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Oct 18 11 tweets 2 min read Twitter logo Read on Twitter
Niemand von uns hier in Deutschland weiß zum gegenwärtigen Zeitpunkt, wer die Opfer zu verantworten hat. Aber der gestrige Abend ist für unser hiesiges Zusammenleben sehr aufschlussreich: Allein die Möglichkeit, dass es die israelische Armee gewesen sein könnte, veranlasst viele
von uns Muslimen zu einer Flut von Empörungsausbrüchen, Anklagen und verbalen Ausfällen gegen Israel und die hier lebenden Juden. Allen voran überschlagen sich die muslimischen Verbände mit Stellungnahmen, die eine Eindeutigkeit und Entschiedenheit aufweisen, zu der sie im
Hinblick auf die Hamas Terroristen bis heute nicht fähig und willens sind. Ist das Mitgefühl für die Opfer der Grund für diese immense Betroffenheit? Wohl kaum. Denn heute - wie gestern auch schon -, da die Möglichkeit im Raum steht, es könnte die Hamas gewesen sein, hören und
lesen wir nichts. Kein einziges Wort. Keine Verurteilung. Kein noch so kleiner Vorwurf. Warum? Weil man „dem Juden“ jede Niedertracht zutraut, nur weil er Jude ist. Aber die Mörderbande Hamas wird für so tapfer und glaubwürdig erachtet, dass man ihr nicht mal eine Lüge zutraut.
Die gleichen Opfer, für die man gestern auf die Barrikaden gegangen ist, sind heute keine Gefühlsregung wert. Denn heute könnten sie nicht die Opfer des „verachtenswerten Juden“ sein, sondern die der bewunderten „Widerstandshelden“. Es geht also gar nicht um die Opfer. Sie sind
nur die Statisten für die Bereitschaft zur antisemitischen Wut, die geradezu darauf wartet, mit dem Gestus der moralischen Überlegenheit auszubrechen. Die gleichen Empörten, die vor einer Woche noch kein schlechtes Wort über die Hamas verlieren wollten, weil es angeblich gar
keine Fotos von dem Massaker beim Musikfestival gab, sind mitten in der Nacht, ohne den geringsten Beweis dazu bereit, von 15, 50, ach was von 500 Opfern auszugehen, solange man sie „dem Juden“ vorwerfen kann. Wir erleben im Zeitraffer, wie die mittelalterlichen antisemitischen
Klischees vom jüdischen „Kindermörder“ und „Brunnenvergifter“ entstehen konnten. In den mittelalterlichen Köpfen von heute leben sie unverändert weiter. Und damit meine ich nicht nur uns Muslime. Mit einer ähnlichen Bereitschaft, Israel alles zuzutrauen, verstärken unsere
Medien auch noch eine mögliche Hamas-Propaganda. Hat damit wenigstens das antisemitische Klischee der „von Juden kontrollierten Medien“ endlich ein Ende? Wahrscheinlich nicht. Denn am Ende wollen(!) Judenhasser Juden hassen. Deshalb ist ihnen letztlich egal, wer die Opfer auf
dem Gewissen hat. Schuld an allem ist immer nur Israel. Weil es existiert. Unsere Bildungspolitik muss diese Zusammenhänge begreifen und über eine Veränderung der schulischen Lehrpläne nachdenken. Denn diesem Mindset kann man nicht mit Krisensitzungen begegnen. Wir müssen vom
Kindesalter an an jedem Schultag dagegenhalten, wenn wir nicht dabei zusehen wollen, dass jüdisches Leben in Deutschland nur noch unter Polizeischutz möglich ist.

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Oct 11
Natürlich habe ich keine Lösung für den Nahostkonflikt. Jeder Kommentar von Menschen wie mir, die nie dort mit diesem Konflikt gelebt haben, hat natürlich auch eine anmaßende Dimension. Aber ich kann und muss eine Haltung zu unserem Zusammenleben hier in unserem Land haben.
