Die Ukraine wendet langsam die Lage an der Südfront. Russland setzt weiterhin auf Befestigungen und frühe Gegenangriffe, steht aber vor dem Dilemma, durch Verstärkungen andere Frontabschnitte zu schwächen. Wie ist die Lage und was wird gebraucht?🧵
Seit nunmehr vier Wochen kommt die Ukraine an der Südfront stetig voran und schwächt gleichzeitig systematisch russische Artillerie, Logistik, Luftverteidigung, Luftstreitkräfte, Führung und Kommunikation. 2/
Die Ukraine bildet einen Schwerpunkt auf der Angriffsachse bei Robotyne. Mit dem Durchbruch der ersten Verteidigungslinie schuf die Ukraine sich Freiraum, jetzt entweder an der östlichen Flanke bei Werbowe russische Befestigungen zu umgehen oder diese direkt anzugreifen. 3/
Russland setzt weiter auf frühe Gegenangriffe, zog Verstärkungen aus schlagkräftigen VDV-Einheiten heran und unternimmt Gegenstöße auf Robotyne, verlor in den vergangenen vier Wochen aber dennoch am Ende jeden wichtigen Wegpunkt in diesem Gebiet. 4/
Durch das Heranziehen von Fallschirmjägern aus Kreminna muss Russland eine Schwächung in diesem Frontabschnitt in Kauf nehmen. Weitere russische Verstärkungen gegen den ukrainischen Hauptangriff bei Robotyne bedeuten weitere Schwächung an anderen Frontabschnitten. 5/
Häufige Sorties der russischen Luftwaffe, Angriffe von Kampfhubschraubern und Drohnenangriffe bleiben an der gesamten Front für die Ukraine ein erhebliches Problem. Der Ukraine gelangen aber einige wichtige Abschüsse von Ka-52 Kampfhubschraubern. 6/
An einigen Frontabschnitten erreicht die Ukraine durch das monatelange, akribische, systematische Ausschalten russischer Haubitzen und die fortwährende Bekämpfung der Munitionslogistik zum ersten Mal Parität oder sogar Übergewicht bei der Artillerie. 7/
Die Ukraine erreicht derzeit bei Welika Nowosilka keine weiteren Fortschritte. Auch südlich von Bachmut gibt es aktuell kaum Veränderungen. 8/
Russland setzt im Nordosten von Kupjansk Luftangriffe und Artilleriebeschuss fort. Die propagandistisch angekündigte russische “Großoffensive” ist in dem Gebiet jedoch bisher nicht erkennbar. Russland gelangen keine nennenswerten Geländegewinne. 9/
Die Ukraine erreicht mit ihren Angriffen im russischen Hinterland im Süden, auf der Krim und teilweise tief in russischem Gebiet zunehmend Erfolge gegen russische Luftwaffenstützpunkte und Tu-22M-Bomber sowie gegen Luftverteidigungssysteme und Radaranlagen. 10/
Die Ukraine braucht derzeit mit Priorität Ersatzteile für die gelieferten Schützenpanzer, Kampfpanzer und Haubitzen. Gleichzeitig sollten zusätzlich zu den Hubs im Baltikum, Polen und der Slowakei Instandsetzung und Reparatur möglichst nahe an die Front gezogen werden. 11/
Gemeinsame Reparaturbetriebe westlicher und ukrainischer Unternehmen in der Ukraine sind ein sinnvoller Schritt. Wochenlanger Ausfall von Technik für Reparaturen oder Wartung durch Zugtransporte über hunderte von Kilometern schwächt die Schlagkraft und frustriert die Truppe. 12/
Die Ukraine braucht eine viel höhere Produktionskapazität bei Munition, vor allem bei Artilleriemunition. Die Ukraine hat selbst die Produktion von 155-mm-Artilleriemunition aufgenommen, braucht aber wesentlich mehr ständige Nachlieferung auch von den europäischen Partnern. 13/
Munition für HIMARS/Mars II/M270 wird ebenso gebraucht wie Nachschub bei Marschflugkörpern, auch durch Taurus, um die erfolgreiche Strategie der Bekämpfung der russischen Logistik in der Südukraine und auf der Krim mit Reichweiten zwischen 70-350km durchhalten zu können. 14/
Die Ukraine braucht weiter mehr Luftverteidigungssysteme und Lenkflugkörper für die Luftverteidigung. Die Ukraine braucht mehr und bessere Drohnenabwehr, auch durch elektronische Kampfführung, da Russland in diesem Bereich leistungsfähiger wird. 15/
Die Ukraine braucht mehr Mittel gegen die leistungsstarke russische elektronische Kampfführung, die für ukrainische Drohnen, aber auch für GPS-gesteuerte Munition und Waffensysteme und die ukrainische Kommunikation ein erhebliches Problem darstellt. 16/
Die Ukraine steigert stetig ihre eigene Drohnenproduktion und entwickelt fortwährend neue Drohnentypen. Sie braucht Unterstützung mit größtmöglichen Stückzahlen kritischer Komponenten für diese Drohnen für Optik, Sensoren, Motoren und Schutz gegen Jamming. 17/
Unkenrufe über ein vermeintliches Scheitern der ukrainische Gegenoffensive waren verfrüht. Die Ukraine setzt Russland zunehmend sowohl an der Front als auch im Hinterland unter Druck. 18/
Die Ukraine wird den Druck auf Nachschub und Logistik der Russen im Süden absehbar so erhöhen können, dass sich die Frage stellen wird, ob und wie Russland einige dieser Gebiete halten kann. Das schließt massiven Druck auf den Nachschub von und zur Krim ein. 19/
