Schon Hans-Georg Maaßens Doktorarbeit von 1997 (!) ließ eigentlich wenig Fragen offen, ein Blick hinein lohnt sich. Thema: Asylrecht.
Ein Thread (1/
Doktorarbeiten zum Asylrecht beginnen oft hochtrabend. Das Grundgesetz. Die historischen Lehren aus der NS-Zeit. Das altgriechische asylon. Ganz anders Maaßen, das erste, was ihm zum Thema einfällt, sind „Menschen, die den zerrütteten wirtschaftlichen und politischen … (2/
…Verhältnissen ihrer Herkunftsstaaten zu entfliehen suchen“, in der Erwartung, in Westeuropa „ein besseres Leben führen zu können“. Mit anderen Worten: Wirtschaftsflüchtlinge. Menschen, die keinen Anspruch auf Asyl haben. (3/
„Mit der Zunahme des Zuwanderungsdrucks nahm die Bereitschaft der Zielstaaten ab, die Zuwanderung zu gestatten.“ Alle europäischen Staaten hätten ihre Anstrengungen verstärkt, Nichteuropäer draußen zu halten. Das Ausländerrecht sei überall verschärft worden. (4/
Deshalb würden immer mehr Wirtschaftsflüchtlinge versuchen, „Einreise und Aufenthalt durch Asylanträge“ zu erschleichen. „Das Asylrecht ist so zu einem Instrument einer unkontrollierten Massenzuwanderung geworden.“ (5/
Maaßen beschäftigt sich in seiner Arbeit über die „Rechtsstellung des Asylbewerbers im Völkerrecht“ kaum mit deutschem, viel mehr mit internationalem Recht. Dass er diese völkerrechtliche Perspektive einnimmt, hat einen deutlichen Effekt. Indem er den Blick nicht auf das …(6/
…vergleichsweise großzügige deutsche Grundgesetz lenkt, sondern lediglich auf die dürren völkerrechtlichen Mindeststandards, macht Maaßen seinen Punkt. Deutschland muss politisch Verfolgten Asyl gewähren? Nein, sagt Maaßen. Deutschland muss – fast – gar nichts. (7/
„Für die Durchführung eines Asylverfahrens bestehen keine völkerrechtlich verbindlichen Mindestgarantien für Asylbewerber.“ (8/
Maaßen ist 34 Jahre alt, als er diese Arbeit an der Universität Bonn einreicht, ein junger Referent im Bundesinnenministerium, und er gestattet sich die Bemerkung, dass viele seiner älteren Juristenkollegen leider „nicht frei von gefühlsbetonten Betrachtungen“ seien, …(9/
..wenn es um das Thema Asyl gehe, er spricht von „political correctness“ und „Scheinmoralität“ derer, „die keine unmittelbare Verantwortung für das Ganze zu tragen haben“, etwa in der Anwaltschaft oder auch in Flüchtlingsverbänden. (10/
Das Buch des jungen Referenten Maaßen ist lebendig geschrieben, kein gestelztes Bürokratendeutsch, er formuliert juristisch blitzsauber und trotzdem griffig. Mehr als 450 Seiten hat das gesamte Werk, knallrot eingebunden, und Maaßen zeigt keine Scheu, ..(11/
…auch politische Stimmungen anzuführen: „Daß in Europa … die Akzeptanz gegenüber Asylbewerbern gesunken ist, liegt an der Tatsache, daß es sich bei diesen Asylbewerbern in aller Regel gerade nicht um politisch Verfolgte handelt, sondern um Personen, .. (12/
..die mittels des Asylrechts aus überwiegend wirtschaftlichen Gründen zuzuwandern suchen. Das, was Asylrecht in Europa heute kennzeichnet, ist sein Mißbrauch.“ (13/
Maaßen spricht von einem Circulus vitiosus, auf deutsch: einem Teufelskreis. Der geht so: Wenn viele Asylbewerber kommen, dann sind die Gerichte überlastet; in der Folge dauert alles sehr lang; und „überlange Verfahrenszeiten bieten Asylbewerbern einen längeren Genuß .. (14/
…der durch die Asylantragstellung vermittelten Rechtsstellung und bieten einen großen Anreiz für den Nachzug weiterer Asylbewerber, was wiederum zu einer weiteren Belastung von Verwaltung und Justiz führt“. Dagegen müsse die EU vorgehen, fordert Maaßen. (15/
Was also tun? Maaßen bietet, wie es im Untertitel seiner Doktorarbeit heißt, „Überlegungen“ dazu an, was die EU im Rahmen des Völkerrechts tun könne. Wenn Asylbewerber einmal im Land seien, dann hätten sie völkerrechtlich Anrecht auf Schutz, hält Maaßen fest. (16/
Aber: „Die Staaten sind grundsätzlich nicht verpflichtet, die Einreise zu gestatten.“ Damit stemmt Maaßen sich gegen den völkerrechtlichen Trend in den 1990er-Jahren. Viele Völkerrechtler sind damals schon flüchtlingsfreundlicher: Man dürfe Menschen nicht .. (17/
..an der Grenze zurückweisen, ohne ihre Anträge zumindest zu prüfen, sagen sie, ganz anders als Maaßen in seiner Doktorarbeit.