Deshalb: So wie ich die Hamas und ihre Ideologie einschätze, wird sie die Symbolkraft der Freitagsgebete dafür nutzen, alle Muslime zur Gewalt gegen Juden und ihre Einrichtungen aufzurufen. Und zwar weltweit. Wir haben gesehen, dass die Hamas alle Juden, Kinder, Frauen, Alte, ja
sogar deren Haustiere als legitime Ziele ihres „Widerstandes“ definiert. In dieser Ideologie sind alle Juden weltweit und ihre Einrichtungen ebenfalls Ziele. Diese Ideologie findet ihren Weg in die Köpfe junger Menschen auch bei uns hier in Deutschland. Deshalb frage ich alle,
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Oct 10
An meine „Brüder“, die nicht aufhören können, mich so zu beschimpfen, wie sie die Hamas nie beschimpfen würden: Ihr seid es, die es akzeptieren, dass der Terror der Hamas von religiösen Parolen begleitet wird. Ihr habt nichts dagegen. Ihr wiederholt diese religiösen Rufe als
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Schaut genau auf die vielen jüdischen Stimmen hier in Deutschland und vor allem in Israel. Sie kritisieren seit Jahren und auch jetzt in diesen Stunden ihre Regierung. Selbst für die Maßnahmen, mit denen ihre Regierung auf den Hamasterror reagiert. Sie sind ein ständiger Stein
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Oct 8
Lieber @aimanMazyek , in Bezug auf einen meiner vorherigen Tweets: Schön, dass es dir offensichtlich gesundheitlich gut geht. Schade, dass du doch nicht in einem Flieger nach Australien sitzt. „Angriffe der Hamas“, „alle Seiten“, „Siedler“, „israelische Armee“, „Al-Aqsa“,
„Gewaltspirale“. Alles drin, was ich von dir erwartet habe. Du hättest uns alle überraschen können. Zum Beispiel mit einem kurzen Satz wie: „Die Hamas muss alle Verschleppten sofort freilassen.“ Wenigstens das hätte doch möglich sein müssen. Ganz ohne Häme und mit all meiner
Aufrichtigkeit: Tritt bitte sofort zurück. Ich weiß, wir werden in diesem Leben keine Freunde mehr. Aber wir sollten uns noch in die Augen sehen können, wenn wir uns das nächste Mal begegnen. Ich will dir sogar zugestehen, dass du vielleicht anders reden willst. Aber du
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Oct 8
Ich bin überrascht, wie viele meiner „Brüder“ noch glauben, ich würde auch nur 2 Cent auf ihr „Hausmuslim“-, „Scheinmuslim“- oder „Verräter“-Gegröle geben. Der Grund für meine Aussagen ist nicht „Anbiederung“ oder irgendeine „Staatsknete“. Würde ich „Staatsknete“ lieben, hätte
ich die Klappe gehalten und wäre bei Ditib geblieben. Funktioniert für manche. Für mich nicht. Ich sage euch den Grund für meine „Dauerkritik“ an den muslimischen Verbänden. Es ist nichts Persönliches. Es ist etwas sehr Grundsätzliches. Ich habe intensiv erlebt, wie dort in
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Oct 8
Die aktuelle Situation ist nicht die Folge von Besatzung oder der israelischen Siedlungspolitik. Sie hat ein viel grundlegenderes Fundament. Ihre Ursache liegt in der über 50jährigen Weigerung der palästinensischen Führung, die Niederlage im Krieg gegen Israel zu akzeptieren.
Sie hat nie eine Strategie für die Zeit nach der Niederlage und die Situation nach Gebietsverlusten formuliert.Der Kampf bis zum letzten Mann ist nur eine Option für offizielle Soldaten während einer Schlacht.Sie ist keine Option für eine ganze Zivilbevölkerung, die sich weigert,
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Oct 8
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