Statt Taktik und Strategie der Ukraine zu diskutieren, die sie nicht beeinflussen können, sollten die Unterstützer der Ukraine Instandsetzung und Reparatur ausbauen, Munitionsproduktion weiter erhöhen, mehr Material liefern und dabei helfen, Infrastrukturen zu ertüchtigen. /END
Karte: @AndrewPerpetua
• • •
Missing some Tweet in this thread? You can try to
force a refresh
Immer wieder wird behauptet, die Ukraine sei verantwortlich für "15.000 Tote im Donbass" seit 2014 und habe "die eigenen Leute" bombardiert, so dass Russland "schützend eingreifen musste". Das ist ein durch Putin und Russland gezielt konstruierter Vorwand für den Krieg. 1/
Die Zahl "15.000" stammt aus Aufrundungen der Schätzungen der UN. Die Schätzungen gehen von etwa 3500 getöteten Zivilisten aus, etwa 4000 ukrainischen Soldaten, etwa 5500 Toten bei den von Russland angeleiteten bewaffneten "Separatisten". 2/
Es lässt sich bei den etwa 3500 zivilen Opfern im Donbass der Jahre 2014-2015 nicht genau sagen, ob sie sich auf einer Seite der Auseinandersetzung verorteten. Enthalten sind in der Zahl auch die 297 Insassen des abgeschossenenen Flugs MH-17. 3/
Die Ukraine erreicht unter hohen Verlusten Fortschritte an der Südfront und bei Bachmut. Russland unternimmt einen Entlastungsangriff im Nordosten. Wie ist die Lage und was wird gebraucht? 🧵
Diese Analyse bezieht Erkenntnisse aus Besuchen und Gesprächen an der Südfront im Juli 2023 ein. Der wiedergegebene Stand ist zeitverzögert und verzichtet auf genaue Ortsangaben und Informationen zu Truppenbewegungen. 2/
Nachdem die Ukraine über längere Zeit nur noch sehr kleine Vorstöße wagte, kommen östlich von Robotyne nun wieder größere ukrainische Formationen zum Einsatz. Dabei gelangen der Ukraine Fortschritte, allerdings noch kein Durchbruch durch die russischen Verteidigungsstellungen. 3/
In naher Zukunft werden Systeme mit Algorithmen und KI autonome Waffen antreiben, Angriffe gegen Energie- und Dateninfrastrukturen Teile der Kriegführung sein, und militärische Auseinandersetzungen in dicht bevölkerten Städten stattfinden. Wir sind darauf nicht vorbereitet. 🧵
Es besteht die große Gefahr, dass wir jetzt militärische Fähigkeiten erwerben, die wir in den vergangenen 25 Jahren nicht finanzieren wollten und bereits vor 10 Jahren gebraucht hätten. Doch was ist mit den Fähigkeiten, die wir in 3, 5 oder 10 Jahren unbedingt brauchen werden? 2/
Wir haben derzeit beispielsweise weder Startkapazitäten für eigene Satellitenkonstellationen, die künftig permanente Konnektivität auf den Schlachtfeldern liefern könnten, noch sammeln wir ständig und überall die Daten der eigenen Übungen und Einsätze. 3/
Die ukrainische Gegenoffensive kriecht langsam vorwärts. Russland setzt in der Verteidigung auf Minen, Luftangriffe, Artillerie und nukleare Drohungen. Wie ist die Lage und was wird gebraucht? 🧵
Die Ukraine verlegt sich in der Gegenoffensive auf sehr langsames, methodisches und vorsichtiges Vorgehen. Ukrainische Versuche schnellerer Durchbrüche waren zuvor gescheitert. Ein Übergang zu einer möglichen Phase 2 mit mehr Bewegung steht dadurch in weiter Ferne. 2/
Im offenen, sehr flachen Gelände im Süden sehen die Russen alle ukrainischen Truppenbewegungen frühzeitig. Nächtliche ukrainische Angriffe gelingen nur in sehr begrenztem Umfang. Die große Hitze kommt aktuell erschwerend hinzu. 3/
Statt einer Gegenoffensive gibt es mehrere. Die Ukraine tritt mit Vorstößen in mehreren Frontabschnitten in die Hauptphase des Angriffs ein. Russland verstärkt die Verteidigungslinien und zieht Reserven heran. Wie ist die Lage und was wird gebraucht? 🧵
Diese Analyse beachtet die ukrainischen Vorgaben zur operativen Sicherheit. Der wiedergegebene Stand ist zeitverzögert. Genaue Ortsangaben und Angaben zu aktuellen Truppenbewegungen erfolgen nicht. 2/
Die Ukraine stößt mit mehreren Angriffen gegen die russischen Verteidigungsstellungen vor. Die Ukraine greift vor allem nachts an, in kleinen Formationen aus Minenrollern, Schützenpanzern und Kampfpanzern. Erstmals sind moderne Schützen- und Kampfpanzer im Einsatz. 3/
Ukraine Update: Ein etwa 300m langer Abschnitt des Staudamms von Nowa Kachowka wurde durch Russland zerstört. Das Wasserreservoir (18.000 Kubikmeter) läuft langsam aus und wird flussabwärts vor allem am derzeit von Russland besetzten linken Ufer für Überschwemmungen sorgen. 1/3
Nach Simulationen werden in etwa 15-20 Stunden der Hafen und die Docks von Cherson von einer 4-5 Meter hohen Flutwelle getroffen werden. Eine Überquerung des Dnipro durch die Ukraine flussabwärts von Nowa Kachowka wird damit faktisch unmöglich. 2/3
Die Zerstörung des Staudamms hat drei wesentliche Konsequenzen: 1. Keine Überquerung des Dnipro bei ukrainischer Offensive möglich 2. Hochwasser am linken, derzeit von Russland besetzten Ufer 3. Probleme mit der Wasserversorgung der Krim.
3/3