Heute, viele Jahre später, haben sie sich längst durchgesetzt, das Verbot der Zurückweisung an der Grenze ist zu zwingendem Recht geworden. (18/
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Am 26. September 1980 verübte ein 21-jähriger Hitler-Verehrer einen Bombenanschlag auf das Münchner #Oktoberfest, tötete zwölf Personen und verletzte mehr als zweihundert. Es war der schwerste Terrorakt in der Geschichte der Bundesrepublik – nur wenige Tage nachdem… 1/
… bei einem sehr ähnlichen Attentat in Italien am Hauptbahnhof von Bologna eine Bombe von Neofaschisten 85 Menschen in den Tod gerissen hatte.
Dass das heute so gründlich vergessen ist, ganz anders als der „rote Terror“ von RAF und Co., ist kein Zufall: 2/
Der Oktoberfest-Attentäter, der bei der Explosion getötete Gundolf Köhler, war ein Anhänger der Wehrsportgruppe Hoffmann. Das war die größte Neonazi-Truppe Westdeutschlands, mit zeitweise mehr als 400 Mitgliedern. Aber es war ein Politikum: 3/
Wieso schieben die Trump-Leute einen völlig unbescholtenen, mit einer Amerikanerin verheirateten Mann aus Maryland ab in ein überfülltes Gang-Gefängnis in El Salvador? Antwort: Weil sie’s können. Weil sie – derzeit – niemand aufhält. 1/
Die Anwälte dieses Mannes, die sich jetzt ans Supreme Court, gewandt hatten, haben dort in dieser Woche zunächst nur ein Achselzucken als Antwort bekommen. Tenor: Joaaa, war vielleicht nicht gut. Aber ist auch nicht unser Problem. Das müssen andere entscheiden. 2/
(Eine Minderheit der Richterinnen immerhin war sehr deutlich entsetzt und äußerte ihren Unmut über die Richtermehrheit auch öffentlich. Wenn dieser Fall Schule machen würde, dann hätten die Abschiebe-Behörden vollkommen freie Hand, keine Bindung mehr an Gesetze.) 3/
Man muss sich um die CDU Sorgen machen. Eine funktionierende konservative Partei, das ist Europa längst eine Seltenheit. Im Umgang mit Rechtspopulisten hat in Europa schon eine nach der anderen die Nerven verloren und sich in den Abgrund gestürzt. (1/6)
In Frankreich haben sich die Konservativen für giftig chauvinistische Töne entschieden, um sich von Le Pen nicht das Wasser abgraben zu lassen. Mit der Folge, dass die Konservativen in die Bedeutungslosigkeit abgestürzt sind und die Rechten von Erfolg zu Erfolg segeln. (2/6)
In Großbritannien haben sich die Konservativen dafür entschieden, sich den Rechtspopulisten an den Hals zu werfen, sie zu umarmen und mit ihnen zu verschmelzen. Mit der bekannten Folge des Brexits, einer Katastrophe für dieses Land. (3/6)
Anna (links) hat die Schoah nur dank des Mutes eines Berliner Arabers überlebt, der sie vor der Gestapo versteckte, Mohamed Helmy. Das Husarenstück, das er dazu mehrere Jahre lang mitten in Hitlers Hauptstadt aufführte .. /1
(er gab Anna offiziell als seine muslimische Nichte aus, kutschierte sie munter durch die Stadt, sprach mit ihr sogar zum Schein Arabisch…), habe ich für mein Buch „Der Muslim und die Jüdin“ vor ein paar Jahren aufgedeckt und rekonstruiert. /2
Aber dieses Foto, dass es gar nicht ins Buch geschafft hat, gucke ich mir besonders gerne an.
Anna, lange nach dem Krieg, inzwischen aus Berlin ausgewandert nach New York, im Schwimmbad mit ihrem Sohn Charley. /3
Völkerrechtler:innen haben sich in den vergangenen 2 Jahren so sehr den Mund fusselig geredet wie wahrscheinlich noch nie. Völkerrechtliche Institutionen haben Putins Aggression gegen die Ukraine aufs Schärfste verurteilt, sie haben die Verbrechen der Hamas (1/6)
auf Schärfste verurteilt, sie haben Israels Kriegsführung in Gaza aufs Schärfste verurteilt, sie haben alle Genannten dringlichst und nachdrücklichst zu bestimmten Maßnahmen aufgefordert. Und welche Reaktion oder Einsicht haben die Genannten gezeigt?
Null. Nada. (2/6)
Was heißt das für das Vertrauen in und die praktische Wirksamkeit des Rechts in der Zukunft? Falls das neuerdings so intensive Reden über Völkerrecht an den brutalen Realitäten gar nichts ändern sollte – was hieße das? (3/6)
Bemerkenswerter Antrag, den die Gruppe um @wanderwitz (CDU) geschrieben hat, um ein AfD-Verbotsverfahren anzustoßen. Verfassungsrechtlich präzis, gestützt auf neueste Rechtsprechung. Die Antragsteller werden offenbar fachkompetent beraten.
Der Text sagt, in a nutshell: (1/7)
Die Antragsteller meinen: Wir gehen davon aus, dass mindestens ein handfester Verdacht der Verfassungswidrigkeit der #AfD besteht. Denn schließlich sagt dies ja auch das Bundesamt für #Verfassungsschutz. (2/7)
Der wichtigste Grund dafür ist: Die Partei macht überhaupt kein Geheimnis daraus, dass sie muslimische Deutsche zu Bürger:innen zweiter Klasse degradieren will. Blut und Abstammung sollen über die Bürgerrechte entscheiden. Das ist NS-Denken. (3/7)