Das Abendland ist wieder mal gerettet! Der Wiener Michaelerplatz bleibt dominiert von Autos und Beton. Wo kämen wir denn hin, wenn dort Platz für Grün und Kinder wäre!
Eine interessante Fallstudie darüber, wie menschenfeindlich wir mit Raum in unseren Städten umgehen: (Thread)
Der Michaelerplatz ist ein prominenter Platz mitten in Wien. Dominiert wird er derzeit von einer kreisrunden Autostraße. Die Gebäude ringsum sind wunderschön, aber ein Ort zum Verweilen oder gar Hinsetzen ist er nicht.
Auch weil die Innenstadt klimabedingt im Sommer immer unerträglicher wird, wurden Pläne entwickelt: Mehr Bäume, mehr Grün. Wasserspiele, die für Abkühlung sorgen. Eigentlich eine völlig unambitionierte Mini-Reform. Keine Rede etwa davon, den Platz autofrei zu machen. Aber ok.
Es folgte ein Aufschrei. Es bildete sich eine seltsame Allianz aus Anti-Grün-Boulevard-Medien und hochintellektuellen ArchitektInnen, die mit sehr gebildeten, akademischen Wörtern den Untergang der Wiener Baugeschichte herannahen sahen.
Es wurde von "Verkitschung" gesprochen, von "Kleingartenstil" - weil dort ein paar Blumenbeete hinkommen sollen? Wirklich? Das ist das ästhetische Problem, gegen das man ankämpfen will? Sehen diese Leute wirklich eine Blume und denken: "Ach, schade, dass hier nicht Asphalt ist?"
Was mich aber wirklich verblüfft, sind die Meinungsverschiedenheiten darüber, wofür ein Platz eigentlich gut sein soll. Was einen "funktionierenden" Platz in der Stadt eigentlich ausmacht.
Ich hielt das eigentlich immer für klar: Ein guter Platz ist einer, wo man sich wohlfühlt. Dafür liebe ich italienische Städte: Plätze, an denen man sich hinsetzen möchte. Wo man einen Kaffee trinken möchte. Wo man verweilen und beobachten möchte.
Aber nein! Nicht in Wien!
In Wien will man gar nicht, dass Leute einen Platz nutzen! Gehen Sie weiter, es gibt hier nichts zu sehen! Die Fachleute wollen "urbanen Charakter". Das bedeutet offenbar: Menschenfeindlich, betongrau, trist. Lieber eine "Leerfläche". Ja, das schreiben die wirklich.
Besonders die Wasserspiele standen in der Kritik. Die sind zwar anderswo, von Paris bis Chicago, ein Riesenerfolg. Aber wir wollen das nicht. Das könnte im Extremfall ja sogar zu Kindergeräuschen führen, sodass man den erhabenen Klang der Zwölfzylinder kaum noch genießen kann!
Oder noch schlimmer: Touristen könnten das gut finden! Da wird doch tatsächlich vor dem Szenario gewarnt, dass der Platz von fröhlichen Menschen genutzt wird. Himmel! Das sollte doch genau das Ziel sein!
Anderswo würde man genau das anstreben. Wien sagt: Ja dürfen's denn das?
Man sieht daran, wie tief die Propaganda der "autogerechten Stadt", die den Menschen seit den 1960erjahren eingehämmert wurde, noch immer in unserer Gesellschaft steckt. Die Stadt gehört den Autos - das betrachten wir als Naturgesetz. Menschen? Grün? Nein, das ist nicht normal!
Das ist natürlich Unsinn. Fast unsere gesamte Geschichte hindurch war es völlig normal, dass Kinder auf der Straße spielen. Dass Leute auf Plätzen stehenbleiben und plaudern. Oder sich hinsetzen.
Dass Menschen als Eindringlinge betrachtet werden, in einem Territorium, in dem Beton und Autos regieren, ist eine sehr junge Entwicklung. Und eine sehr schädliche. In Verkehrswissenschaft und Stadtplanungs-Forschung hat man das längst erkannt. In der Politik noch nicht.
Natürlich kann man diskutieren, ob der Umbauplan perfekt war. Welche Bäume soll man dort pflanzen? Wie hoch sollen die werden? Wie viel Grün, wie viele Bänke sind optimal? Passt die Gestaltung zum klassischen Ensemble? Aber darum geht es nicht.
Es geht darum, dass es in Wien - und sicher auch anderswo - Lobbys gibt, die dagegen sind, dass der urbane Raum von Menschen genutzt werden kann. Die einen Platz lieber als Verkehrskulisse haben wollen. Und das finde ich erschütternd. So machen wir unsere Städte nicht besser.
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"Haha, in Mathe bin ich schlecht, aber das braucht ja niemand!" So etwas hat wohl jeder schon mal gehört. Ein paar Sätze darüber, warum ich Mathe-Feindlichkeit für gefährlich halte. (Thread)
Ich habe vorhin eine simple Rechenaufgabe repostet, die von vielen Leuten falsch beantwortet wurde. (Jemand gibt 80 aus, nimmt 125 ein, gibt 140 aus, nimmt 155 ein. Wie hoch ist der Gewinn?) Ich fand das bedenklich, das führte zu Diskussionen. Ich sollte das wohl erklären.
