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Nach Greta: Was tun?

Ich glaube, die jetzige Krise birgt auch eine große Chance für das Klima- und Naturschutz-Engagement.
Die Zeit der scheinbar homogenen Bewegung ist vorbei. Die Zeit, in der das offene Diskutieren von verschiedenen Standpunkten häufig auf Skepsis stieß, andere Positionen häufig abgelehnt wurden mit dem Hinweis auf den linken Glaubenssatz: „Ihr sollt Euch nicht spalten lassen.“
Ich möchte erklären, warum es meiner Ansicht nach gerade jetzt so wichtig ist, eine neue Phase zu beginnen, in der die politische Vielfalt der Engagierten (in Bezug auf Klima- und Naturschutz, nicht in Bezug auf Israel, BLM, die Transdebatte usw.) transparent gemacht werden kann.
Jeder Versuch einer politischen Bewegung oder anderen Kraft, die Lösung eines gesellschaftlichen Problems zu veranlassen, teilt sich in zwei Phasen: 1) die Problem-Anerkennung und 2) die Lösungs-Anerkennung. Jede Phase erfordert eine je besondere Form der Kommunikation.
Für die Anerkennung des Problems - Klimawandel und Untätigkeit der Politik - sind Straßenproteste (z.B. Schulstreiks) mit einfachen Parolen und einfachen Bildern („Our house is on fire“) und ikonischen Führungsfiguren (Greta Thunberg als Sprachrohr und Symbolfigur) gut geeignet.
Für die Anerkennung der Lösung(en) reichen diese Elemente nicht mehr aus, werden mehr und mehr zum Hindernis. Lösungen sind kompliziert, sie werden immer kontrovers diskutiert. Das schlichte Instrumentarium der Problem-Anerkennung versagt und verliert deutlich an Zugkraft.
Die bisherigen Mittel von FFF und LG gehören beide zur Phase der Problem-Anerkennung. Der Straßenprotest (von FFF) sollte nicht aufhören, aber er sollte ergänzt werden durch andere Formen der Kommunikation, die Vielfalt, Nuancen, Komplexität - Lösungsdebatten - darstellen können.
Das Greta-Desaster ist auch erwachsen aus der Kluft zwischen Kommunikations-Mitteln (geschrieene Parolen, Pappschilder, Social Media Posts, Palästinensertuch usw.) und einem Gegenstand der Kommunikation (Israel/ Palästina), dem man mit diesen Mitteln unmöglich gerechtwerden kann.
Hier wäre m.E. die allgemeine Lehre zu ziehen. Denn dieser Befund - Kluft zwischen Kommuktions-Mitteln und dem Gegenstand der Kommunikation - gilt für die meisten Themen in der neuen Phase der Lösungs-Anerkennung. Die Instrumente des Aktivismus sind jetzt meist zu grobschlächtig.
Man braucht Formen, die nicht nur Eindeutigkeit zulassen, sondern auch Debatten zwischen Personen mit verschiedenen Standpunkten, nicht nur Einfachheit, sondern auch komplizierte Analyse, nicht nur Gewissheit, sondern auch eine intellektuelle Suche, ein Nicht-Wissen, ein Fragen.
Diese Formen dienen nicht nur der Lösungs-Anerkennung, sie haben auch andere Vorteile. Fragende, suchende Menschen sind sympathischer, sie laden mehr zur Identifikation ein als der Aktivist, der seine Gewissheit herausschreit. Und: Parolen sind langweilig, Debatten sind spannend.
Die Klimabewegung war in der ersten Phase intellektuell spannend, weil das Problem - der Klimawandel - neu, kompliziert, spannend war. Hier ist die intellektuelle Neugier erschöpft. Weshalb Protest, der in der Phase der Problem-Anerkennung steckenbleibt, keinen mehr interessiert.
Jetzt gibt es keine Bewegung mehr, die den Schein der Homogenität aufrechterhalten muss, wo Krititker gebeten werden, ihre Gedanken ”nur intern” zu äußern. Die große Chance besteht in einer post-aktivistischen Phase, die mit Debatten wieder das Interesse der Menschen weckt.
Es bedeutet auch eine Akzentverschiebung von den politischen Mitteln des 18./19./20. Jahrhunderts, den Mitteln der Straße, hin zu mehr digitalen, medialen Formen, die Debatten, Reflexionen in der Länge zulassen. Kurz: Mehr Videos/ Podcasts - weniger Lenin auf der Apfelsinenkiste.
Der Rechtspopulismus in allen westlichen Ländern hat seinen Aufstieg weitgehend unter Verzicht auf Demonstrationen und andere hergebrachte Formen (ebenso des zivilen Ungehorsams) vollzogen, fast vollständig im Internet. Unterdessen diskutiert die Linke noch immer ”Protestformen”.
Das wären also Lehren aus der Greta-Krise: mehr Debatten, weniger Parolen, raus der anachronistischen Fixierung auf Straßenproteste, weg von Führungsfiguren, die Ikonen sind, hin zu Führungsfiguren, die Köpfe sind. Weg von der Problem-Anerkennung, hin zur Anerkennung der Lösung.

