsrede von Weidel mit den üblichen, nicht ganz kohärenten Talking-Points (Brandmauern sind undemokratisch, aber es braucht ein Bollwerk gegen links-grün).

Unter dem Tweet kommt ein Thread Livemeldungen, wenn es was Relevantes gibt. Image
Heute wird es vor allem um die Kür von Kandidat:innen für die Europawahlen 2024 gehen. Spannend wird erst einmal, ob jemand Maximilian "Echte Männer sind rechts" Krah die Spitzenkandidatur streitig machen will.
Schmankerl aus der Rede. "Und die AfD ist die einzige Partei, die konservative Partei der Freiheit und des Unternehmertums und der Arbeitnehmer. Wir sind die Partei der Steuerzahler in diesem Land." Sie vergaß zu sagen, dass sie auch noch die Partei der Rentner und Kinder ist.
Read 75 tweets
Jul 28
Endlich wieder mal ein Bingewatching-Wochenende: In zwei Stunden beginnt der AfD-Parteitag und ich hoffe sehr, dass das Finale wieder so ebenso unterhaltsam wird wie in der letzten Staffel. Image
Rede von Chrupalla erstmal langweilig staatsmännisch. Sie scheinen ihn da wirklich gecoacht zu haben. Natürlich nimmt er Merzens "Alternative für Deutschland"-Vorlage genüsslich auf.
Dann erklärt auch er die Grünen zum Hauptgegner auf allen Feldern (inklusive dummem Ricarda-Lang-Gewicht-Witz). Schräg, dass er die Grünen dabei als "nicht grasgrün, sondern olivgrün" bezeichnet, passt nicht gut zum eigenen Bekenntnis zur Bundeswehr.
Read 20 tweets
May 4, 2021
Für @Soziopolis habe ich @KAnthonyAppiah's „Identitäten. Fiktionen der Zugehörigkeit“ rezensiert.

Falls 1700 Wörter zu viel für Euch Twitter-Opfer (Zuschauerbeschimpfung ist immer sehr gut!) sind, hier ein Mini-Thread.
Eines vorneweg: Mit den aktuellen Debatten über „Identitätspolitik“ hat das Buch fast nichts zu tun. (Gelobt seien Göttinnen!) Stattdessen bietet es eine Reflexion darüber, über was wir eigentlich streiten, wenn wir über Identitäten streiten.
Was mir an dem Buch außerordentlich gefällt, ist die schiere Fülle und Vielfalt an Material, das Appiah zur Illustration nutzt. Es stammt aus allen (bewohnten) Erdteilen und den diversesten Epochen und macht die Lektüre lohnend. Das ist Kosmopolitismus im besten Sinne.
Read 7 tweets
May 1, 2021
Jetzt habe ich mir ernsthaft ein Zeit-Online-Probeabo gemacht, um mal dieses Gespräch zwischen Dorn, Zeh und Kehlmann zu lesen und...puh, ist das deprimierend.
Es wirkt, als habe die Titanic-Redaktion an einem sehr langweiligen Abend ein fiktives Gespräch zwischen Dorn, Zeh und Kehlmann aufgeschrieben und dann alle Pointen gelöscht.
Hier und da taucht zwischen all den Klischees mal ein Gedanke auf, der es wert wäre, weitergedacht zu werden, aber auch der geht dann direkt wie alles andere in selbstgefälligem Gejammere unter.
Read 4 tweets
Mar 4, 2021
Irgendwie hätte ich wirklich Lust, mal eine vernünftige Diskussion über "Identitätspolitik" zu führen. Aber das ist natürlich unmöglich.
Warum nicht? Weil die öffentliche Debatte zum Thema völlig überhitzt ist und die verschiedenen Seiten nicht einmal in derselben Realität leben. Zudem ist so viel Bereitschaft zur böswilligen Interpretation im Raum, dass man kaum diskutieren kann.
Ich merke das auch an mir selbst.
Wenn mal wieder jemand über Probleme der Identitätspolitik schimpft, ist mein Impuls direkt, die Fehler des Schimpf-Statements zu suchen (die findet man immer), und es polemisch wegzuhauen. Das ist dann meistens auch irgendwie richtig, führt aber nicht weiter.
Read 13 tweets
Mar 4, 2021
Eine der wichtigsten Aufgaben der Wissenschaftskommunikation scheint mir gerade darin zu bestehen, Menschen nachvollziehbar zu machen, dass wir uns nicht in irgendeiner Stagnationsphase befinden, sondern mitten im exponentiellen/beschleunigten Wachstum einer B117-Pandemie. 1/
Die Impfquoten sind bei weitem nicht so hoch, dass sie das auf absehbare Zeit bremsen könnten (im besten Falle vermindern sie die Sterberate unter den vulnerabelsten Gruppen etwas). 2/
Wenn Leute das verstehen und meinen, man müsste aus gesellschaftlichen Gründen dennoch öffnen (in der Hoffnung, dass Schnelltests oder göttliche Interventionen das aufhalten oder weil sie lieber einen neuen Lockdown nach Ostern wollen als eine Fortsetzung des jetzigen), bitte. 3/
Read 7 tweets

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