Das @ZDFheute hat eine Liveschalte mit Korrespondenten aus der von Russland besetzten Stadt #Mariupol in der #Ukraine und #Odesa gemacht. Ich habe erhebliche Bauchschmerzen damit. Lasst mich erklären warum: /1
Zunächst ist eine Einreise aus Russland in die besetzten Gebiete der Ukraine untersagt. Das dürfte also Probleme für das ZDF in der Ukraine oder mindestens für die Korrespondenten bedeuten. Das ist aber nicht das Hauptproblem, schließlich kommt man anders dort nicht hin. /2
Problematisch ist vielmehr, dass nicht nur was gesagt wird zum Teil falsch ist. Viel schlimmer finde ich, was nicht gesagt wird. Der ZDF-Kollege berichtet, dass sie sich frei bewegen können. Das mag sein. Dennoch gibt es dort keine freien Gespräche und /3
schon gar keine Kritik an Russland gegenüber einem ausländischen TV-Team. Menschen die sich in den von Russland besetzten Gebieten der Ukraine offen als proukrainisch zeigen, werden abgeholt und abtransportiert. Das ist keine hypothetische Möglichkeit. Das ist so. /4
Kurz zur Erinnerung: In Russland, und noch schlimmer in den besetzten Gebieten, wird schon allein die Benutzung des Wortes Krieg für Russlands Angriffskrieg (oder leere Poster) mit mehrjährigen Gefängnisstrafen bestraft! /5
Rente: Wenn die Frau laut Angaben umgerechnet 100-150 Euro bekommt, ist das extrem wenig. In der Ukraine liegt die Rente zwar nicht unbedingt höher. Was ich aus Gesprächen mit Menschen aus den besetzten Gebieten weiß: die Waren sind unter russischer Besatzung deutlich teurer. /6
Zudem bekommt nur eine Rente wer sich den russischen Pass aufzwingen lässt. Da die Verbindungen zur Ukraine gekappt sind, können Rentner keine ukrainischen Renten mehr bekommen. Ihnen bleibt also keine Wahl. /7
Schauspieler: Hier zeigt sich, dass es schon ein Problem ist, keine Leute mit Ukraine-Erfahrung zu schicken. Der Korrespondent behauptet, die Schauspieler am Theater Mariupol hätten nicht auf Russisch spielen dürfen. Wie es seit 2022 ist weiß ich nicht aber tatsächlich gab /8
es zumindest bis dahin im ganzen Land russischsprachige Theater. Wenn behauptet wird, dass das eingeschränkt oder verboten gewesen wäre, ist das eine glatte Lüge. Fraglich ist auch, wie viele von den Schauspielern tatsächlich noch dort sind. /9
Wiederaufbau: Wie das ZDF-Team beschreibt arbeiten auf den Baustellen Arbeiter aus Zentralasien. Die verdienen oft schlecht. Und natürlich arbeiten in Krankenhäusern und Schulen Russen aus Zentralrussland. Gebildete Ukrainer sind fast alle geflohen oder wurden verhaftet. /10
Die Wohnungen von Ukrainern die geflohen sind, werden enteignet und an Menschen aus Russland weiterverkauft. Wie das System funktioniert, wird gerade in einem Video von russischen "Journalisten" erklärt, was derzeit die Runde macht. Hier ist es mit Untertiteln. /11
Auf das Personal aus Russland ist ideologisch Verlass. Selbst prorussische Ukrainer werden in den besetzten Gebieten mitunter wie Menschen zweiter Klasse behandelt. Und auch für Arbeitsplätze braucht man, ihr ahnt es, einen russischen Pass. /12
Was ich hochproblematisch finde: Im Bericht wird getan, als ob die Stadt jetzt leer ist und deshalb Menschen aus Russland angesiedelt werden. Da zeigt sich die völlige Ahnungslosigkeit der ZDF-Kollegen. Die Ansiedlung von Russen ist ein Mittel russischer Politik (Holodomor). /13
