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Um mal Klarheit zu schaffen, weil viele es durcheinander bringen: Die Diyanet ist die türkische Religionsbehörde mit Sitz in Ankara. Sie kontrolliert die Ditib, ein Verein nach deutschem Recht mit Sitz in Köln. Beide veröffentlichen Freitagspredigten. Die sind in der Regel
inhaltlich verschieden. Die Texte in Ankara werden von der dortigen Generaldirektion für religiöse Dienste verfasst und werden in den Moscheen in der Türkei verlesen. Die Texte der Ditib in Köln werden von ihrer Predigtkommission verfasst. Beide Institutionen stellen ihre
Texte in deutscher und türkischer Sprache ins Netz. Diese doppelte Praxis ist im wesentlichen der Tatsache geschuldet, dass die Predigten in der Türkei häufig als religiöse Flankierungen der dortigen Politik fungieren. Die Predigten der Ditib hier in Deutschland werden in den
hier bestehenden etwa 900 Moscheen verlesen. Die Imame verlesen zwar den Text aus Köln, lesen aber sehr aufmerksam den Text aus Ankara, um nachzuvollziehen, welche Linie ihr Dienstherr aus Ankara in der Türkei vorlebt. Die Texte aus Köln bleiben häufig im Rahmen dessen, was die
hiesige Ditib als sozial erwünscht wahrnimmt. Die Texte aus Ankara beschreiben aber das, was eigentlich verinnerlicht wird. Deshalb sind diese Texte aus Ankara ein großes Problem, weil sie das Bild einer nach außen abgeschotteten muslimischen Identität zeichnen, die sich hier in
Deutschland von einer fremden, um nicht zu sagen gegnerischen Gesellschaft umgeben sieht. Die vielen Ditib Imame lesen Freitags zwar den Text aus Köln beim Gemeindegottesdienst vor, sie handeln aber den Rest der Woche nach innen im Geiste der Texte aus Ankara. Deshalb wird die
Ditib in Köln ohne gravierende Veränderungen niemals eine deutsche Religionsgemeinschaft werden, die sich der hiesigen Gesellschaft zuwendet. Sie ist vielmehr eine Filiale der türkischen Religionsbehörde mit dem Selbstverständnis einer die deutsche Gesellschaft auf Abstand
haltenden Diasporaorganisation mit dem Ziel der Bewahrung der nationalen Identität ihrer Mitglieder. Religion und religiöse Dienste sind lediglich Mittel zu diesem Zweck, insbesondere für den Spracherhalt. Die Ditib in Köln weiß, dass sie hier niemals eine antisemitische
Freitagspredigt veröffentlichen könnte, ohne eine massive öffentliche Entrüstung zu verursachen. Deshalb „predigt“ sie nicht so eindeutig wie ihre Aufpasser aus Ankara. Aber um die tatsächlichen Verhältnisse sichtbar werden zu lassen, gibt es eigentlich einen sehr einfachen Test:
Wird die Ditib in Köln jemals in der Lage sein, eine Freitagspredigt zu veröffentlichen und in ihren Moscheen verlesen zu lassen, mit der sie das Existenzrecht Israels bekräftigt, die Hamas als Terrororganisation ächtet und sich solidarisch mit den Jüdinnen und Juden in
Deutschland erklärt? Das werden wir aller Voraussicht nach niemals erleben.

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Nov 4
Ich beobachte, wie einige öffentliche muslimische Stimmen die Rede Habecks kritisieren und als rassistisch bezeichnen. Sie stören sich an diesem Satz: „Sie müssen sich klipp und klar von Antisemitismus distanzieren, um nicht ihren eigenen Anspruch auf Toleranz zu unterlaufen.“
Wer das undemokratisch oder gar rassistisch findet, hat die Demokratie nicht kapiert. Er sagt nämlich davor auch dies: „Die hier lebenden Muslime haben Anspruch auf Schutz vor rechtsextremer Gewalt – zurecht. Wenn sie angegriffen werden, muss dieser Anspruch eingelöst werden…“
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Nov 2
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Oct 31
Warum sind eigentlich ausgerechnet so viele türkische Kommentatoren so wütend auf mich? Warum erwarten sie, dass ich ihren Israelhass teile? Sie sprechen Israel das Recht zu existieren ab, wären aber dem Nervenzusammenbruch nahe, würde man der Türkei in gleicher Weise
unterstellen, das Land von Besatzern und Unterdrückern zu sein. Wir sind die Nachfahren von zentralasiatischen Turkvölkern, die sich im 11. Jahrhundert in Zentral- und Westanatolien niedergelassen haben. Mit Waffengewalt und auf Kosten der damals ansässigen Bevölkerung. Istanbul
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Oct 31
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Oct 30
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Oct 29
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Dazu:
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