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Nov 14
Hier in Stockholm habe ich die Veränderung von Greta Thunberg und der anderen schwedischen Fridays in den vergangenen Jahren miterlebt. Es ist die Verwandlung eines Teils der Klimabewegung („This is not about politics …”) in eine linksradikale, autonome Bewegung minus Gewalt.
Es geht also nicht nur um Israel/ Palästina. Es geht - wie bei uns früher - um „antikapitalistischen“ und „antiimperialistischen“ Kampf, gemeinsam mit „Revolutionären“ und „Befreiungsbewegungen“ aus aller Welt. Und man ist - wie früher - blind für alles Illiberale, Totalitäre.
Die vermutlich wichtigste Theorie - und Ideologie - ist der Postkolonialismus. Darum stehen seit langem samische, palästinensische usw. Aktivistinnen im Zentrum der Stockholmer Proteste. Die Sprecherinnen am 3. Juni 2022 kamen etwa aus Sápmi, Pakistan, Kenya, Brasilien, Tanzania.
Read 20 tweets
Nov 2
@AlDavoodi @VeroWendland Der Gedanke ist, dass Flüchtlingskrise, Coronakrise, Ukraine-Solidarität und teils das Thema Klima gemeinhaben, dass es neue ”altruistische Krisen” sind. Man nimmt hohe wirtschaftliche und soziale Kosten inkauf, um zu helfen. Die Krise entspringt einer ethischen Entscheidung.
@AlDavoodi @VeroWendland Nur Gesellschaften mit hohem Wohlstandsniveau und starker demokratischer Kultur erreichen das Stadium altruistischer Krisen. Das Problem: Wird die Mehrheit von der Teilhabe an der Wohlstandsentwicklung abgeschnitten (Bruch des ”sozialdemokratischen Vertrags”), revoltiert sie.
@AlDavoodi @VeroWendland Rechtspopulismus und Rechtsextremismus in allen westlichen Ländern beruhen auf dieser Revolte, dem ”Wir zuerst” (und nicht die Flüchtlinge, nicht die Corona-Anfälligen, nicht die Ukrainer, nicht der Globale Süden). Das ist gemeint mit ”America first”, ”Deutschland zuerst” usw.
Read 5 tweets
Nov 1
Klimabewegung im Abseits. Engagement am Wendepunkt.

10 Lehren und Diskussionspunkte.
1. Beide Seiten haben im Israel-Palästina-Streit weltweit massiv an Unterstützung, Legitimität, Gehör verloren. Es gibt keine Gewinner, nur Verlierer. Bewegungen, die ihr Thema verlassen und sich auf extrem umkämpfte Nebenkriegsschauplätze begeben, erleiden immer große Verluste.
2. Was sich hier in Bezug auf Israel - Palästina zeigt, gilt im Prinzip ebenso für die Transdebatte, das Thema ”cultural appropriation”, intersektionale Klima-Opfer-Hierarchien usw. Wer sich an diesen Debatten beteiligen will, sollte es nicht auf den großen Klima-Plattformen tun.
Read 13 tweets
Oct 27
Grenzenloser Schmerz. Grenzenlose Wut

Einige Bemerkungen zu Israel, Palästina, Greta, Klimabewegung und der Falle einseitiger Einfühlung
Seit dem 7. Oktober spreche ich mit vielen Menschen. Mit jüdischen und nicht-jüdischen über die Taten von Hamas und Islamischem Jihad. Mit arabischen und nicht-arabischen über die Antwort der israelischen Regierung, der israelischen Armee.
Manche dieser Menschen sind als Betroffene traumatisiert. Alle sind zumindest sekundärtraumatisiert durch die Berichte, Fotos, Filme des Schreckens. Und sie werden täglich neu sekundärtraumatisiert, denn der Strom der Berichte, Fotos, Filme reißt nicht ab.
Read 28 tweets
May 2
Gegen Klima-Defätismus.

Was demokratischen Wandel ermöglicht und was ihn untergräbt.
Was ist der Schlüssel zu einem wachsenden und wirksamen Engagement?

Es ist die Zuversicht der Engagierten.

Das Vertrauen darin, dass die eigenen politischen Mittel geeignet sind, die gesteckten Ziele in der für eine Gesellschaft kürzest möglichen Zeit zu erreichen.
Anstelle von Vertrauen und Zuversicht begegnen mir vielfach Selbstzweifel, Niedergeschlagenheit, Überzeugung von der eigenen Unwirksamkeit, Ohnmachtsgefühle, Angst, Verzweiflung.
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Apr 14
Im Moment kontaktieren mich Viele aus der Klimabewegung zur Frage Solidarisierung mit oder/ und Kritik an Letzte Generation.

Darum hier noch mal einige Gedanken.
Die Hoffnung, die man aus sozialwissenschaftlicher Perspektive mit solchen Protestformen verbindet, ist nicht, dass plötzlich viele Menschen die Akteure und ihre Aktionen gutheißen (hier bleibt es wahrscheinlich bei einer Ablehnung von mehr als 3/4 der Bevölkerung).
Die Hoffnung bei dieser bewussten, strategischen Volksverärgerung richtet sich auf den Agenda-Setting-Effekt, also darauf, dass in Artikeln, Talkshows usw. nicht nur die Protestformen thematisiert werden, sondern auch ihr Gegenstand, die Klimakrise …
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