Oder woher kommen die ganzen Russen in den ehemaligen Sowjetrepubliken? So schafft man Fakten und erzeugt künstlich eine prorussische Bevölkerung. Und man muss es ganz klar sagen: das ist ein Aspekt von Völkermord. /14
Und natürlich pumpt Mütterchen Russland Milliarden in die besetzten Gebiete und versucht sich die Sympathien der verbliebenen Bewohner zu sichern. Der ZDF-Kollege sollte aber wissen, dass Putins Kriegsabenteuer der Grund sind, warum Millionen Russen ohne Heizung dastehen. /15
Was das ZDF nicht getan hat und was doch mit die wichtigste Aufgabe wäre, wenn man schon nach Mariupol fährt: Zu untersuchen, wie viele Massengräber und neue Friedhöfe es gibt. Mit einem betretenen Gesicht heißt es nur: sehr viele. Und wenn man denn schon in der Schule war: /16
Warum haben sie nicht gefragt, ob die ukrainischen Kinder auf Ukrainisch lernen können? Natürlich gibt es auch ukrainischsprachige Menschen in Mariupol. Die Antwort hätte die ganze Lügenpropaganda gezeigt. Russland fordert immer nur für Russen Rechte, die es anderen verwehrt. /17
Liebes ZDF, dafür braucht ihr nicht hinfahren. Das kann jeder von Deutschland aus besser recherchieren. So habt ihr nur gezeigt, dass ihr seit den Interviews mit Bewohnern des von Russland besetzten Donbass 2014/15 nichts dazugelernt habt. /18
Statt kritischen Journalismus zu betreiben, wie es anscheinend euer Anspruch war, habt ihr euch von der russischen Propaganda vereinnahmen lassen und normalisiert die russische Besatzung der ukrainischen Gebiete (ungewollt). Danke für nichts! /19
P.S. Wer sich selbst empören will, darf hier schauen. Kurzes Lob zumindest noch für die Kollegin, die aus Odesa berichtet hat und einige Informationen anfügt. Wäre jedoch im direkten Gespräch besser gewesen als durch die Doppelschalte nacheinander. youtube.com/live/hkQ4-JsdS…
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Nachklapp zum Beitrag des #ZDF zu #Mariupol: Nachdem ich heute einen Hinweis in Bezug auf das Verbot der Umsiedlung der eigenen Bevölkerung durch eine Besatzungsmacht im Besatzungsgebiet bekommen habe, wollte ich es nochmal genauer wissen. /1
Es steht nicht in der Haager Landkriegsordnung sondern im Artikel 49 des Genfer Abkommens über den Schutz von Zivilpersonen in Kriegszeiten. Beim Lesen bin ich leider gleich auf Anhieb auf mehrere weitere russische #Kriegsverbrechen gestoßen aber das ist ein anderes Thema. /2
In der ZDF-Liveschalte heißt es lapidar: "Das macht natürlich aus russischer Sicht Sinn." Danach erklärt Armin Coerper auch inwiefern und verweist auf die Tradition dieser Politik in der #Sowjetunion (hatte im gestrigen Beitrag fälschlicherweise ein Fehlen kritisiert). Aber: /3
Heute wird mit dem Holocaust-Gedenktag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz gedacht. Auch wenn Auschwitz stellvertretend für die Verbrechen Nazideutschlands an Juden steht, gibt es viele weitere unbekannte Orte. Ich habe in der Ukraine einige gesehen. Eine Auswahl: /1
In #Lwiw befand sich während der deutschen Besatzung das Konzentrationslager #Janowska. Vor allem Juden mussten hier Zwangsarbeit verrichten. 200.000+ Menschen durchliefen das Lager. Schätzungen über die Ermordeten allein hier: Vermutlich 50.000+ Tote. /2