Klar ist: Es ist völlig ok, schlecht in Mathe zu sein. Wir alle haben unsere Stärken und Schwächen. Ich z.B. bin ziemlich unsportlich. Das ist auch ok. Wir haben völlig unabhängig davon alle das Recht, uns in unserer demokratischen Gesellschaft zu äußern.
Die europäische Überheblichkeit, wenn es um Wissenschaft & Technologie geht, ist erstaunlich. Man scheint es als Naturgesetz zu betrachten, in diesen Bereichen Weltspitze zu sein. Über das Szenario, technologisch überholt & abgehängt zu werden, denkt man gar nicht nach. (Thread)
Ich wurde gestern bei einer Podiumsdiskussion wieder damit konfrontiert: China werde in der Wissenschaft weniger erfolgreich bleiben als Europa, weil das Klima einer Diktatur schädlich sei für Kreativität und kritisches wissenschaftliches Hinterfragen, hieß es da.
Da ist schon etwas Wahres dran. Ich glaube auch, dass ein kreativitätsförderndes Klima, in dem Widerspruch erwünscht ist und Autoritäten hinterfragt werden, positiv für Wissenschaft ist. Daraus eine dauerhafte Überlegenheit abzuleiten, halte ich für naiv und gefährlich.
Lange dachte ich, die Flache-Erde-Theorie sei die verrücktest mögliche These überhaupt. Aber da kannte ich die Schwerkraft-Leugner-Szene noch nicht. Da bleibt einem wirklich der Atem weg. Was behaupten diese Leute? (Thread)
Natürlich glauben auch die Gravitations-Gegner nicht, dass sie aus dem Fenster springen und davonfliegen können. Sie sagen aber: Das ist nicht Gravitation, wie sie etwa Newton beschrieb (eine Kraft zwischen Objekten, proportional zu ihrer Masse).
Stattdessen sagen sie: Es gibt bloß Auftriebskraft. Jedes Objekt hat eine bestimmte Dichte. Was dichter ist als die Umgebung, bewegt sich nach unten, was weniger dicht ist als die Umgebung bewegt sich nach oben.
Mittlerweile hat sich ja herumgesprochen: Beim #ESC24 geht es in Wahrheit ja hauptsächlich um Wissenschaft. Wir werden den wissenschaftlichen Content hier sorgfältig diskutieren. Anschnallen, es wird heftig! (Thread) #Eurovision2024 #eurovision
🇸🇪 Schweden mit „unforgettable“ – es geht also um Gedächtnisforschung: Der Gedächtniskünstler Solomon Schereschewski merkte sich einfach alles - Zahlen, Wörter, Silben. Ihm war das unangenehm: Er wäre den Gedächtnis-Ballast gern losgeworden, doch er wusste nicht wie. #ESC24
🇺🇦 Ukraine singt „Mama Theresa“, was natürlich nur ein Verweis auf Gerty Theresa Cori sein kann, die Mutter der Glykogen-Metabolismus-Forschung: Milchsäure der Muskeln diffundiert ins Blut, wird in der Leber abgebaut. Dafür bekam sie 1947 als erste Frau den Medizin-Nobelpreis.
Ein lange herbeigesehnter Durchbruch: Einem Team von TU Wien und PTB Braunschweig ist es erstmals gelungen, einen Atomkern mit Laser gezielt "umzuschalten". Warum das revolutionär ist, und was man damit nun tun kann: (Thread)
Full disclaimer: Ich bin ein Fan dieser Forschung und somit nicht unbedingt objektiv. Ich beobachte das Projekt seit Jahren und habe für die TU Wien das Pressematerial für diese Entdeckung geschrieben. Aber zurück zur Physik. Was wir bereits wussten:
Mit Lasern Atome oder Moleküle zu manipulieren ist völlig alltäglich. Der Laser überträgt Energie auf die Elektronen und versetzt sie dabei in einen anderen Zustand. Das klappt bestens, man verwendet das für viele wichtige Technologien, etwa für chemische Sensoren.
Es ist eine Verschwörungstheorie, die nicht nach Verschwörungstheorie klingt: Die Erzählung von satanistischen Organisationen, die Menschen entführen, foltern, manipulieren, töten. Echte belege fehlen, diese "Satanic Panic" ist unbegründet.
Ein Thread, warum das gefährlich ist.
"Satanic Panic" wird leicht mit Kriminalfällen vermischt, die es tatsächlich gibt: Ja, Entführungen, grausige Gewalttaten, sexuelle Gewalt - das kommt schrecklicherweise alles tatsächlich vor. Das kleinzureden oder als Phantasie abzutun, wäre natürlich furchtbar.
Seit Jahren aber wird auch die Erzählung verbreitet, satanistische Organisationen würden systematisch Verbrechen begehen, Opfer mit "Mind-Control" zum Schweigen bringen, die Dunkelziffer sei hoch. Das klingt zunächst vielleicht ja durchaus glaubwürdig.