Foto: Die Knochenmühle. Hier wurden jüdische Häftlinge gezwungen, die Überreste der zuvor in einer Schlucht nebenan erschossenen Opfer zu exhumieren, zu verbrennen und zu mahlen. Deswegen der Name Knochenmühle. Bis heute fehlen die Mittel für ein angemessenes Gedenken. /3
Heute vor 10 Jahren wurde der erste Protestierende auf dem #Maidan in Kyjiw erschossen. Es war Serhij Nigojan, ein 20 Jahre alter Ukrainer, das einzige Kind seiner armenischen Eltern. Er war aus der Oblast Dnipropetrowsk angereist, um die Freiheit der #Ukraine zu verteidigen. /1
Er war ein stolzer Armenier aber liebte auch seine Heimat, die Ukraine. Nach Kyjiw war er gekommen, weil er erschüttert war, wie das Janukowitsch-Regime die Protestierenden niederknüppelte - übrigens eines der Hauptmotive, welches ich immer wieder höre, wenn ich mit /2
Teilnehmern der Revolution der Würde spreche. Es birgt eine traurige Ironie, dass ausgerechnet er das erste Opfer einer Schusswaffe auf dem Maidan wurde. Vier Schüsse trafen ihn laut Augenzeugen und einer Obduktion in den Kopf und in den Hals. Er war sofort tot. /3
Seit Monaten quatschen viele bei FDP, Grünen und ein paar der SPD für die Lieferung der #TaurusForUkraine, schaffen es aber nicht, endlich Druck zu machen, einen Antrag einzureichen und stimmen nun gegen den von der Union eingereichten Antrag. /1
Gleichzeitig sind hunderte deutsche Firmen weiter in #Russland aktiv. In den Mordwaffen, die die Russen auf zivile Ziele feuern, sind weiter Komponenten deutscher Firmen und Deutschland sträubt sich weiter, eingefrorenes Vermögen aus Russland an die Ukraine zu geben. /2
Ja, die zuständigen Stellen schaffen es ja nicht einmal gegen von der EU sanktionierte russische Medien und Institutionen vorzugehen und diese zu schließen, weil man Angst hat, dass dann unsere schönen Goethe-Institute und die Deutsche Welle in Russland geschlossen werden. /3
Ich finde diesen Kommentar von @moritz_gathmann fatal, weil er viele falsche Schlüsse zieht, abgesehen von ein paar inhaltlichen Fehlern. Natürlich gibt es viel Angst und Verunsicherung in der Ukraine, die herrscht auch bei vielen Unterstützern wie auch bei mir. Aber /1
In der Ukraine ist man verunsichert, weil man sieht, dass die Unterstützung des Westens nie ausreichend war und nun noch nachlässt. Zum Leben zu wenig, zum Sterben gerade genug, könnte man es nennen. Natürlich trauert man um die vielen Toten. Aber was ist die Alternative? /2
Russland hat absolut kein Interesse daran, den Krieg dauerhaft zu beenden. Selbst wenn es einen Waffenstillstand geben sollte, wird er gebrochen werden, wie Minsk I, Minsk II oder das Getreideabkommen. Putin und sein Regime brauchen einen permanenten Krieg, denn /3
Привіт! Heute ist übrigens der Tag der ukrainischen Schrift und Sprache (ok, fast vorbei). Aber jeder Tag ist ein guter Tag, um Ukrainisch zu lernen. Ich tue das auch immer noch und kann aus meiner Erfahrung auch mal ein paar Tipps geben, was sich gut eignet. Also hier der 🧵
Erstmal vornweg: Ich lerne schon etwas länger, nutze aber vor allem englischsprachige Ressourcen, da ich auch im Alltag häufig Englisch spreche. Für wen das kein Problem ist, der findet ne ganze Menge mehr - vieles auch kostenlos. /1
Deshalb ist mein liebster Podcast der Ukrainian Lessons Podcast. Anna und ihr Team machen einen tollen Job. Alles sehr gut erklärt und verständlich. Immer interessante Episoden und nützliche (kostenpflichtige) Zusatzmaterialien. /2 ukrainianlessons.com